Führung
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Das Meer ist blöd – Wenn Moral an der falschen Stelle ansetzt

Das Meer ist blöd! Meine Tochter ist enttäuscht. Sie hatte sich so auf das Meer in Barcelona gefreut. Aber jedes Mal, wenn sie an diesem windigen Tag ins Meer hüpft, schlagen ihr die Wellen entgegen und sie bekommt das salzige Wasser in den Mund. Kein Wunder. Sie reißt ja auch jedes Mal den Mund auf und schreit juchzend »Aaaah«.

Und weil das Wasser auch auf mehrmaliges Bitten und Flehen nicht aufhört, Wellen zu schlagen, und das Salz ebenfalls nicht daran denkt, den Rückzug anzutreten, das endgültige Fazit: Meer = doof.

Das Meer ist blöd - Wenn Moral an der falschen Stelle ansetzt

Aber sie ist ja noch ein Kind, könnte ich einschränken. Keine Kinder sind es entgegen, die in Gesprächen, auf Podien oder in Postings im Netz Sätze fallen lassen wie:

»Was uns fehlt, ist eine Fehlerkultur in unseren Unternehmen.«

»Wir müssen den Mut aufbringen, mehr Innovationen zu wagen.«

»Wir brauchen mehr Vertrauen im Unternehmen.«

Die moralischen Forderungen hören natürlich am Zaun des Unternehmensgeländes nicht auf. Die gehen weiter: in die Politik (»Wir brauchen eine Willkommenskultur in Deutschland.«), in die Familien (»Familien müssen sich wieder stärker an christlichen Werten orientieren.«), im Sport (»Schluss mit den hohen Transfersummen. Es muss wieder um Fußball gehen.«), etc.

Ja, moralische Appelle machen vor nichts Halt. Nur sind sie eben nichts anderes als die Rufe meiner Tochter an das Meer, doch bitte ruhiger und mit weniger Salz zu sein.

Die Kultur ist, wie sie ist

Nun geht es mir hier gar nicht darum, diese Forderungen inhaltlich zu bewerten oder zu erörtern, ob sie ihre Daseinsberechtigung. Dafür gibt es berufenere Münder.

Viel wichtiger ist für mich der Punkt, dass solche Appelle die gewünschte Wirkung nie erbringen können. Denn ebenso wenig wie jemand Salz in das Meer gekippt und es dann in Schwung gebracht hat, hat jemand im Unternehmen die Fehler- oder die Führungskultur gemacht. Die Kultur kann gar nichts dafür, dass sie so ist, wie sie ist.

Es sind also moralische Forderungen an etwas, das die Appelle noch nicht einmal umsetzen könnte, selbst wenn es wollte. Da können Sie gerne Plakate aufhängen, mit dem Megaphon über das Betriebsgelände rennen und Parolen brüllen, Protestaktionen organisieren oder offene Briefe an die Geschäftsleitung schreiben – ein soziales System (so der terminus technicus) lässt sich nicht moralisch belehren.

Soziale Systeme bestehen aus Kommunikation und haben nur ein Bestreben: existent zu bleiben. So wird also jede erfolgreiche Kommunikation fortgesetzt. Das ist wie bei Feuer: es will einfach nur brennen. Wo es etwas Brennbares findet, brennt es weiter. Und Sie können dem Feuer auch nicht sagen, es solle Rechnungen verbrennen aber die Schecks am Leben lassen. Das interessiert das Feuer nicht. Was es in Asche verwandelt, ist ihm herzlich egal. Oder kurz: (Moralische) Forderungen prallen an ihm ab.

Ein Experiment

Dazu gibt es ein faszinierendes Experiment von Fritz B. Simon (beschrieben in diesem großartigen Buch), das rein gedanklich aber auch ganz hervorragend real funktioniert – ich habe es selber schon ein paar Mal in Workshops durchgeführt. In einer Gruppe von mindestens 15 Leuten nennt jeder eine dreistellige Zahl, einmal im Kreis herum. Dann nimmt einer der Teilnehmer einen Ball und wirft ihn einem anderen Teilnehmer zu, dessen Nummer er kennt. Die Nummer ist dabei wie eine Adresse. Ist die Adresse, also die genannte Nummer falsch, wirft der Adressat den Ball postwendend und kommentarlos zurück.

Wenn Sie das eine Weile lang machen, werden Sie feststellen, dass sich Muster herausbilden. Manch einer bekommt den Ball unverhältnismäßig häufig und meist erhält mindestens ein Teilnehmer niemals den Ball, weil sich keiner seine Nummer gemerkt hat.

Nun rufen Sie in eine solche Gruppe einmal hinein: »Aber wir müssen doch alle beteiligen!« Da können Sie dann beobachten, wie grausig es geradezu für alle Beteiligten ist, wenn sie etwas wollen – nämlich jeden beteiligen –, es aber nicht können. Das beklemmende, hilflose Gefühl können Sie beinahe mit der Hand greifen. Klingt fies, ist aber witzig!

Nun ist das Bällewerfen natürlich eine sehr reduzierte Form der Kommunikation, aber eben dennoch Kommunikation. Und an dem Beispiel zeigt sich auch deutlich, dass ein einzelner Mensch, genauer gesagt: sein Bewusstsein mit all seinen Wünschen und moralischen Vorstellungen, nicht Herr darüber ist, was im sozialen System passiert. Er hätte gerne eine bestimmte Kommunikation – wie eben alle Anwesenden in das Spiel zu integrieren –, kann sie aber nicht erzeugen. Egal wie oft Sie es ins System schreien.

Keine Plakate

Warum ich Ihnen das alles schreibe?

Um klar zu machen, dass moralische Belehrungen gänzlich überflüssig sind. Sie kosten lediglich Energie – und zwar nicht nur Ihre, sondern auch die derjenigen, die sie sich ständig anhören und mit den unterschwelligen Schuldzuweisungen klarkommen müssen. Durch die Forderung bewirken Sie meist gar nichts – und wenn, dann Resignation und Frust.

Sind Sie den sozialen Systemen also hilflos ausgeliefert?

Überhaupt nicht. Soziale Systeme reagieren auf Außenreize – aber immer auf ihre eigene individuelle Art und Weise. Sie lassen sich von außen irritieren, anstupsen, provozieren. Nur sind moralische Aspekte eben das falsche Kommunikationsmittel für den falschen Adressaten. Sie können dem System nicht sagen, was gut und was böse ist. Also Sie können es schon tun – aber dann ist es halt blöd.

Sie können soziale Systeme aber überlisten. Besonders gut, indem Sie neue Kontexte schaffen. Darauf reagieren sie. Sie können Umgebungen, Bedingungen in guter Hoffnung auf eine Reaktion ändern, denn das können soziale Systeme meist nicht ignorieren.

So können Sie Überstundenregelungen und das Entgeltsystem verändern, Räume und Arbeitsplätze anders gestalten, an der Teamgröße und -zusammensetzung schrauben, Transparenz erhöhen oder verringern, alte Rituale abschaffen und andere einführen. Die Liste von Informationen, auf die ein System reagiert, ist lang.

Ob Sie durch die veränderten Kontexte eine Entwicklung in die von Ihnen gewünschte Richtung anstoßen, kann Ihnen aber niemand garantieren. Denn Ihr Unternehmen lebt. Es macht mit Ihren Interventionen, was es will.

 

 

Werte im Unternehmen - Dressur at its best

Lesen Sie dazu auch meine Kolumne vom 8. September 2015: Werte im Unternehmen – Dressur at its best


 

 

 

 

2 Kommentare

  1. „Sind Sie den sozialen Systemen also hilflos ausgeliefert? Überhaupt nicht. …. Ihr Unternehmen lebt. Es macht mit Ihren Interventionen, was es will“.

    Kann ich das Fazit so deuten, dass ich zwar etwas verändern kann, ohne aber die Gewissheit zu haben, dass es das ist, was ich beabsichtigt habe? D.h. Interventionen gehen vielleicht in die falsche Richtung. Nichts tun und auf das Leben des Unternehmens vetrauen, könnte vielleicht so gut sein, wie die Intervention?

    • Wenn ein Fußballspiel 10 Minuten vor Schluss immer noch torlos ist, steht ein Trainer (genauer gesagt: beide Trainer) vor exakt dieser Frage: eingreifen durch Taktikänderung bzw. Auswechselung oder laufen lassen. Alles kann Einfluss auf den Spielverlauf nehmen.

      Und niemand weiß vorher, wie es ausgeht – zum Glück in diesen Fall, denn sonst würde ja kein Zuschauer ins Stadion kommen.

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