Monate: September 2017

Ein Appell gegen Appelle

Ob in den klassischen Medien, den Social Media oder einfach in jedem zweiten Gespräch – von allen Seiten prasselt sie auf mich ein: die Alternative für Deutschland. Dabei scheint der Grundtonus in der Gesellschaft doch eigentlich schon seit Langem der zu sein, dass die AfD und ihre Aussagen möglichst wenig Aufmerksamkeit erfahren sollten. Was sehe ich stattdessen? Stetige Appelle, lautstarke Empörungen, Bashing, Gegenhass. Jetzt werde ich den Teufel tun, mich an dieser Stelle inhaltlich über die AfD zu äußern oder mich auch noch in diese Diskussion einzuklinken. Das überlasse ich gerne anderen. Was mich vielmehr interessiert, ist das gesellschaftliche Phänomen, das ich dahinter sehe und mich zu der Frage bringt: Wozu führen Appelle in der Kommunikation? Ein phänomenales Kuriositätenkabinett in zwei Akten Sei es der zwanzigste Bericht über Alice Weidels Talkshow-Flucht oder das dreimillionste Trump-Bashing – indem die breite Öffentlichkeit Personen oder Organisationen in Misskredit bringt und GEGEN sie appelliert, stellt sie sie regelmäßig in den Fokus. Von eigener Seite bedarf es so kaum noch weiterer PR-Arbeit. Dadurch arbeiten die Gegner streng genommen noch zu Gunsten …

Dienst nach Vorschrift – Drohung in drei Wörtern

Im Projektgeschäft höre ich ihn laufend, diesen Ausruf des Flehens und Hoffens: »Wenn doch nur jeder seinen Job machen würde!« Heißt implizit: Wenn jeder die ihm aufgetragene Arbeit planmäßig und gemäß aller Vorschriften durchführen würde, stünde das Unternehmen prima da. Ich ergänze dann immer: »Nein, dann wären Sie schon pleite.« Weil die Problemlösung im 21. Jahrhundert nicht mehr so funktioniert, dass jeder nach Vorschrift seinen Job erfüllt. Dann mache ich jetzt eben Dienst nach Vorschrift! Das mag im Industriezeitalter oder in durch und durch tayloristisch organisierten Unternehmen noch funktioniert haben, darüber habe ich hier schon desöfterern geschrieben. Dort konnten Sie sehr geradlinig vorschreiben, was ein Job beinhaltet, wie er aussieht, wie er auszuführen ist. In der Folge wurde die Qualität des gefertigten Produkts gut. Wir nennen das auch gerne »Wertschöpfung der Norm«. Auf den Punkt bringen könnte ich diese Herangehensweise mit drei markanten Wörtern: Dienst nach Vorschrift. Denn nichts anderes mussten die Vasallen des Industriezeitalters beherrschen. Dienst nach Vorschrift lieferte gute Ergebnisse, war planbar, fungierte als Qualitätsmerkmal. Sagt Ihnen hingegen heute ein Mitarbeiter: »Na gut, …

Der Geist am Konferenztisch

Wenn Sie den Ursprung und die Ahnen des allgemeinen und vergleichsweise hohen Wohlstands in Deutschland kennen wollen, dann fahren Sie mal durch ein beliebiges Industriegebiet und lesen Sie, wer die Namensgeber der Straßen sind. Ich lese dort immer mit großem Respekt Namen wie Werner von Siemens, Robert Bosch, Ferdinand Porsche, Adam Opel, August Borsig, Alfred Krupp, Gottlieb Daimler, Fritz Henkel, Hugo Stinnes, August Thyssen, Franz Haniel, Carl Miele, Carl Benz, Rudolf Diesel, Ferdinand Graf von Zeppelin … Ich finde es nicht nur erforderlich, dass wir in Deutschland vor diesen unseren „Gründervätern“ Respekt und Andenken bewahren, sondern auch, dass wir versuchen, uns ein Stück weit in die Problematik des Systems „Familienunternehmen“ hineinzuversetzen und es zu verstehen. Ohne Familienunternehmen wäre Deutschland heute nämlich nur ein ziemlich unbedeutender Fleck auf der Landkarte. Verstehen? Ja, zum Beispiel die Sache mit der Verantwortung. Von wegen ›privilegiert‹! Viele der großen Erfinder und Industriellen der deutschen Industriegeschichte hinterließen ihren Nachkommen nicht nur große Vermögen, sondern zusammen mit den Fabriken, dem Privateigentum und den vielen Mitarbeitern auch große Verpflichtungen. Kapital und Verantwortung – …

Warum ein halber Bonus besser ist als ein ganzer

Wissen Sie, es gibt da etwas, das mich rasend macht. Was mich wirklich aufregt. Ich habe lange Zeit gebraucht, um einen Weg zu finden, damit umzugehen. Und dann habe ich etwas von einem deutschen Arzt aus dem 18. Jahrhundert gelernt. Seitdem bin ich wesentlich entspannter und kann über das, was mich früher so aufregte, sogar manchmal schmunzeln. Toxisches Verhalten Aber der Reihe nach. Was mich so leicht an die Decke bringen konnte? Stellen Sie sich vor, Sie erkennen, dass eine bestimmte Praktik im Leben oder in der Arbeit ganz offensichtlich schädlich ist. Lebensfeindlich. Falsch. Sagen wir: giftig! Nicht bloß für einen selbst, das wär ja kein sonderliches Problem, sondern auch für andere. Für viele. Sowas wie Kettenrauchen im Kinderzimmer oder Atommüll ins Meer verklappen oder Abrichtung von erwachsenen Menschen durch individuelle Boni in einem Unternehmen etwa. Doch obwohl Sie glasklar erkennen können, dass die Praktik giftig ist, müssen Sie zusehen, wie Menschen sie weiterhin praktizieren, einfach, weil sie den Schaden nicht erkennen, ihn nicht verstehen oder weil der kurzfristige und persönliche Vorteil so groß ist, …