Alle Artikel in: Gesellschaft

Ep. 74 – Fällt unsere Arbeit der Digitalisierung zum Opfer?

Episode 74 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Eeine Sorge wird ja derzeit sehr häufig artikuliert: die Roboter und Computer nehmen den Menschen all ihre Arbeit weg. Aber stimmt das überhaupt? Nun könnte man geschichtlich darauf antworten: immer wenn es große technische Innovationen gab, waren danach mehr Jobs in der Welt als vorher. Natürlich andere – aber mehr. Nun muss die Vergangenheit nichts über die Zukunft aussagen. Aber es spricht dann doch einiges dafür. Man könnte auch anders an die Sache rangehen: Was werden denn eigentlich für Arbeiten ersetzt? Und dabei sollten wir nicht auf Jobs gucken, sondern auf Tätigkeiten. Gucken wir auf Tätigkeiten, die tendenziell algorithmisch sind – wir sagen ›kompliziert‹ dazu – also Tätigkeiten, die sich automatisieren lassen: die gibts in fast jedem Job. Und die werden jetzt schon seit hunderten Jahren automatisiert, das ist nichts neues – auch einen Kontoauszugsdrucker gab es schon, als ich klein war. Und das ist auch gut so. Es gehen damit viele Tätigkeiten aus unserem Repertoire, die gefährlich und stupide sind. Es bleiben die Tätigkeiten oder vermehren sich, die …

Ein Appell gegen Appelle

Ob in den klassischen Medien, den Social Media oder einfach in jedem zweiten Gespräch – von allen Seiten prasselt sie auf mich ein: die Alternative für Deutschland. Dabei scheint der Grundtonus in der Gesellschaft doch eigentlich schon seit Langem der zu sein, dass die AfD und ihre Aussagen möglichst wenig Aufmerksamkeit erfahren sollten. Was sehe ich stattdessen? Stetige Appelle, lautstarke Empörungen, Bashing, Gegenhass. Jetzt werde ich den Teufel tun, mich an dieser Stelle inhaltlich über die AfD zu äußern oder mich auch noch in diese Diskussion einzuklinken. Das überlasse ich gerne anderen. Was mich vielmehr interessiert, ist das gesellschaftliche Phänomen, das ich dahinter sehe und mich zu der Frage bringt: Wozu führen Appelle in der Kommunikation? Ein phänomenales Kuriositätenkabinett in zwei Akten Sei es der zwanzigste Bericht über Alice Weidels Talkshow-Flucht oder das dreimillionste Trump-Bashing – indem die breite Öffentlichkeit Personen oder Organisationen in Misskredit bringt und GEGEN sie appelliert, stellt sie sie regelmäßig in den Fokus. Von eigener Seite bedarf es so kaum noch weiterer PR-Arbeit. Dadurch arbeiten die Gegner streng genommen noch zu Gunsten …

Der Geist am Konferenztisch

Wenn Sie den Ursprung und die Ahnen des allgemeinen und vergleichsweise hohen Wohlstands in Deutschland kennen wollen, dann fahren Sie mal durch ein beliebiges Industriegebiet und lesen Sie, wer die Namensgeber der Straßen sind. Ich lese dort immer mit großem Respekt Namen wie Werner von Siemens, Robert Bosch, Ferdinand Porsche, Adam Opel, August Borsig, Alfred Krupp, Gottlieb Daimler, Fritz Henkel, Hugo Stinnes, August Thyssen, Franz Haniel, Carl Miele, Carl Benz, Rudolf Diesel, Ferdinand Graf von Zeppelin … Ich finde es nicht nur erforderlich, dass wir in Deutschland vor diesen unseren „Gründervätern“ Respekt und Andenken bewahren, sondern auch, dass wir versuchen, uns ein Stück weit in die Problematik des Systems „Familienunternehmen“ hineinzuversetzen und es zu verstehen. Ohne Familienunternehmen wäre Deutschland heute nämlich nur ein ziemlich unbedeutender Fleck auf der Landkarte. Verstehen? Ja, zum Beispiel die Sache mit der Verantwortung. Von wegen ›privilegiert‹! Viele der großen Erfinder und Industriellen der deutschen Industriegeschichte hinterließen ihren Nachkommen nicht nur große Vermögen, sondern zusammen mit den Fabriken, dem Privateigentum und den vielen Mitarbeitern auch große Verpflichtungen. Kapital und Verantwortung – …

Die letzte Geschichte, die Sie sich jemals erzählen lassen

Die letzte Geschichte, die Sie sich jemals erzählen lassen

Guten Tag, mein Name ist Lars Vollmer und ich bin heute Ihr Geschichtenerzähler. Doch seien Sie gewarnt: Das ist die letzte Geschichte, die Sie sich jemals erzählen lassen werden … Nun gut, es sind drei Geschichten. Und der eigentlich spannende Teil ist wie immer: die Moral von der Geschicht’. Die Geschichte ist spannend! Ein paar Worte zur Einleitung, damit Sie diesen wichtigsten Teil auch verstehen: Einerseits finde ich Moral zum Kotzen. Und andererseits, so im Prinzip, finde ich Moral ganz toll. Und nein, das ist kein Widerspruch. Unsere Gesellschaft ist schon seit längerem ziemlich ausdifferenziert in diverse Subsysteme, die gar nicht unbedingt etwas miteinander zu haben müssen. Wenn Sie sich z.B. als Schöffenrichter im Rechtssystem bewegen, können Ihnen die Sozialsysteme Sport oder Religion weitestgehend egal sein. Und Sie werden auch wenig von der Wirtschaft oder dem gesellschaftlichen Subsystem Kunst behelligt, wenn Sie gerade als Lehrerin dreißig hochbegabten Teenagern in einer staatlichen Schule die Photosynthese beibringen. Aber von einem System machen wir alle quasi jederzeit Gebrauch: der Moral. Wir können nicht moralfrei leben, noch nicht einmal …

Geschlossene Gesellschaft

Wissen Sie, was mir so richtig Sorgen macht? Sie werden es vielleicht merkwürdig finden, aber mir bereitet es größtes Unbehagen, dass irgendwie immer alle einer Meinung sein wollen. Und sollen. Geschlossenheit, Einigkeit, Konsens – das gilt als gut. Dissens, Auseinandersetzung, unterschiedliche Meinungen – das gilt als schlecht. So jedenfalls ticken wir im Allgemeinen. Irgendwie haben wir einen ziemlich übertriebenen Faible für die Einigkeit, finde ich. Übertrieben. Und gefährlich. Tun wir besser so, als seien wir uns einig Kaum einer wundert sich darüber, wenn der neue SPD-Parteivorsitzende von der Versammlung der Parteidelegierten mit 100 Prozent der Stimmen gewählt wird. Höchstens ein wenig gewitzelt wird dann über „Kim Jong Schulz“. Aber viele bewunderten dann doch insgeheim, dass zwischen die Partei und ihren Vorsitzenden kein Blatt Papier passte. Und diese Geschlossenheit versetzte die Partei und ihre Anhänger sogleich in eine Art Rauschzustand. Als ob bei der Bundestagswahl über den Grad an Geschlossenheit der Parteien entschieden würde. Naja, indirekt scheint das ja tatsächlich so zu sein: Die deutschen Wähler mögen es nicht, wenn eine Partei in sich unterschiedlicher Meinung ist …

Y-vonne - wenn Berufsanfänger auf alte Machtstrukturen treffen

Neulich ging es um die Frauenquote. Ich hielt eine Vorlesung an der Uni. Vor mir eine Horde von der Spezies, die gemeinhin als »Generation Y« bezeichnet wird. Also der jungen Menschen, die in den Neunzigern bis etwa zum Jahr 2000 herum geboren wurden und darum auch »Millennials« genannt werden. Ich denke ja, diese Spezies existiert gar nicht. Dieser ganze Generationen-Schubladen-Gedanke, der bestimmten Alterskohorten bestimmte Eigenschaften zuschreibt, ist verblendender Mist. Weder bin ich samt meinen Altersgenossen der »Generation X« geprägt von VW Golf, IKEA-Möbeln, Versagerkarrieren oder Konsumverweigerung, noch sind die jungen, hippen, coolen Leute von heute alle superflexibel, superselbstbewusst, superausgebeutet oder superunabhängig. Ja, es ist nicht mal wahr, dass sie alle notorisch keinen Bock haben. Das Einzige, das ich wirklich bestätigen kann: Manche Berufsanfänger von heute verhalten sich zu tayloristischen Machtstrukturen in Organisationen wie Wasser zu Öl. Alles eine Frage der Einstellung … Und genau diese Spezies, die es nicht gibt, saß vor mir im Hörsaal und diskutierte mit mir über die Frauenquote. Die Tatsache, dass prinzipiell jede Quote aus rein logischen Gründen immer eine Diskriminierung sowohl für …

Ep. 69 – Warum wir nicht tun, was wir wissen

Episode 69 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Wwarum fällt es uns so schwer, die Dinge die wir wissen, auch anzuwenden. Wir haben es uns irgendwie zur Gewohnheit gemacht, immer Individuen dafür verantwortlich zu machen, wenn etwas großartig läuft oder wenn etwas scheitert. Wir suchen uns dann die Helden, die Tolles geschafft haben oder wir einigen uns auf die Feindbilder, die angeblich dafür gesorgt hätten, dass alles nicht klappt. Dabei übersehen wir einen wesentlichen Punkt: nämlich, dass das Handeln unserer Gesellschaft immer von den ungeschriebenen Spielregeln abhängig ist, die manche ›Kultur‹ nennen und wieder andere nur schlicht ›Kommunikation‹. Und wir übersehen, dass wir als Menschen nicht die Autoren dieser Spielregeln sind. Die entwickeln sich vielmehr, man könnte sagen hinter unserem Rücken und wir stehen dann irgendwann staunend davor. Und wenn wir diese ändern wollen und wenn wir es anpacken wollen und wenn wir starten wollen, müssen wir an genau diese Spielregeln ran und die lassen sich durch den Kontext verändern, in dem wir alle leben. Wenn wir z.B. wollen, dass wir mehr Mehrweg-Flaschen benutzen anstatt Einweg-Flaschen, dann können …

Die zwei großen Gegner von Verantwortung

Ich habe schon häufiger die Denk-Schlampigkeit gegeißelt, der wir so gerne verfallen, wenn wir Korrelation mit Kausalität verwechseln. Bei Boulevard-Überschriften wie »Verheiratete Männer leben länger« ist das noch lustig-anekdotisch. Bei der Aufforderung, sog. »Level 5-Führungskräfte« (Jim Collins in »From Good to Great«) zu etablieren, um anhaltenden wirtschaftlichen Erfolg zu ernten, wird aus dem humoristischen schnell etwas toxisches. In Wrong Turn habe ich diese Art Denkfehler als Dumme Irrtümer bezeichnet. Und wem diese dummen Irrtümer zu banal sind, für den gibt’s noch ein Upgrade, den professional Level: die Intelligenten Irrtümer. Es lassen sich nämlich durchaus Phänomene beobachten, die kausal etwas miteinander zu tun haben. Das heißt konkret: das eine Phänomen ist die Ursache für das andere. Wir bringen es korrekterweise in eine kausale Verbindung – aber die Richtung ist falsch. Daher der Intelligente Irrtum. Quasi Geisterfahrer mit Abitur. Am Beispiel der Entwicklungspolitik habe ich das vor einiger Zeit schon mal ausdekliniert. All diese Denkfehler – und noch viele mehr – stehen Verantwortung im Wege. Die Über-Vokabel Verantwortung ist in unserer Gesellschaft eine Art Über-Vokabel geworden, insbesondere im wirtschaftlichen …