Gesellschaft
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Die zwei großen Gegner von Verantwortung

Ich habe schon häufiger die Denk-Schlampigkeit gegeißelt, der wir so gerne verfallen, wenn wir Korrelation mit Kausalität verwechseln. Bei Boulevard-Überschriften wie »Verheiratete Männer leben länger« ist das noch lustig-anekdotisch. Bei der Aufforderung, sog. »Level 5-Führungskräfte« (Jim Collins in »From Good to Great«) zu etablieren, um anhaltenden wirtschaftlichen Erfolg zu ernten, wird aus dem humoristischen schnell etwas toxisches.

In Wrong Turn habe ich diese Art Denkfehler als Dumme Irrtümer bezeichnet. Und wem diese dummen Irrtümer zu banal sind, für den gibt’s noch ein Upgrade, den professional Level: die Intelligenten Irrtümer. Es lassen sich nämlich durchaus Phänomene beobachten, die kausal etwas miteinander zu tun haben. Das heißt konkret: das eine Phänomen ist die Ursache für das andere. Wir bringen es korrekterweise in eine kausale Verbindung – aber die Richtung ist falsch. Daher der Intelligente Irrtum. Quasi Geisterfahrer mit Abitur. Am Beispiel der Entwicklungspolitik habe ich das vor einiger Zeit schon mal ausdekliniert.

All diese Denkfehler – und noch viele mehr – stehen Verantwortung im Wege.

Die Über-Vokabel

Verantwortung ist in unserer Gesellschaft eine Art Über-Vokabel geworden, insbesondere im wirtschaftlichen Kontext. Kaum ein professorales, journalistisches, neurobiologisches, volkswirtschaftliches oder politisches Statement kommt noch ohne die Forderung nach mehr Verantwortung aus. Und egal, was wir für Missstände in der Wirtschaft beobachten können (Deutsche Bank, Volkswagen, Deutsche Bank, Monsanto, Deutsche Bank, Lehmann Brothers, Deutsche Bank), immer prangern wir reflexartig auch die Verantwortungslosigkeit der handelnden Personen an.

Aber Verantwortung hat nur oberflächlich etwas mit guten Absichten Elnzelner zu tun. Denn zumeist müssen wir uns gegen übermachtig scheinende Gegner wehren, die uns Verantwortung ständig zu entreißen versuchen, so wie früher die Schaufel im Sandkasten durch den unerzogenen Nachbarsjungen.

Rumpelstilzchen, der erste Gegner

Die beiden großen Gegner von Verantwortungsübernahme sind Geschwister. Gut getarnt, beide in ganz unterschiedlichem Gewande. Der eine führt sich eher so wie Rumpelstilzchen auf, tanzt höhnisch um Konferenztische herum und singt dabei feixend: »Wie gut dass niemand weiß…«. Er nutzt aus, dass wir ständig abgelenkt sind und angeblich immer ganz schnell entscheiden müssen. Wenn Rumpelstilzchen noch klein ist, dann gibt er sich Namen wie ›Methode‹, ›Best Practice‹ oder kommt als Listical daher (›Die 7 Schritte zum dauerhaft erfolgreichen Unternehmen‹). Wir fühlen uns von ihm angezogen, weil er so niedlich ist und bemerken unsere kleinen Unachtsamkeiten und Denkfehler gar nicht sofort. Wir möchten den Kleinen fast schon streicheln und ihm Leckerlis anreichen. »Schau mal, er macht Männchen«.

Aber Vorsicht, schon der kleine Denkfehler kann empfindlich zubeißen, wenn wir nicht aufpassen. Noch schmerzlicher kann Rumpelstilzchen im ausgewachsenen Zustand werden. Dann nämlich mutiert er zur Ideologie, einem Zusammenschluss von hunderten Denkfehlern, die ärgerlicherweise auch noch konsistent sind. Und dann ist Schluss mit niedlich. Wenn wir Ideologien anheim fallen, dann hinterlassen wir nicht selten eine Spur der Verwüstung. Und das nicht selten trotz guter Absichten. »Das haben wir nicht gewollt«, heißt es dann später. Oder präziser: »Das haben wir nicht bedacht«.

Ideologien in der Wirtschaft haben oft kunstvolle Namen, so wie Shareholder Value oder Lean Management. Beides war mal gut gemeint und doch nur selten gut gemacht. Und derzeit hoffen ich, dass Begriffe wie Digitale Transformation oder Industrie 4.0 lediglich technologische Entwicklungen beschreiben und bitte nicht zu Ideologien ausarten. Offen gesprochen bin ich da nicht ganz sorgenfrei.

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©Depositphoto 59878207/JuliaSha

Rumpelstilzchens Schwester

Die ältere Schwester von Ideologie trägt feines Tuch, gar schon ein pompöses Gewand. Mit viel Schmuck und schönen Farben. Sie hat fast schon was majestätisches und trägt den Namen Moral.

Moral galt schon immer als Ersatz für Verantwortung und biedert sich uns quasi ständig an. Moral ist relativ leicht zu haben, sie fällt förmlich von oben herab oder steht bei facebook. Wir teilen sie, weil sie anschmiegsam ist und so schön anzuschauen. Dabei hat Moral schon jahrhundertelang den Zweck, Selbsterfahrung und Verantwortung zu verhindern. Heute kommt sie nicht mehr so miefig verstaubt daher, aber ihre Wirkung ist oft die gleiche geblieben. Eigentlich hatte uns schon Lessing – oder war es Voltaire – ins Tagebuch geschrieben, dass Moral viel zu schlicht sei für unsere Zeit. Und trotzdem liken und teilen wir die Beiträge, die mit »Wir sollten…«, »Wenn nur jeder…« oder »Wir brauchen…« beginnen und die größeren Probleme unserer Zeit zu lösen versuchen – nur um gleich darauf mit »Word«, »Endlich bringt es mal einer auf den Punkt« oder »So ist es!« zu antworten.

Natürlich kann ich selber nicht moralfrei über Moral schimpfen. Und die komplexitätsreduzierende Wirkung von Moral für jeden einzelnen von uns ist fast schon überlebenswichtig. Nichts desto trotz hält sie uns förmlich wollüstig von echter Problemlösung ab sowie eben von Verantwortungsübernahme. Ich tute also letzlich in das gleiche Horn, wenn ich hinterwerfe: Heute geht es um das Gegenteil von Moral, nämlich um Verantwortung. Dabei müssen wir etwas in die Waagschale werfen, unser Gesicht zeigen. Skin-in-the-game heißt das bei den Amerikanern. So wie früher der Baumeister eine Nacht unter seiner Brücke schlafen musste, bevor sie freigegeben wurde oder ein Politiker nur dann für Krieg stimmen durfte, wenn er einen eigenen Sohn in den Krieg entsandte.

Neue Typen oder neue Organisationen?

Brauchen wir also heute mehr Typen mit echtem Verantwortungsgefühl in den Unternehmen? Ist Verantwortlungslosgikeit ein persönliches Defizit?

Vielleicht.

Mir geht es aber hier um etwas anderes, nämlich um die organisationelle Förderung von Verantwortungslosigkeit. Menschen handeln in ihrem Kontext nahezu immer vernünftig. Und wenn uns Verhalten von Menschen in Organisationen als blöd erscheint, dann deutet vieles darauf hin, dass nicht der Mensch, sondern sein Kontext blöd ist. Verantwortungslosigkeit ist dann zunächst keine Ursache für ein Problem, sondern die Lösungs für ein anderes.

Wenn ich auf die Suche danach gehe, ob womöglich die Unternehmensorganisation Verantwortlungslosigkeit vernünftig macht, dann fallen mir sofort all die tayloristischen Praktiken ein, die sich Unternehmen von Rumpelstilzchen aufgeschwatzt haben lassen. Auch bei Ihnen?

Ausufernde Regelsysteme beispielsweise (»Du brauchst hier nicht selber zu denken, das haben andere verantwortungsvolle Menschen schon für Dich getan.«). Oder abteilungsbezogene, oft gar individuelle Bonussysteme (»Wenn jeder an sich selbst denkt, ist ja an jeden gedacht.«).

All diese Praktiken sind aus gutem Grund und mit guter Absicht enstanden. Zumeist, weil sie hohe Effizienz versprachen – die Erfolgswährung des Industriezeitalters und der Verkäufermärkte. Heute aber kollabieren derartige Systeme reihenweise (Sie erinnern sich an die Liste von oben, die mit Volkswagen). Nicht weil es unmoralisch wäre, sondern zu teuer.

Die Kollateralschäden tayloristischen Managements sind zu kaum noch finanzierbar.Die Schaffung organisationeller Strukturen, die Verantwortung fördern, ist kein moralischer Gnadenakt für die Menschen, sondern eine wirtschaftliche Notwendigkeit.

Mit dieser Erkenntnis können wir uns aussichtsreich gegen die beiden Geschwister stemmen.

…wenn da nicht noch die Mutter der Beiden wäre: die Denkfaulheit. Aber das ist eine andere Geschichte und soll später erzählt werden…


 

 

 

4 Kommentare

  1. Claus Meyer sagt

    Ein wenig Nachgedacht
    Da gibt es eine Anzahl Staaten, die sind so hoch verschuldet, dass an eine Rückzahlung nicht zu denken ist. Und das jetzt schon seit Jahren. Und es ändert sich nichts. Die betreffenden Bürger haben dabei die ganze Last zu tragen. Es ist ein Verbrechen an der Menschheit, das sich dort abspielt. Einer ganzen Generation wird die Grundlage entzogen sowie auch deren Kinder sind wegen fehlender Ausbildung die Leidtragenden. Die dafür verantwortlichen Politiker müssen dafür hoffentlich eines Tages zur Rechenschaft herangezogen werden, ob in Kenntnis oder Unkenntnis. Den Verantwortlichen muss man Konkursverschleppung vorwerfen.
    Auslöser dieser Misere ist das heutige Geldsystem, das dauernd eine Umverteilung aller Werte nach den Wohlhabenden erzeugt. Diese Erkenntnis ist nicht neu, sie wird aber wohl bewusst den Normalverbrauchern vorenthalten. Eine Anzahl Wissenschaftler haben schon lange das Problem erkannt und beschreiben Wege aus dieser Misere. Beim Vollgeld darf nur eine staatliche Institution Geld erzeugen und auch die Menge allein bestimmen. Sie stellt dem Staat zinslos eine entsprechende Geldmenge zur Verfügung, Kredite sind hier nicht zulässig. Der Übergang von dem heutigen Geldsystem ist auch vorgesehen. Zusammen mit dem bedingungslosen Grundeinkommen ist ein solches System human und Geld wäre dann ein Hilfsmittel und kein Druckmittel.
    Es ist zu hoffen, dass dieses Problem endlich einmal angefasst wird. Und nicht erst dann, wenn überall das Chaos ausgebrochen ist. Proteste gegen diese Ungerechtigkeiten sind doch schon an der Tagesordnung.
    Es wäre ein gutes Zeichen von Basis-Demokratie, wenn zumindest dieses so überaus wichtige Thema öffentlich diskutiert würde. Warum sollen wir erst durch ein Chaos lernen, wie man es besser machen könnte, ein Großteil aller heutigen Schwierigkeiten sind eine Folge des heutigen Geldsystems. Mit Passivität machen wir uns auch schuldig gegenüber unseren Nachkommen, mit welchem Recht überlassen wir denen unsere Probleme. Und auch, wenn man das als Angstmacherei bezeichnet, ist es immer noch kein Grund, sich nicht mit diesem Problem zu befassen. Ich denke sogar, dass es unsere Pflicht ist und es muss unser Streben sein, hier Abhilfe zu schaffen.

    • Ja, es tut unendlich weh zu erkennen, welcher Fehler in diesem Zinsgeldsystem steckt, dass aus dem Nichts von privaten Banken erzeugt werden darf. Am Ende wirkt es wie ein riesiger Staubsauger von Arm nach Reich.
      Wer ist hier aber der, der sich nicht traut, die Verantwortung zu ergreifen, und diesen Fehler abzustellen?
      OK, sicher bekommen die möglichen Verantwortlichen einen Besuch und ihm wird gezeigt, wie es JFK erging, als er es damals versuchte. Schwierig dann, Verantwortung ergreifen zu wollen …

  2. Petra Sieger sagt

    Herr Vollmer,
    wieder ein großes Vergnügen, ihren Text zu lesen! Und jetzt kann man nur hoffen, dass ihn vielleicht der eine oder andere Politiker oder Manager liest – und versteht. Es fehtl so oft der Blick auf das Ganze, der Blick auf die Möglichkeiten, die sich durch eine ernsthafte Zusammenarbeit ergeben. Stattdessen ein geregeltes „wenn jeder seine Arbeit macht, ist alles getan“ – oder eine Pseudoproblemlösung die keine ist (wir machen die Grenze zu). So funktioniert es leider nicht – weder in der Wirtschaft, noch in der Gesellschaft. Jetzt stellt sich die Frage, wie man diesen Teufelskreis durchbrechen kann,
    Ich war 10 Jahre lang „raus“ aus dem Job – und bin jetzt vollkommen entsetzt, wie wenig sich in diesen Themen bewegt hat. Das Wissen um Führung, Kommunkikation, Mitarbeitermotivation scheint sich nicht vermehrt, sondern vermindert zu haben. Die Bürokratie und Zahlenabhängigkeit hat sich erhöht, die Theoretiker scheinen noch weiter von der Praxis entfernt zu sein. Es geht nur noch um besser dastehen, besser aussehen – aber immer weniger um besser sein. Die Wirtschaft generirert einen Teil ihres Erfolges durch jammern nach staatlichen Zuschüssen, die Politik funktioniert und spricht über weniger Staat – und mekt selber nicht, dass sie die Unfähigkeit der Unternehmen innovativ und wettbewerbsfähig zu bleiben damit zementiert. Wie schön wären Poliker und Manager, die lösungsorientiert arbeiten würden, die miteinander übergreifende, sinnvolle Ziele finden würden – unabhängig von Bereichsdenken und Parteiräson.

  3. Oliver Prause sagt

    Vielen Dank für die interessanten Einblicke in das Thema Verantwortung.
    Spontan habe ich darüber nachgedacht wie Verantwortung in den jüngsten Skandalen wahrgenommen wurde. Wenn man Mist gebaut hat, dann übernimmt man Verantwortung, indem man von seinem Amt zurücktritt. Meist bekommt man hierfür auch noch anerkennende Worte „… seine Entscheidung verdient Respekt …, … er macht den Weg frei für einen Neuanfang …“ etc. Damit ist aber der Mist nicht aus der Welt geschafft! Sollte man demjenigen die Mistgabel wieder in die Hand drücken?

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