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Einen Stadtplan gefälligst? – Wie Best Practice zur Falle wird

Best Practice-Berichten anderer nachzueifern, ist wie in Berlin mit dem Stadtplan von Köln herumzulaufen. Sie verrennen sich garantiert!

Mit fällt gerade mal wieder auf, wie viele Fachkonferenzen es eigentlich gibt. Zu wie vielen werden Sie eigentlich eingeladen? Ich bekomme täglich sicherlich drei bis fünf Einladungen. Also müssen doch im Schnitt auch täglich drei bis fünf Konferenzen stattfinden. Und das alleine in meinem erweiterten Interessensgebiet. Denn Einladungen zu Konferenzen der Druckindustrie, des Bäckereihandwerks oder zur wirtschaftlichen Entwicklung einer Metropolregion bekomme ich nur als Speaker, nicht als Gast.

Für Veranstalter scheint das wichtigste Kriterium, um Teilnehmer für kommerzielle Veranstaltungen zu gewinnen, ein Angebot an möglichst vielen »Best Practice«-Berichten zu sein. ›Praktiker für Praktiker‹ heißt die Devise und die am Rednerpult sollten dann schon die Besten sein, bzw. über eine ganz außergewöhnliche »Best Practice«-Lösung berichten. Die Konferenzveranstalter wissen hier zuverlässig den Nerv ihrer Kunden getroffen zu haben, denn diese goutieren die vielen Praktikerberichte mit guten und die wenigen vermeindlichen Theorie-Vorträgen mit eher mäßigen Feedbacks auf den 4-seitigen Fragebögen, die am Abschluss jeder Konferenz ausgeteilt, ausgefüllt und brav ausgewertet werden.

Und wo ich so drüber nachdenke, wird mir wieder bewusst, dass es eine ganze »Best Practice«-Industrie gibt. Mit »Best Practice«-Reisen nach irgendwohin zu den tollen Fabriken von x,y und z. Mit unzähligen Benchmark-Angeboten, denen sich ein Unternehmen stellen kann, um herauszufinden, ob es womöglich schon »Best Practice« ist, ohne es gewusst zu haben. Mit tonnenweise Büchern, die beschreiben wie es ist, so zu sein, wie Google, Apple oder Zappos. Und natürlich auch mit den ganzen Beratungsleistungen, die »Best Practice«-Einführung anbieten. Überall »Best Practice«.

Nun erwachsen für mich daraus gleich mehrere Fragen. Zum Beispiel, welche Haltungen und Einstellungen hinter dieser Sehnsucht stecken. Und – viel entscheidender – ob diese Sehnsucht tatsächlich eine realistische Chance auf Erfüllung hat.

Die glasklare Antwort auf die zweite Frage lautet meines Erachtens: na ja, kommt drauf an. Und zwar, um was für einen Sachverhalt, um was für ein Problem es geht. Das ahnten Sie schon, oder? Ich schlage Ihnen hierzu wieder die Unterscheidung zwischen komplizierten und komplexen Problemen vor (zur Erläuterung von ›kompliziert‹ und ›komplex‹ darf ich die neuen Leser bitten, sich kurz diesen Beitrag durchzulesen).

Bei komplizierten Sachverhalten kann »Best Practice« eine echten Nutzen bringen, denn Kompliziertes ist gut reproduzierbar, die gute Lösung für den Anwendungsfall A ist unter gleichen oder zumindest sehr ähnlichen Randbedingungen und Voraussetzungen höchstwahrscheinlich auch für den Anwendungsfall B hilfreich.

Versuchen wir es mit Beispielen: Wenn Sie als trauriger Besitzer eines Laserdruckers, der im Moment das Drucken verweigert, auf die Suche nach einer Best-Practice Lösung gehen, dann werden Sie vielleicht fündig bei »Neuen Toner einsetzen«“. Hier kann es bei gleichem Symptombild sinnvoll sein, sich dieser »Best Practice«-Lösung nicht zu verschließen. Entschuldigung, das war Polemik.

Nehmen wir ein anderes Beispiel: Sie sind Pendler. Jeden Morgen 20 km zur Arbeit und abends wieder zurück – wenn Sie nicht gerade auf einer Konferenz zu Gast sind. Nun hören Sie einen Bericht von einem anderen Pendler, der im gleichen Vorort lebt und sein Büro nur zwei Straßen von Ihrem hat. Sie fahren Auto, er fährt mit der Bahn und hat sein Klapprad immer dabei. Kostenersparnis 35 Prozent, 20 Minuten weniger Zeitaufwand und in Summe weniger Stress. Das nenn ich mal Best-Practice. Und wieder birgt die Übernahme des anderen Pendlers auch für Sie große Chancen, die Vorteile ebenfalls zu realisieren. Klingt auch fast nach Polemik, oder? Jedes weitere Beispiel, das mir einfällt: Leider auch polemisch und trivial. Sollte es etwa nur Triviales geben, bei denen das Folgen eines »Best Practice«-Beispiels zu wirksamen Verbesserungen führen kann? Ich sage: JA!

Mann mit StadtplanAllerdings kann es auch schon bei nur komplizierten Fragestellungen zu fatalen Fehleinschätzungen kommen, sobald man Best-Practice ernst nimmt. Immer dann nämlich, wenn die Randbedingungen und Voraussetzungen differieren. Erinnern Sie sich an die Einleitungszeile mit dem Kölner Stadtplan?

Die Gefahr für gravierende Fehlentscheidungen nimmt aber dann noch dramatisch zu, wenn sich ein »Best Practice«-Bericht auf ein komplexes System bezieht. Wenn also der Produktionsleiter eines bekannten Automobilzulieferers bild- und wortreich ausführt, dass er mit der Installation einer Chaku-Chaku-Montagelinie für das Steuerungsgerät FX2000 am Standort Oberbayern eine Senkung der Stückkosten von über 20 Prozent erreicht hat. Oder der Marketingleiter eines internationalen Konsumgüterkonzerns im Stile von Steve Jobs berichtet, sie hätten die Markteinführung des neuen Shampoos unter dem Namen ›Thunder‹ in Südamerika mit der neuen Methode von Prof. Hubeldubel so erfolgreich wie noch nie durchgezogen. Dann können Sie daraus folgendes lernen:

  • Es gibt ein neues Shampoo, es heißt ›Thunder‹. Es ist in Südamerika erhältlich.
  • Es gibt einen Professor namens Hubendubel. Er hat eine Methode zur Markteinführung entwickelt. Sie soll neu sein.
  • Der Automobilzulieferer stellt ein Steuerungsgerät her. In Oberbayern. Es heißt FX2000.
  • Die haben ihre Montage umgestaltet. Die Methode hat irgendeinen komischen japanischen Namen.
  • Es gibt eine Stückkostenrechnung im Werk Oberbayern. Diese behauptet, die Kosten hätten sich reduziert.

Immerhin. Aber mehr auch nicht.

Die große Gefahr besteht aber nicht im Zuhören, sondern in den Schlüssen, zu deren ziehen man sich verleiten lässt: z.B., dass die Methode von Prof. Hubeldubel der wahre Grund für die erfolgreiche Markteinführung war und dass es deshalb angemessen sei, mal zu überlegen, welche Teile der Methode auch für das eigene Unternehmen passen könnten.

Bitte verstehen Sie mich richtig: selbstverständlich unterstelle ich keinem meiner Leser Kritiklosigkeit oder spreche Ihnen die grundsätzliche Fähigkeit zur Abstraktion ab. Aber diese Berichte, die sie hören, wirken wie süßes Gift. Sie klingen immer so, als würde der Autor die Gründe für den Erfolg genau kennen, und dass die Entwicklung einer klaren kausalen Kette unterläge. Das liegt an der Natur von Geschichten, die nun mal immer aus einer Rückschau auf die Geschehnisse erzählt werden. Wir Menschen lieben Geschichten, wir können uns Geschichten viel leichter merken, als bloße Fakten. Und wir neigen dazu, gute Geschichten zu glauben, denn sie klingen logisch. Und das ist das Gift, denn die Realität läuft in Wirklichkeit immer vorwärts und ist – wie wir alle wissen – nicht-linear, rekursiv und von Zufällen beeinflusst. Geschichten können immer erst hinterher erzählt werden.

Als noch fataler schätze ich daher den Umstand ein, dass ein gutes Beispiel den Blick auf die Gründe eines Vorgehens, einer Methode verstellt. Denn es ist nahezu unerheblich zu wissen, wie eine Chaku-Chaku-Linie in Oberbayern aussieht und dass sie gute Ergebnisse erzeugt. Wichtig ist vor allem: warum! Also welches Denkmodell und welche Glaubenssätze liegen diesem Gestaltungsansatz zu Grunde?

Und dann beginnt die eigentliche Arbeit: selber denken und selber lernen! Dann erst kann Ihnen klar werden, welche Rolle Oberbayern in der Geschichte wirklich gespielt hat, welchen Einfluss das Kennzahlensystem des Best-Practice-Unternehmens hat, von dem der Redner aber gar nicht erzählt hat. Erst dann wird Ihnen klar, dass die räumliche Umgestaltung der Linie und der technischen Einrichtungen für Chaku-Chaku (das im übrigen wörtlich übersetzt ›laden-laden‹ heißt und auf die Fähigkeit von Maschinen hinweist, Werkstücke selbsttätig auszuwerfen, so dass der Werker nur noch Teile einlegen muss) einen geringeren Einfluss auf den Erfolg hat als der Eskalationsmechanismus und der sich anschließende Kaizen-Prozess bei Störungen in der Montageinsel. Und so weiter…

In die gleiche Falle können Sie tappen, wenn Ihnen ein Unternehmensberater anbietet, sich eine Referenzfirma anzuschauen. Natürlich kann es für Sie lehrreich sein aus erster Hand zu erfahren, wie der Berater sich in ein fremdes Unternehmensgefüge einordnet. Aber ein Beleg für die Wirksamkeit seiner eingesetzten Methode kann die »success story« gar nicht sein. Nehmen Sie sich lieber ausreichend Zeit dafür, das Denkmodell hinter seiner Methode zu verstehen. Erst wenn hier Verständnis geschaffen ist und Konsistenz zu Ihrem Problemschlamassel, kann das Projekt – ausreichende soziale Fähigkeiten des Beraters vorausgesetzt – wirksam werden.

Ob in Berlin oder Köln, es bleibt die Erkenntnis: Für komplizierte Probleme reicht Wissen. Für komplexe Probleme braucht es Könner.

19 Kommentare

  1. Ardalan Ibrahim sagt

    Hi Lars,

    sehr schön! – Mal wieder was aus der Sparte: „Was wirklich mal gesagt werden musste.“

    Ich bin voll bei Dir bei Deinen Ausführungen und hätte das selber nicht so auf den Punkt bringen können.

    Allerdings habe ich auch gewisses Problem: Ich merke, dass ich für mich sowas wie „Inspirationen durch das Beispiel anderer“ vor Deiner berechtigten Best-Practice-Dauer-Hype-Kritik retten will.

    Aber ich weiß grad nicht wie. Ist also im Moment nur ein frommer und ziemlich vager Wunsch, weil mir mein Gefühl sagt, dass Inspiration durch „Erfolgsgeschichten“ auch viel Kraft zum Handeln geben.
    Und weil der ganze Vorgang irgendwie „natürlich“ ist. In dem Sinne: Dass wir Menschen das wohl schon immer gemacht haben und auch immer machen werden, dass wir „schöne Geschichten vom Erfolg und wie er möglich wurde“ hören wollen (am Besten mit viel Drama, ein paar Heroen, die das Ruder rumrissen und happy endings… ;-)).

    Wenn Du selber eine Idee hast, wie man überbewerte „Best Practices“ von Kraft gebender Inspiration unterscheiden kann, bin ich Dir sehr dankbar.

    Wenn nicht, ist’s natürlich auch gut.

    Herzlichen Gruß,
    Ardalan

      • Ardalan Ibrahim sagt

        Hallo Herr Bieber,

        das, was ich oben geschrieben habe, möchte ich gern unterscheiden können.

        Aus den Gründen, die ich oben beschrieben habe.

        Wenn Sie konkretere Nachfragen haben, sehr gerne.

        Herzlich,
        Ardalan Ibrahim

        • Klaus Bieber sagt

          Sie Fragen, wie man überbewerte Best Practices von Kraft gebender Inspiration unterscheiden kann. Aus meiner Sicht, kann sich beides gegenseitig bedingen, muss es aber nicht. Best Practice kann inspirierende Kraft wecken und inspirierende Kraft kann zu Best Practice führen. Meine aus Ihrer Sicht unkonkrete Frage lautet weiterhin, was genau wollen Sie unterscheiden? Etwas konkreter, was ist überbewerte Best Practice und was ist kraftgebende Inspiration aus Ihrer Sicht?

          • Ardalan Ibrahim sagt

            Hallo lieber Herr Bieber,

            vielen Dank für Ihr hartnäckiges Fragen!

            Für mich selber hat sich meine Frage mit den Dialogen weiter unten in den Kommentaren erledigt.

            D.h. für mich geht es nun, nachdem ich wieder ein Stücken weiter gekommen bin, weniger darum, das Genannte zu unterscheiden, sondern mehr darum, wie man wirksame und nachhaltige Veränderungen in unseren Unternehmen begleiten kann.

            Meine ursprüngliche Frage war: „Darf“ ich noch mit Fremd-Inspiration arbeiten (wie ich es derzeit tue), wenn ich doch dem Artikel von Lars Vollmer oben voll zustimme? – Da schien es mir einen Widerspruch in meiner eigenen Praxis zu geben.

            Dieser Widerspruch hat sich für mich jetzt dahingehend aufgelöst (aufgrund der Dialoge unten), dass es immer darum geht, „den Blick nach innen zu richten“. Demgegenüber ist der Gegensatz von Best Practice und Inspiration, den ich ursprünglich aufgemacht hatte, vergleichsweise unwichtig.

            Mit systemtheoretischer Brille gibt es in einem ganz bestimmten Sinn ja eigentlich auch gar kein „Außen“. 😉

            Aber es gibt die Illusion, dass es ein Außen gibt. – Es könnte also darum gehen, einfach möglichst wenig über andere Unternehmen zu sprechen. Ob das in der Change-Begleitungs-Praxis heißt, dass man „niemals“ auf interessante Vorgehensweisen in anderen Unternehmen Bezug nehmen sollte, ist damit nicht zwingend gesagt. Vielleicht geht es auch nur um das „Wie“ und das „Wann“. – Aber das sind alles Fragen, die ich in der Praxis aus der Situation heraus gut lösen kann.

            Am Ende halte ich es auch in diesem Fall für das Beste, einfach zu experimentieren, was wo wie funktioniert. – Es bleibt einem ja im Grunde auch gar nichts anderes übrig… 😉

            Herzlich,
            AI

          • Klaus Bieber sagt

            Sie schreiben

            …dieser Widerspruch hat sich für mich jetzt dahingehend aufgelöst (aufgrund der Dialoge unten), dass es immer darum geht, „den Blick nach innen zu richten“….

            Ich sehe das anders. In meiner Praxis geht es um beides, den Blick nach innen und den Blick nach außen. Den Blick nach außen zur Aufklärung, den Blick nach innen zur Bewertung und Klärung der Sinnhaftigkeit.

            Viel Freude beim experimentieren und lösen von Situationen.

          • Klaus Bieber sagt

            Sie schreiben

            …dieser Widerspruch hat sich für mich jetzt dahingehend aufgelöst (aufgrund der Dialoge unten), dass es immer darum geht, „den Blick nach innen zu richten“….

            Ich sehe das anders. In meiner Praxis geht es um beides, den Blick nach innen und den Blick nach außen. Den Blick nach außen zur Aufklärung, den Blick nach innen zur Bewertung und Klärung der Sinnhaftigkeit.

            Viel Freude beim experimentieren und lösen von Situationen.

    • Frank sagt

      Hallo Ardalan,

      die Frage ist mE nicht, wie man die Best Practices von den Inspirationen unterscheiden kann. Denn es gibt keine objektiven Kriterien dafür, die sich aus Eigenschaften der Fälle oder der Vortragenden ableiten ließen.

      Der Unterschied liegt in Dir selbst: Wenn Du Dich auf Deine Fragestellung oder Dein zu bearbeitendes Thema einlässt; Dich damit beschäftigst, worum es wirklich geht; Ziel- oder Lösungszustände vor Deinem geistigen Auge visualisierst, dann hast Du Dich selbst (mit Deinem menschlichen Komplexitätsbewältigungsapparat) so weit „voreingestellt“, dass Du das, was an Inspiration in einer „best practice“ drinsteckt, wahrnehmen kannst. Dabei kann etwas Neues und Kreatives an Lösung entstehen.

      Andernfalls machst Du etwas nach, was anderswo schon mal geklappt hat. Das kann funktionieren oder nicht, aber Du wirst maximal so gut werden wie die anderen vor Dir.

      Liebe Grüße,
      Frank

      • Ardalan sagt

        Ach so – dann hab ich das jetzt wirklich besser verstanden. Danke Dir Frank, Deine Worte waren da sehr hilfreich für mich! 🙂

        Für mich ist das so selbstverständlich, dass ich selber für mich ausschließen kann, in „Best-Practice-Nachahmungsgefahr“ zu sein.

        Verstehe jetzt auch, dass es in der Arbeit mit Kunden darum geht, sie liebevoll auf ihre innere Haltung zurückzuführen („liebevoll“ heißt: in ihrem Tempo und so weit sie das selber wollen und zulassen). – Also vom Blick ins Außen zum Blick „nach Innen“. – Und damit zu den je eigenen Lösungen.

        Ich selber bin so innenfokussiert, dass ich manchmal vergesse, wie wenig selbstverständlich das ist… 😉

        Herzliche Grüße und nochmals Danke!
        Ardalan

    • Ingo Körner sagt

      Ich glaube, die Kernbotschaft ist: Inspiration ist gut, aber nur das Kick-off für die eigene Denkleistung. Deshalb kann sie genausogut einem Buch oder einem Spaziergang oder einer freien Denkstunde entspringen. Und dabei spart man noch eine Menge Reisekosten. Leider lässt sich die Botschaft: „nehmen Sie sich eine Stunde Zeit und analysieren Sie Ihr Umfeld und Ihr Tun“ nicht wirklich gut verkaufen. Denn schließlich ist sie ebenso trivial wie wirkungsvoll verdrängt.

      Was mich wirklich beunruhigt, ist der Dr. Vollmers engagierter Kampf, seiner Zunft die Existenzberechtigung zu entziehen. Weil, wenn er Recht hat, trägt jeder Psychotherapeut mehr zum Erfolg deutscher Unternehmen bei als alle Unternehmensberater zusammen.

      Ingo Körner, heute auch polemisch

  2. Klaus Bieber sagt

    Danke für diesen Beitrag, lieber Lars. Jetzt verstehe ich warum ich seit Jahren an keinem Kongress teilnahm und bei meinem letzten Referentenauftritt die Mehrheit der Zuhörerschaft enttäuschte. Man erwartete Best Practice und ich bot ein unausgereiftes Modell zur Bewätigung komplexer Situationen.

  3. Holger Körber sagt

    Lieber Herr Vollmer,

    einmal mehr super geschrieben und auf den Punkt gebracht. Vielen Dank für Ihre schöne Anregung und Ihr Teilen. Eine spontane Anmerkung zum Thema „Einstellung und Haltung“:

    Ich selbst gerate auch immer wieder mal auf Fragen nach „Best Practices“ im Bereich „strategische Innovation und Entwicklung neuer Geschäftsfelder“. Sich mit guten Beispielen zu befassen ist einerseits auch richtig, da es hier oft um Inspiration und den Mut zu neuen Perspektiven geht. Andererseits ist der Grat zwischen Inspiration und Imitation oft sehr schmal.

    Ist der dahinter liegende Kern nicht oft das Thema (Eigen-) Verantwortung? Bin ich auf der Suche nach Lösungen, die mir schnellstmöglich den größtmöglichen Erfolg garantieren? So dass ich neue Erfolge vorzeigen und meine individuelle Position verbessern kann? Natürlich möglichst ohne Risiko? Oder geht es mir wirklich um den Kern der Sache, das Beste für das Unternehmen anzustreben und auch Dinge zu wagen, die zunächst ungemütlich sein könnten und Dinge verlangen, die auch Mut und Risikobereitschaft erfordern? Und auch mal ein Scheitern zulassen, um den wirklich sinnvollsten und wirksamsten Weg zum Ziel auch zu entdecken und zu gehen?

    Für mich ist eine weitere Erkenntnis Ihres Blogs: Für komplizierte Probleme reichen stromlinienförmige Durchschnitts-Manager. Für komplexe Probleme benötigen wir KÖNNER mit MUT, LEIDENSCHAFT und ENTSCHLOSSENHEIT, die echten Unternehmergeist in sich tragen und etwas BEWIRKEN wollen.

    Herzliche Grüße,

    Holger Körber
    Innovations-und Denkwerkstatt
    koerber-weiterdenken.de

  4. Jens Lippoldt sagt

    Hallo Lars,
    hallo Kommentatoren,

    was für eine Koinzidenz: Die neue „Mir ist grad so…“ kommt an, erfrischend und zum Nachdenken anregend wie immer, da fällt mir ein Blogeintrag bei HBR von Freek Vermeulen, Associate Professor of Strategic & International Management at the London Business School, vom Anfang der Woche mit dem vielsagenden Titel „Which Best Practice Is Ruining Your Business?“ ein:
    http://blogs.hbr.org/cs/2012/12/which_best_practice_is_ruining.html

    Hier ist beschrieben, dass Best Practice auch bei einfachen und wenig komplexen Sachverhalten, wie dem Format einer Zeitung, in die falsche Richtung bzw. zur Beibehaltung von Ineffizienzen führen kann.

    Interessant die Begründung eines Senior Executives, warum eine bestimmte Sache im Unternehmen genau so gemacht wird, wie sie gerade gemacht wird: „Everybody in our business does it this way, and everybody has always been doing it this way. If it wasn’t the best way of doing things, I am sure it would have disappeared by now“.

    Selber denken und lernen ist schlussendlich auch die Empfehlung von Vermeulen, und vor allem hinterfragen, warum es diesen „Best Practice“ gibt und ob er dem Erreichen des eigentlichen Ziels meines Handelns wirklich hilft. So können historische Gründe (Zeitungssteuer pro Seite –> großes Format) vorliegen, an die sich nach Wegfall des Grundes (Steuer) niemand mehr erinnern kann, aber alle halten es weiter für Best Practice. Das „Self-perpetuating myths“, erklärt am Beispiel für den Erfolg von Filmen mit vielen hochkarätigen Schauspielern, für die der Verleih aber auch überdurchschnittlich viel Marketing betreibt, eben genau weil er einen großen Erfolg erwartet, ist sicher ebenfalls bekannt und einleuchtend.

    Besonders interessant fand ich jedoch eine Begründung für fehlgeleitetes Best Practice, das Vermeulen „The short-term trap“ nennt. Am Beispiel des langfristigen(!) Erfolgs von Kliniken für künstliche Befruchtung zeigt er, dass eine bewusste Entscheidung für Bad Practice (nicht nur die „unproblematischen“ Fällen werden aufgenommen, sondern ein Querschnitt) zu Beginn zwar negative Auswirkungen auf den Erfolg haben kann (geringere Erfolgsquote), langfristig den Schaden jedoch überkompensiert, weil sich die Klinik schneller und besser weiterentwickeln kann (muss). Und natürlich im Umkehrschluss: „Clearly, the long-term negative consequences of a seemingly „best practice“ can greatly outweigh its short-term benefits“.

    Viele Grüße nach Hannover
    Jens Lippoldt

  5. Simone D. Wiedenhöft sagt

    Ein Hallo in die Runde,

    Zunächst einmal ein Dankeschön für diesen inspirierenden Beitrag und die hilfreichen Kommentare. Um noch einmal in die Diskussion weiter oben einzuhaken: Ich glaube nicht, dass Lars Vollmer seiner Zunft mit diesem (und anderen) Gedanken die Existenzbechtigung entzieht, das Gegenteil ist meines Erachtens der Fall. Geht es doch darum, Unternehmen zu befähigen, ihre eigenen, auf sie passenden Lösungsansätze zu entwickeln. Natürlich können sie sich dabei von anderen Lösungen inspirieren lassen. Den daraus entstehenden Mutmachen-Faktor halte ich gerade für die Entwicklung neuer, eigener Wege für besonders wertvoll.

    Nun zeigt der weitverbreitete Wunsch nach Instant-Lösungen doch gerade, dass diese Fähigkeit noch nicht allzu weit in die Unternehmen eingewandert ist. Wäre sie das, bräuchte es den Wunsch nach Instant nicht mehr, es wäre automatisch der Wunsch nach Inspiration.
    Daraus schlussgefolgert: Es braucht mehr Beratung, nicht weniger. Allerdings im Sinne von Kompetenzentwicklung, nicht im Sinne von Rat“Schlägen“. Von denen es bedauerlicherweise immernoch genug gibt.

    Das gilt für die Entwicklung von Einzelpersonen genauso wie für die von Unternehmen.

    Mit den besten Grüßen
    Simone D. Wiedenhöft

  6. Christian Zirsky sagt

    Fremde Best-Practice-Ansätze können bestenfalls ein Denkanstoß sein, die eigenen grauen Zellen (so vorhanden) in Betrieb zu setzen. Als „Blaupause“ in fremder Umgebung taugt das nicht – völlig richtig!

    Ich finde es auch vergleichsweise erheblich einfacher, Probleme selbst zu erkennen und einer Lösung zuzuführen als alle Parameter einer Fremdlösung erst mal „übersetzen“ oder normieren zu müssen, bevor man ggf. eine für das eigene Problem passende Lösung hat (wie oben beschrieben). Daß man dafür geeignete Tools einsetzen kann und soll (VSM, 5S, 8D, …), ist natürlich anzuraten.

    Aber: Weg vom Nachmachen fremder Best Practices! Denken ist halt nicht so leicht delegierbar.

    Meine eigenen Best Practices:

    1. Nicht mehr auf die Herdplatte greifen, da die heiß sein könnte (muß ich schon irgendwann als Kind weit vor meinem Wissen über „best practices“ gelernt haben)!

    2. Beim Ausräumen des Geschirrspülers nicht unvermittelt aufrichten, da der Kopf dann in Konflikt mit den offenen Küchenschränken kommen könnte!

    Beides gelernt, ohne einen Best-Practice-Kurs besucht zu haben! 😉

  7. Pingback: Meine Fünf Tipps für das Lesen von Best Practice Büchern

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