Wirtschaft
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Die Sache mit dem Mindestlohn

Jetzt haben Sie ihn, den Mindestlohn. Natürlich auch ich. Beantwortet wird das richtige Problem mit dem falschen Denkansatz. Ob das ein Erfolg werden kann?

Selbst der weniger fleißige Nachrichtenleser kam im letzten Jahr nicht an der Debatte um dessen Einführung vorbei. Die einen forderten ihn lauthals, die anderen fanden, er wäre das Schlimmste, was der deutschen Wirtschaft passieren könnte. Verstehen kann ich beide Seiten. Jede hat ihre Motive und gute Argumente.

Jetzt ist er da – und trifft nicht nur die Befürworter, nicht nur die Taxifahrer, Haarkünstler und Burgerwender, die sich über mehr Lohn freuen können. Er trifft alle. Sowohl die Hartz-4-Empfänger als auch die Großverdiener, die jetzt mehr für ihr Brot zahlen müssen, weil der Bäcker die gestiegenen Kosten für sein Verkaufspersonal auf seine Produkte abwälzt. Genauso wie die McDonalds-Mitarbeiter, die jetzt sogar weniger Geld verdienen als vorher, weil ihnen der Tarifvertrag gekündigt wurde. Keine Nacht- und Wochenendzuschläge mehr, kein Urlaubsgeld. Da wird jetzt gedreht und gewendet, wo es nur geht, um die Personalkosten auszugleichen.

War das das Ziel des Gesetzes? Sicherlich nicht. Aber so läuft es in einem komplexen System. Es wird nie ein Aspekt verändert, ohne dass die Veränderung Auswirkungen auf das ganze System hat.

Deshalb verstehe ich einfach nicht den Schwerpunkt dieser Debatte, die sich auch jetzt noch um die Frage dreht, ob der Mindestlohn eine gute Sache ist oder nicht. Diese Frage schießt vollkommen am Problem vorbei.

Es geht nicht darum, ob es moralisch und wirtschaftlich vertretbar oder wünschenswert ist, einen Mindestlohn einzuführen. Die Frage ist eher, ob es überhaupt ein passendes Werkzeug gibt, das komplex genug ist, um den gewünschten Effekt – Wohlstand für alle – zu erzielen.

Mindestlohn

Der Mindestlohn? Ist ein kompliziertes Gesetz. Aber im komplexen Wirtschaftssystem konnte und kann niemand vorhersehen, was dieser Eingriff ins System anrichten wird. Sie nicht. Ich nicht.

Und genau das ist der Punkt: Da werden Pläne geschmiedet, die auf Kausalitäten beruhen, die es in einem komplexen System nicht gibt. Und plötzlich passiert das Gegenteil von dem, was beabsichtigt wurde.

Unternehmen und Mitarbeiter halten sich nun einmal nicht daran, was sich Politiker in einem Modell zurechtgelegt haben. Sie verhalten sich nicht so, wie es der Plan vorsieht.

Selbstverständlich reagieren sie auf eine Gesetzesänderung. Schließlich bewegen sie sich in den Systemen, denen sie ausgesetzt sind, und arbeiten damit. Sie gestalten die Systeme aktiv mit. Und natürlich gehen sie mit den Gegebenheiten so um, wie es für sie am lohnenswertesten ist. Nur ist diese Gestaltung weder planbar noch vorhersehbar.

Ob die Welt durch die Einführung des Mindestlohns also besser und gerechter würde, oder die Ungerechtigkeit sogar zunehmen würde, konnte im Voraus niemand sagen. Klar war nur: Es wird Reaktionen geben.

Doch wenn niemand vorhersagen kann, wie sich eine Gesetzesänderung auswirkt: Können sämtliche Gesetze dann abgeschafft werden? Ist es überflüssig, neue Gesetze zu entwerfen? Können Politiker ganz aufhören, die Welt gestalten zu wollen? Natürlich nicht. Sie müssen nur die Illusion aufgeben, sie könnten in einer komplexen Welt durch lineare Vorgehensweisen bestimmte Ergebnisse erzielen. Denn das wird nicht passieren.

2 Kommentare

  1. Timo sagt

    Guter Artikel. In einer komplexen Welt bleibt wohl nur ausprobieren und allenfalls wieder korrigieren. Dazu müssten wir aber experimentierfreudiger werden.

  2. Ich glaube, dass die Einführung des Mindestlohnes ein ganz wichtiger Schritt in die richtige Richtung war. Dennoch muss sich in diesem Bereich auch in Zukunft noch einiges mehr tun. Das Thema darf jetzt nicht einfach beiseite geschoben werden.

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