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2017 – Das wünsch‘ ich Ihnen

Die neueste Theateraufführung pünktlich zum Jahresbeginn: 30 Prozent mehr Umsatz, die Digitalisierung klarmachen, in neue Maschinen investieren, etc. Das neue Jahr ist jung und in Unternehmen ist die Tatkraft ausgebrochen.

Sie packen ihre neuen Strategien an, die sie sich im alten Jahr so schön überlegt haben. Ist auch toll, wenn sich Unternehmen für den Jahresbeginn Vorsätze machen und mal überlegen, wo sie eigentlich hinwollen.

Allerdings habe ich meine ganz eigene Vorstellung davon, was Unternehmen guttäte und was ich ihnen wünsche. Das tue ich nun schon seit fast sechs Jahren und diese Kolumne veröffentliche ich immer wieder aufs Neue. Interessant genug, dass ich sie immer nur in Nuancen anpassen muss. So viel sei schon im Voraus gesagt: Pläne und Zahlen kommen in meinem perfekten Jahresbeginn nicht vor.

Ich wünsche Ihnen zum Jahresbeginn einen klaren Verstand

Digitale Transformation, Holocracy, WOL (working out loud) … regelmäßig erscheint ein neuer Hype am Wirtschaftshimmel und versetzt zunächst Berater, dann alle Unternehmen in einen Rausch. All diese Modebegriffe, die irgendwo einen großen Erfolg zu haben scheinen, werden von den Medien als allgemeingültig erklärt und zu einem neuen Trend aufgebauscht. Als wären es süchtig machende Drogen, lassen sich Firmen von der Popularität eines Themas in die Irre führen und rennen einer vermeintlich heilversprechenden neuen Best Practice hinterher.

Es gibt doch dieses schöne Sprichwort: eine Sau durchs Dorf treiben. Genau so kommen mir diese Hypes vor. Sie werden durch die Unternehmenswelt getrieben – auf Konferenzen beschrieben, in Zeitschriften diskutiert – und viele Unternehmen halten bereitwillig ihre Tür auf, damit die Sau … ähm … die Best Practice rein kann. Und dann treiben die Strategen sie durchs ganze Haus, weil sie sich davon eine rezeptartige Antwort auf ihre Probleme erhoffen. Klingt auch super, schließlich brauchen sie dann keine eigenen Ideen zu entwickeln, sondern können einfach ein wenig Geld ausgeben, um es umzusetzen – im Zweifel für einen Berater. Und alles wird gut … oder so ähnlich.

Wenn das funktionieren würde, wäre das prima. Aber tatsächlich tut es das nicht. Nein, es ist sogar äußerst gefährlich! Denn solche Best Practices sind nicht für jedes Unternehmen gut, bloß weil sie in anderen Firmen vielleicht funktionieren. Für manche Unternehmen kann ein solches Rezept richtiggehend schädlich sein – wie süßes Gift. Jedes Unternehmen ist anders, darum lassen sich erfolgreiche Methoden oder Strategien nicht auf jedes beliebige andere Unternehmen übertragen (sollte es überhaupt erfolgreiche Methoden geben).

Darum wünsche ich Unternehmen zum Jahresbeginn, dass sie mit klarem Verstand eine Sau als solche erkennen können – und dann die Tür erstmal zusperren! Sie können gerne einen Mitarbeiter auf die Straße schicken, um sich die Sau mal genau anzuschauen. Vielleicht lässt sich daraus etwas lernen – eine Theorie, die dahintersteckt, beispielsweise. Die kann er dann gerne wieder mit ins Haus bringen und darüber diskutieren, ob das für das eigene Unternehmen sinnvoll ist und wie es sich integrieren lässt.

Aber lassen Sie bitte niemals ein fremdes Rezept ins Haus, auch nicht leicht modifiziert. Nehmen Sie sie auseinander, lernen Sie aus ihnen, entdecken Sie interessante Aspekte daran, und dann überlegen Sie, wie Sie mit Ihrem neuen Wissen Ihr eigenes Unternehmen auch über den Jahresbeginn hinaus besser machen können. Schmeißen Sie 2017 konsequent jeden aus ihrem Unternehmen raus, der behauptet, Ihre Erfolgsfaktoren zu kennen – vermutlich hat er die Frage gar nicht verstanden.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie mit Erwachsenen zusammenarbeiten

Die Kritik am Taylorismus wird immer größer. Ich finde es erfreulich, dass die Diskussion darum, dass viele tayloristische Praktiken nicht mehr weiterhelfen und sogar schädlich sind, immer breiter wird. Allerdings machen so einige die Sachlichkeit des Taylorismus dafür verantwortlich und plötzlich heißt es als Gegenpol: »Wir brauchen mehr Menschlichkeit und Beteiligung in Unternehmen, mehr Empathie auf Seiten der Führungskraft, mehr Zutrauen in die Leute.« Als wäre eine 180-Grad-Wendung die Lösung. Verstehen Sie mich nicht falsch, es ist lobenswert, wenn Führungskräfte Vertrauen in ihre Leute haben und der Umgangston menschlicher wird. Aber Unternehmen werden ihre Probleme nicht lösen, indem sie nett zu den Menschen sind (zum modernen Paternalismus habe ich erst vor wenigen Tagen etwas geschrieben).

In der praktischen Weiterentwicklung führt das nämlich zur Verkindlichung der Mitarbeiter. Dann trauen die Führungskräfte ihren Mitarbeitern einfach mal was zu, klopfen ihnen auf die Schulter und lassen sie halt auch mal entscheiden. Als wären sie Kinder, die bei Laune gehalten werden müssen. Mitarbeiter sind aber mündige Erwachsene, mit denen Unternehmen eine Leistungspartnerschaft eingehen. Und das bedeutet, dass sie den Wunsch entwickeln sollten, gemeinsam einen Kundennutzen zu stiften, also ein echtes Problem zu lösen. Das können sie auch – und zwar ganz ohne Feel-Good-Manager, Tischkicker, Umtrunk zum Jahresbeginn oder sonstige lustige Sachen, die Spaß machen.

Darum wünsche ich Ihnen, dass Sie Ihre Zeit nicht mit internen Spielereien vergeuden und stattdessen externe Referenzen, also Kundenprobleme, ins Haus lassen. Wenn Sie Ihren Mitarbeitern dann ein Problem schenken, das sie lösen sollen, ihnen die Entscheidungen dabei überlassen und ihnen zudem auch noch die Möglichkeit geben, aus der Situation zu lernen, dann können tatsächlich Teams entstehen, die echte Kundenprobleme lösen – und zwar wie Erwachsene.

Ich wünsche Ihnen, dass die Zukunft Sie nicht überrascht

Über Zahlen und harte Fakten lässt sich leicht diskutieren. Tut ja auch jeder. Viel wichtiger finde ich aber, gerade zum Jahresbeginn über Soll-Zustände nachzudenken – also darüber, wie die Zukunft aussehen könnte.

Da nimmt sich ein Unternehmen beispielsweise vor, seine Liefertermine einzuhalten. Nun geht es nicht darum, das mit einem besseren Tool zu messen, sondern darüber nachzudenken, was für abweichende Situationen in Bezug auf diesen Soll-Zustand eintreten könnten. Beispielsweise könnte sich eine Materiallieferung verspäten. Oder kurz nach Jahresbeginn es bricht eine Krankheitsepidemie unter den Mitarbeitern aus. Nun stellt sich die Frage: Wie könnte der Kunde darauf reagieren? Und wie gedenken Sie, mit dieser Situation umzugehen?

Natürlich weiß niemand, ob diese Situation so eintreten wird. Das ist das Spannende an der komplexen Welt. Aber wenn Mitarbeiter wie Chefs bereits im Voraus darüber nachdenken und diskutieren, wie sie auf eine mögliche Situation reagieren könnten, haben sie eine große Vielfalt an durchdachten Handlungsmöglichkeiten parat, sollte der Fall tatsächlich eintreten. Nur in den wenigsten Fällen wird genau die Situation eintreten, die Sie sich da ausgemalt haben, aber solche Bilder über die Zukunft sind sehr wertvoll, weil Sie dann nicht bei Null anfangen, wenn nicht alles nach Plan läuft. Oder kurz: Sie werden von der Zukunft nicht so stark überrascht.

Übrigens: In einer solchen Runde brauchen Sie keine Einigung darüber anzustreben, wie Sie in einer gegebenen Situation verfahren möchten. Es reicht, wenn Sie gemeinsam – und das ist wichtig: gemeinsam – Handlungsmöglichkeiten erarbeiten, die dann zum Einsatz kommen oder auch nicht. Hauptsache, Sie halten die Bilder schriftlich oder bildlich fest. Denn dann kommen Sie weg von fluffigen Ideen, weil Sie sie klar aufschreiben müssen.

Aber warum sich überhaupt die Arbeit machen, wenn ein Großteil der Ideen vermutlich nie zum Einsatz kommt, fragen Sie? Weil sie so etwas lernen können und weil das immer noch besser ist, als seine Zeit damit zu verschwenden, Pläne zu machen, die ganz sicher nicht aufgehen werden – weder zum Jahresbeginn, noch später.

In diesem Sinne: Ein erfolgreiches Wirtschaftsjahr 2017! Möge Ihr Unternehmen ab dem Jahresbeginn intelligenter, vielfältiger und innovativer werden und sich robust gegen die Dynamik der heutigen Welt behaupten!

Und jetzt: Zurück an die Arbeit!

 

 


Bild: © Depositphotos.com 29720507/lilu_foto

 

3 Kommentare

  1. Jens Lippoldt sagt

    Noch zum neuen Jahr, lieber Lars, und zum Thema Pläne und Programme:

    Man soll das Jahr nicht mit Programmen
    beladen wie ein krankes Pferd.
    Wenn man es allzu sehr beschwert,
    bricht es zu guter Letzt zusammen.

    Je üppiger die Pläne blühen,
    um so verzwickter wird die Tat.
    Man nimmt sich vor, sich zu bemühen,
    und schließlich hat man den Salat!

    Es nützt nicht viel, sich rotzuschämen.
    Es nützt nichts, und es schadet bloß,
    sich tausend Dinge vorzunehmen.
    Laßt das Programm! Und bessert euch drauflos!

    Erich Kästner

  2. Was ich leider mehr und mehr beobachte:
    Die meisten Mitarbeiter resignieren relativ schnell und spielen all die Theaterspielchen brav mit und glauben ernsthaft daran dass das alles sehr wichtig und wertschoepfend und kundennutzend ist. Nach ner Weile fuehlen sie sich mit Theaterspieln sogar sichtlich wohl und wichtig.
    Erklaeren kann ich das nicht…

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