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Dienst nach Vorschrift – Drohung in drei Wörtern

Im Projektgeschäft höre ich ihn laufend, diesen Ausruf des Flehens und Hoffens: »Wenn doch nur jeder seinen Job machen würde!« Heißt implizit: Wenn jeder die ihm aufgetragene Arbeit planmäßig und gemäß aller Vorschriften durchführen würde, stünde das Unternehmen prima da.

Ich ergänze dann immer: »Nein, dann wären Sie schon pleite.«

Weil die Problemlösung im 21. Jahrhundert nicht mehr so funktioniert, dass jeder nach Vorschrift seinen Job erfüllt.

Dann mache ich jetzt eben Dienst nach Vorschrift!

Das mag im Industriezeitalter oder in durch und durch tayloristisch organisierten Unternehmen noch funktioniert haben, darüber habe ich hier schon desöfterern geschrieben. Dort konnten Sie sehr geradlinig vorschreiben, was ein Job beinhaltet, wie er aussieht, wie er auszuführen ist. In der Folge wurde die Qualität des gefertigten Produkts gut. Wir nennen das auch gerne »Wertschöpfung der Norm«.

Auf den Punkt bringen könnte ich diese Herangehensweise mit drei markanten Wörtern: Dienst nach Vorschrift.

Denn nichts anderes mussten die Vasallen des Industriezeitalters beherrschen. Dienst nach Vorschrift lieferte gute Ergebnisse, war planbar, fungierte als Qualitätsmerkmal.

Sagt Ihnen hingegen heute ein Mitarbeiter: »Na gut, dann mache ich jetzt eben Dienst nach Vorschrift«, dann werden Sie diese Ansage nicht länger als Qualitätsversprechen auffassen, vermute ich. Der Dienst nach Vorschrift ist zur Drohung mutiert. Er bedeutet heute: Dieser Mitarbeiter tut nur noch, was Sie ihm konkret auftragen. Dahinter steht der inhärente Vorwurf: Eigentlich hätte er mehr tun, die Extrameile gehen und auf Ideen kommen können, wie das Unternehmen voran kommt. Hat er aber nicht. Obwohl es ihm möglich war.

Der Ausdruck Dienst nach Vorschrift hat hier also eine Bedeutungsverschiebung durchlaufen, die deutlich macht: Vorschriften können im Unternehmen nicht mehr alles sein.

Zu viele Probleme

Diese These könnte ich nun in aller Breite diskutieren, herleiten, an Studien belegen. Doch nicht immer ist es vonnöten, darüber zu sprechen, wie die Welt und die Unternehmen darin sich verändern. Dass der Begriff Dienst nach Vorschrift einen bedrohlichen Charakter angenommen hat, zeigt doch, dass bereits eine Veränderung im Gange ist. Die semantische Verschiebung ist an dieser Stelle die reine Beobachtung, dass sich in der Gesellschaft und im Verständnis des Begriffs bereits intuitiv die Idee etabliert hat, dass im Job heute wirklich entscheidend ist, was jenseits der Vorschriften passiert.

Ob der Ausdruck nun eine echte semantische Verschiebung erlebt hat – nun, das zu belegen, überlasse ich gerne den Sprachwissenschaftlern. Ich möchte allerdings behaupten, dass er in der Vergangenheit deutlich positiver konnotiert war als heute. Denn bei Dienst nach Vorschrift spüren viele Menschen mittlerweile instinktiv: Wenn alle nach dieser Prämisse arbeiten, dann wird das Unternehmen in die Grütze fahren. Dann wird es gefährlich. Der semantische Wandel gibt entsprechend nur wieder, was den Menschen intuitiv bereits bewusst ist: Vorschriften und Regeln können das reale Leben eines Unternehmens nicht mehr abbilden.

Dafür gibt es zu viele Probleme, die zwar gelöst werden müssen, jedoch noch nicht in Vorschriften verpackt sind. Zu viele Probleme, bei denen Vorschriften gar nicht geeignet sind, um sie zu lösen. Zu viele Probleme, deren Lösung einen Dienst erfordert, der über die Vorschrift hinaus oder sogar gegen sie geht.

Letzte Worte

Nun gibt es zwei Möglichkeiten, wie Sie mit dem begrifflichen Wandel des Dienstes nach Vorschrift umgehen.

Entweder Sie beharren darauf, dass Vorschriften Ihre Erfolgsgeschichte der letzten Jahrzehnte ausgemacht haben. Dann gilt es, Vorschriften und damit den Dienst nach Vorschrift wieder sinnvoll zu gestalten. Damit sind Sie ja schließlich schon eimal Weltmeister geworden, warum also jetzt nicht wieder? Nun, lassen Sie mich an eine wohlbekannte Anekdote aus dem Hochsprung erinnern: Die Athleten sprangen die längste Zeit alle in einer frontalen Hocke über die Latte. Weltmeister würde zwischen den eleganten Flop-Springern von heute niemand mehr mit dieser Technik. Zumal Sie sich als Freund von Vorschriften die teure Sisyphusaufgabe aufladen würden, immer mehr externe Anforderungen in immer noch mehr interne Vorschriften übersetzen zu müssen. Wem wollen sie das bloß alles in Rechnung stellen?

Oder Sie tragen die Liebe für Vorschriften gemeinsam mit mir zu Grabe. Ich verspreche, ich halte eine semantisch ansprechende Eloge.

Bei der Gelegenheit könnten wir auch gleich den Begriff »Karriereleiter« erörtern. Denn ich habe den Eindruck, auch dieser wandelt sich immer mehr ins Negative, ins Vorschriftentreue, ins stromlinienförmige Hamsterrad-Dasein. Wobei – wenn man im Hamsterrad sitzt, sieht das ja auch wie eine Karriereleiter aus …


Bild: © Depositphoto – 30954281/lofilolo

 

2 Kommentare

  1. Andreas Schlüter sagt

    Na dann können wir all den Affentanz um die DIN 9000, TS 16949 doch auch gleich sein lassen, oder?

  2. M. Darger sagt

    Guter Beitrag, speziell was die eventuelle Bedeutungsverschiebung im Laufe der Zeit anbelangt. Richtig auch, dass es schwierig ist, die gesamte Unternehmensrealität in ihrer Komplexität angemessen und umfassend in Vorschriften abzubilden. Wo verschiedene Menschen gleiche Tätigkeiten durchführen, z.B. auch an der gleichen Maschine, kann es aber unabdingbar sein, Abläufe oder Vorgaben möglichst genau zu beschreiben, um reproduzierbare Ergebnisse zu erzielen. Sozusagen: je spezifischer die Aufgabe, desto genauer die Beschreibung.

    Jedoch ist meiner Meinung nach eine Vorschrift meistens eher eine inhaltliche Vorgabe. Der persönliche Einsatz und die Effizienz, mit der eine Vorschrift angewendet wird, sind eben Erfolgsfaktoren, die sich nicht immer gut be- oder vorschreiben lassen. Das ist wahrscheinlich auch der Grund für die negative Assoziation, die Viele bei „Dienst nach Vorschrift“ haben. Jemand der die Vorschrift beachtet, aber ohne sich dabei anstrengt, erzeugt eventuell Unmut beim Kollegen, der die gleiche Vorschrift beachtet, aber dabei seine Aufgabe hochmotiviert wahrnimmt.

    Und wie der vorherige Kommentar schon richtig andeutet: Die meisten Vorgaben werden extern in eine Organisation getragen: Normen, Gesetze, kundenspezifische Forderungen. ..

    Gruß
    M.D.

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