Jahr: 2017

Ep. 73 – Kannibalisierung: Denken wie im Industriezeitalter

Episode 73 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Gestern habe ich den Satz wieder gehört: »Wir dürfen uns nicht kannibalisieren!« Und es war mal wieder – so langsam glaube ich nicht mehr an Zufälle – ein Vertreter der Automobilindustrie, der mit feucht getränkter Stimme von der Gefahr der Kannibalisierung sprach. Das ist schon fast eine quasi erotische Sorge, die die Automobilisten davor haben, Produkte auf den Markt zu bringen, mit denen sie ihren eigenen Konkurrenz machen. Aber woher kommt der Gedanke, dass dies schlecht sei? Der muss aus einer Zeit stammen, in der wir kaum oder wenig Wettbewerb hatten. Aber heute, wo wir nicht mehr Verkäufermärkte, sondern wieder Käufermärkte haben (zugegeben eine Binsenweisheit), da ist doch die Gefahr viel größer, dass ein Anderer meinen Produkten Konkurrenz macht. Dass nicht ich mich kannibalisiere, sondern dass es ein anderer tut. Und dann ist doch die viel bessere Variante, dass ich es selber tue. Und das nicht nur aus Wettbewerbssicht, sondern noch viel stärker behaupte ich: aus der Lern- und Entwicklungssicht. Wir müssen uns selbst den Auftrag geben, unser Produktportfolie …

Arbeit für Erwachsene

Ein fürsorglicher Chef ist ein guter Chef. – Hm. Wirklich? Tatsächlich vertrete ich eher die gegenteilige Meinung, wenn es darum geht, welche Verantwortung ein Chef oder Unternehmer für seine Mitarbeiter trägt. Und diese Kontra-Position kommt nicht von ungefähr, sondern entspringt meiner ganz persönlichen Erfahrung. Ich bitte Sie, mir in ein früheres Jahrzehnt zu folgen … Lehrjahre Damals, als der Himmel noch blauer war als heute und die Ochsen größere Köpfe hatten, war ich jung und musste demzufolge irgendwie herausfinden, was ich werden wollte. Meine Berufsfindungsphase dauerte zugegebenermaßen eine Idee länger – mit dem Ergebnis, dass ich hinterher immer noch nicht wusste, was mir wichtig ist und was ich werden will. Nach dem Abi bewarb ich mich erstmal um eine Ausbildung bei einem großen Chemiekonzern, aber das Unternehmen schickte mich fort, vielleicht in weiser Voraussicht. So, und was macht man in Deutschland, wenn man keine Ahnung hat, was man tun soll? Richtig. Man studiert. Ich für meinen Teil studierte erstmal Maschinenbau, alleine schon deshalb, weil mich das Fach mehr interessierte als die meisten anderen. Zwischendurch probierte ich …

Geschlossene Gesellschaft

Wissen Sie, was mir so richtig Sorgen macht? Sie werden es vielleicht merkwürdig finden, aber mir bereitet es größtes Unbehagen, dass irgendwie immer alle einer Meinung sein wollen. Und sollen. Geschlossenheit, Einigkeit, Konsens – das gilt als gut. Dissens, Auseinandersetzung, unterschiedliche Meinungen – das gilt als schlecht. So jedenfalls ticken wir im Allgemeinen. Irgendwie haben wir einen ziemlich übertriebenen Faible für die Einigkeit, finde ich. Übertrieben. Und gefährlich. Tun wir besser so, als seien wir uns einig Kaum einer wundert sich darüber, wenn der neue SPD-Parteivorsitzende von der Versammlung der Parteidelegierten mit 100 Prozent der Stimmen gewählt wird. Höchstens ein wenig gewitzelt wird dann über „Kim Jong Schulz“. Aber viele bewunderten dann doch insgeheim, dass zwischen die Partei und ihren Vorsitzenden kein Blatt Papier passte. Und diese Geschlossenheit versetzte die Partei und ihre Anhänger sogleich in eine Art Rauschzustand. Als ob bei der Bundestagswahl über den Grad an Geschlossenheit der Parteien entschieden würde. Naja, indirekt scheint das ja tatsächlich so zu sein: Die deutschen Wähler mögen es nicht, wenn eine Partei in sich unterschiedlicher Meinung ist …

Ep. 72 – Meetings sind gar kein Problem

Episode 72 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Meetings sind ja zu einer echten Plage geworden, sagen viele. Das ist nachvollziehbar. Es sind viel zu viele. Sie dauern zu lange und sind durchsetzt mit Business-Theater. Viele Unternehmen versuchen darauf zu reagieren. Beispielsweise indem sie Meeting-Regeln aufstellen. Da habe ich neulich wieder welche gesehen. Da steht tatsächlich als erste Zeile: »Wir lassen uns ausreden«. Mein Sohn ist jetzt fünf Jahre alt und im Kindergarten. Dort stehen solche Sätze auch. Das heißt, wir infantilisieren die Mitarbeiter mit solchen Vorschriften, wie sie handeln sollen. Und gleichzeitig übertragen wir ihnen die Verantwortung für Millionen von Euro – das passt nicht im geringsten zusammen. Solche Besprechungsregeln sind im Übrigen völlig wirkungslos, denn die Meetings sind nicht das Problem, sie sind vielmehr die Folge eines Problems. Meetings sind wie Fieber. Fieber erzeugt der Körper als Reaktion auf eine dahinter liegende Krankheit – oft ein Virus. Der Körper setzt das Fieber ein, um dagegen anzukämpfen – um damit umzugehen. Und so ist das bei Meetings auch: Sie sind die vernünftige Reaktion der Organisation auf …

Schwimmflügel für die Digitale Transformation

Die Digitale Transformation? Au weia! Sie wissen ja: Sobald im Unternehmen so was ganz Neues kommt, sobald etwas dramatisch verändert wird, müssen die Mitarbeiter ängstlich sein! Ist ja nicht eine Kleinigkeit, so eine Transformation. Und dann leisten die Mitarbeiter verständlicherweise Widerstand. Müssen sie ja! Denn das steht so in jedem Buch über »Change«, es wird in jedem einschlägigen Vortrag erzählt und jede Führungskraft glaubt, das sei so. Darum sei es dann ja auch so wichtig, dass die Führungskräfte die Mitarbeiter »abholen« und sie »mit ins Boot holen«, damit sie keine Angst mehr haben und »mitziehen«! Ihnen werden zig Beispiele dafür einfallen, dass diese Beschreibung der Wirklichkeit eine wahre ist. Das Narrativ klingt ja auch irgendwie schmeichelhaft für den Berufsstand der Führungskräfte. Schauen Sie mal: Eine Transformation droht – Mitarbeiter verfallen zwangsläufig in Schockstarre – die rettende Führungskraft rauscht hernieder – die Mitarbeiter werden getröstet und fassen Vertrauen – die Führungskraft teilt die Fluten mit ihrem Stab und führt alle händchenhaltend ins gelobte, also transformierte Land. Wie schön! Der Prime-Schlauch Aber wissen Sie was? Es gibt …

Ep. 71 – Meetings sind keine Arbeit

Episode 71 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Meetings sind zum Teil absurdes choreographiertes Business-Theater. Da wird am Vorabend des Meetings an einen völlig überdimensionierten Verteiler die Einladung geschickt. Der Chef sagt: »Ich komm fünf Minuten später, bitte fangen sie doch schon mal ohne mich an.« Er kommt dann 20 Minuten später und lässt sich alles noch mal aufrollen. Dann wird eine PowerPoint-Präsentation gehalten, an der – gefühlt – zehn Personen zwei bis drei Tage lang intensiv und penibelst an Inhalten, aber auch an Zeilenabständen und Strichstärken gearbeitet haben. Am Schluss wird dann immer auf den Tisch geklopft. Das ist wie bei Oma auf dem Geburtstag – alles so ritualisiert. Nichts gegen Höflichkeit, aber dieses Ritualisierte ist schon fast zum Fremdschämen. Und dann warten alle nach der Präsentation auf die HIPPO, also auf die Highest-Paid-Persons-Opinion, auf die Meinung des Höchstbezahlten im Raum. Gehälter sind zwar nicht transparent, aber trotzdem weiß jeder, wer diese Person ist. Entfleucht ein Lächeln über sein oder ihr Gesicht, so blasen alle in dasselbe Horn und heben das Positive des gezeigten Ansatzes hervor. Sind hingegen …

Planung ist für Kinder – über die Macht der Flutschbegriffe

Sagen Sie im nächsten Business-Meeting doch einfach mal laut und vernehmlich das Wort »Dachziegel!« – Sie werden schon sehen, was dann passiert. In Kurzfassung: Anstarren. Betretenes Schweigen. Ungläubiges Nachfragen: »Was? Wie bitte?« Tuscheln. Räuspern. Ignorieren. Verlegen mit dem Stift spielen. Auf die Metaebene gehen: »Was reden Sie da für einen Unsinn?« Oder: »Soll das eine Provokation sein?« Oder: »Sehr witzig!« Oder: »Würden Sie bitte präzisieren?« Falls Sie nicht zufällig in der Baustoff-Industrie tätig sind, wir eines jedenfalls NICHT passieren: Flüssige Kommunikation. Nein, der ganze Sprechfluss der Besprechung, die Interaktion, eben die Kommunikation gerät ins Stocken. Warum? Weil das Wort »Dachziegel« ja überhaupt nicht anschlussfähig ist. Man kann beim besten Willen die Kommunikation nicht daran fortsetzen. Das aber stört die Menschen, denn menschliche Kommunikation will vor allem eines: sich fortsetzen. Das merken Sie zum Beispiel, wenn Menschen in der geöffneten Tür stehen, um die Gäste zu verabschieden … und nach einer halben Stunde noch immer in der Tür stehen und mit den sich noch immer verabschiedenden Gästen weiterquasseln. Da flutscht die Kommunikation so dermaßen, dass sie gar nicht mehr aufhören …

Ep. 70 – Audits: Business-Theater in zwei Akten

Episode 70 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Business-Theater begegnet man ja letztlich fast jeden Tag. Zum Beispiel – und in besonders schöner Form – bei Audits. Wenn also im Rahmen einer Zertifizierung Prozesse auditiert werden, damit sie z.B. gute Qualität hervorbringen sollen. Gerne werden dazu – ich überspitze jetzt – sechs Personen auserkoren. Diese sollen 2-3 Wochen vorher anfangen, die Prozesse »glatt zu ziehen«. Ein tolles Wort übrigens, dass es auch nur in der Managementsprache und in der Heißmangelindustrie existiert. Im übrigen: eigentlich ziehen die Auserwählten ja keine Prozesse glatt, sondern nur die Dokumentation der Prozesse, mit Prozessen selber beschäftigen sich meist gar nicht. Und dann gehen sie die Prozesse durch und dann gibt es immer mal die eine oder andere Stelle, an der sich die Gruppe fragt: »wie machen wir das hier eigentlich ganz genau, es gibt doch die eine und die andere Variante«. »Ja«, sagt einer, »und es gibt ja auch noch eine dritte Variante.« Und dann sagt noch einer: »ja, eigentlich gibt es ja noch eine vierte«. Und das Wort ›eigentlich‹ deutet schon darauf hin, dass es noch fünf Prozessvarianten …

Warum Roboter uns keine Entscheidungen abnehmen werden

Nein, ich plädiere nicht dafür, dass sich jedes Unternehmen einen Computer als Vorstandsmitglied in die Chefetage holen sollte, um Entscheidungen besser zu treffen. Aber es gibt ein Unternehmen, das hat genau das getan, und das finde ich bei näherem Hinsehen sehr interessant. Vermutlich ist da auch eine Menge PR im Spiel, aber lächerlich oder fahrlässig unvernünftig ist die ganze Geschichte keineswegs. Ein kühler Kopf Es handelt sich um die Firma Deep Knowledge Ventures aus Hongkong. Das ist eine Investmentfirma, die darauf spezialisiert ist, in forschungsintensive Technologieunternehmen im Medizin- und Gesundheitssektor zu investieren, insbesondere in lebensverlängernde Medikamente und Technologien. Das Unternehmen hat ein sechsköpfiges Board. Einer der Vorstände heißt VITAL und ist ein Computer. Sein Name steht für »Validating Investment Tool for Advancing Life Sciences«. Und der Name ist Programm, im wahrsten Sinne des Wortes: Dieser Vorstand kann schnell und ohne jede emotionale Fehlsteuerung ein Unternehmen mit Finanzierungsbedarf durchleuchten und alle Fakten prüfen. Jedenfalls genauer, unbeeinflusster und schneller als es seine menschlichen Kollegen können. Was Entscheidungen unterscheidet Gut, und jetzt könnten Sie fragen, was dann die …

Kikikan: gegen den plötzlichen K.O. im Wettbewerb

Barcelona ist eigentlich eine sehr entspannte Stadt. Aber als ich neulich dorthin zurückkam, war totaler Alarm auf der Straße! Großdemo der Taxifahrer. Streik. Zwölf Stunden lang. Nirgends in der Stadt war ein Taxi zu bekommen. Und trotz modernster Infrastrukturlösungen  sind Taxis in Barcelona ein wichtiges Fortbewegungsmittel. Der Grund des Streiks kam für mich überraschend: Die Taxifahrer Barcelonas gingen gegen Uber auf die Straße. Das in der Personenbeförderungsbranche völlig neuartige Dienstleistungsunternehmen aus San Francisco macht auch den spanischen Taxifahrern Konkurrenz. Was ich erlebte, war also eine Solidarisierung gegen den Wettbewerb. Und ich dachte: Wie albern ist das denn? Warum es nichts hilft, den Wettbewerb auszuschalten Selbst wenn die Vorwürfe gegen Uber korrekt wären, dass die Uber-Fahrer nämlich nicht so viele Richtlinien erfüllen müssten wie die »normalen« Taxifahrer – letztere hätten die intellektuelle Kraft und auch das Geld, das sie in diese Demo gesteckt haben, besser in neue Ideen investiert, wie sie ihre Kunden behalten, überzeugen, besser bedienen könnten! Denn wenn Sie neuen Wettbewerb nur irgendwie »wegmachen« wollen und nach der Politik rufen, um ihn zu verhindern, dann singen Sie …