Jahr: 2015

Bestätigungsfehler: Von Zombies lernen

Sie brechen ihren Verstorbenen das Genick und drehen ihre Köpfe um 180 Grad. Dann werden sie beerdigt. Klingt wie aus einem makaberen Horrorfilm, ist aber Realität – jedenfalls für eine Gruppe indigener Völker in Indien, den Adivasi. Manche der Adivasi-Dorfgemeinschaften tief im Dschungel werden von einer alles durchdringenden Religion, von traditionellen Festen und Tänzen getragen. Und sie glauben daran, dass Tote aus ihren Gräbern emporsteigen und dann das Dorf heimsuchen, um den Lebenden das Leben zur Hölle zu machen. Der verdrehte Kopf soll dafür sorgen, dass die Untoten zwar das Dorf anvisieren, aber dann in die falsche Richtung laufen, sich also immer weiter vom Dorf entfernen. Und der Erfolg gibt ihnen recht: Noch nie hat ein toter Adivasi den Weg ins Dorf gefunden. Und auch bei uns: ich habe noch nie von einer Zombie-Invasion in Deutschland gehört, obwohl in unseren Breitengraden die Köpfe der Toten an ihrem angestammten Platz bleiben dürfen. Sie etwa? Die Leiter der Schlussfolgerung Interessant ist diese Geschichte aber nicht nur wegen ihrer offensichtlichen Absurdität, sondern gerade weil das gleiche Prinzip auch im westlichen …

Volkswagen anno 1628 - Wenn sich Geschichte wiederholt

Volkswagen anno 1628 – Wenn sich Geschichte wiederholt

Mit leichtem Unbehagen betritt Gunnar Detlefsson den Audienzsaal Gustav II. Adolfs von Schweden. Er verneigt sich ehrerbietig und doch voller Ungeduld. Endlich wird ihm erlaubt, sein Anliegen vorzutragen. »Euer Majestät, die Rechnung für die treffliche Flottille ist heute Morgen eingetroffen. Ich habe mir erlaubt, das Dokument viermal zu prüfen, alldieweil mir gleich mehrere Posten unstimmig erscheinen. Zu meinem Leidwesen muss ich Euch mitteilen, dass ich die Ursache des Fehlers nicht zu finden in der Lage war. Dies zu melden und Euer Majestät mein untertänigstes Bedauern auszudrücken, gepaart mit der Befürchtung, dass man sich zu Ungunsten des Hofes verrechnet hat, waren in Anbetracht der Dringlichkeit der Angelegenheit natürlich eins, nachgerade …« »Nun mal langsam, Detlefsson.« Der König lächelt jovial. »Wie hoch ist denn nun der Schaden?« »Verzeiht, Euer Majestät, es handelt sich nicht um einen Schaden, der sich in schwedischen Reichstalern messen lässt. Vielmehr sind es die Verhältnismäßigkeiten der aufgelisteten Posten, die mich stutzig machten. Wenn Euer Majestät erlauben …« Gunnar Detlefsson zieht eine Schriftrolle hervor. »Die Zahl der Kanonen für die Vasa beläuft sich auf …

Ep. 61 Warum Wirkung und Gefälligkeit nicht zusammengehen

Die Episode 61 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Iirgendwann muss man sich mal entscheiden: Es gibt meines Erachtens, wenn man als jemand arbeitet, der Unternehmen interveniert, der irritiert, der provoziert – sei es als Berater, sei es als Coach, sei es als Trainer, oder mit meiner Profession des »Betreuten Denkens“ – nur zwei Alternativen: entweder ›Gefälligkeit‹ oder ›Wirkung‹. Etwas in der Mitte ist kaum machbar. Das heißt, entweder ich tue etwas weil ich merke, es trifft den Nerv des Kunden, das mag er, seine Zufriedenheit wächst, er bucht mich nochmal, er fordert mich heraus, er möchte mit mir gemeinsam vielleicht auch im Zusammenspiel etwas besser werden. Oder aber, ich lege es darauf an, dass wirklich Wirkung erzielt wird. Das heißt, ich mache Interventionen, die im Zweifel extrem weh tun – mir und dem Unternehmen, die aber die Chance haben, das soziale System quasi so aus der Unwucht zu bringen, dass tatsächlich Wirkung entstehen kann. Nun mache ich das seit bereits 18 Jahren und stelle fest, beides gemeinsam funktioniert fast nie. Also musste ich mich irgendwann einmal …

Ihr Menschenbild ist Ihre Entscheidung

Ihr Menschenbild ist Ihre Entscheidung!

»Also ich weiß nicht, wo Sie Ihr Menschenbild herhaben.« Ha, ich muss grinsen. Die gleiche Frage geht mir nämlich auch durch den Kopf, als bei der Podiumsdiskussion ein Fragesteller aus dem Publikum meint: »Das ist ja nett mit Ihrem offenen Gehaltssystem, aber wir kennen das doch alle schon aus der Schule: es gibt immer ein paar wenige Kluge, die mitziehen; ein paar mehr, die nicht weiter stören und der Rest, das sind alles Nasen. Mit solchen Leuten geht das doch nicht.« Und dann frage ich mich noch: Wenn seine Leute anscheinend überwiegend nichts taugen, warum hat er sie dann eingestellt? Und warum besucht er eine Podiumsdiskussion zum Thema ›Organisation im Wandel‹, wenn sein Menschenbild doch eh jeglichem Wandel im Weg steht Der faule Mitarbeiter? Die Sache ist doch die: Mit einem derartig paternalistischen und – ja man muss es schon so klar aussprechen: dummen Menschenbild kann kein Mensch eine moderne, verantwortungsbewusste und dynamikrobuste Organisation aufbauen. Wer denkt, dass er nur Mitarbeiter im Unternehmen hat, die von extern durch Incentives oder Strafandrohung zur Arbeit motiviert, geführt und gelenkt werden müssen, die keinen Eigenantrieb …

Ep. 60 Timeout – Problemlösung ohne Agenda

Die Episode 60 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Na ja, über Meetings scheinen sich ja eigentlich alle einig zu sein. Die sind ineffektiv, ineffizient, langweilig, frustrierend, nervtötend und eigentlich auch immer voller Theaterspielerei. Meine Lieblingsalternative sind die sogenannten »Timeouts«, die wir beispielsweise aus dem Basketball gut kennen. Die finden immer nur statt, wenn es die jeweilige Situation erfordert und nicht weil ein Standard-Agenda-Meetingplan so etwas vorsieht. Und eine Agenda gibt es auch nicht. Ein Timeout findet ad hoc statt – in dem Moment – und zwar ausschließlich erzeugt aus dem Problem, was alle gemeinsam lösen wollen. Und so gibt’s kaum Taktik, kaum soziales Theater, sondern alle sind auf die Problemlösung fokussiert. Es wird meistens vom Trainer einberufen, manchmal auch sogar von den Spielern, und sportartbedingt im Stehen – obgleich das auch für manche Companies eine gute Lösung ist. Ich steh total auf Timeouts!       Lesen Sie dazu auch meine Kolumne vom 7. August 2015: Meeting-Massaker: Wozu kein Mensch Sitzungen braucht        

Freeze - Kälteschock für Projekte

FREEZE – Kälteschock für Projekte

»Zugriff verweigert.« Bitte was? Das Projekt haben Sie doch selber angelegt. Und das Projekt vom Kollegen ist auch weg. Leise Panik macht sich in Ihnen breit. Ist das ein EDV-Problem? Die EDV meint: »Nein, alles in Ordnung, der Ordner wurde verschoben, Sie haben keinen Zugriff mehr darauf.« Aber wie sollen Sie dann an dem Projekt arbeiten? Ein Anruf beim Chef gibt Ihnen Antwort: »Gar nicht!« Wurden Sie abgezogen? Will der Chef Sie loswerden, findet Sie nicht gut genug? Oh nein, keine Sorge. Es ist schlicht eine Maßnahme, damit Projekte schneller fertig werden. Wenn Sie jetzt endgültig verwirrt sind, dann habe ich dafür vollstes Verständnis. Aber sagen Sie mir nicht, dass Sie das Ausgangsproblem nicht kennen – sich unendlich hinziehende Projekte, die niemals oder nur verspätet fertig werden. Das Multitasking-Problem Gründe dafür gibt es genug. Wenn Unternehmen feststellen, dass sie ihre Projekte selten rechtzeitig abschließen, begehen sie häufig den Fehler zu glauben, dass sie den Zeitrahmen zu ehrgeizig gesteckt haben. Die Lösung erfolgt dann so schnell wie folgenschwer: mehr Puffer einplanen. Oder der Fehler wurde an anderer …

Ep. 59 Labore – Das soziale System überlisten

Die Episode 59 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Das gute alte Change-Management dürfte jetzt hinreichend seine Unwirksamkeit bewiesen haben, glaube ich. Im vorhinein durchdachte Konzepte zu erstellen, diese in eine Roadmap zu überführen und mit Rolloutplan umsetzen zu wollen, Vorbilder einzufordern, den Menschen Unwilligkeit zur Veränderung vorzuwerfen, euphemistisch von irgendwas mit ›Ins Boot holen‹ faseln – das hat nun hinreichend oft nicht funktioniert. Und dann könnte man tatsächlich anfangen, es auch mit anderen Denkansätzen zu probieren. Solchen Denkansätzen nämlich, die berücksichtigen, dass es sich bei einem Unternehmen nicht um eine Maschine, sondern um ein lebendiges soziales System handelt. Ein Format, das tatsächlich funktionieren kann, ist das eines »Labors«. Das ist nicht das gleiche wie ein »Leuchtturm«, es funktioniert nach einem ganz anderen Denkansatz. Ausgangspunkt eines Labors ist ein reales Problem und ein Team von Freiwilligen. Meist ist es ein Stifter, der sich von dem Problem provoziert fühlt und der dann ein Team gründet – ein Team stiftet, dass tatsächlich ein reales Problem mit externen Referenzen lösen will und lösen muss und eben auch scheitern kann. Das heißt, dieses …

Ep. 58 Das Methoden Märchen

Die Episode 58 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Es war einmal ein Team. Keiner wußte genau, wie es zustande gekommen war, aber plötzlich war es da. Es hatte die Aufgabe, ein wirklich anspruchsvolles Kundenproblem zu lösen. Ein wichtiger Kunde war es. Sie fingen an zu arbeiten und kamen den ersten Lösungsschritten schon näher, merkten aber irgendwann: ›wir müssen uns auch vernünftig organisieren. So einfach funktioniert das nicht.‹ Der Erste schlug vor: ›lass uns doch Magnetchips nehmen, die wir dann irgendwo hinpinnen‹ ﹣ aber es funktionierte nicht richtig. Der nächste sagte: ›vielleicht schaffen wir es irgendwie mit Karten, die wir dann weiterbewegen, je nachdem wie weit wir mit dem Fortschritt der Aufgabe sind‹ ﹣ und es funktioniert schon etwas besser. Und sie arbeiteten weiter und lösten das Kundenproblem. Irgendwann war es gelöst und sie waren sehr glücklich und sehr stolz und bekamen auch die Aufgabe, das nächste Problem in der gleichen Art und Weise zu lösen. Dann tauchte plötzlich ein Berater auf ﹣ oder war es ein Professor, so genau weiß es gar keiner mehr. Und er …

Projektverzögerung: Wenn die Yacht zu kurz ist

Projektverzögerung: Wenn die Yacht zu kurz ist

Fertigstellung März 2016. Das war mal der Plan für den Berliner Flughafen. Dass dieses Ziel schon längst nicht mehr realistisch ist, weiß wohl jeder. Naja, immerhin haben sie den Point of No Return erreicht – jedenfalls laut dem neuesten Flughafenchef Karsten Mühlenfeld. Ähnlich das Bahnprojekt Stuttgart-Ulm: Ursprünglich sollte es 2019 abgeschlossen sein, nun wird der Bahnhof vermutlich erst 2022 eröffnet. An der Elb-Philharmonie-Baustelle sind übrigens die Baukräne abgebaut worden – sieht gut aus. Von außen. Dass sich öffentliche Projekte verzögern, scheint nahezu Pflicht zu sein. Und gerne beschweren sich die Steuerzahler dann über die Unfähigkeit von öffentlichen Einrichtungen und die unnütze Verschwendung von Steuergeldern. Verständlich. Verzögerung nicht nur bei Großprojekten Für ärgerliche Verzögerungen muss es aber gar kein milliardenschweres Großprojekt sein. Auch Unternehmen sind vor Projektverzögerungen nicht gefeit. »Ist das immer noch nicht fertig?« »Wie, nochmal eine Besprechung für das Projekt? Das war doch alles schon längst festgelegt.« Wie oft ertönen solch verwunderte Ausrufe wohl jeden Tag in Unternehmen weltweit? Und wie oft haben Sie sich schon darüber geärgert? Da regen sich die Projektleiter und …

Ep. 57 Ideen sind wie hässliche Kinder

Die Episode 57 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Viele Unternehmen verfallen ja immer wieder in die Denkfalle, dass es gute und schlechte Ideen gäbe. Ich sehe das anders: Ideen sind immer Geburten menschlicher Psyche, also sie kommen aus einem Individuum heraus. Sie sind nicht prozessierbar. Sie kommen oder sie kommen nicht. Und Ideen sind immer erstmal hässliche Kinder, die nur dadurch gut oder schlecht werden, in dem sie durch einen sozialen Prozess durchgehen. Ideen brauchen Gruppen, sie brauchen Menschen, sie brauchen  Experten, sie brauchen Gegner, sie brauchen Befürworter, um quasi sozial ausgehandelt zu werden. Und am Ende dieses Prozesses steht dann das, was gemeinhin als Innovation bezeichnet wird. Und ob die erfolgreich ist oder nicht, ist von einem Einzelnen sowieso nicht zu entscheiden, sondern – das ist trivial – nur durch Erfolg oder Misserfolg am Markt. Das heißt im Umkehrschluss: es muss möglichst viele Individuen geben in einem Unternehmen, die die Ideen formulieren, formulieren können und formulieren dürfen. Nicht jede Person hat Ideen – immer. Aber so viele Menschen wie möglich einzuladen, ist der Weg, viele …