Gesellschaft
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Ein Appell gegen Appelle

Ob in den klassischen Medien, den Social Media oder einfach in jedem zweiten Gespräch – von allen Seiten prasselt sie auf mich ein: die Alternative für Deutschland. Dabei scheint der Grundtonus in der Gesellschaft doch eigentlich schon seit Langem der zu sein, dass die AfD und ihre Aussagen möglichst wenig Aufmerksamkeit erfahren sollten. Was sehe ich stattdessen? Stetige Appelle, lautstarke Empörungen, Bashing, Gegenhass.

Jetzt werde ich den Teufel tun, mich an dieser Stelle inhaltlich über die AfD zu äußern oder mich auch noch in diese Diskussion einzuklinken. Das überlasse ich gerne anderen. Was mich vielmehr interessiert, ist das gesellschaftliche Phänomen, das ich dahinter sehe und mich zu der Frage bringt: Wozu führen Appelle in der Kommunikation?

Ein phänomenales Kuriositätenkabinett in zwei Akten

Sei es der zwanzigste Bericht über Alice Weidels Talkshow-Flucht oder das dreimillionste Trump-Bashing – indem die breite Öffentlichkeit Personen oder Organisationen in Misskredit bringt und GEGEN sie appelliert, stellt sie sie regelmäßig in den Fokus. Von eigener Seite bedarf es so kaum noch weiterer PR-Arbeit. Dadurch arbeiten die Gegner streng genommen noch zu Gunsten von AfD & Co., obwohl es so nicht beabsichtigt war: Sie erhalten kostenlose Werbeminuten bei TV-Größen wie der Tagesschau und in den sozialen Netzwerken tauchen sie gleichermaßen vermehrt auf. Und das ausgerechnet auf den Seiten ihrer Gegner, weil diese sie in ihren Appellen diffamieren.

Wie Sie beobachte ich dieses Phänomen allerdings keineswegs nur in der Öffentlichkeit, sondern auch in Unternehmen: Denn auch hier sprechen die Mitarbeiter Appelle aus. Sie beschweren sich beispielsweise über die Silomentalität der anderen Führungskraft und unterliegen dem Eindruck, die Abteilungen müssten sich und ihre Arbeit gegenseitig besser verstehen. Dann klappt das mir nichts, dir nichts auch mit der Zusammenarbeit. Die Reaktion in der Praxis zeigt sich dann meist in Form von Schnittstellen-Workshops oder Probearbeiten in anderen Abteilungen, um die Arbeit des jeweils anderen kennenzulernen.

Das Problem ist doch aber, dass dieses »Schnuppern« in der anderen Abteilung das Feuer noch nährt. Und zwar indem alle Beteiligten im Endeffekt nicht mehr nur ohne oder mit wenig fachlicher Grundlage über den anderen schimpfen. Nein, nun haben Sie auch ziemlich genaue Vorstellungen davon, wie wessen Arbeit aussieht. Die Diskussion über Sinn, Zweck und Legitimation der anderen Abteilung kommt auf diese Weise noch dazu und bringt eine neue Dimension mit sich: Der Graben zwischen den Silos vergrößert sich weiter – und die Appelle gegen sie nehmen kein Ende.

Der Schuss ins eigene Knie

Wozu also Appelle? In meinen Augen lassen diese Bilder aus Presse- und Unternehmenskommunikation nur einen Schluss zu: Appelle sind nutzlos und nicht selten sogar kontraproduktiv.

Ja, ich höre sie schon schreien, eben jene Gegner und Medien: »Herr Vollmer, was fällt Ihnen eigentlich ein? Sie können uns doch nicht den Mund verbieten! Wir müssen uns doch entschieden und mit klarer Stimme gegen Missstände und Probleme wehren!«

Na, das ist ja alles schön und gut. Aber was sie dabei meist außer Acht lassen, ist die Tatsache, dass sie die Probleme dadurch vor allem als festen Bestandteil in der Kommunikation etablieren. Es ist ja nichts Neues, dass soziale Systeme Kommunikationen beibehalten, die sich in ihrer Historie als erfolgreich erwiesen haben. Genau das ist es, was ich hier erkenne: Statt zu zeigen, wie schlimm die Fratze der AfD in ihren Augen ist, machen die Gegner durch ihre Appelle gegen die AfD Menschen auf die Partei aufmerksam, die sich normalerweise vielleicht gar nicht für Politik interessieren. Unter anderen Umständen hätten diese sich vermutlich nicht einmal über die Inhalte der AfD informiert.

Langsam nährt sich das Eichhörnchen

Nach dem Motto »Es gibt keine schlechte PR« scheint die AfD in der Dunstwolke des Bashings jedenfalls ganz gut zu leben. Ganz konkret ist es so: Als die Berichterstattung über die Partei im Mai, Juni diesen Jahres gemeinhin eingeschlafen war, fielen ihre Umfragewerte rasant in den Keller. Jetzt sind sie nach mehreren Eklats langsam, aber sicher wieder auf dem Kurs nach oben. Und das mit Ankündigung. Schließlich hatte die AfD in ihrem Strategiepapier im Frühjahr bereits verlauten lassen, dass sie ihren Wahlkampf über Eklats bestreiten würde.

Das Konzept geht also so gut auf, dass die Partei sogar darüber sprechen kann. Ohne ernsthaft Gefahr zu laufen, ihren Erfolg dadurch zu schädigen. Wenn ich über den großen Teich schaue, hat das ja auch schon bei Trump gut funktioniert. Wie ließe es sich sonst erklären, dass am Wahltag so viele Hispanoamerikaner für Trump stimmten, obwohl er im Vorfeld gerade sie aufs Massivste verunglimpft hatte? Richtig: Durch die andauernde, auf Trump fokussierte Berichterstattung befassten sie sich mit seinem Programm. Und das versprach ihnen Arbeitsplätze, wenn sie erst einmal Amerikaner wären. Ganz nach der Devise: »Ist zwar ein ekelhafter Kerl, aber die Botschaft klingt für mich vernünftig.«

Sie sehen: Schlechte Presse und erboste Appelle gegen eine Person sorgen folglich nicht dafür, dass sich das »wahre Gesicht« dieser Person offenbart und sie aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwindet. Im Gegenteil – ihr Bekanntheitsgrad steigt langsam, aber stetig und er setzt sich in den Köpfen, in der Kommunikation fest. Häufig gar ohne eigenes aktives Zutun. Das wird ganz schnell zum Selbstläufer. Je häufiger die Presse berichtet oder im Gespräch diskutiert wird, wie menschenverachtend, ekelhaft oder zwielichtig Personen oder Institutionen sind, desto mehr wächst die Aufmerksamkeit. Und – wie im Falle der AfD und eines Präsidenten Trump – umso stabiler steigen ihre Wahlergebnisse.

Vom Traum einer nutzbringenden Kommunikation

Ich weiß, es wäre eine utopische Welt, in der einfach nicht über das berichtet wird, was nicht dauerhaft in der Kommunikation bleiben soll. Völlig unrealistische aus vielerlei Gründen, aber doch zumindest erstrebenswert. Und dafür ist es wichtig, dass ins klare, wache Bewusstsein eindringt, dass es dieses Phänomen gibt und was dabei passiert. Über Appelle lassen sich Kommunikationen jedenfalls nicht verändern. Denn die Kommunikation wird nicht vom Menschen gemacht, sondern vom sozialen System. Demzufolge können Sie als Einzelperson nicht entscheiden, die kommunikativen Muster eines Systems anders zu wählen. Dieses Problem können Sie lediglich strukturell lösen. Und das gilt sowohl in der Gesellschaft wie auch im Unternehmen. Im Unternehmen können Sie Silos abschaffen und wertschöpfungsorientierte Strukturen wählen. Und als Bürger in unserer Gesellschaft? Da können Sie wählen gehen. Konstruktiver geht es wohl kaum.

Tja, und nun muss ich zum Schluss tatsächlich feststellen, dass ich einen Appell gegen nutzlose Appelle geschrieben habe. Der dann folglich auch wieder nutzlos ist. Großartig. Wenn ich es also wirklich ernst meine mit dem Wunsch, dass über dieses und jenes nicht mehr gesprochen wird, dürfte ich nicht darüber schreiben.

Ergo höre ich hier wohl am besten auf…


Bild: © Fotolia – 119218069/porcomanzi

 

2 Kommentare

  1. Danke für diese gute Darstellung! Bei mir drängt sich jetzt aber eine Frage auf: ab wann ist ein Vorschlag ein Appell?

  2. Andreas sagt

    Jetzt wollte den Artikel gerade weiterempfehlen… und dann: habe ich zum Glück festgestellt, dass es wohl auch ein Appell geworden wäre …

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