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Ep. 70 – Audits: Business-Theater in zwei Akten

Episode 70 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«:

Business-Theater begegnet man ja letztlich fast jeden Tag. Zum Beispiel – und in besonders schöner Form – bei Audits. Wenn also im Rahmen einer Zertifizierung Prozesse auditiert werden, damit sie z.B. gute Qualität hervorbringen sollen. Gerne werden dazu – ich überspitze jetzt – sechs Personen auserkoren. Diese sollen 2-3 Wochen vorher anfangen, die Prozesse »glatt zu ziehen«. Ein tolles Wort übrigens, dass es auch nur in der Managementsprache und in der Heißmangelindustrie existiert. Im übrigen: eigentlich ziehen die Auserwählten ja keine Prozesse glatt, sondern nur die Dokumentation der Prozesse, mit Prozessen selber beschäftigen sich meist gar nicht.

Und dann gehen sie die Prozesse durch und dann gibt es immer mal die eine oder andere Stelle, an der sich die Gruppe fragt: »wie machen wir das hier eigentlich ganz genau, es gibt doch die eine und die andere Variante«. »Ja«, sagt einer, »und es gibt ja auch noch eine dritte Variante.« Und dann sagt noch einer: »ja, eigentlich gibt es ja noch eine vierte«. Und das Wort ›eigentlich‹ deutet schon darauf hin, dass es noch fünf Prozessvarianten mehr gibt. »Wie machen wir es denn wirklich?« »Na ja, eigentlich fragen wir an dieser Stelle immer den Dieter, der hat dazu immer eine gute Idee.« – Das darf man aber auch nicht in ein Audit schreiben. Das geht ja nicht, da muss ja schon mehr Klarheit herrschen. Am Ende einigt man sich dann auf eine bestimmte Prozessformulierung.

Und jetzt kommt der Tag der Zertifizierung, das ist Business-Theater pur. Jetzt sitzen die sechs Personen in diesem Audit-Raum und zeigen ein Prozess, von dem alle sechs genau wissen, dass er so genau nicht stimmt. Und sie machen es trotzdem.

Und der Höhepunkt des Business-Theaters, quasi der finale Akt, wird erreicht, wenn man bemerkt, dass auch der Auditor weiß, dass der Prozess so exakt nicht stimmt. Also sitzen am Schluss sieben Leute im Raum, die alle wissen, dass der Prozess so genau nicht funktioniert und trotzdem wird dessen ungeachtet über die Zertifizierung gesprochen. 

Das ist wirklich Business-Theater at its best.

 

 

Sehen Sie dazu auch meinen GedankenGang, Episode 47 vom 9. Juli 2015 aus Barcelona: Die versaute Sprache der BWL

 

 

 

3 Kommentare

  1. Olaf Franke sagt

    Sehr schön..
    allerdings sind es wohl nicht 6 sondern eher 16 Personen und
    leider gibt es den „Dieter“ nicht und wenn doch geht er nie zu solchen Meetings.

  2. Jörg sagt

    Als genötigter Mittäter bei solchen Veranstaltungen kann ich nur sagen: Treffer… Versenkt! Du sprichst mir wieder aus der Seele.

    Mein persönliches Highlight: bewusstes Einbauen von z.B. nicht versionierten Dokumenten. Ziel: der Auditor findet etwas geringfügiges und geht dann zufrieden nach Hause, denn er hat ja etwas gefunden und seine Daseinsberechtigung somit untermauert.

    Und dabei spielt es keine Rolle ob von extern gegen teures Geld oder intern durch die firmeneigenen Kollegen (ja, sowas gibts auch, in Fussballmannschaftsstärke!) auditiert wird. Am Schluss gilt dann frei nach Gunter Dueck: So blöd sind wir wirklich nur gemeinsam.

    Bleibt die Frage: Wie wehre ich mich dagegen, insbesondere im tayloristisch geprägten Großkonzern?

    Option a) Ich mache nicht mit –> Sanktionen, und ein anderer darf ran.

    Option b) Ich weise auf die ohnehin meist überflüssigen Prozesse hin. Die Hinterbühne hat längst funktionierende, flexible Lösungen für das dynamische Umfeld. Das kann ich so aber nicht in einen starren Prozess gießen. –> Die Prozesse stehen so im Prozessportal und sind gültig, ergo habe ich mich – zumindest im Scheinwerferlicht des Audits – daran zu halten.

    Option c) Ich spiele das Theater mit gequältem lächeln mit –> Dann sehe ich irgendwann aus wie das Titelbild von Lars Buch

    Da gibts leider wohl keine Salbe, aber vielleicht hat ja jemand eine Inspiration für mich?

    Grüße,
    Jörg

  3. Kevin sagt

    Fast noch schlimmer ist, dass andere Unternehmen denken: „Die sind sogar zertifiziert, die haben ihre Prozesse im Griff“. Dabei sagt das so gar nichts über die Qualiät eines Unternehmens aus.

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