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Ep. 69 – Warum wir nicht tun, was wir wissen

Episode 69 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«:

Wwarum fällt es uns so schwer, die Dinge die wir wissen, auch anzuwenden. Wir haben es uns irgendwie zur Gewohnheit gemacht, immer Individuen dafür verantwortlich zu machen, wenn etwas großartig läuft oder wenn etwas scheitert. Wir suchen uns dann die Helden, die Tolles geschafft haben oder wir einigen uns auf die Feindbilder, die angeblich dafür gesorgt hätten, dass alles nicht klappt.

Dabei übersehen wir einen wesentlichen Punkt: nämlich, dass das Handeln unserer Gesellschaft immer von den ungeschriebenen Spielregeln abhängig ist, die manche ›Kultur‹ nennen und wieder andere nur schlicht ›Kommunikation‹. Und wir übersehen, dass wir als Menschen nicht die Autoren dieser Spielregeln sind. Die entwickeln sich vielmehr, man könnte sagen hinter unserem Rücken und wir stehen dann irgendwann staunend davor.

Und wenn wir diese ändern wollen und wenn wir es anpacken wollen und wenn wir starten wollen, müssen wir an genau diese Spielregeln ran und die lassen sich durch den Kontext verändern, in dem wir alle leben. Wenn wir z.B. wollen, dass wir mehr Mehrweg-Flaschen benutzen anstatt Einweg-Flaschen, dann können wir es zwar mit Plakaten und Flugblättern versuchen, werden aber kläglich scheitern. Obwohl alle es wollen, kriegen wir es nicht hin.

Wir müssen schon an den Kontext ran und das ist knifflig und bleibt es und hackelig. Dann könnte man auf die Idee kommen, einen Dosenpfand einzurichten und Schwups! halbiert sich sogar die Mehrwegquote. Dann haben wir das Gegenteil erreicht von dem, was wir wollen. Oder wir wollen, dass wir mehr Organspenden haben und erkennen in anderen Ländern, die haben ihren Kontext dramatisch verändert. Die Ausgangseinstellung ist: Jeder spendet Organe, es sei denn er widerspricht, bei uns muss man erst zustimmen und Schwups! verändert sich die Lage dramatisch.

Das heißt, wenn wir darüber nachdenken, wie wir anfangen und wie wir etwas packen, was wir wissen, dann unterschätzen wir unsere eigene Disziplin, die wir aufbringen können und müssen, um unsere eigenen Sachen zu verändern und wir überschätzen dramatisch das Individuum, wenn es darum geht, unsere Gesellschaft zu verändern.“

 

 

 

Sehen Sie dazu auch meinen GedankenGang, Episode 13 vom 27. Juni 2014 aus Berlin: Dosenpfand = moderner Ablasshandel

 

 

 

2 Kommentare

  1. Naja … wir überschätzen das Individuum … gleichzeitig unterschätzen wir es auch dramatisch. Sie sprechen von ungeschriebenen Spielregeln … bezogen auf das Individuum sind das Mentalmodelle – man könnte auch sagen „geronnene“ Erfahrungen, die sich im limbischen System einnisten. Das Blöde ist (oder vielleicht auch gerade das Gute), dass keine physiologische Verbindung zwischen unserem sprachlich, rationalen Zentrum zum limbischen System existiert, sondern nur andersrum … vom limbischen System zum sprachlich rationalen Zentrum. Und daraus folgt, dass wir über den kognitiven Zugang keine Verhaltensänderung evozieren können, sondern nur durch neue Erfahrungen. Und da wird’s wieder blöd … im „Normalbetrieb“ macht unser Hirn immer erstmal die Erfahrungen, die es braucht, um das zu bestätigen, was an Mentalmodellen schon da ist … neue Erfahrungen entstehen nur dann, wenn der, der die Erfahrungen machen und sein Verhalten ändern soll mit dem, der will, dass sich sein Verhalten ändert , in einer vertrauensvollen Beziehung steht. Daraus wiederum folgt: Wollen wir, dass sich Verhalten ändert … und letztlich Kultur als typisches Verhalten einer Gruppe von Menschen … sollten wir den Menschen, die ihr Verhalten ändern sollen, neue Erfahrungen ermöglichen und als Grundlage für vertrauensvolle Beziehungen sorgen. Und endlich aufhören mit Erklären, Appellieren & Co.

    In Sachen Dosenpfand hätte ich ein paar konkrete Ideen … vielleicht ergibt sich in Leipzig eine Gelegenheit …. 😉

  2. Carsten Jung sagt

    Das soll heißen, dass wir staatliche Zwänge brauchen, um unsere individuelle Leistungsfähigkeit zu optimieren? Finde ich etwas merkwürdig.

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