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Die Geschichte vom orangenen Beetle – oder: ein Mittel gegen Unternehmens-Sklerose

»Wir wollen uns nicht bürokratisieren!«– Das schrieb sich eine Beratungs- und Softwareentwicklungsfirma bei ihrer Gründung vor 15 Jahren auf die Fahnen. Die Gründer waren alle zuvor bei einem Konzern angestellt – und als sie sich gemeinsam selbstständig machten, verband sie unter anderem eines: Sie hatten die konzerntypischen bürokratischen Hürden hassen gelernt. Sie schworen sich: Das wird’s bei uns niemals geben!

Nun, mittlerweile ist das Unternehmen stark gewachsen und hat mehr als 400 Mitarbeiter. Und was glauben Sie, ist passiert?

Die einzige Regel: Es gibt keine Regel

Bevor ich es Ihnen verrate, erzähle ich Ihnen eine Anekdote aus dem tiefsten Inneren jenes Unternehmens. Das kann ich, weil ich neulich dort war. Ich habe da eine Kulturanalyse gemacht und durfte einen Festvortrag halten. Dabei habe ich einige interessante Einblicke bekommen. Und unter anderem erzählte man mir die Geschichte vom orangenen Beetle.

Dieser Beetle war ein Firmenwagen. Autos spielen in der Kultur dieses Unternehmens eine große Rolle, auch deshalb, weil es viel für die Automobilindustrie tätig ist. Jeder Berater bekommt einen Dienstwagen. Weil die Gründer aber eben Bürokratie hassten, wollten sie es ohne Dienstwagenregelung machen. Die einzige beiden Maxime: Wir behandeln Dienstwagen steuerlich so, wie es der Fiskus von uns verlangt und wir fahren die Autos unserer Kunden. Aber sonst ist alles wurscht.

Tja, und dann kam es, wie es kommen musste: Eine neue Mitarbeiterin reizte den Raum, den die fehlenden Regeln ihr boten, gnadenlos aus: Sie wollte einen orangenen Beetle Cabrio fahren!

Alle dachten: Moment! Wie sieht denn das aus? Und will das Unternehmen wirklich in so ein ausgefallenes Auto investieren? Man sprach mit ihr: »Hey, überleg doch mal: Vielleicht bleibst du ja gar nicht die volle Leasingzeit von drei Jahren über hier in der Firma. Und wenn du gehen solltest, bleibt das Auto hier. Und so eine Leuchte von Auto will doch dann keiner haben!«

Wer bricht den Schwur?

Doch sie blieb standhaft: »Ich verstoße damit doch gegen keine Regel! Und ich will das Auto eben. Außerdem bin ich gekommen, um zu bleiben. Ich will nicht weg in den nächsten drei Jahren, keine Sorge!«

Sie bekam also den orangenen Beetle. Um sechs Monate später zu kündigen und den orangenen Beetle zurückzulassen. Klar! Auf dem Parkplatz stand: der orangenen Beetle. Keiner wollte haben: den orangenen Beetle. Das Unternehmen hatte ein Problem mit: dem orangenen Beetle.

Hatte sich also das unkonventionelle Vorgehen ohne Dienstwagenregelung bewährt? Seien wir ehrlich, das hatte es nicht.

Was wäre nun die vernünftige Reaktion auf die Empörung gewesen? Müsste die Unternehmensführung nach dieser Erfahrung jetzt nicht zwingend eine vernünftige Regel erlassen, wie es sie in jedem anderen Unternehmen auch gibt, einfach weil sich das so bewährt hat und ja nicht jeder hier machen kann was er will? Also etwa: Künftig gibt es nur noch dunkle Autos, drei (seriöse) Modelle und zwei Ausstattungsvarianten je nach Dienstgrad des Beraters. Basta!

Aber das hieße, den Schwur brechen …

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Ich verrate es Ihnen: Das Unternehmen hat keine Dienstwagenregelung erlassen! Die Leute blieben sich treu und hielten an ihrer Regel-Aversion fest. Allerdings waren sie auch nicht so naiv, weiterhin jedem Mitarbeiter einfach so das Wunschauto zu geben. Sie wählten einen dritten Weg: Den der lernenden Organisation und des kulturellen Erinnerungsvermögens.

Und dieser Weg führt über Geschichten. Der Neue wird z.B. in der Kaffeeküche gefragt: »Und? Hast du dir schon einen Wagen ausgesucht?« – Und noch bevor der ausreden kann, »Ja, ich dachte an einen organgefarbenen …«, lacht der alte Hase und sagt: »Pass mal auf, ich muss dir dazu grad mal eine Geschichte erzählen: Wir hatten mal eine Beraterin, die hatte sich einen orangenen Beetle ausgesucht. Und dann …«

In dem Moment setzt sich ein gedanklicher Prozess in Gang. Der Neue beginnt über die Konsequenzen seiner Entscheidung nachzudenken. Und er spürt den sozialen Druck der anderen: Hey, meinst du wirklich, wir finden nach all dem gut, wenn du einen orangenen …?

Es gibt nach wie vor keine Regel. Er darf sich immer noch aussuchen, was er will – aber innerhalb eines kulturellen Kraftfelds, gegen das sich zu wehren zwar möglich, aber anstrengend ist.

Und mit dieser Kraft der Geschichten schafft es das Unternehmen seit der Gründung bis heute, nicht nur bei den Dienstwägen sondern auch in allen anderen Feldern der Arbeit, mit extrem wenigen oder gar keinen Regeln auszukommen. Es widersteht allen Versuchungen der Bürokratisierung, die immer dann verlockend werden, wenn etwas nicht funktioniert und sich jemand darüber aufregt. Regeln entstehen ja immer aus Empörung. Aber hier nicht. Hier entstehen Geschichten.

Lieber wetterfest als uniform

Sind kulturelle Mechanismen also die Patentlösung gegen die Sklerotisierung alternder und wachsender Unternehmen? Bleiben Unternehmen ohne Regeln jung, frisch, agil und schlau? Ist Kultur immer gut?

Vorsicht! Das ist ein Trugschluss, denn Kultur ist niemals positiv oder negativ und schon gar nicht in moralischer Hinsicht. Sie IST einfach, wie das Wetter. Wenn in einem Unternehmen beispielsweise eine Political-Correctness-Kultur vorherrscht, nach der niemals Problem, sondern immer Herausforderung gesagt werden muss, dann kann das dazu führen, dass die Organisation konsequent verblödet. Weil echte Probleme zu artikulieren als solche kulturell nicht erwünscht ist und die Organisation meint, sie hätte keine Probleme zu lösen.

Nein, man kann genauso wenig Kultur machen wie man Wetter machen kann. Aber man kann sich ja passend anziehen.


Bild: © Depositphotos.com 107899160/staraldo

 

 

Die Geschichte vom orangenen Beetle können Sie auch in diesem »Gründerplausch« nachhören, den ich mit meinem intrinsify.me-Kompagnon Mark Poppenborg über »Die Positive Kraft des negativen Denkens« aufgenommen habe. Schauen Sie mal rein:
 

 
Und wenn Sie lieber hören statt sehen wollen, dann lege ich Ihnen den Podcast von intrinsify.me ans Herz, für den ich regelmäßig einen Gründerplausch halte. Hier finden Sie die Beetle-Folge direkt bei iTunes »

2 Kommentare

  1. Und nicht vergessen, auch die Regel – keine Regel haben zu sollen, sit eine Regel, die man mit Witz und Werf erzählen kann. Und so enstehen spannende Erwartungsmuster, Entscheidungsprämissen für das koordinierte handeln. Ganz ohne diese gäbe es keine Organisation. Und Hand aufs Hirn, sind wir nicht froh (ich bin es), wenn wir nicht immer in aller Freiheit entscheiden müssen, sondern unser Tun von Vor-Entschiedenen = Regeln ableiten können. Es werden jene Entscheidungen mehr, die – da sie nicht entscheidbar sind – entschieden werden müssen. Siehe nach bei Heinz von Förster.

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