Arbeit, Führung
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Gemieteter Hintern statt denkender Kopf

Ausgebrannt in der Reha-Klinik, mit Krankenschein und Depression im Bett oder mit 30 in Erwerbsunfähigkeitsrente: Das ist keine Schwarzmalerei, solche Fälle sind in immer mehr Unternehmen Realität. Was können die Personalverantwortlichen gegen diese Entwicklung tun?

Der Betriebsrat bei Volkswagen hat sich Gedanken gemacht und ein Idee geboren, um ihre Mitarbeiter nicht zu verheizen, sondern ihren ›privaten Ausgleich‹ zu fördern. Der ganze Stress komme laut Medienberichten ja von der E-Mail-Flut. Und seitdem ungefähr jeder Zweite sie jederzeit auf dem Smartphone empfängt, sei das Problem auch bei VW aktuell. Warum also nicht einfach den Mailserver außerhalb der Arbeitszeit abschalten, und ein Zeichen gegen die ständige Erreichbarkeit setzen? Gesagt, getan: VW hat ein Programm gestartet, bei dem 30 Minuten nach offiziellem Arbeitsende am Abend bis 30 Minuten vor Arbeitsbeginn am Morgen keine Mails verschickt werden können. Nicht dürfen, sondern können! Der Server ist schlicht abgeschaltet.

An sich eine absolut löbliche Absicht, oder? Und auch eine gute Tat? Eine echte Lösung?

Auf gar keinen Fall. Wrong Turn!

Warum? Weil die Idee, mit Regularien die Arbeit menschlicher zu machen und das Leben lebenswerter nur der Versuch ist, ein komplexes Problem mit einer komplizierten Maßnahme zu lösen. Die Integration der Arbeit ins Leben ist aber stark individuell und von vielen Faktoren abhängig.

Der Abteilungsleiter, der um 17 Uhr den Arbeitsplatz verlässt, um einige Stunden mit seinem Sohn zu verbringen und ihm eine Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen, und anschließend im Home-Office – weil seine Frau dienstagabends immer im Tango-Kurs ist – noch den nächsten Tag vorbereiten möchte, kann dies nicht tun, weil er die dafür nötigen E-Mails nach 18 Uhr nicht mehr empfängt!

Das Abschalten der Mailserver senkt den Druck nicht. Im Gegenteil. Die Anwesenheit im Büro wird damit geradezu unerlässlich. Gemieteter Hintern statt denkender Kopf – das ist doch Rückschritt par excellence! Eine solche Maßnahme verfehlt ihr Ziel: Sie wird zur falschen Fürsorge, die dem Einzelnen deutlich mehr schadet als hilft! Mit Regularien sprechen Unternehmen ihren Mitarbeitern die Eigenverantwortung ab. Und statt Arbeit und Leben zu integrieren, erlegen sie den Zwang auf, Arbeit und Leben strikt zu trennen.

QudosoftZum Glück gibt es aber auch Unternehmen, die das Prinzip »New Work« verstanden haben und gekonnt umsetzen. Zum Beispiel die Qudosoft GmbH & Co KG (die ehemalige Andrä AG). Als Intrinsifier setzt Qudosoft unter anderem auf freie Zeiteinteilung.

Jeder Mitarbeiter kann seine Arbeit selbstbestimmt organisieren. Ein halber Tag Büro, dann zum Sport? Kein Problem. Vormittags mit den Kids zur Schulaufführung und nachmittags ins Büro? Na klar! Dafür wird an anderen Tagen einfach länger gearbeitet oder ein Abend im Home-Office eingelegt. Am Wochenende in die Firma wenn einem eine Idee unter den Nägeln brennt? Aber sicher! Dafür montags ins Schwimmbad, wenn sonst keiner dort ist. Der Hausbau klappt und dem Start-up des besten Freundes kann auch noch geholfen werden. Vertrauensarbeitszeit macht es möglich.

Und da die Arbeit zwischen Kickerrunden, gemeinsamem Frühstück oder Englisch-Unterricht dann auch noch richtig Spaß macht, ist das Ziel erreicht: Happy Working People.

Well done Qudosoft GmbH & Co KG!


 

Das intrinsifier-Profil von Qudosoft (also sie noch Andrä AG hießen) lesen Sie hier »

In acht Teilen stelle ich auf meinem Blog Unternehmen vor, die New Work lieben und erfolgreich praktizieren. Die von mir mitinitiierte Plattform intrinsfy.me hat Profile dieser und weiterer Unternehmen angelegt und Mitarbeiter sowie Intrinsifier portraitiert.

3 Kommentare

  1. Rolf Schrader sagt

    Selbstbestimmtes Arbeiten ist eine tolle Sache. Und wie im Beispiel eines Unternehmens mit einem hohen kreativen Anteil im Wertschöpfungsprozess auch sicherlich gut machbar. Es müssen nur alle ein ähnliches Verständnis vom Nehmen und Geben haben.

    Doch welche Möglichkeiten haben Unternehmen mit einem ‚klassischen‘ Produktionsprozess? Wo es doch (meist) darum geht, die Maschinen voll auszulasten und kostenmoptimal zu fertigen. Wie genannt VW. Kann ein Werker am Fließband ebenso frei agieren oder bleibt dann das Band einfach stehen und jeder (Kunde) ist damit zufrieden? Das Resultat wären noch längere Lieferzeiten mit einem nicht mehr bestimmbaren Liefertermin. Oder wenn im Supermarktregal Ihr Wunschprodukt mal wieder fehlt. Manches sagt sich leichter, als es nachher umsetzbar ist. Wir sollten darauf achten, nicht unerfüllbare Arbeitszeitwünsche und Sehnsüchte zu generieren.

    Ich habe absolut nichts gegen selbstbestimmtes Arbeiten. Wo immer es geht, ran und auch mal experimentieren! Nur das Kind mit dem Bade auszuschütten, wäre fatal.

    • Wojciech sagt

      Hallo Rolf,

      sicher hast Du recht, dass selbstbestimmtes Arbeiten bei kreativen Prozessen einfacher ist als am Band im VW Werk. Aber auch da gibt es grundsätzlich Möglichkeiten, den Werkern zu überlassen, wie und wann sie arbeiten wollen. Ich denke bspw. an eigenverantwortliche Teams, die sich als Team organisieren dürfen und so sicherstellen, dass immer das rauskommt, was auch rauskommen soll. Ob am Vormittag ein Mitarbeiter da ist oder nicht, entscheidet das Team, denn sie sind für das Ergebnis verantwortlich.
      Solch selbststeuerende Konstrukte können – unter den richtigen Rahmenbedingungen – gut funktionieren.

  2. Albrecht Günther, Mayflower GmbH sagt

    Ich könnte mir vorstellen, dass die ‚Vertrauensarbeitszeit‘ (ist das Wort eigentlich Euphemismus oder Zynismus?) die Überarbeitung von VW-Mitarbeitern mitverursacht hat.

    Die abendliche Mailruhe für alle empfinde ich nicht als Gängelung, sondern als kulturbildendes Element:
    Wenn ich lerne, dass eine Mail nach 17 Uhr erst morgens eintrifft, erwarte ich bis dahin auch keine Antwort. Diese Entschleunigung mag die Effizienz senken, könnte aber die Effektivität steigern.

    Eine eigenverantwortliche Arbeitszeiteinteilung -so unser Begriff bei Mayflower-, kann nur dann greifen, wenn ein Team nicht nur ’self organized‘, sondern auch ’self directed‘ arbeitet und verstanden hat, dass eine hohe Performance nur im ’sustainable pace‘ zu erreichen ist.

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