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»Augenhöhe« – Laudatio und Film

Am vergangenen Freitag feierte in Hamburg der Film »Augenhöhe« vor rund 400 Premierengästen seine Erstaufführung. Ein Film über Vorreiter und Vordenker von New-Work. Das Projekt wurde auf einem Wevent von intrinsify.me geboren und ich hatte die große Freude, den Film inhaltlich einzuordnen und angemessen zu lobpreisen. Hier die Laudatio in gekürzter Fassung und natürlich der Film selber…

Lars Vollmer_Laudatio des Films Augenhoehe»Was für ein wundervoller Abend – sicher kann sich jeder glücklich schätzen, hier zu sein und sich nicht den Rückrundenstart der Bundesliga antun zu müssen. Und, liebes Augenhöhe-Team, liebe Gäste, was für eine wunderbare Aufgabe, für Euch und Sie ein paar Worte zu sprechen.

Der Abend ist schon jetzt – obwohl es außer rotem Teppich, warmer Worte und Britzelwasser noch gar nichts zu bestaunen gab – ein Spiegelbild der ganzen Augenhöhe-Initiative. Er ist ein Teil des Ergebnisses. Und er ist ein Teil der Magie, den Ihr, liebes Augenhöhe Team und Euer Zelluloid-Baby nun seit über einem Jahr bei uns allen erzeugt.

Ihr habt uns gesagt, der Film wolle kein großes Fass aufmachen. Jeder von uns kann sich gleich selbst ein Bild machen, ob das stimmt. Aber eines ist ganz sicher: das Projekt, Eure Initiative hat ein großes Fass aufegmacht. Allein die knapp 400 Gäste heute abend belegen dies eindrucksvoll.

Aber es geht hier überhaupt nicht um einen Film. Nicht um 45 Minuten Popcorn-Kino, um den verschneiten Januar-Abenden etwas Kurzweiligkeit abzutrotzen. Nicht um eine Phantasiewelt, nicht um tränenprovozierenden Wirtschaftsromantik und auch nicht um den in eine tatort-typische Story verpackten erhobenen Zeigefinger.

Ihr fünf, Daniel Trebien, Phillip Hansen, Silke Luinstra, Sven Franke, Ulf Brandes und alle Eure Mitstreiter wollt mehr: Film & Dialog. Dialog zum Film – wenn auch aus akustischen Gründen nicht zwingend gleichzeitig. Es geht Euch um einen Anstoß, um einen Anstubser, der seine Wirkung nur erzielen kann, wenn er Einzug in die Kommunikation, eben in den Dialog erhält.

Aber was für eine Wirkung? Was verfolgt der Film »Augenhöhe« für einen Zweck? Ich selber nehme hier 3 wesentliche Punkte wahr:

1. Gesellschaftliche Relevanz.

Arbeit ist ganz sicher eines der zentralen Megathemen unserer Gesellschaft. Mit vielen unterschiedlichen Facetten. Viel zu laut sind die Stimmen, die Wirtschaft sei völlig entrückt von der Realität, scheinbar völlig entrückt von den Menschen. Die Digitalisierung verändert unsere Arbeit an sich, unsere Arbeitsmöglichkeiten und unsere Arbeitsumfelder beständig und unaufhörlich. Eingebettet in eine nationübergreifende Wirtschaft beschäftigen uns Themen wie Überalterung oder Etikettierungen wie ›Generation Y‹.

Es braucht zweiwelsfrei eine breite gesellschaftliche Debatte über Arbeit und wir hier um Saal dürften nicht die einzigen sein, die diese Debatte nicht nur den Jauchs und Maischbergers, nicht nur den Sinns und Bofingers, nicht nur den Prechts und Lobos überlassen wollen. Dieser Film schafft einen emotionalen Zugang zu dieser Debatte und hat sicher allein deshalb schon im Vorfeld so viele Anhänger gefunden.

2. Fortschritt

…ein großes Wort, das viele unterschiedliche Gefühle auszulösen vermag. Wer würde nicht dem Fortschritt der Medizin seit dem Mittelalter etwas Positives abgewinnen können. Aber sind wir bei der Stammzellenforschung auch alle einer Meinung? Wie sieht es in der Arbeitswelt aus? Sind Computer ein Fortschritt? Als was stufen wir industrielle Automatisierung ein – als Wohlstandsförderung oder Arbeitsplatzvernichtung? Fortschritt ist immer auch eine sehr subjektive Wahrnehmung.

So subjektiv werden wir auch manches einstufen, was uns hier gleich vor Augen geführt wird. Ist die bei flüchtigem Blick anarchisch anmutende Organisationsweise eines Getränkeherstellers ein Rückschritt in die 68er Jahre oder ein sozialer Fortschritt, um schneller Ideen entwickeln zu können und Leben und Arbeit in Einklang zu bringen?

Der Film entscheidet das nicht für uns, er fordert uns eher dazu auf, ein eigenes Urteil zu bilden, durch – salopp gesagt – Selber-Denken und eben durch den Dialog, der tatsächlich eine Symbiose zum Film und nicht nur ein partizipatives Feigenblatt darstellt.

Der Film will keine Ratschläge geben, nicht moralisch urteilen, aber er will, und das ist die dritte Wirkung, die ich intendiere und dem Film von ganzem Herzen wünsche, er will Mut machen.

3. Mut machen,

um die Arbeitswelt nicht nur einer tayloristischen Lehrbuchmeinung auszuliefern, sondern um aktiv nach Fortschritt Ausschau zu halten. Und Augen zu öffnen, dass es alternative Arbeitswelten, die auf Augenhöhe eben, tatsächlich gibt. Und das nicht nur in hippen berliner Start-Up Büros, sondern auch – wie Sie sehen werden – in der Sozialwirtschaft, bei einem Baudienstleister, im südbadischen Maschinenbau, in der Lebensmittelindustrie oder bei einem internationalen Lifestyle Konzern.

Eine Sorge habe ich aber doch! Dass wir das gesellschaftliche Kinde mit dem moralischen Bade ausschütten. Dass wir eine Werteschlacht befeuern, wo es doch eine gesellschaftliche Systemveränderung braucht.

Seit den 80iger Jahren kennen wir das Shareholder-Value Modell, das einzig den Inhaber, die Kapitalgeber eines Unternehmens an die Spitze der Macht- und Anspruchspyramide stellt und das in den 90er und 2000er Jahren seine zerstörerische Wirkung eindrucksvoll bewiesen hat. Das Gegenmodell kann aber nicht heißen, die Pyramide schlicht auf den Kopf zu stellen. Schlichtheit im Denken war noch nie ein Garant für gesellschaftlichen Fortschritt. Ich fühle mich durch so manche Ereignisse in Deutschland aktuell in dieser Meinung wiederholt bestätigt.

Es geht bei einem Wirtschaftsbetrieb immer darum, Werte zu schaffen und das für 3 Anspruchsgruppen gleichermaßen: den Gründern/den Eigentümern, den Menschen die dort in welcher Form auch immer tätig sind UND den Kunden, den Klienten, den Gästen, oder wie auch immer wir sie nennen.

Es darf uns also nicht um ›oben gegen unten‹ oder um ›unten gegen oben‹ gehen. Aber auch nicht um ›oben und unten gemeinsam‹. Wir sollten vielmehr die Pyramide aus unseren Köpfen bekommen und uns der Gleichzeitigkeit aller drei Ansprüche bewusst werden.

Ein Wirtschaftsbetrieb muss zwingend Geld verdienen, sonst wird er Opfer der Wirtschaftsevolution. »Das Fressen kommt vor der Moral« hat uns Bertold Brecht ins Gesangbuch geschrieben. Wir sollten also weder uns noch die Protagonisten des Filmes auf die moralisch höhere Stufe platzieren, sondern vielmehr die Energie und den Mut aus denjenigen Beispielen ziehen, die Wettbewerbsfähigkeit UND ein Wirtschaften auf Augenhöhe verbinden. Und uns genau diese Beispiele zu zeigen, ist eine große Errungenschaft des Films.

Lassen wir uns also anstecken von dem Mut der Menschen, die, ganz egal ob als Gründer oder als Mitarbeiter ein nicht zu unterschätzendes persönliches Risiko eingehen. Lassen wir uns anstecken von der Kraft der Bilder, die das Team erzeugt hat und der kuratorischen Leistung bei der Auswahl von authentischen und kraftvollen Worten der interviewten Menschen.

Ihnen und Euch, liebe Gäste wünsche ich viele Inspirationen und Dialogimpulse. Und Euch, liebes Augenhöhe-Team vielen Dank für die Arbeit und Liebe, die ihr in das Projekt gesteckt habt.«

Und nun Film ab:

1 Kommentare

  1. Niels Pfläging sagt

    Drei Gesellschaftliche Anspruchsgruppen werden in der Laudatio genannt: Eigentümer, Mitarbeiter, Kunden. Eine fehlt leider. Erst mit der vierten wird es rund.
    Die 4. heisst: Gesellschaft.

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