Führung
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Der intelligente Irrtum

Hohes volkswirtschaftliches Bildungsniveau führt zu prosperierender Wirtschaft! Diese Aussage ist eigentlich kein Zitat. Nein! Das ist eine Glaubensvorstellung, die fest in fast allen Gesellschaften verwurzelt ist. Die gesamte Entwicklungspolitik basiert darauf: Bildungszentren bei SOS-Kinderdörfern in Liberia, Hochschulen für Lebensmitteltechnik im Senegal, Schulprojekte auf Madagaskar, Projektpartnerschaften mit Grundschulen in Afghanistan und und und …

Und nicht nur der Blick auf Entwicklungsländer ist von dieser Annahme bestimmt: Tony Blair bestritt auf Basis dieser These seinen gesamten Wahlkampf für den Posten als britischer Premierminister. Auf dem Parteitag 1996 nannte er als Prioritäten nach einer möglichen Regierungsübernahme »Bildung, Bildung, Bildung«.

Für sich genommen, klingt die These ja auch logisch. Ich stimme ihr trotzdem nicht zu. Warum nicht? Lassen Sie mich zuerst die Gegenthese aufstellen:

»Eine prosperierende Wirtschaft erlaubt es der Gesellschaft, mehr Geld in Bildung zu investieren!«

Schauen wir mal, ob sich für jede der beiden Thesen Beispiele finden lassen. Dazu bietet sich die Fragestellung an, was denn zuerst da war – ähnlich wie bei der Henne und dem Ei. Lässt sich als erstes eine blühende Wirtschaft nachweisen, oder herrschte doch eher zunächst ein hohes Maß an Schulen, Universitäten und sonstigen Ausbildungsstätten?

Das alte Rom hatte erst eine funktionierende Wasserversorgung, bevor Schulen und Akademien wie Pilze aus dem Boden schossen. Länder wie Korea und Malaysia wurden erst reich, bevor sie anfingen, Universitäten zu gründen. Aktuell ist dieselbe Tendenz in den Vereinigten Arabischen Emiraten zu beobachten, etwa in Dubai oder Abu Dhabi. An den Unis, die dort mit dem Öl-Dollars hochgezogen werden, studieren nicht nur Einheimische, sondern internationales Publikum, vor allem aus Osteuropa.

University of Sharjah, Vereinigte Arabische Emirate

University of Sharjah, Vereinigte Arabische Emirate ⎜© depositphotos.com

Dem gegenüber sieht die Lage in vielen Ländern Zentralafrikas eher düster aus. Dort wurden für Millionen von Dollar Bildungssysteme eingerichtet – aber die Wirtschaft steht teilweise schlechter da als vorher. Die allgegenwärtige Armut sorgt für den raschen Verfall nagelneuer Schulgebäude. Brunnen trocknen aus, kaum dass sie gegraben wurden. Und so weiter.

Ein hohes Bildungsniveau bewirkt also eine prosperierende Wirtschaft?

Wo wir auch suchen, wir finden ausschließlich Belege für die Gegenthese! Anscheinend ist es genau umgekehrt: Erst eine Gesellschaft mit prosperierender Wirtschaft kann sich ein hohes Bildungsniveau überhaupt leisten, kann es pflegen und erhalten!

Wohlgemerkt, mir geht es hier nicht darum, Bildung schlecht zu machen. Im Gegenteil. Ich finde Bildung toll und sie bereichert unser aller Leben. Ich versuche, meinen Kindern Spaß am Lernen zu vermitteln. Nur: mit einer allzu positiven Wirkung auf die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes sollten wir nicht rechnen.

Vielmehr geht es mir um das Phänomen des »intelligenten Irrtums«: Trotz der auch von mir immer wieder in Erinnerung gerufenen Verwechselung von Korrelation und Kausalität (ich nenne das einen »dummen Irrtum«), lassen sich nämlich durchaus Phänomene beobachten, die in der Realität etwas miteinander zu tun haben. Sie bedingen einander – hängen vielleicht sogar kausal miteinander zusammen. Das heißt konkret, das eine Phänomen ist die Ursache für das andere. Die beiden Phänomene in Zusammenhang zu bringen, wäre dann nicht per se falsch. Aber die Richtung, in der sie miteinander in Verbindung gebracht werden, ist falsch. Daher der »intelligente Irrtum«.

Der »intelligente Irrtum« besteht darin, die kausale Richtung des Zusammenhangs falsch zu wählen. Zu glauben, A führt zu B, obwohl es genau umgekehrt ist. B bewirkt A! Aber das wird übersehen, weil die falsche kausale Vernetzung entweder ungeheuer plausibel anmutet oder moralisch eher vertretbar erscheint. Wie im Fall der Wirtschaft und der Bildung. Man denkt zwar schlau, aber dennoch falsch.

Hier ein Klassiker: Wenn die Mitarbeiter zufrieden sind, erhöht sich das Betriebsergebnis. Das mag ja richtig sein und klingt erstrebenswert. Aber mindestens genauso viele Argumente sprechen dafür, dass sich ein hoher wirtschaftlicher Erfolg der Firma außerordentlich positiv auf die eigene Zufriedenheit auswirkt. Auch bei einem Fußballspiel sieht die Gewinnermannschaft nach Spielschluss meist zufriedener aus, als vorher. Auch für die These übrigens, dass Mitarbeiterzufriedenheit und Betriebsergebnis gar keine direkte kausale Verbindung haben, spricht einiges.
Der Irrtum ist ganz schön intelligent getarnt. Wie eine Stabheuschrecke, die im Terrarium zwischen den Ästen nicht zu erkennen ist.

Aber auch in kleinerem Rahmen, auf der Ebene des Einzelnen, neigen Menschen dazu, die einzelnen Glieder einer Kausalkette zu vertauschen. Zum Beispiel dann, wenn der Beweis für eine Tatsache einfach fehlt.

»Glückwunsch, Herr Müller«, sagt der Radiologe, »kein Befund! Ich habe keinen Krebs bei Ihnen gefunden!« Diese Aussage darf der Arzt treffen, ohne seinen Eid zu brechen. Man beachte: Er hat keinen Beweis für das Vorliegen einer Krankheit. No Evidence of Disease, oder kurz: ›NED‹.

»Stell dir vor«, teilt Herr Müller zu Hause glücklich seiner Frau mit, »ich war beim Radiologen. Kein Befund – der eindeutige Beweis, dass ich nicht krank bin!« Der Patient begeht eine 180-Grad-Verwechslung. Er freut sich fälschlicherweise über ›END‹. Evidence of No Disease. Der Beweis, dass er keine Krankheit hat. Diesen Beweis hat sein Arzt aber keineswegs erbracht!

»Alles halb so wild«, würde Herr Müller abwinken, wenn man ihn auf diesen Umstand hinweisen würde. »So etwas würde mir nie passieren. Mein Arzt redet Klartext mit mir. Irrtum ausgeschlossen!«

Ich halte dagegen: Der Krimi fängt gerade erst an. Denn an fiesen Fallen mangelt es nicht, auch in Ihrem Umfeld …

 

Auszug aus: Wrong Turn. Warum Führungskräfte in komplexen Situationen versagen. Orell Füssli 2014.
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2 Kommentare

  1. Martin Wildam sagt

    Im Beispiel Bildung und Wirtschaft ist das doch ein klarer Fall von Maslow-Pyramide: Ist ja klar, daß man zuerst sauberes Trinkwasser und was zu futtern braucht, bevor man sich mit sonstigem Luxus beschäftigen kann.

    Und wer auf begehrten Resourcen sitzt, kann leichter genug Geld zusammen kriegen, um Wasser auch in unwegsamere Gebiete zu bekommen.

    Im zweiten Beispiel scheint es mir wiederum so, daß beide Thesen Gültigkeit haben. Von beiden Seiten her kann ein Unternehmen ruiniert werden und von beiden Seiten her kann es zum erblühen gebracht werden. Zufriedenheit und Erfolg gehen also wahrscheinlich Hand in Hand.

  2. Pingback: Wie uns zwei große Gegner daran hindern, Verantwortung zu übernehmen - Lars Vollmer

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