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Die letzte Geschichte, die Sie sich jemals erzählen lassen

Guten Tag, mein Name ist Lars Vollmer und ich bin heute Ihr Geschichtenerzähler. Doch seien Sie gewarnt: Das ist die letzte Geschichte, die Sie sich jemals erzählen lassen werden … Nun gut, es sind drei Geschichten. Und der eigentlich spannende Teil ist wie immer: die Moral von der Geschicht’.

Die Geschichte ist spannend!

Ein paar Worte zur Einleitung, damit Sie diesen wichtigsten Teil auch verstehen: Einerseits finde ich Moral zum Kotzen. Und andererseits, so im Prinzip, finde ich Moral ganz toll. Und nein, das ist kein Widerspruch.

Unsere Gesellschaft ist schon seit längerem ziemlich ausdifferenziert in diverse Subsysteme, die gar nicht unbedingt etwas miteinander zu haben müssen. Wenn Sie sich z.B. als Schöffenrichter im Rechtssystem bewegen, können Ihnen die Sozialsysteme Sport oder Religion weitestgehend egal sein. Und Sie werden auch wenig von der Wirtschaft oder dem gesellschaftlichen Subsystem Kunst behelligt, wenn Sie gerade als Lehrerin dreißig hochbegabten Teenagern in einer staatlichen Schule die Photosynthese beibringen. Aber von einem System machen wir alle quasi jederzeit Gebrauch: der Moral. Wir können nicht moralfrei leben, noch nicht einmal moralfrei über Moral diskutieren. Denn die Moral ist der Anker, der jeder Gesellschaft dabei hilft, zwischen gut und böse zu unterscheiden, zwischen richtig und falsch, zwischen respektabel und verwerflich.

Je nachdem wie stark Sie diese moralischen Ansichten dann nach außen vertreten, kann man auch von einer Ideologie oder einer Religion sprechen. Egal, welches Wording Sie wählen: Moral, Ideologien und Religionen sind letztlich nichts anderes als Geschichten, die man sich erzählt, um zwischen gut und böse unterscheiden zu können. Das ist hilfreich, denn es reduziert die Komplexität des Lebens dramatisch. Und je besser die Geschichte, desto mehr Anziehungskraft entwickelt sie. Die katholische Kirche macht das sehr gut mit ihren Geschichten übers Fegefeuer: Ob Sie nun daran glauben oder nicht – die Geschichte ist in beiden Fällen spannend!

Schwierig wird es nur, wenn die Moral verblendet. Wenn sie eine einseitige Sichtweise auf Sachverhalte bewirkt. Wenn sie echte Problemlösungen erschwert. Und damit wären wir auch schon bei der ersten Geschichte …

Es war einmal … eine eingeschweißte Banane

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Einen Ort der absoluten Reinheit. Es gibt in unserer westlichen Gesellschaft also eine starke moralische Begründung dafür, unseren Planeten nicht zu verschmutzen. Dazu gehören emissionsarme Autos, Flaschenpfand und Recycling – und eben auch die Überzeugung: Plastik ist böse. Plastik landet im Meer, Plastik ist schwer abbaubar, Plastik müllt unsere Erde zu.

Insofern kann ich den Aufschrei schon verstehen, den ich neulich in den Social Media beobachten durfte. Grund des Aufsehens: eine Banane. Genauer: eine Banane, auf einer Plastikschale liegend und verpackt in Plastikfolie.

Wenn ich die überwiegende Reaktion der Kommentatoren einmal in wenigen Worten sachlich zusammenfassen darf: »So eine Scheiße, eine Banane hat doch eine Schale. Was soll der Scheiß, da jetzt noch beschissenes Plastik drumzuwickeln? Ist doch scheiße!« Ich war auch empört.

Doch dann habe ich neulich mit einem Hersteller von Verpackungsanlagen gesprochen. Rund dreißig Prozent (!) aller Lebensmittel weltweit werden weggeworfen, weil sie (tatsächlich oder auch nur scheinbar) verdorben sind. Bei Bananen beispielsweise, die nach der Ernte emissionsreich um den Erdball transportiert werden, kann man die Haltbarkeit um bis zu 15 Tage verlängern und damit verdoppeln (!), wenn man sie mit Folie umwickelt.

Ach Mist, nun bleibt mir die Empörung doch glatt im Halse stecken.

Sträfliche Gier – ein Krimi in zwei Teilen

Wenn Ihre moralische Brille »Plastik ist bäh« eben leicht ins Wackeln geraten ist, dann lauschen Sie dem folgenden Krimi bitte nur, wenn Sie starke Nerven haben.

Wir schreiben das Jahr 2009. Dicke Nebelschwaden ziehen über den Tatort: eine Bank. Während die Lehman Brothers die Welt ins Wanken gebracht haben, sind die verbliebenen Banker in ihrer Gier weiterhin unaufhaltsam. Ein gruseliges Szenario … denn Gier ist eine Todsünde! Und hier endet der erste Teil der moralischen Kriminalität: Banker sind unfassbar gierige, böse Menschen.

Zweiter Akt: Ein Banker hechelt den Vorgaben nach, die er erfüllen muss. Mehr Abschlüsse erreichen, mehr Umsatz erzielen, mehr Wertpapier-Deals verkaufen …

Hätten wir nicht mit der Brille »Banker sind ausnahmslos gierig« auf die Situation geschaut – hätten wir dann nicht erkannt, dass das Problem in den Zielsystemen der Banken liegt? Weil die Schuldigen nicht die Spieler sind, sondern das Spiel?

Das Märchen von Prinzessin Pappe

Zum Ausklang noch etwas Schönes: ein Märchen. Vor langer, langer Zeit lebte in Europa einmal eine Prinzessin namens »Pappe«. Sie liebte ihre Untertanen so sehr, dass sie sich selbstlos zu Pappbechern pressen ließ, damit ihr Volk immer und überall Kaffee, Tee und Frappuccino to go trinken könnte. Doch das Volk dankte ihr die Großzügigkeit nicht. Es warf die royalen Pappbecher zu Hunderttausenden in Mülleimer und Parkanlagen und verschmutzte so das ehemals pappfreie Königreich.

Da wurde die Prinzessin sehr traurig. Sie entließ alle Einhörner in der Pappbecherfabrik und produzierte fortan nur noch Mehrwegbecher. Ihre Untertanen applaudierten. Doch je mehr von ihnen die schönen Mehrwegbecher benutzten, desto mehr verkamen die Flüsse des Pappkönigreichs zu Rinnsalen. Denn alle Untertanen verbrauchten viel mehr Wasser, um ihre neuen Mehrwegbecher zu reinigen. Und die Straßen verstopften mit Kutschen, weil die schwereren Becher nicht so leicht zu transportieren waren.

Ob Prinzessin Pappe wohl den richtigen Weg gewählt hatte?

The End. Ob es happy ist, weiß ich jetzt auch nicht so genau …

Ausklang am Lagerfeuer

Und die Moral von der Geschicht’: Die einzig wahre Moral gibt es nicht.

Sie müssen die Entstehung von bestimmten moralischen Strömungen und Ideologien nicht verhindern – das können Sie auch gar nicht. Denn Ideologien lassen sich nicht bekämpfen. Sie wurden und werden auch nie besiegt, nicht widerlegt, nicht überwunden, sondern sie werden irgendwann obsolet, ignoriert, langweilig, vergessen.

Eines können wir dennoch tun: dafür sorgen, dass (unsere) Entscheidungen nicht wegen mangelnder Kenntnis zufällig erfolgen. Wir können unsere moralische Brille hin und wieder überprüfen. Dann würden wir wahrnehmen, dass es hinter den moralisch eingefärbten Gläsern oft auch noch andere mögliche Sichtweisen gibt. Die nicht prinzipiell blöd und verwerflich sind, sondern vielleicht eine ganz andere Diskussion der Problematik zulassen – und damit ganz andere Lösungen ermöglichen.

Daher habe ich mir eine Frage paratgelegt, die ich von einem Freund gelernt habe und die ich mir immer wieder stelle, wenn die moralische Empörung mal wieder lauter schallt als die Trompeten Jerichos: »Welche andere Erklärung wäre auch noch möglich? Wie ließe sich dieses Phänomen, dieses Verhalten außerdem erklären?“ Fast immer finde ich ein bis zwei Ansätze und wenn es mir wichtig genug ist, recherchiere ich zusätzlich ein wenig. Zehn Minuten reichen meist schon.

Deshalb bitte ich Sie: Lassen Sie sich keine Geschichten erzählen – auch von mir nicht. Oder zumindest nur von Leuten, die nachweislich Ahnung von dem haben, was sie erzählen. Bei allem anderen lohnt es sich, selbst nachzudenken, anstatt der Geschichte der Masse zu folgen. Historisch nennen wir das Aufklärung. Leicht ist diese sicher nicht – es war ein weiter Weg von der Erde als Scheibe zur Kugel. Aber angekommen sind wir da eben nur, weil einer sich gegen die landläufige Meinung gestellt und dafür die Moralpredigten seines Umfelds ertragen hat.

 


Bild: © Depositphoto – 57078175/amoklv

 

6 Kommentare

  1. Claus Meyer sagt

    Ich bin stolz, ein Populist zu sein. Ich bin dafür, dass unser heutiges Geldsystem abgeschafft wird, weil dieses System alles Geld in den Rachen der ganz Reichen transportiert und wir alle helfen kräftig, weil kein Widerspruch erfolgt.
    Wir hoffen laut frau Merkel, dass wir durch immer mehr Arbeit ein überglückliches Volk werden. Dabei wollen wir die 2-Grad-Grenze einhalten und gleichzeitig unseren Umsatz mit Japan steigern, weil Herr Trump nicht mehr mit spielen will.
    Schöne Neue Welt.

    • „und gleichzeitig unseren Umsatz mit Japan steigern, weil Herr Trump nicht mehr mit spielen will.“
      Dieser Zusammenhang erschließt sich mir nicht. Wir müssen also unseren Umsatz mit Japan steigern, weil Herr Trump sich dem Klimaabkommen verweigert? Mehr Umsatz mit Japan bedeutet also, dass die Klimavorgaben besser erfüllt werden können?
      Bleiben Sie ruhig Populist und seien Sie weiterhin stolz darauf. Populisten, die offenbar Denkhemmungen haben, bereiten mir die geringste Sorge 🙂

  2. Jens Wenzke sagt

    …. gut geschrieben Lars, es gibt eben nicht die eine Lösung oder die eine Moral, alles eine Frage der Sichtweise…. allein schon das Nachdenken darüber macht uns etwas sensibler und vielleicht auch schlauer, wenn auch nie perfekt … Gruß Jens

  3. Lieber Lars Vollmer!
    Danke für den Beitrag!
    Meine Lebenserfahrung ist leider auch, dass die meisten Menschen Angst vor offenen Fragen haben, und deswegen einen großen Bogen drumherum machen anstatt sich in konstruktive Auseinandersetzungen zu begeben. Wir haben das (auch harte) Streiten ohne vernichtende Kritik am Streitpartner zu üben verlernt. Unzählige Fragen sind nun mal nicht einfach zu beantworten. Wenden wir uns also genau diesen Fragen zu. Der Hang nach einfachen Antworten ohne die Frage überhaupt durchdrungen zu haben, war schon immer eine Geißel der Menschheit und wird auch eine bleiben. Aber es muss ja nicht jeder mitmachen!
    Gruß aus dem sommerlichen Bremen (der Regen ist deutlich wärmer als in Herbst!) nach Barcelona!
    Detlef Scheer

  4. David Weber sagt

    Lieber Lars,

    heute muss ich auch mal meinen Senf dazu geben. Ich bin ein großer Fan dessen was du schreibst, da du meines Erachtens sehr häufig ins schwarze triffst. Diesmal allerdings habe ich etwas einzuwenden. Ich unterstütze deine Kernaussage – sich nicht alles erzählen zu lassen – aber die Beispiel finde ich absolut nicht passend, da auch diese eine einfache Einwort suggerieren, welche es nicht gibt:

    1. Natürlich kennt der Hersteller von Verpackungsanlagen einen Grund alles in Plastik einschweißen zu müssen, dieser wäre in dem skizzierten Fall also nicht unbedingt der geeignete Informationsgeber. Abgesehen davon: Ein Großteil der Lebensmittel wird bereits eingeschweißt, dennoch landen riesige Mengen Nahrungsmittel im Müll.

    2. Den Zielsystemen der Banken die Schuld zu geben vernachlässigt meiner Meinung nach zwei Aspekte sträflich. Erstens die Banker haben sehr wohl einen Anteil daran denn letztlich spielen sie „das Spiel“ mit. Zweitens die Basis auf der die Finanzindustrie sich von der Realwirtschaft entfernt und an einem globalen Casino-Tisch platzgenommen hat, wurde von der Politik geschaffen. Die Politik wiederum wird natürlich auch beeinflusst.

    3. Aus Sicht des Wasserverbrauchs ist der Pappbecher möglicherweise vorteilhaft, wobei auch die Pappherstellung große Mengen Wasser benötigt. Die Logik des Transports verstehe ich jedoch nicht, ein Mehrwegbecher ist zwar schwerer aber der Verbrauch der Mehrwegbecher um ein vielfaches geringer, wodurch letztlich weniger transportiert werden muss …

    Schönen Urlaub.

    • Lieber David,

      danke für Deinen Kommentar. Mich bestätigt er gerade in der Wahl der Beispiele. Denn es gibt viele Wahrheiten und die schlechteste ist mE diejenige, die ohne ausreichende Kenntnis getroffen wird.

      Ich habe in allen drein Fällen versucht, verschiedene Meinungen und vermeintliche Fakten auch außerhalb meiner Filterblase zu finden – falls Du es noch nicht getan hast, gönn Dir doch auch mal den Spaß. Die Studien beispielsweise zu Mehrwegverpackungen sind zum Teil vernichtend, auch von unabhängiger Seite – und ähnlich wie bei Elektroantrieben gibt es hier auch ganz anders gefärbte Fakten. Es gibt mehrere „Wahrheiten“. So einfach (Verpackungshersteller kann nicht der geeignete Informationsgeber sein, Finanzindustrie ist Casino-Kapitalismus und Mehrweg ist besser) ist es eben gerade nicht. Zumindest das ist schmerzlich Wahrheit.

      Und daran wollte ich in dem Artikel erinnern.
      Gruß
      Lars

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