Jahr: 2013

Gastkommentar: »Gute Produkte – Gute Exporte. Die wahren Gründe der Deutschen Handelsüberschüsse«

Aktuelle Meldungen in der Wirtschaftspresse greifen die in jüngster Zeit wiederholt geäußerte Kritik an den Handelsüberschüssen Deutschlands auf. Diese würden zu einem Ungleichgewicht führen und andere Länder in die Verschuldung treiben, da der Überschuss des einen das Defizit des anderen sei. Als Grund für die Überschüsse wird die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie genannt. Diese sei aber aufgrund von Lohndumping entstanden. Ich halte dies für falsch. Ein kritischer Kommentar zur aktuellen Debatte über Deutsche Handelsüberschüsse von Prof. Andreas Syska. An der Hochschule Niederrhein lehrt Syska Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Produktionswirtschaft. Der Dortmunder Design Thinking Coach Ferdinand Grah führt Syska unter der Rubrik »Lean Freaks« und die Einschtzung teile ich. Kennenlernen durfte ich Syska im Rahmen einer Lean-Konferenz in Stuttgart, dessen Moderator er war und auf der ich einen Vortrag gehalten habe. Schnell war mir klar, dass ich es mit einem leidenschaftlichen Vertreter der Lean-Zunft zu tun hatte, der nicht nur – der Titel könnte zu der Annahme verleiteten – über das Thema schwadroniert, sondern ganz praktisch und pragmatisch sich für die Weiterentwicklung einsetzt. Zudem kommen gleichsam unterhaltsame wie …

Best-Thinking: Die unbändige Lust am Experimentieren

Unternehmen sind komplex – das Wirtschaften auf den Märkten des 21. Jahrhunderts erst recht. Im Komplexen, das haben wir hier in dieser Kolumne schon des Öfteren diskutiert, gibt es keine Kausalitäten, keine eindeutigen Wenn-Dann-Beziehungen – erst recht keine mono-kausalen. Die Suche nach best-practice in anderen Firmen ist ein Hirngespinst, erst recht die Übertragung auf das eigene Unternehmen. Aber best-thinking gibt es sehr wohl. Ich bin schon seit mehr als 12 Jahren auf der Suche nach exzellenten Unternehmen. Das ist wohl wie Trüffel sammeln (wovon ich überhaupt keine Ahnung habe, aber man hört ja darüber einiges – haben Sie das schon mal gemacht?). In jedem Fall kein leichtes Unterfangen, denn eindeutige Kriterien für Exzellenz gibt es natürlich nicht. Und eine Prognose für »immer erfolgreich«  ist schon mal gar nicht zu stellen, auch wenn der Buchtitel eines der best-practice-Schinken von Jim Collins uns dies mal gerne suggerieren wollte. Dennoch scheinen sich manche Unternehmen von den Wettbewerbern ihrer Branche über längere Zeit hinweg abzuheben. Und das keinesfalls nur betrachtet mit einer betriebswirtschaftlichen Brille. So sind diese Firmen zumeist …

Eine kleine Kulturgeschichte – Warum Change-Projekte scheitern müssen

Kultur ist kein Gestaltungsgegenstand wie die Farbe eines neuen Kantinenbodens. Eine Organisation kann nicht rational über ihre Kultur entscheiden. Werte sind nicht disponierbar. Die Absicht, eine Ziel- oder Wunschkultur zu benennen und dann ein Projekt zur Erreichung derselben zu starten, mag beliebt sein und passt in die Denktradition der vorherrschenden Organisationslehre. Aber dieser Gedanke ignoriert die Komplexität von sozialen Systemen auf gefährliche Art und Weise. Gefährlich vor allem für die Kultur des Unternehmens selbst. Denn nicht selten erzeugt ein derartiges Rumfuschen exakt das Gegenteil. Er drehte seinen Stuhl und lehnte sich auf den Schreibtisch. »Herr Schwärzel, Werte im Unternehmen bilden das Fundament für langfristigen Erfolg. Auf Werten wie Vertrauen, Respekt, Leidenschaft, Integrität und unternehmerisches Denken baut unsere ganze Unternehmenskultur auf. Wir müssen den Zusammenhalt stärken und wieder einen ›one spirit‹ aufbauen. Und gerade das Vertrauen hat bei uns in den letzten Jahren doch enorm gelitten. Hier erwarte ich von Ihnen und von der ganzen Abteilung eine Steigerung. Mensch Schwärzel,«, er beugte sich weit nach vorne und guckte ihm tief in die Augen, »das packen wir doch. …

Ein Gedanke über Schmerz, Wirtschaft und Schnipsen

Vor kurzem durfte ich eine Keynote im Rahmen einer internationalen Führungskräfte-Tagung für einen großen deutschen Lebensmittelkonzern halten. Die beiden Tage sollten dazu dienen, die Mannschaft auf ein großes Change-Projekt einzustimmen. Das Projekt hatte natürlich auch einen wohlklingenden Namen, nennen wir es hier mal »TOP« (na ja, Sie wissen selber, wie diese ganzen inspirierenden Veränderungsprogramme so heißen). Um nach dem ausgedehnten Mittagessen etwas Schwung in das Plenum zu bekommen, entschloss ich mich – auf expliziten Wunsch des Auftraggebers und entgegen meiner Gewohnheit – ein kleines Aktiv-Element an den Anfang zu stellen. Die Challenge war einfach, ich hatte sie erst vor kurzem bei einer unserer V&S Wissenskonferenzen kennengelernt: Ein Tischtennisball, der auf einer schweren Glasflasche liegt, muss in einen ca. 3 Meter entfernten Eimer geschnipst werden. Möglichst drei Treffer bei drei Versuchen. Die einzige Voraussetzung: der Arm muss ausgestreckt sein und bleiben und es muss mit Anlauf geschnipst werden. Eine klare Laufbewegung, mindestens 5 Schritte, kein Abstoppen, eine flüssige Bewegung. Um die Sache ein wenig attraktiver zu machen, setzte ich noch eine Belohnung aus. Für den Sohn …

Die Sehnsucht nach Verstehen des Erfolges

Die Sinngebungsmaschinerie unseres intuitiven Verstandes lässt uns die Welt geordneter, einfacher, vorhersagbarer und kohärenter sehen, als sie es tatsächlich ist. Die Illusion, man habe die Vergangenheit verstanden, füttert den Irrglauben, man könne die Zukunft vorhersagen und kontrollieren. Neulich bekam ich mal wieder eine Studie über die Erfolgsfaktoren von Unternehmen in die Hände. Allerneuste Wissenschaft darüber, was die wirklich und langanhaltend erfolgreichen Unternehmen auszeichnet. Wirklich fundiert. Endlich glaubhaft. Diese Bücher haben eine lange Tradition im westlichen Managementkanon. Das erste Buch dieser Reihe lief mir schon vor vielen Jahren von Tom Peters über den Weg. Der Titel: »Auf der Suche nach Spitzenleistungen«. Der bekannteste Autor derartiger Wirtschaftsschmonzetten der neuen Zeit scheint Jim Collins zu sein. Eines seiner Bestseller hat den Titel »Immer erfolgreich« und enthält eine gründliche Analyse von 18 Paaren konkurrierender Unternehmen, bei denen immer eines erfolgreicher war als das andere. Seine Kernbotschaft: gute Führungspraktiken lassen sich eindeutig identifizieren und sie werden durch gute Ergebnisse belohnt. Ein Resultat, das jedem Manager schmeichelt, der in einem – für den Moment – erfolgreichen Unternehmen arbeitet und wohl jedem …

Was mich New York über Selbstorganisation lehrt

Ich bin zurzeit mal wieder für eine Woche in New York City. Zum Denken, Debattieren, Jazzclubs besuchen. Um das Flair dieser unglaublichen Stadt zu genießen. Und zum Schreiben: Schließlich werden in den kommenden 12 Monaten gleich zwei Bücher von mir erscheinen.Während ich diese Kolumne schreibe, sitze ich am Fenster im 48. Stock eines Apartment-Gebäudes mit – bescheiden ausgedrückt – atemberaubendem Blick über die Stadt. Wenn Sie mal schauen möchten… Nach einiger Gewöhnung traue ich mich inzwischen auch, in dieser luftigen Höhe das Fenster zu öffnen. Damit neben Luft der für New York so typische Stadtlärm aus heulenden Polizeisirenen, hupenden Taxis, Presslufthammergedröhne der unzähligen Baustellen und den dumpfen Hörnern der auf dem Hudson-River vorbeifahrenden Schiffe hereindringen kann. Direkt in der Nachbarschaft sehe ich Heerschaaren von Touristen auf den Time Square strömen, unzählige Gewerbetreibende versuchen ihre Speisen, Musicaltickets, Stadtrundfahrten und Gutscheine für Comedy-Veranstaltungen unter die Leute zu bringen. Sicher 50 Leute, in Kostümen von Mickey Mouse, dem Krümelmonster, Bat-, Spider- oder Superman verkleidet, posieren am Times Square mit Kindern und Erwachsenen für Fotos und sammeln dafür Trinkgeld …

Gastbeitrag »Muttivation«

Muttivation.  Aus dem Lateinischen muttivare = muttertreiben. Frei übersetzt: Der Antrieb durch die Mutter. Hierbei handelt es sich um eine der Urformen menschlich – intrinsischer Motivation, die sich seit der frühen Menschheitsentwicklung trotz allerlei evolutionär bedingter Abweichungen stabil gehalten hat und offensichtlich auch einer starken zivilisations- und mutationsbedingten Deviation einzelner Individuen  trotzt. Neuerdings zeigen gender-orientierte Untersuchungen, dass es sich bei weitem nicht um ein fast ausschließlich männliches Phänomen zu handeln scheint, wie gewisse feministische Vordenkerinnen zu Beginn dieser Debatte hatten einwerfen wollen.   Ein großer Dank für diesen Gastbeitrag geht an Heinz-Detlef Scheer. Scheer ist Psychologe, systemischer Berater und betreibt neben seiner Tätigkeit als leidenschaftlicher Aktivist für den Verein ›Mensa‹ Coaching für Hochbegabte. Kennengelernt haben wir uns vor fast sieben Jahren bei einem Berliner Klienten. Uns verbindet, neben kleinen körperlichen Attributen, vor allem die Liebe zur Musik. Scheer studierte in den 80er Jahren Cello am Konservatorium und muckte als Bassist in diversen Rockbands. Mich begeistert seine Treffsicherheit bei der Analyse von Denkblockaden, insbesondere im Umfeld von Organisatoren und sein feinsinniger Humor, den er auch wieder …

Wie manche Unternehmen unter Dynamik leiden und andere sie erzeugen.

Am Rande des Future Leadership Camps 2013 sprach ich mit Dr. Gerhard Wohland in winterlicher Kaminatmosphäre darüber, welche Denkmuster dynamikrobuste Höchstleister verwenden. Ein fordernder Einblick in die Denkwelt von Unternehmen, der einem so manchen vertrauten Glaubenssatz unter den Füßen wegzieht. Schnee im März ist sicherlich keine Sensation, aber die Massen, die an den Tagen des Future Leadership Camps auf das Schloßgut Groß Schwansee niedergingen überraschten alle Beteiligten. Am zweiten Tag waren wir förmlich von der Außenwelt abgeschnitten. Am frühen Abend dann, als sich alle Teilnehmer nach einem intensiven Tag auf die Abendveranstaltung vorbereiteten, saß ich mit Gerhard Wohland zusammen und fing an, mit ihm den Tag und seinen Input zum Thema zu reflektieren. Geplant waren max. 20 Minuten Aufnahme. Herausgekommen sind mehr als das doppelte, die in mehreren Teilen veröffentlich werden. Hier der erste Teil: Ach ürbigens: im April 2012 hat Gerhard einen Gastbeitrag in meinem Blog veröffentlicht. Wer mag, kann dort seine Sicht auf das Thema Lean Production noch einmal nachlesen. Hier »

Komplexität – der Feind in meinem Unternehmen?

Komplexität scheint der neue Feind der Wirtschaft geworden zu sein. In der großen IBM CEO-Studie wurde Komplexität als Problem Nr. 1 herausgearbeitet. Und ich lese quasi in jedem Interview mit einem Unternehmenslenker Fragmente wie »…werden wir unsere Komplexität in den nächsten Jahren deutlich senken können…« oder »…haben wir einen Plan zur Komplexitäts-Beherrschung aufgestellt…« Warum das Unsinn ist, versuche ich mal wieder mit meiner Lieblingsanalogie zu erklären: Fußball! Fußball eignet sich aus vielen Gründen für Analogien: die Spielregeln sind leicht zu verstehen – bis auf Abseits. Die moderne Berichterstattung erlaubt eine unglaubliche Übersicht über fast alle Facetten des Spiels. Und alle 2 Jahre – wenn unsere Nationalmannschaft kickt – sind fast alle Bundesbürger im kollektiven Fußballrausch. Ein hoch emotionales Thema also – dankbar für den Autor. Und das Fußballspiel – nicht nur das Business drum herum – ist hochkomplex. Unvorhersehbar, voll von Überraschungen, immer subjektiv, zwar beeinflussbar aber nie kontrollierbar oder beherrschbar. Wo sonst kann man den Unterschied zwischen Wissen und Können so eindrucksvoll und unmittelbar erleben? Und so eignet sich dieser Rasenballsport vortrefflich, um über …

Was ist eigentlich Lean Management? Von Kate Moss und Michael Phelps.

Eigentlich wollte ich ja nicht mehr so viel über Lean Management reden und schreiben. Aber es muss noch mal sein. Denn mir geht immer wieder die Galle hoch, wenn ein Unternehmer mir erzählt, er wolle nun auch die Lean-Idee nutzen, um die nächste Effizienzwelle in seiner Firma zu starten. Ich wechsele dann zumeist recht schnell das Thema und frage, ob er Kate Moss kenne. Das kurze Lächeln daraufhin weicht nach ein paar weiteren Sätzen schnell einem nachdenklichen Stirnrunzeln… Kennen Sie Kate Moss? Den hübschen Kleiderständer von der Insel? Ganz sicher, denn das Top-Model war geraume Zeit in den 90er-Jahren fast täglich im Rampenlicht. Von ihren Affären mit reichen und weniger hübschen Oligarchen wurde fast so viel in den Gazetten geschrieben, wie über ihre angeblichen Drogenexzesse. Berühmt wurde sie in Deutschland dann endgültig durch eine Werbespotreihe für das Modelabel Calvin Klein. Dort flüsterte Sie, knapp bekleidet und fast unhörbar: »Obsession, Obsession, Obsession« Genau Dreimal! Gemeint war ein Herrenparfüm. Es dauerte nicht lange, bis sich die Regenbogenpresse und sämtliche Satiriker des Landes auf den Clip stürzten. Der …