Jahr: 2018

Brief an Jogi Löw

<<<  Ersten Teil von Vollmer Waschtag 3 lesen <<< Lieber Herr Löw, Sie sind mir ja mal ein Rebell! Da wollen Sie einfach nicht zurücktreten! Und das, obwohl die Leistung Ihrer Mannschaft und die Platzierung als Gruppenletzter bei der Weltmeisterschaft unterirdisch waren, jedenfalls gemessen an den erwiesenen Fähigkeiten der Einzelspieler. Und das, obwohl Sie die Typen Sané, Wagner und Petersen nicht mitgenommen haben – dafür aber den neben sich selbst herlaufenden Müller und den schwerfälligen Boateng und den verunsicherten Gündogan und den Chancentod Gomez und einige andere Schatten ihrer selbst, ja und auch den politisch irrlichternden Özil, der jetzt für die DFB-Granden als Sündenbock herhalten muss! Und das, obwohl Sie das Leistungsprinzip auf den Kopf gestellt haben, indem Sie einen fast ein ganzes Jahr lang verletzten Torhüter ohne Spielpraxis, der die komplette Saison verpasst hat, einigen richtig starken Torhütern vor die Nase gesetzt haben. Und das, obwohl sich der Deutsche Fußballbund mit seiner überheblichen Image-Kampagne »Best NeVer Rest« so dermaßen blamiert hat. Und das, obwohl … Ja, ganz egal, was Ihnen alles sonst noch entgegensteht – …

Diesseits der Vernunft

Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Vernetzung die Lösung ist! Fürchtet euch nicht, ihr Kleingläubigen! Wenn die alles durchdringende Digitalisierung kommt – und glaubet mir, sie ist im Kommen! – ,dann seid wertschätzend und vernetzet euch! Euch wird fortan an nichts mangeln, und wer das nicht glaubt, den jaget IN DEN SHITSTORM! So oder so ähnlich klingelte es mir im Hirn, als ich nach Veröffentlichung meines durchaus wohlmeinenden und keineswegs mehr als nötig zugespitzten Artikels über die Hipmethode Working out loud unter einer Welle der Empörung durchtauchen musste. Ich erkläre mich Ihnen gerne genauer, zuvor möchte ich aber noch einen Disclaimer, oder besser gesagt, einen Beipackzettel vorausschicken: Wenn Sie dies lesen und zur Working-out-loud-Fangemeinde gehören und/oder sich gar schon einmal fürchterlich über mich empört haben, weil ich es offensichtlich einfach nicht kapieren will, wie schön und gut diese Methode ist – ich will Sie gar nicht nochmal provozieren. Lesen Sie einfach kopfschüttelnd weiter und fragen Sie bei Nebenwirkungen Ihren Arzt oder Apotheker. Vielleicht fange ich Sie ein paar Absätze weiter unten ja sogar wieder ein. …

Brief an die BILD

Der erste Teil von  „Einigkeit macht schwach!“ hat gleichermaßen nachdenkliche wie – sagen wir es diplomatisch: engagierte Rückmeldungen erzeugt. Wer hätte auch ahnen können, dass Donald Trump mit der Ab- und wieder Zusage des Nordkorea-Gipfels und der Aufkündigung des G7-Abkommens gleich wieder so viel Anlass zur Resonanzbildung gibt. Es ist halt *piep* –  da scheint weiterhin Einigkeit zu bestehen. Schuldig geblieben bin ich Ihnen bis jetzt aber noch den offenen Brief an die BILD-Zeitung, den ich am Ende angekündigt hatte, um sie ein bisschen auf die essayistische Folter zu spannen. Mittlerweile habe ich diesen offenen Brief fertig geschrieben und ich habe ihn an den Chefredakteur Herr Reichelt adressiert. Er bildet sozusagen eine Art Fortsetzung, also etwa wie das Wäscheaufhängen nach dem Waschtag. Hier ist er: Lieber Herr Reichelt, Ihre Zeitung habe ich schon gelesen. In gewissen Kreisen ist das ja durchaus als Geständnis zu werten, aber ich bin da schmerzfrei. Ich lese das, was Sie schreiben, zwar nicht jeden Tag an der Tankstelle und ich habe ihre Publikation auch nicht auf Twitter abonniert, aber ich nehme Sie und …

Einigkeit macht schwach!

Sind Sie einverstanden? Haben wir einen Konsens? Und wenn ja – warum? Ja, warum, wieso, weshalb wir einverstanden sind, möchte ich wissen. Die Frage ist nicht so trivial, wie sie klingt, glauben Sie mir. Jedenfalls habe ich mir ziemlich den Kopf darüber zerbrochen. Genauer formuliert: Ich habe mich gefragt, warum in unserer Gesellschaft in vielen Angelegenheiten ein sehr, sehr breiter Konsens herrscht, obwohl über die Angelegenheit, um die es jeweils geht, genausogut zig andere Meinungen kursieren könnten. Es gibt da so eine Sorte Massenphänomen, das zur Homogenisierung und Pasteurisierung, und damit zur Sterilisierung der Meinungsvielfalt führt. Jedenfalls war das so mein Gefühl, als ich meiner Tochter beim Schimpfen zuhörte. Das Gefühl, das ich meine, wäre ähnlich der Verwunderung, die Sie verspürten, wenn Sie in einem Wald spazieren gingen und plötzlich bemerkten, dass um Sie herum ausschließlich Buchen wachsen. Keine Eichen, keine Erlen, keine Eschen, keine Ulmen. Und schon gar keine Nadelbäume. Und Sie fragen sich: Hoppla! Wie kommt das eigentlich? Das kam mir ins Bewusstsein, als ich mit meiner 14jährigen Tochter in Amsterdam unterwegs war. Unter …

Brief an die alte Dame

Auf den ersten Teil von  „Weniger Demokratie wagen!“ habe ich zünftige Resonanz bekommen. Das soll ja auch bitte schön so sein, wenn es um Demokratie geht und ich hatte es nicht anders erwartet. Insofern freue ich mich! Schuldig geblieben bin ich bis jetzt aber noch den offenen Brief an die alte Dame, den ich am Ende angekündigt hatte, um Ihre Nerven bis zum Zerreißen zu spannen. Mittlerweile habe ich diesen offenen Brief fertig geschrieben. Er bildet sozusagen eine Art Fortsetzung, also etwa wie das Wäscheaufhängen nach dem Waschtag. Hier ist er: Liebe alte Dame, was du auf deine alten Tage noch mitmachen musst … das tut mir leid. Es sind wahrlich unruhige Zeiten, in denen du deine alten Knochen nochmal hinhalten musst. Bekanntlich nimmt die Knochensubstanz im Alter ab, und bei dir hat sich die Wählersubstanz, nämlich die bei Bundestagswahlen für dich abgegebenen Stimmen, in den letzten 20 Jahren von gut 20 Millionen auf rund 9 Millionen mehr als halbiert. Das ist eine ziemlich akute Stimmenosteoporose, würde ich sagen. Dennoch habe ich nun keine ernste …

Weniger Demokratie wagen!

Manchmal ist das Interessanteste, was passiert, dass nichts passiert. Als ich vor Kurzem in meiner derzeitigen Wahlheimatstadt Barcelona zur traditionellen Calçotada eingeladen war, stand ich vor dem Grill vor dampfenden Frühlingszwiebeln und genau das passierte: nichts! Jedenfalls nicht das, was ich erwartet und auf das ich mich gefreut hatte. Gut, damit Sie mir folgen können, müssen Sie zuerst wissen, was eine Calçotada ist. Es hat, wie so viele Traditionen, mit Essen zu tun: Calçots sind Frühlingszwiebeln, so ziemlich das erste Gemüse, das man in jedem Jahr aus dem Boden holen kann. Zu diesem katalanischen Brauch treffen sich zumeist im Februar, wenn die ärgste Winterkälte vorbei ist, Freunde, Familie, Bekannte und Nachbarn auf öffentlichen Plätzen und grillen im Freien voller Vorfreude auf den Frühling. Zuerst kommen die Frühlingszwiebeln auf den Rost, die dann auf einer alten Tageszeitung mit einer würzigen Salsa Romesco herumgereicht und aus der Hand gegessen werden. Danach gibt’s auch noch Fleisch. Und natürlich Rotwein aus der Porró. In diesem Jahr stand ich in meinem Viertel vor dem Grill inmitten meiner Freunde und Bekannten, …

Wollen Sie Boni oder gute Mitarbeiter?

Deutsche Bank zahlt mehr als eine Milliarde Boni“, titelte die FAZ vor Kurzem. Darüber durfte sich dann die SPD aufregen, daraufhin musste John Cryan sich verteidigen und schließlich sah sich der Handelsblatt-Ableger Orange genötigt, zu erklären, warum die Deutsche Bank „dicke Boni zahlen muss“. Grund der Aufregung: Die Deutsche Bank zahlt diese dicken Boni, während sie massive Verluste einfährt. Grund meiner Aufregung: Offensichtlich hat in dieser Diskussion immer noch niemand verstanden, wo das eigentliche Problem liegt. Die CAPITAL hat mich gebeten, zu diesem empörenden Dauerbrenner  Stellung zu beziehen. Zu dem von unzähligen Kollegen eigentlich schon alles geschrieben und das eigentlich schon hinlänglich wissenschaftlich erforscht ist. Das man aber offensichtlich gerne weiterhin ignorieren möchte.