Arbeit, Führung
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Arbeit für Erwachsene

Ein fürsorglicher Chef ist ein guter Chef. – Hm. Wirklich? Tatsächlich vertrete ich eher die gegenteilige Meinung, wenn es darum geht, welche Verantwortung ein Chef oder Unternehmer für seine Mitarbeiter trägt. Und diese Kontra-Position kommt nicht von ungefähr, sondern entspringt meiner ganz persönlichen Erfahrung.

Ich bitte Sie, mir in ein früheres Jahrzehnt zu folgen …

Lehrjahre

Damals, als der Himmel noch blauer war als heute und die Ochsen größere Köpfe hatten, war ich jung und musste demzufolge irgendwie herausfinden, was ich werden wollte. Meine Berufsfindungsphase dauerte zugegebenermaßen eine Idee länger – mit dem Ergebnis, dass ich hinterher immer noch nicht wusste, was mir wichtig ist und was ich werden will. Nach dem Abi bewarb ich mich erstmal um eine Ausbildung bei einem großen Chemiekonzern, aber das Unternehmen schickte mich fort, vielleicht in weiser Voraussicht.

So, und was macht man in Deutschland, wenn man keine Ahnung hat, was man tun soll? Richtig. Man studiert.

Ich für meinen Teil studierte erstmal Maschinenbau, alleine schon deshalb, weil mich das Fach mehr interessierte als die meisten anderen. Zwischendurch probierte ich es mit ein bisschen Musik, alleine schon deshalb, weil ich besser Klavier spielen kann als die meisten. Bevor es zum Abgrund, nein Abschluss kam, wechselte ich lieber die Pferde und kehrte zur Ingenieurswissenschaft zurück. Doch als ich nach Beendigung des Studiums nun Ingenieur und trotzdem immer noch nicht schlauer war, promovierte ich eben und gewann so nochmal Zeit.

Dann war ich fertig und kein bisschen weise. Na, ich möchte mich korrigieren: Ich hatte schon manche Erkenntnis gewonnen, ganz abgesehen vom Fachlichen. Beispielsweise hatte ich herausgefunden, dass es mir extrem wichtig ist im Leben, mir selbst auszusuchen, mit wem ich zusammenarbeiten will. Konkret: Ich will mein Leben lang mit wirklich coolen Typen zusammenarbeiten, die Verantwortung übernehmen. Verantwortung für sich selbst und für eine gemeinsame Sache. Geschlecht und Hautfarbe egal.Und ich wusste auch, mit wem ich NICHT zusammenarbeiten will: mit intriganten Arschlöchern!

How to be cool

Deswegen blieb mir wenig anderes übrig als eine eigene Firma zu gründen. Denn nur dort konnte ich mir dann ja die Typen um mich herum aussuchen. Wie so ein Bandleader. Aber wehe, wehe! Mein hehrer Anspruch hatte eine Kehrseite: Die Typen, die ich mir rauspickte, wollten selbst auch mit wirklich coolen Typen zusammenarbeiten, die Verantwortung übernehmen. Das heißt: Auch ich selbst musste so ein cooler Typ sein, der Verantwortung übernimmt. Scheiße, ist das schwer!

Ich lernte schlagartig, dass Verantwortung übernehmen unter Anderem bedeutet, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden und erstmal dafür zu sorgen, dass es mir selber gut geht – wirtschaftlich, gesundheitlich und persönlich –, da ich sonst für alle anderen nutzlos gewesen wäre. Dafür zu sorgen, dass ich Entscheidungen traf und alle Konsequenzen daraus trug. Dafür zu sorgen, dass ich immer weiter dazulerne.

Mir wurde klar: Verantwortung ist wie Fahrradfahren: Um es zu können, muss man üben. Dabei wird man auch heftig auf die Nase fallen, aber es ist ein absolutes Glücksgefühl, wenn man es hinbekommt.

Und wenn man es dann das erste Mal hinbekommen hat, will man sofort freihändig fahren. Und dann an der Tour de France teilnehmen. Aber es dauert Jahre bis zur Meisterschaft – wenn überhaupt!

Das erste Mal volle Verantwortung übernehmen, ist wie das erste Mal freihändig fahren. Aber man muss eben auch die Verantwortung üben, üben und üben, will man sie eines Tages mal meisterhaft beherrschen – und damit in der Lage sein, ein ganzes Unternehmen zu verantworten.

Arbeit für Erwachsene

Arbeiten ohne Stützräder

Heute bin ich mir sicher: Jeder kann Verantwortung lernen. Ein Unternehmen, das bei seinen Mitarbeitern die Verantwortung wachsen sehen möchte, kann folgendes tun:

  • Keine oder nur ganz wenige Vorschriften und Regeln ausgeben (viel weniger als Sie glauben ausgeben zu müssen).
  • Den Mitarbeitern die Gelegenheit geben, selbst zu entscheiden und damit heftig auf die Nase zu fallen (ohne dabei einen Totalkollaps zu erleiden).
  • Ihnen Zeit lassen zum Üben.
  • Fürsorge VERMEIDEN!

Jawohl, vermeiden. Denn Fahrradfahren lernt man niemals, solange noch Stützräder dran sind. Der Tag, an dem sich der Papa traut, die Stützräder abzumontieren, ist der Tag 1 des Fahrradfahrenlernens. Alles davor ist Dreiradfahren de luxe.

In meiner Firma galt darum: Jeder nehme sich so viel Arbeit und so viel Urlaub, wie er will und wie er braucht. Und ich forderte nichts Bestimmtes ein – wir hatten uns ja schon bei der Einstellung darauf verständigt, gemeinsam erfolgreich zu sein. Ich ließ auch jeden die Seminare und Kongresse besuchen, die sie brauchten und für sich und ihr Team für förderlich hielten. Ich wollte, dass sie sich das Equipment kauften, das sie brauchten und das ihr Team voranbrachte. Meine Leute entschieden selbst, ob sie einen Sitzball oder einen harten Stuhl kauften, und sie überlegten selbst, ob sie einen Yogakurs brauchten.

Kurz: Ich behandelte sie wie Erwachsene, weil ich selbst auch so behandelt werden wollte. Erwachsene entscheiden im privaten Umfeld wahnsinnig viel, sogar so große, spielentscheidende Dinge wie Partnerwahl, Kinderkriegen oder Hauskauf. Ich sah nicht ein, warum sie zu Kindern infantilisiert werden sollten, sobald sie zur Bürotür hereinkamen. Auch bei mir sollten sie Entscheidungen treffen können.

Halten Sie sich gefälligst raus!

Und das ging nur, wenn ich nicht übergriffig wurde durch Reglementierungen und Vorgaben oder durch Maßnahmen wie: Sinnstiftung. Oder Identifikationsgeschwurbel. Oder Wohlfühl-Klimbim. Oder Gesundheitsförderung.

Denn dann wird Entmündigung mit „Fürsorge“ betitelt und gerechtfertigt. Mit Fürsorge behandelt man Menschen nicht wie selbstbestimmte Wesen, sondern als Objekte, als Material, als „Human Resources“. Wenn Sie Menschen als Menschenressource betrachten, bedeutet das, dass Sie ihnen nicht einmal zutrauen, Menschen zu sein. Sondern Sie gehen davon aus, dass Sie, der Chef, die Ressource entwickeln, ihr Potenzial ausschöpfen und sie damit erst von der Menschenressource zum Menschen machen. Als ob die nicht selbst nach Gesundheit, Glück, Erfüllung, Erfolg etc. streben könnten!

Sich für seine Mitmenschen zu interessieren und sich um sie zu kümmern, ist gut und vernünftig und völlig menschlich. Auch große Gefahren abwenden zu versuchen und allfällige Gesundheitsrisiken zu mindern halte ich für selbstverständlich. Aber sobald Sie übergriffig werden, indem Sie glauben zu wissen, was Ihren Mitmenschen guttut, ist das Paternalismus, Wohlfahrt, Machtmissbrauch – eben Fürsorge. Und damit eindeutig zu viel des Guten!

Das heißt: Für mich ist ein Unternehmen, das seine Mitarbeiter beispielsweise ermuntert, auf sich aufzupassen und nicht zu viel Arbeit mit in die Freizeit zu nehmen, gerade noch an der Grenze des Zumutbaren. Aber ein Unternehmen, das seinen Mitarbeitern verbietet, nach 18 Uhr E-Mails zu lesen, ist ein absolute Frechheit! Erwachsene Menschen wissen selbst, wann sie E-Mails lesen wollen und wann nicht! Maschinen stellt man ab, wenn man sie nicht braucht, Menschen nicht.

Nein, Unternehmen haben keinen Bespaßungs-, Heilungs- und Fürsorgeauftrag. Und nein, ein fürsorglicher Chef ist für mich kein guter Chef!

 


Bild: © Depositphoto – 39183135/Wavebreakmedia

 

20 Kommentare

  1. Frank Dobner sagt

    Dieser Artikel spricht mir so sehr aus der Seele und dabei beleuchtet er ja nur einen kleinen Teil der „Fürsorge“ die man in so manchen Unternehmen erleben darf! Bin heute Abend in Alfter bein Meetup dabei. Zum ersten mal… Und schon so gespannt.

  2. Der Artikel ist gut, auch wenn ich ihm & damit ihnen nicht in allen Punkten zustimme.
    Wahrscheinlich liegt es in der Definition von Fürsorge, da auch ich für Verantwortung und Entscheidung durch die Mitarbeiter bin.

  3. Ich teile ihre Inhalte nur zum Teil, meine Erfahrungen basieren auf einer langen Erfahrung als Mitarbeiter, Teamleiter, Betriebsleiter, Manager auf der einen Seite und als Betriebsrat, Zentralbetriebsratsvorsitzender und Aufsichtsrat auf der anderen Seite der Waagschale.

    In meiner jetzigen Selbstständigkeit als Mediator und in der entsprechenden Haltung als allparteilicher Vermittler übernehme ich sehr viel „menschliche“ Verantwortung bei der Konfliktbearbeitung der streitenden Medianden.

    Die Balance zwischen den typischen Qualitäten (Werte, Haltungen, und Prinzipien) sowie die charakterlichen Stärken und Schwächen der geprägten Menschen kann unter anderem auch nur durch eine entsprechende Fürsorgepflicht (Gesundheitsschutz der MitarbeiterInnen) der Unternehmen und deren handelnden Vorgesetzten hergestellt werden.

  4. Pascal Wenger sagt

    “ Erwachsene Menschen wissen selbst, wann sie E-Mails lesen wollen und wann nicht! “ Ist nicht gerade hier der Hund begraben. Ist es so, dass Erwachsene Menschen es selbst wissen? Wechseln wir die Perspektive. Entsteht die „Fürsorge“ in ihren diversen Ausprägungen nicht gerade deswegen weil erwachsenen Menschen gewisse Fähigkeiten abhandengekommen sind?

    • Bodo Wünsch sagt

      @Pascal Wenger

      Wem ist was genau „abhanden“ gekommen, und was er nicht wieder lernen könnte? Und wer zwingt sie, mit solch suspekten Leuten zusammenzuarbeiten?

      @Lars

      Wunderbarer Beitrag.

  5. Ute Kirsche sagt

    Spannend, das Thema auch mal von anderen Betroffenen so beleuchtet zu bekommen. Manchmal frage ich mich, was uns der Gesetzgeber als Unternehmer / Vorgesetzte usw. noch alles so aufbrummen wird. Man hat das Gefühl der Rahmen wird stets enger. Vielleicht ist das auch so, vielleicht nicht, weil einfach nur anders und neu. Fakt ist, dass manche Mitarbeiter (m/w) sich regelrecht auszuleben versuchen in Dingen im Untenehmen, die sie wahrscheinlich in ihrem eigentlichen Leben nicht unter bekommen. Insoweit haben wir sicher eine Fürsorgepflicht den anderen Mitarbeitern (m/w) gegenüber. Themen wie Arbeitssicherheit, normale Arbeitszeiten, also alles , was sich um gute Arbeitsbedingungen dreht, sind auch für mich selbstverständlich. Die sollten auch weniger reglementiert werden. Doch auch Mitarbeiter sind (meist) erwachsene Menschen und sollten wesentlich mehr unternehmerisch in ihren Unternehmen handeln und vor allem auf sich selbst aufpassen. Das kann niemand jemand anderem überlassen. Und per Gesetz den Vorgesetzten und Unternehmern aufpacken – ist für mich wie Kindergarten (Gesundheitsmanagement, bEM z.B.).

  6. T.S. sagt

    Ach Herr Vollmer, lieber Doktor, wenn das alles so ist, wie Sie schreiben, dann müssten Sie das doch gar nicht schreiben. Ihre Firma, Ihr Team war(en) und ist(sind) beispielgebend, innovativ, inspirativ, umsichtig, menschlich….spitze. Das finden Sie weder in den meisten Unternehmen, noch bei den meisten Führungskräften und auch nicht bei den meisten Mitarbeitern.

    Strategie&, die Strategieberatung von PwC hat ermittelt, dass die Fluktuationsquote der Chefposten in den 300 größten Unternehmen der D-A-CH Region von zehn Prozent im Jahr 2014 auf 16,7 Prozent im Jahr 2015 gestiegen ist. Alles Leute mit enormer Führungserfahrung und einer Erreichbarkeit von 24/7. In kleinen und mittleren Unternehmen sieht es nicht anders aus, wenn es um Erreichbarkeit, Arbeitsbelastung und Führungskultur geht.

    Wenn wir alle 18:00 Uhr noch Mails lesen, dann schreiben wir 19:00 Uhr auch noch welche, um darauf zu antworten. Ein Kollege ist vor ein paar Tagen im Alter von 54 Jahren gestorben!? Ich bin im selben Alter und war für meinen Geschmack schon bei zu vielen Trauerfeiern. Wir sollten auch versuchen die mitzunehmen, die zu viel wollen. Für die, und für die, nicht nicht so viel wollen, sind Regeln und Vorschriften – sagen wir besser Leitplanken?! – nicht die schlechteste Lösung. Oder?

  7. Matthias Schmidt sagt

    Vielen Dank für diesen Artikel. Ihre Inhalte kann ich teilen, sofern wir nur über die Mitarbeiter im Einzelnen sprechen. Fürsorge ist m.E. aber dennoch notwendig – ganz konkret im Bezug auf ein Team. Ich bin ganz bei Ihnen, erwachsene Menschen können eigene Entscheidungen treffen. Sie sollen das auch für ihre Arbeit und ihr Unternehmen tun und sie müssen das ganz unbedingt auch dürfen. Was im Privaten funktioniert, sollte auch auf Arbeit funktionieren.
    Im Privaten kann ich mich aber auch sehr gut abgrenzen, von Menschen, die nicht genau meine Interessen & Ansichten teilen, von Menschen mit Wertvorstellungen, die nicht meinen Entsprechen, Menschen mit anderem Qualitätsbewusstsein, etc. etc.
    In einem stark heterogenen Team – was ich im Übrigen unbedingt für eine Teamzusammenstellung empfehlen möchte – tauchen sehr schnell Konflikte auf. Die Kompetenz im Umgang mit Konfliktsituationen ist in unseren Breitengraden nicht sonderlich gut ausgeprägt. So zumindest meine Erfahrungen aus vielen Jahren. Nicht unwahrscheinlich, dass deshalb so viele Mediatoren, Berater, Personal Coaches und whatever else sehr gut im Geschäft sind.
    Und hier, bin ich der Überzeugung, darf die Fürsorge des Chefs, die des Unternehmens für seine Mitarbeiter, durchaus noch gelebt und evtl. sogar verstärkt werden.

  8. Stefan Bittner sagt

    Theoretisch stimme ich Deiner heutigen Kolumne absolut zu: Jeder Mensch sollte in der Lage sein, zumindest für sich die richtigen Entscheidungen zu treffen. Und wenn er/sie dann so cool ist , diesen Schritt hinbekommen zu haben, dann ist er/sie bestimmt auch in der Lage, für die Firma die richtigen Entscheidungen zu treffen.

    Wenn er/sie das überhaupt darf! Wie viele so coole Firmen gibt es denn, in denen solch ein Verhalten gewünscht ist? Wie viele so coole Chefs gibt es, die überhaupt in der Lage sind, sich nicht wie ein Chef zu verhalten und ihren Mitarbeitern diesen Freiraum geben können?

    Wie viele Menschen sind denn heute in der Lage, wichtige Entscheidungen außerhalb ihres eigenen Umfelds zu treffen, wenn dies ihr Leben lang unterbunden wurde?
    Angefangen in der Familie über die Schule bis hin zu „normalen“, hierarchisch geführten Unternehmen. Gibt es nicht besonders viele Menschen, die gerne Jobs machen, bei denen sie keine Entscheidungen treffen wollen oder müssen? Nicht jeder ist der geborene Unternehmer. Und nicht jeder Unternehmer ist einer, der kein Arschloch sein will!

    Du hast recht. Menschen sind in der Lage, für ihr Leben mehr oder weniger gute Entscheidungen zu treffen. Und wenn ich in meinem Unternehmen möchte, dass meine Mitarbeiter Entscheidungen treffen, dann muss ich sie irgendwie dahin motivieren (denn sie sind ja aus verschiedenen Gründen nicht alle cool). Ich kann hoffen, dass ich irgendwie ihre intrinsischen Motivation erwecken kann. Und wenn sie dann Entscheidungen treffen, schöpfe ich auch ihr gesamtes Potential aus. Denn über ihren Bereich wissen sie ja viel mehr. Eventuell sogar mehr als ich. (Siehe „Turn The Ship Around“ von David Marquet)

    Wenn man nun als Unternehmer solch eine Kultur in seinem Unternehmen etablieren möchte, ist man dann nicht schon fürsorglich? Bin ich nicht schon fürsorglich, wenn ich unterstütze, dass es jeden Mittag gutes Essen in meiner Firma gibt? Diese Liste von Kleinigkeiten könnte ich beliebig erweitern.

    Ist es nicht eher so, dass ich erst dann weniger fürsorglich sein kann, wenn sich der Lebensweg, die Erziehung usw. dahingehend ändert, dass Menschen von klein auf zu voller Selbstständigkeit erzogen werden? Und das ist doch eher eine Utopie.

    Und damit sich trotzdem etwas ändert, bin ich doch lieber ein bisschen fürsorglich und bringe mehr Menschen/Mitarbeiter in die Position, Entscheidungen treffen zu dürfen und schaffe ihnen dadurch mehr Freiraum und mir die bessere Firma. Dadurch komme ich der Utopie etwas näher. Und das ist doch gut so.

  9. Michael Schiller sagt

    Ein schöner, kontrastreicher Artikel von einem großartigen Mentor! Danke!

    Eine Frage: Wenn es einem Mitarbeiter schlecht geht, aus welchen Gründen auch immer, wenn es Teamdynamiken, Entscheidungsschwierigkeiten, Ängste, Unsicherheiten, (eigengemachte) Überforderung gibt, warum sollte ich mir oder warum sollte sich ein andere Mitarbeiter nicht den Hut der Fürsorge temporär aufsetzen dürfen?

    Du suggerierst, dass wir es mit zu jeder Zeit rational denkenden, smarten Menschen zu tun haben. Und fürwahr, in den meisten Situationen kann ich das prinzipiell so stehen lassen.

    Nun hat man aber nicht immer Mitarbeiter, die diesen Reifegrad mitbringen, die sich auf dem langen Weg befinden, sich selbst zu entdecken, sich mehr und mehr zutrauen, ihre Grenzen austesten, sie überwinden, ja, die Hände vom Lenker erst noch loslassen müssen. Wir sind alles nur Menschen, nicht wahr?

    Eines habe ich lernen dürfen: Überlasst die Teams nicht einfach so sich selbst. Fürsorge (als Teil von Führung) heißt für mich auch, ihnen den richtigen, individuellen Rahmen zu geben, in dem sie sich und ihr großartiges Potenzial, das in jedem steckt, entwickeln können.

    Alles in Allem könnte es möglicherweise in der Unternehmensrealität ein Balanceakt zwischen guter Führung und situationsabhängiger Fürsorge sein.

    • Lieber Herr Schiller,
      ich glaube, es geht hier mehr um die grundsätzliche Einstellung zum Thema Führung. Zu jedem grundsätzlichen Standpunkt gibt es natürlich immer auch Ausnahmen, die in angemessener Ausprägung genau das gegenteilige Verhalten rechtfertigen, ja sogar einfordern können. Für mich persönlich schließt sich das nicht aus.
      Beste Grüße
      Richard Glahn

  10. Lieber Lars,
    das sehe ich ganz genau so. Und deswegen habe ich auch ein Buch dazu geschrieben; erhältlich seit diesem Montag :-). Es handelt im Kern davon, dass Führungskräfte Ihren Mitarbeitern mehr vertrauen/zutrauen und sich weniger in deren Arbeit einmischen sollen. Die dadurch für sie selbst frei werdende Zeit sollen sie nutzen, um ihren Bereich strategisch zu entwickeln – ein während aller Verbesserungsbemühungen im Unternehmen nämlich gerne vergessenes Weiterentwicklungsfeld. Im Buch zeige ich, wie man ein Unternehmen so entwickelt, dass alle Tätigkeiten passend wahrgenommen werden können und passend wahrgenommen werden. Ich hoffe, Du siehst es mir nach, dass ich in Deiner Kolumne auf mein eigenes Büchlein aufmerksam mache, aber es passt zu Deinem Artikel wie der Deckel auf den Topf.
    Viele Grüße
    Richard

  11. Ich verstehe Ihre Hypothese und Werte als sinnorientiert und –führend in Richtung „Reinventing Organization“, selbstführende Organisationen/Unternehmen. Bemerkenswert und zukunftsorientiert im Sinne erwachsener, sinnstiftender Möglichkeiten der Zusammenarbeit. Das kann durchaus funktionieren. In Deutschland kenne ich leider kaum Beispiele, bei denen es klappt. Denn so ganz einfach lässt sich selbst dieser schöne Gedanke von oben nicht „anschaffen“, denn Menschen wollen (viele können auch nur) auf dem Level abgeholt werden, auf dem Sie stehen.

  12. Joern Carsten Thimm sagt

    Wieder ein Artikel den ich mit viel Interesse gelesen habe. Das es Mitarbeitern verboten wurde E- Mails nach 18 Uhr zu lesen lag wohl eher daran, daß ihnen die Kompetenz verloren gegangen ist zu unterscheiden. Z.B. Wichtig und unwichtig. Unterscheidet man aber nicht mehr, kann man auch nicht entscheiden. Denn unterscheiden und mich letztendlich entscheiden, kann ich nur zwischen mindestens zwei Dingen. Also mußte in meinem Augen es jemand anderes für sie entscheiden. Danach könnte die Kompetenz wider aufgebaut werden. So weit ich weiß ist Regel wieder aufgehoben. Zustimmen muss ich Ihnen auch beim Punkt. Regeln und Richtlinien. Die sollten auf Minimum beschränkt bleiben, da sie sonst die Freiheit des Einzelnen in seinem Denken und somit auch in seiner Kreativität beschränkt. Das sollte nicht passieren, sonst wird es nie dazu kommen das vielgeprisene Potential des Mitarbeiters auszuschöpfen. Überlässt man also dem Mitarbeiter Entscheidungen, so wird er an den Erfahrungen wachsen. Da wird in meinen Augen auch öfter der Führungskräfte verwechselt. Die wollen gerne das die älteren den jüngeren ihre Erfahrung weiter geben. Das geht aber nicht. Sie können nur Ihr Wissen weiter geben.Daran sollte gearbeitet werden.

  13. Ich rekapituliere: Was war wichtig, damit meine Tochter das Fahrradfahren lernen konnte? Tatsächlich die Chance, selbst zu entscheiden, wann und wie sie loslegen möchte, wenige grundlegende Tipps (bzw. Antworten auf ihre Fragen) – und ausreichend Zeit und Gelegenheit zum Üben. Und natürlich auch der ein oder anderen Sturz (denn auch Fallen will geübt sein). War das ausreichend? Anfänglich – so werden die meisten Eltern wissen – ist oft noch ein Anschubsen beim Anfahren nötig. Und die ersten Übungsfahrten sollten in sicherem Terrain erfolgen. Aber dann – dann kommt es tatsächlich meist nur noch darauf an, dass die Eltern Mut zum Loslassen haben!

    Übertragen auf das Arbeitsleben: Arbeiten ohne Stützräder, Arbeit für Erwachsene – d’accord! Und dennoch bedarf es neben dem grundsätzlichen Plädoyer für Freiräume und Eigenverantwortung auch Ausnahmen, in denen eine gewisse Fürsorge angebracht ist. Fürsorge nicht im Sinne eins Infantilisierens bzw. einer Entmündigung „von oben Herab“, sondern im Sinne von menschlichem Mitgefühl, im Sinne von Empathie. Denn auch oder vielleicht gerade die „coolen Typen“ haben nicht in allen Lebenssituationen ausreichend Fokus auf das Wichtigste, nämlich darauf „erstmal dafür zu sorgen, dass es mir selbst gut geht – wirtschaftlich, gesundheitlich und persönlich“ (Lars Vollmer).

  14. Ich bin bei diesem Artikel hin- und hergerissen. Bin sehr dafür, dass man Erwachsene auch wie Erwachsene behandelt.

    Nur hab ich eines gelernt: Gerade die Tatsache, dass wir Menschen sind, lässt uns falsche und für uns hochgradig gefährliche Entscheidungen treffen. Ich hab sie so oft gesehen, die Leute die keinen Feierabend machen und die das als Vorbild auch noch anderen vorleben, die das früher oder später nachmachen.

    Übrigens passt der Vergleich mit den Stützredern nicht: entwese fällt das Kind oder es fällt nicht. Direktes Feedback und dann kann man es. Wenn man sich überarbeitet, kann es passieren, dass man das über Wochen nicht merkt, irgendwann normal findet und trotzdem nicht den gewünschten Erfolg hat.

    Man muss es mit der Einmischung nicht übertreiben, ja, aber die Umstände sind auch je nach Unternehmenskultur unterschiedlich. Awareness schaffen, also informieren muss sein. Ein Mailverbot nach 18 Uhr … kann mir schon vorstellen, dass das Sinn macht.

  15. Judith Kurz sagt

    Liber Lars,
    es ist in der Tat die Frage der Definition von „Fürsorglichkeit“, die hier zum Thema wird. Und ich weiß, dass du auch gerne die Rolle des „Agent Provokateurs“ einnimmst;-).

    Grundsätzlich sind wir uns einig, „Fürsorglichkeit“ im Sinne von Bevormundung und Übergriffigkeit, Kleinhalten und ein Nicht-Zutrauen bringt ein Unternehmen nicht weiter.

    Also an alle drei folgenden Punkte würde ich sofort einen Haken machen:
    – Keine oder nur ganz wenige Vorschriften und Regeln ausgeben (viel weniger als Sie glauben ausgeben zu müssen).
    – Den Mitarbeitern die Gelegenheit geben, selbst zu entscheiden und damit heftig auf die Nase zu fallen (ohne dabei einen Totalkollaps zu erleiden).
    – Ihnen Zeit lassen zum Üben.

    Das mit der Fürsorglichkeit ist dann die Frage, was wir daunter verstehen wollen:
    Du sagst: Unternehmen haben keinen Bespaßungs-, Heilungs- und Fürsorgeauftrag. Das gekoppelt alles in einen Topf zu werfen ist ja schon etwas tendenziös.

    Natürlich sind wir nicht dazu da, die Mitarbeiter zu bespaßen und ihnen zur Heilung ihrer privaten Porbleme per se zu verhelfen aber wir sind Menschen in einem menschlichen System – und Mitgefühl, Empathie und das Streben danach was Gutes erreichen zu wollen gilt für alle Seiten, fürs Unternehmen selbst, für die Kunden des Unternehmens aber ebenso für die Mitarbeiter, denn die sind mindesten genauso wichtig. Lass sie groß werden und wachsen, alleine Entscheidungen treffen, sich wie Erwachsene verhalten – aber wenn wir sehen, dass es jemandem nicht gut geht (aus welchen Gründen auch immer), er sich überfordert oder unter seinem Potenzial arbeitet, dann darf, nein dann habe ich als Führungskraft (oder als Mitmensch) durchaus die Pflicht darauf einzugehen. Manche nennen es „Fürsorge“.
    Du schreibst: Ich lernte schlagartig, dass Verantwortung übernehmen unter Anderem bedeutet, das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden und erstmal dafür zu sorgen, dass es mir selber gut geht – wirtschaftlich, gesundheitlich und persönlich –, da ich sonst für alle anderen nutzlos gewesen wäre. Dafür zu sorgen, dass ich Entscheidungen traf und alle Konsequenzen daraus trug. Dafür zu sorgen, dass ich immer weiter dazulerne.

    Wenn du dies vorlebst und du ein Umfeld schaffst in dem du dies auch den Mitarbeitern erlaubst – und so scheint es bei dir ja der Fall gewesen zu sein – dann übernimmst du Verantwortung, als Unternehmer und als Mensch.

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