Alle Artikel in: Wirtschaft

Mythos Markt – Warum Marktdruck nicht jeden trifft

Marktdruck ist ja ein richtiges Modewort geworden. Es ist schon so populär, dass es in die Alltagssprache übergegangen ist. Achten Sie mal drauf. Da lesen wir Bemerkungen wie: »Der Markt übt starken Druck auf die Unternehmen aus.« »Der allgemeine Marktdruck zwingt uns in die Knie.« Natürlich gibt es dann auch tolle Tipps, wie Unternehmen dem steigenden Marktdruck standhalten können. Alles Blödsinn, wenn Sie mich fragen! Den Markt per se gibt es gar nicht. Er ist etwas Abstraktes. Sie können ihn nicht anrufen, er hat keine Adresse, er antwortet Ihnen nicht. Darum übt er auch auf niemanden Druck aus. Ja, hinter dem Mythos ›Marktdruck‹ steckt ein Denkfehler. Und nicht nur das: Auch zu glauben, dass es dann eben die Kunden sind, die Druck auf Unternehmen ausüben, geht an der Realität vorbei. »Wir müssen uns den Kundenwünschen anpassen.« »Die Kunden erwarten von uns …« Newsflash: Die Kunden haben keine Ahnung, was sie wollen. Moment, das ist so nicht ganz richtig. Kurzfristig wissen sie es sehr wohl. Aber langfristig wollen sie immer nur das, was sie im Wettbewerb schon …

Effizienz, Ja – Aber …

»Aber das senkt doch die Effizienz!« Genau. So läuft das. Wenn Manager in Meetings zusammen sitzen, fällt früher oder später das E-Wort. Oder auch das P-Wort (Produktivität). Und dann ist Stille. Denn Effizienz, das ist der Grundkonsens der Manager: Mehr Effizienz, das brauchen wir auf jeden Fall! Jetzt will ich gar nicht meckern – Effizienz ist wichtig in jedem Unternehmen. Darauf zu achten, ist natürlich nicht verkehrt. Mehr Leistung bei geringeren Kosten – D’accord! … aber. Sie haben es geahnt: Ich habe ein Aber! Das ständige Fokussieren auf Effizienz, wenn es um Veränderungen geht, wird der heutigen Realität einfach nicht mehr gerecht. Es ist ein Teilaspekt, ja, aber doch längst nicht alles, was ein erfolgreiches Unternehmen ausmacht. Zu den oft zitierten Zeiten Frederick Taylors war das noch so. Seine ganze Grundidee lag ja darin, den optimalen Weg (»one best way«) zu finden, um die Produktivität so hoch wie möglich zu halten. Warum? Andere Faktoren waren für den Markt schlicht nicht ausschlaggebend. Die Hersteller bestimmten den Markt. Es ging ums Massengeschäft. Nehmen Sie zum Beispiel Waschmaschinenhersteller. Als Waschmaschinen sich …

Es gibt keine dumme Fragen … falsche aber schon!

Wenn ich von Wrong Turns spreche, wird mir immer wieder die Frage gestellt, wie sich Wrong Turns denn in Right Turns verwandeln lassen. Wie sich Manager stattdessen verhalten sollen oder wie das Unternehmen anders gestaltet werden kann. Da kommen dann so Ausrufe wie: »Keine Assessment Center mehr? Wie sollen wir denn dann geeignete Mitarbeiter finden, ohne ein Vermögen dafür auszugeben?« »Keine Pläne mehr machen und deren Einhaltung fordern? Wir arbeiten in der Realwirtschaft, Herr Vollmer, wie sollen denn dann Ziele erreicht werden?« »Nicht mehr nach bewährten Mustern agieren? Wie sollen wir denn sonst handeln?« Genau an dieser Stelle ist Vorsicht geboten, damit Sie nicht in einen neuen Wrong Turn schlittern. Denn solche Fragen zielen darauf, ab, das alte Rezept einfach gegen ein neues einzutauschen. Dabei funktionieren Rezepte in der komplexen Welt ja gar nicht, weil sie einer simplen Wenn-Dann-Logik folgen. Neue Rezepte sind genauso toxisch wie alte. Was also tun? Ich schlage vor: Stellen Sie die richtigen Fragen! Klar, als Kind wurde mir gesagt, es gäbe keine dummen Fragen. Und das stimmt vermutlich auch. Aber …

Ep. 47 Die versaute Sprache der BWL

Episode 47 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«:     Wörter sind wie Schall und Rauch – hat mein Erdkundelehrer immer gesagt. Und jetzt hat es fast tatsächlich 30 Jahre gedauert bis ich endlich weiß, wie unrecht der Mann hatte. Denn Sprache prägt natürlich in erheblichem Maße unser Denken. Gern auch anders rum: Denken prägt unsere Sprache. Und wenn wir uns unsere Wirtschaftssprache heute anschauen, dann ist es ganz erschreckend, wie durchsetzt sie von mechanistischen Denken ist. Wir hören da Begriffe wie »ins Boot holen« oder »in die richtigen Bahnen lenken« oder »die Weichen stellen«. Als wenn das Unternehmen eine Lokomotive wäre. Oder »to fix a problem« – »ein Problem lösen«, als wenn es ein Schnürsenkel wäre oder ein Knoten. Die BWL, mit Verlaub, die hat uns da scheinbar schon sehr versaut. Denn sie hat uns irgendwie eingebläut oder einbläuen wollen, dass Unternehmen, Organisationen, ja fast schon die ganze Wirtschaft am Markt wie eine Maschine zu denken wäre. Eben wie eine Lokomotive, wie eine Waschmaschine, wie eine Saftpresse. Aber mit diesem Denken werden wir heute zunehmend immer wieder …

Ep. 45 Vorhersage -Die kindliche Naivität von Big Data-Jüngern

Episode 45 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«:     Was für ein Sauwetter in einer so wundervollen Stadt. Dabei haben sie doch sogar gestern noch trockenes Wetter angesagt und lockere Bewölkung. Wo ist das hier eine lockere Bewölkung? Mist! Aber ich hoffe ,dass die Wettervorhersagen bald besser werden. Die Aussicht dafür ist ja auch ganz gut, denn die ganzen Big Data-Granden und Vordenker suggerieren uns ja, dass wenn wir nur noch mehr Daten von der Vergangenheit hätten, ja dass wir dann auch noch deutlich besser die Zukunft voraus sagen könnten. Ich hoffe die Meteorologen, die Wetterleute sind die ersten die sich mit den ganzen neuen Methoden auch wirklich beschäftigen, das wäre wirklich großartig. Aber insgeheim befürchte ich, dass sie nur einen rigorosen Denkfehler aufliegen und die Meteorologen das schon lange wissen. Denn aus der Vergangenheit die Zukunft vorher zu sagen …hm… also Big Data beleuchtet die Vergangenheit. Daraus die Zukunft vorherzusagen, erscheint mir eher kindliche Naivität zu sein.  

Ep. 44 Einiges Europa! Ach ja?

Episode 44 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«:     Einiges Europa – so heißt es. Ich habe vor geraumer Zeit eine Wohnung in meiner neuen Wahlheimat Barcelona angemietet und nun möchte ich mich natürlich dort bei den hiesigen Stadtwerken, also bei der ›Endesa‹ anmelden, um dort Strom zu beziehen. Und ein Telefon- und Internetanschluss wäre eigentlich auch ganz hilfreich. Und um diese Anschlüsse, dies Kontrakte zu bekommen, braucht man in Spanien ein spanisches, ein lokales Bankkonto. Und um dieses Konto zu eröffnen, benötigt man eine sogenannte N.I.E. – man könnte sagen eine Ausländernummer. Und jetzt wird es amüsant, denn wenn man in Spanien die N.I.E. beantragen will, so bekommt man gesagt, dass man die selbstverständlich bekäme, wenn man ein Guthaben in Höhe von irgendwas mit 5.500 EUR nachweisen könnte. Achtung! Auf einem spanischen Konto. Man beachte den Zirkelbezug. Glücklicherweise ist der Generalkonsul hier in Hamburg deutlich unbürokratischer und hat mir natürlich nach entsprechenden Formularen und Kopien und Durchschriften und Gebühren eine solche N.I.E. ausgestellt. Obwohl, abwarten … ich habe sie ja nur beantragt. Mir wird sie per …

Ep. 41 Expertenfalle – Schuhe putzen macht erfolgreich. Oder?

Episode 41 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Experten sind Fluch und Segen. Experten helfen uns durchs Leben, indem sie uns allen aus Ihren Erfahrungen heraus Denkanstöße und konkrete Ratschläge geben, wie wir agieren sollen. Sie sind ein riesiger Fluch gleichzeitig, weil sie ihr Wissen trivialisieren. Viele Experten können sehr glaubhaft nachweisen, dass sie in ganz bestimmten Situationen sehr erfolgreich agiert haben. Da gibts den Unternehmer, der wirklich schon tolle Unternehmen gegründet hat. Da gibts den Verkäufer, der nachweisen kann, dass er für seine Company früher Millionenbeträge an Gewinnen durch gute Verkäufe erwirtschaftet hat. Und jetzt fängt der an – und das ist diese Trivialisierung – aus seinen Erfahrungen kausale Rückschläge zu ziehen. Er habt beispielsweise immer seine Schuhe geputzt und kommt jetzt womöglich auf den Gedanken, dass das der Grund sei, unter anderem, warum er so erfolgreich war. Oder er hat immer ganz besonders gut in Einwandsituationen sein Gespür herausgestellt, um die Situation für sich zu entscheiden. Und schließt daraus automatisch, dass es einen kausalen Zusammenhang gäbe: ›wenn Du die Einwandsituationen gut behandelst, dann wirst Du gut …

Die Sache mit dem Mindestlohn

Jetzt haben Sie ihn, den Mindestlohn. Natürlich auch ich. Beantwortet wird das richtige Problem mit dem falschen Denkansatz. Ob das ein Erfolg werden kann? Selbst der weniger fleißige Nachrichtenleser kam im letzten Jahr nicht an der Debatte um dessen Einführung vorbei. Die einen forderten ihn lauthals, die anderen fanden, er wäre das Schlimmste, was der deutschen Wirtschaft passieren könnte. Verstehen kann ich beide Seiten. Jede hat ihre Motive und gute Argumente. Jetzt ist er da – und trifft nicht nur die Befürworter, nicht nur die Taxifahrer, Haarkünstler und Burgerwender, die sich über mehr Lohn freuen können. Er trifft alle. Sowohl die Hartz-4-Empfänger als auch die Großverdiener, die jetzt mehr für ihr Brot zahlen müssen, weil der Bäcker die gestiegenen Kosten für sein Verkaufspersonal auf seine Produkte abwälzt. Genauso wie die McDonalds-Mitarbeiter, die jetzt sogar weniger Geld verdienen als vorher, weil ihnen der Tarifvertrag gekündigt wurde. Keine Nacht- und Wochenendzuschläge mehr, kein Urlaubsgeld. Da wird jetzt gedreht und gewendet, wo es nur geht, um die Personalkosten auszugleichen. War das das Ziel des Gesetzes? Sicherlich nicht. Aber so …

Kontrolle ist gut … und was ist besser?

Klingt nach asiatischer Bewegungslehre, ist es aber nicht: Wer die Nachrichten verfolgt, weiß, dass »Yi-Ko« nicht mit Tai Chi verwandt ist, sondern der ‪Burger‬-King-Betreiber ist, der jüngst in die Schlagzeilen geraten ist. Aufgrund von Hygienemängeln und schlechten Arbeitsbedingungen darf der Franchise-Nehmer zukünftig weder mit dem Firmenlogo werben noch die Produktnamen weiter verwenden. 89 Filialen musste er bereits schließen. Weshalb? In der ›Wirtschaftswoche‬‹ kommentiert Martin Ahlert, Geschäftsführer des Internationalen Centrums für Franchising und Cooperation: »In jedem System gibt es Menschen, die aus der Reihe tanzen.« Bei einer Masse an Filialen sei es für den Franchise-Partner äußerst schwer, die lokalen Gegebenheiten im Blick zu behalten. Bei aller Ernsthaftigkeit der Lage kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Die Denkweise hinter die Aussage ist nämlich diese: Der Mensch ist ein unendlicher Fehlerquell. Um die Fehler im System auf ein Minimum zu reduzieren, muss also ein Unternehmen Abläufe durchstrukturieren, Richtlinien vorgeben, Zuständigkeiten klarstellen – und das so gut es geht. Denn das ist die einzige Möglichkeit, das System idiotensicher zu machen. Das einzige Problem dabei: Ein System, das auf Idioten angelegt …

Der Oktober im August

Das wohl unnützeste Produkt, das der boomende Hobbygärtner-Markt hervorgebracht hat, ist der Laubsauger. Sie kennen diese Höllenmaschinen bestimmt aus der Nachbarschaft. Meistens beginnt diese akustische Umweltverschmutzung genau zur Mittagsruhe – zwischen 13 und 15 Uhr – und hält dann stundenlang an. Gern erinnere ich mich an den Laubsauger des Herstellers, der eine Zeitlang unser Klient war. Das günstigste Gerät aus seiner Produktion kostete im Handel 98 Euro und war deshalb nicht unbedingt ein Schnelldreher. Vor einiger Zeit hatte Aldi mal wieder ein tolles Aktionsangebot: ein Laubsauger der Marke Top Craft für unter 50 Euro. Wie immer, wenn ein Schnäppchen scharenweise Kunden in die Filialen des Lebensmitteldiscounters lockt, war das Ding sehr schnell ausverkauft. Sehr schnell, das heißt nach spätestens drei Stunden. Freizeitgärtner, die später kamen, hatten das Nachsehen. Was dann passierte, hatte kein Vertriebsmanager voraussehen können. Es war Mitte September, kurz vor der Herbstsaison. Bei Aldi waren die Geräte alle weg. Also ging der gemeine Hobbygärtner in den Baumarkt, um sich dort nach Alternativen umzusehen. Auch wenn er jahrelang bestens ohne Laubsauger ausgekommen war – …