Jahr: 2017

Geschlossene Gesellschaft

Wissen Sie, was mir so richtig Sorgen macht? Sie werden es vielleicht merkwürdig finden, aber mir bereitet es größtes Unbehagen, dass irgendwie immer alle einer Meinung sein wollen. Und sollen. Geschlossenheit, Einigkeit, Konsens – das gilt als gut. Dissens, Auseinandersetzung, unterschiedliche Meinungen – das gilt als schlecht. So jedenfalls ticken wir im Allgemeinen. Irgendwie haben wir einen ziemlich übertriebenen Faible für die Einigkeit, finde ich. Übertrieben. Und gefährlich. Tun wir besser so, als seien wir uns einig Kaum einer wundert sich darüber, wenn der neue SPD-Parteivorsitzende von der Versammlung der Parteidelegierten mit 100 Prozent der Stimmen gewählt wird. Höchstens ein wenig gewitzelt wird dann über „Kim Jong Schulz“. Aber viele bewunderten dann doch insgeheim, dass zwischen die Partei und ihren Vorsitzenden kein Blatt Papier passte. Und diese Geschlossenheit versetzte die Partei und ihre Anhänger sogleich in eine Art Rauschzustand. Als ob bei der Bundestagswahl über den Grad an Geschlossenheit der Parteien entschieden würde. Naja, indirekt scheint das ja tatsächlich so zu sein: Die deutschen Wähler mögen es nicht, wenn eine Partei in sich unterschiedlicher Meinung ist …

Ep. 72 – Meetings sind gar kein Problem

Episode 72 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Meetings sind ja zu einer echten Plage geworden, sagen viele. Das ist nachvollziehbar. Es sind viel zu viele. Sie dauern zu lange und sind durchsetzt mit Business-Theater. Viele Unternehmen versuchen darauf zu reagieren. Beispielsweise indem sie Meeting-Regeln aufstellen. Da habe ich neulich wieder welche gesehen. Da steht tatsächlich als erste Zeile: »Wir lassen uns ausreden«. Mein Sohn ist jetzt fünf Jahre alt und im Kindergarten. Dort stehen solche Sätze auch. Das heißt, wir infantilisieren die Mitarbeiter mit solchen Vorschriften, wie sie handeln sollen. Und gleichzeitig übertragen wir ihnen die Verantwortung für Millionen von Euro – das passt nicht im geringsten zusammen. Solche Besprechungsregeln sind im Übrigen völlig wirkungslos, denn die Meetings sind nicht das Problem, sie sind vielmehr die Folge eines Problems. Meetings sind wie Fieber. Fieber erzeugt der Körper als Reaktion auf eine dahinter liegende Krankheit – oft ein Virus. Der Körper setzt das Fieber ein, um dagegen anzukämpfen – um damit umzugehen. Und so ist das bei Meetings auch: Sie sind die vernünftige Reaktion der Organisation auf …

Schwimmflügel für die Digitale Transformation

Die Digitale Transformation? Au weia! Sie wissen ja: Sobald im Unternehmen so was ganz Neues kommt, sobald etwas dramatisch verändert wird, müssen die Mitarbeiter ängstlich sein! Ist ja nicht eine Kleinigkeit, so eine Transformation. Und dann leisten die Mitarbeiter verständlicherweise Widerstand. Müssen sie ja! Denn das steht so in jedem Buch über »Change«, es wird in jedem einschlägigen Vortrag erzählt und jede Führungskraft glaubt, das sei so. Darum sei es dann ja auch so wichtig, dass die Führungskräfte die Mitarbeiter »abholen« und sie »mit ins Boot holen«, damit sie keine Angst mehr haben und »mitziehen«! Ihnen werden zig Beispiele dafür einfallen, dass diese Beschreibung der Wirklichkeit eine wahre ist. Das Narrativ klingt ja auch irgendwie schmeichelhaft für den Berufsstand der Führungskräfte. Schauen Sie mal: Eine Transformation droht – Mitarbeiter verfallen zwangsläufig in Schockstarre – die rettende Führungskraft rauscht hernieder – die Mitarbeiter werden getröstet und fassen Vertrauen – die Führungskraft teilt die Fluten mit ihrem Stab und führt alle händchenhaltend ins gelobte, also transformierte Land. Wie schön! Der Prime-Schlauch Aber wissen Sie was? Es gibt …

Ep. 71 – Meetings sind keine Arbeit

Episode 71 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Meetings sind zum Teil absurdes choreographiertes Business-Theater. Da wird am Vorabend des Meetings an einen völlig überdimensionierten Verteiler die Einladung geschickt. Der Chef sagt: »Ich komm fünf Minuten später, bitte fangen sie doch schon mal ohne mich an.« Er kommt dann 20 Minuten später und lässt sich alles noch mal aufrollen. Dann wird eine PowerPoint-Präsentation gehalten, an der – gefühlt – zehn Personen zwei bis drei Tage lang intensiv und penibelst an Inhalten, aber auch an Zeilenabständen und Strichstärken gearbeitet haben. Am Schluss wird dann immer auf den Tisch geklopft. Das ist wie bei Oma auf dem Geburtstag – alles so ritualisiert. Nichts gegen Höflichkeit, aber dieses Ritualisierte ist schon fast zum Fremdschämen. Und dann warten alle nach der Präsentation auf die HIPPO, also auf die Highest-Paid-Persons-Opinion, auf die Meinung des Höchstbezahlten im Raum. Gehälter sind zwar nicht transparent, aber trotzdem weiß jeder, wer diese Person ist. Entfleucht ein Lächeln über sein oder ihr Gesicht, so blasen alle in dasselbe Horn und heben das Positive des gezeigten Ansatzes hervor. Sind hingegen …

Planung ist für Kinder – über die Macht der Flutschbegriffe

Sagen Sie im nächsten Business-Meeting doch einfach mal laut und vernehmlich das Wort »Dachziegel!« – Sie werden schon sehen, was dann passiert. In Kurzfassung: Anstarren. Betretenes Schweigen. Ungläubiges Nachfragen: »Was? Wie bitte?« Tuscheln. Räuspern. Ignorieren. Verlegen mit dem Stift spielen. Auf die Metaebene gehen: »Was reden Sie da für einen Unsinn?« Oder: »Soll das eine Provokation sein?« Oder: »Sehr witzig!« Oder: »Würden Sie bitte präzisieren?« Falls Sie nicht zufällig in der Baustoff-Industrie tätig sind, wir eines jedenfalls NICHT passieren: Flüssige Kommunikation. Nein, der ganze Sprechfluss der Besprechung, die Interaktion, eben die Kommunikation gerät ins Stocken. Warum? Weil das Wort »Dachziegel« ja überhaupt nicht anschlussfähig ist. Man kann beim besten Willen die Kommunikation nicht daran fortsetzen. Das aber stört die Menschen, denn menschliche Kommunikation will vor allem eines: sich fortsetzen. Das merken Sie zum Beispiel, wenn Menschen in der geöffneten Tür stehen, um die Gäste zu verabschieden … und nach einer halben Stunde noch immer in der Tür stehen und mit den sich noch immer verabschiedenden Gästen weiterquasseln. Da flutscht die Kommunikation so dermaßen, dass sie gar nicht mehr aufhören …

Ep. 70 – Audits: Business-Theater in zwei Akten

Episode 70 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Business-Theater begegnet man ja letztlich fast jeden Tag. Zum Beispiel – und in besonders schöner Form – bei Audits. Wenn also im Rahmen einer Zertifizierung Prozesse auditiert werden, damit sie z.B. gute Qualität hervorbringen sollen. Gerne werden dazu – ich überspitze jetzt – sechs Personen auserkoren. Diese sollen 2-3 Wochen vorher anfangen, die Prozesse »glatt zu ziehen«. Ein tolles Wort übrigens, dass es auch nur in der Managementsprache und in der Heißmangelindustrie existiert. Im übrigen: eigentlich ziehen die Auserwählten ja keine Prozesse glatt, sondern nur die Dokumentation der Prozesse, mit Prozessen selber beschäftigen sich meist gar nicht. Und dann gehen sie die Prozesse durch und dann gibt es immer mal die eine oder andere Stelle, an der sich die Gruppe fragt: »wie machen wir das hier eigentlich ganz genau, es gibt doch die eine und die andere Variante«. »Ja«, sagt einer, »und es gibt ja auch noch eine dritte Variante.« Und dann sagt noch einer: »ja, eigentlich gibt es ja noch eine vierte«. Und das Wort ›eigentlich‹ deutet schon darauf hin, dass es noch fünf Prozessvarianten …

Warum Roboter uns keine Entscheidungen abnehmen werden

Nein, ich plädiere nicht dafür, dass sich jedes Unternehmen einen Computer als Vorstandsmitglied in die Chefetage holen sollte, um Entscheidungen besser zu treffen. Aber es gibt ein Unternehmen, das hat genau das getan, und das finde ich bei näherem Hinsehen sehr interessant. Vermutlich ist da auch eine Menge PR im Spiel, aber lächerlich oder fahrlässig unvernünftig ist die ganze Geschichte keineswegs. Ein kühler Kopf Es handelt sich um die Firma Deep Knowledge Ventures aus Hongkong. Das ist eine Investmentfirma, die darauf spezialisiert ist, in forschungsintensive Technologieunternehmen im Medizin- und Gesundheitssektor zu investieren, insbesondere in lebensverlängernde Medikamente und Technologien. Das Unternehmen hat ein sechsköpfiges Board. Einer der Vorstände heißt VITAL und ist ein Computer. Sein Name steht für »Validating Investment Tool for Advancing Life Sciences«. Und der Name ist Programm, im wahrsten Sinne des Wortes: Dieser Vorstand kann schnell und ohne jede emotionale Fehlsteuerung ein Unternehmen mit Finanzierungsbedarf durchleuchten und alle Fakten prüfen. Jedenfalls genauer, unbeeinflusster und schneller als es seine menschlichen Kollegen können. Was Entscheidungen unterscheidet Gut, und jetzt könnten Sie fragen, was dann die …

Kikikan: gegen den plötzlichen K.O. im Wettbewerb

Barcelona ist eigentlich eine sehr entspannte Stadt. Aber als ich neulich dorthin zurückkam, war totaler Alarm auf der Straße! Großdemo der Taxifahrer. Streik. Zwölf Stunden lang. Nirgends in der Stadt war ein Taxi zu bekommen. Und trotz modernster Infrastrukturlösungen  sind Taxis in Barcelona ein wichtiges Fortbewegungsmittel. Der Grund des Streiks kam für mich überraschend: Die Taxifahrer Barcelonas gingen gegen Uber auf die Straße. Das in der Personenbeförderungsbranche völlig neuartige Dienstleistungsunternehmen aus San Francisco macht auch den spanischen Taxifahrern Konkurrenz. Was ich erlebte, war also eine Solidarisierung gegen den Wettbewerb. Und ich dachte: Wie albern ist das denn? Warum es nichts hilft, den Wettbewerb auszuschalten Selbst wenn die Vorwürfe gegen Uber korrekt wären, dass die Uber-Fahrer nämlich nicht so viele Richtlinien erfüllen müssten wie die »normalen« Taxifahrer – letztere hätten die intellektuelle Kraft und auch das Geld, das sie in diese Demo gesteckt haben, besser in neue Ideen investiert, wie sie ihre Kunden behalten, überzeugen, besser bedienen könnten! Denn wenn Sie neuen Wettbewerb nur irgendwie »wegmachen« wollen und nach der Politik rufen, um ihn zu verhindern, dann singen Sie …

Hast Du eine Idee, schreibe keinen Businessplan

Wenn bei der OTTO Group irgendwo eine neue Idee aufkam, hieß es sofort: Mach erstmal einen Businessplan! – Das erzählte mir neulich Hans-Otto Schrader, bis dato Vorstandsvorsitzender der OTTO Group, während eines Vortrags in Hamburg. Schrader fand Businesspläne aber uneffektiv. Ich saß im Publikum und nickte: Denn das finde ich auch. Warum? Nun, vor allem aus zwei Gründen. Den ersten, offensichtlichen, teile ich mit Schrader, den zweiten, tiefer liegenden, finde ich fast noch wichtiger. Als ob die Idee geprüft würde Zum ersten Grund: Eine Idee ist ein frisch geschlüpftes Gedankenküken. Sie muss wachsen und sich bewähren, um groß und stark zu werden. Wachsen kann sie aber nur in einem sozialen Kontext und nur im echten Leben, in der Realität. Ein Businessplan jedoch hat mit der Realität wenig zu tun. Er tut nur so, als exploriere er die Zukunft. Er sieht so schön rational aus. Aber das ist nur eine Scheinrationalität. In Wahrheit ist er nur ein hübsches Gewand. Mit einem ehrbaren Zweck: Er soll dem Geldgeber gefallen und überzeugen. Im Unternehmen ist das meist erstmal …

Die Geschichte vom orangenen Beetle – oder: ein Mittel gegen Unternehmens-Sklerose

»Wir wollen uns nicht bürokratisieren!«– Das schrieb sich eine Beratungs- und Softwareentwicklungsfirma bei ihrer Gründung vor 15 Jahren auf die Fahnen. Die Gründer waren alle zuvor bei einem Konzern angestellt – und als sie sich gemeinsam selbstständig machten, verband sie unter anderem eines: Sie hatten die konzerntypischen bürokratischen Hürden hassen gelernt. Sie schworen sich: Das wird’s bei uns niemals geben! Nun, mittlerweile ist das Unternehmen stark gewachsen und hat mehr als 400 Mitarbeiter. Und was glauben Sie, ist passiert? Die einzige Regel: Es gibt keine Regel Bevor ich es Ihnen verrate, erzähle ich Ihnen eine Anekdote aus dem tiefsten Inneren jenes Unternehmens. Das kann ich, weil ich neulich dort war. Ich habe da eine Kulturanalyse gemacht und durfte einen Festvortrag halten. Dabei habe ich einige interessante Einblicke bekommen. Und unter anderem erzählte man mir die Geschichte vom orangenen Beetle. Dieser Beetle war ein Firmenwagen. Autos spielen in der Kultur dieses Unternehmens eine große Rolle, auch deshalb, weil es viel für die Automobilindustrie tätig ist. Jeder Berater bekommt einen Dienstwagen. Weil die Gründer aber eben Bürokratie …