Führung, Organisation
Kommentare 7

Hast Du eine Idee, schreibe keinen Businessplan

Wenn bei der OTTO Group irgendwo eine neue Idee aufkam, hieß es sofort: Mach erstmal einen Businessplan! – Das erzählte mir neulich Hans-Otto Schrader, bis dato Vorstandsvorsitzender der OTTO Group, während eines Vortrags in Hamburg. Schrader fand Businesspläne aber uneffektiv. Ich saß im Publikum und nickte: Denn das finde ich auch.

Warum? Nun, vor allem aus zwei Gründen. Den ersten, offensichtlichen, teile ich mit Schrader, den zweiten, tiefer liegenden, finde ich fast noch wichtiger.

Als ob die Idee geprüft würde

Zum ersten Grund: Eine Idee ist ein frisch geschlüpftes Gedankenküken. Sie muss wachsen und sich bewähren, um groß und stark zu werden. Wachsen kann sie aber nur in einem sozialen Kontext und nur im echten Leben, in der Realität. Ein Businessplan jedoch hat mit der Realität wenig zu tun. Er tut nur so, als exploriere er die Zukunft. Er sieht so schön rational aus. Aber das ist nur eine Scheinrationalität. In Wahrheit ist er nur ein hübsches Gewand.

Mit einem ehrbaren Zweck: Er soll dem Geldgeber gefallen und überzeugen. Im Unternehmen ist das meist erstmal der direkte Vorgesetzte. Allerdings nützt es unterm Strich überhaupt niemandem etwas, wenn dem Chef der Businessplan gefällt, weil er hübsch geschrieben ist und der Chef einen Faible für die Idee hat: »Ja, Leute, das ist ja wirklich eine gute Idee!« … Vor allem nützt es dem Kunden nichts.

Die interne Referenz Chef ist nicht die, an der sich die Innovation messen muss. Der Prüfstein jeder Innovation ist die externe, die äußere Referenz: der Markt. Der Kunde. Ob ein Businessplan plausibel ist oder nicht, ob die Kaffeesatzzahlen in den Excel-Tabellen was taugen oder nicht, ist ökonomisch völlig egal. Denn die Idee muss sich nicht gegen die eigenen Prognosen von Absätzen und Umsätzen durchsetzen, sondern gegen den Wettbewerb am Markt.

Zufallsprodukte

Darum sagte Schrader: Taucht in die Idee ein! Überlegt euch, was die am Markt machen wird, welches Kundenversprechen sie einlösen muss und welche Wettbewerber wohl ärgerlich werden. »Attackiert die Idee!« – Das bedeutet: Stellt sie auf die Probe. Probiert sie aus, anstatt über Wochen und Monate Pläne und Zahlen auszuarbeiten und so zu tun, als wäre eure Fantasie die messbare Realität.

In der Realität sind die meisten Produkte, die heute erfolgreich sind, nie jemals über einen Businessplan entstanden. Sondern aus Zufall oder aus der Not heraus oder durch einen spontanen Impuls: »Ach, komm, dann machen wir das jetzt einfach mal so …!«

Insofern gebe ich Schrader recht. Die Frage, warum in den meisten Unternehmen trotzdem völlig selbstverständlich und reflexartig ein Businessplan verlangt wird, sobald eine Idee aufkommt, ist damit allerdings noch nicht vollständig beantwortet. Denn da gibt es noch …

Revierverhalten

… den zweiten Grund: Ein Businessplan ist innerhalb einer Organisation auch ein Kommunikationsmedium (systemtheoretisch könnte man schon fast von einen symbolisch generalisierten Kommunikationsmedium sprechen, so wie Geld, Liebe oder Wahrheit). Mit einem Businessplan wird die Machthierarchie markiert. Denn einer darf den Businessplan einfordern und erwarten – das ist der Mächtige, der mit dem Geld, der Chef. Und der andere muss ihn erstellen, um die Idee weiterverfolgen zu dürfen – das ist der ohne Geld, der Untergebene. Der Businessplan ist dabei so praktisch, weil er eine Stufe weiter oben weiter eingesetzt werden kann: Der Chef vom Chef darf die Zahlen wiederum in Frage stellen und so Macht ausüben.

Natürlich ist das Stirnrunzeln, Zahlenkritisieren, Risikenabwägen und Schicksalspielen nur Theater vom Feinsten, denn worüber wird hier bedeutungsschwanger geredet und entschieden? Über ein Traumschloss, ein Fantasiegebilde, eine Fiktion. Aber dieses Theater ist eben notwendig, um das Machtgefüge spürbar werden zu lassen und damit die pyramidale, tayloristische Architektur der Organisation zu manifestieren. So ein Businessplan ist, metaphorisch gesprochen, ein willkommener Feldstein, um eine Duftmarke zu setzen und damit das Revier zu markieren.

Darum braucht es auch mehr als den Appell »Lasst die Businesspläne sein!« Solange der soziale Grund weiter existiert, warum es diese Hierarchiesysteme gibt, wird auch das Businessplantheater weiter existieren.  Das lässt sich nicht einfach folgenlos per Dekret abschaffen, nur weil es der Vorstandsvorsitzende so möchte, so verlockend auch die Vorstellung wäre.

Oder andersherum: Wenn Sie in Ihrem Unternehmen so weit sind, dass Sie eine Idee in frühem Stadium und ohne Businessplan mit dem Markt konfrontieren (dürfen), ohne dass Ihnen ein Strick daraus gedreht wird, wenn der Test negativ ausfallen sollte, dann ist die Wahrscheinlichkeit gestiegen, dass Sie in einer posttayloristischen Organisation arbeiten, die fitter für das 21. Jahrhundert ist als die meisten.


Bild: © Depositphotos.com 24608661/serkucher

 

7 Kommentare

  1. Wenn ich soweit bin, dass ich eine marktreife Idee habe, dann ist im Prinzip alles soweit klar, dass ich damit selber rausgehe, sprich: mich – allenfalls mit anderen Makern zusammen – auf die eigenen Beine mache 😉 Das ist in meinen Augen posttayloristische Organisation.

  2. Uli sagt

    Touche Herr Schmitt, das ist wohl das beste was man machen kann. 🙂
    Die Wahrscheinlichkeit dass
    die Idee an irgendeiner Ecke der Organisation gekapert oder vernichtet wird ist in normalen (Gross-)Unternehmen nahe 100….

  3. Uli sagt

    Ansonsten mal wieder Danke an Lars, der Mann spricht mir wieder und wieder aus der gestressten Seele… 🙂

  4. Bodo sagt

    Wie immer, voll getroffen, Lars!

    Nur _existieren_ diese Systeme Geldgeber/-nehmer. Es hängt also von den Geldgebern ab, zu ‚flippen‘, nicht von denjenigen, die die Ideen haben. Die schreiben weiter fleißig Businesspläne, sofern sie Geld haben wollen oder brauchen.

  5. Martin sagt

    So true. Das mit der Hirarchie ist ein neuer Aspekt – so hab ich das noch nie betrachtet. Ich glaube aber dennoch, das ein BP der Cover my Ass Mentalität entspringt.

    Guter Beitrag, danke fürs sharen

  6. Ich habe seit einem Jahr ein Start-Up mit dem ich meine eingenen Entwicklungen im Bereich Verkehrsmanagement auf den Markt zu bringen. Selbstverständlich habe ich einen Business-Plan geschrieben. Weil den alle Kaptialgeber wollen. Und ich fand selbst es erst recht gut das ich einen gemacht habe. Weil nun habe ich einen Plan! 14 Monate später kann ich sagen nichts, aber auch gar nichts stimmt mit dem ehemaligen Businessplan überein. Ich bin zwar erfolgreich aber nicht auf die Art die ich geplant hatte. Danke Lars

  7. Rüdiger sagt

    Umfangreiche Businesspläne sind mir bisher in Organisationen begegnet, in denen die Administration eine hochtrabende Rolle spielt (… mit reichlich Potential zur Verschlankung).
    Ein Businessplan, der auf ein bis zwei DIN A4 Seiten passt, hat meines Erachtens durchaus seine Daseinsberechtigung, da man sich diszipliniert die verschiedensten Aspekte einer Idee zu beleuchten. Die Schriftform hilft häufig Missverständnisse zu vermeiden bei der Kommunikation mit anderen. Ein übermäßig detailliertes Werk vom Ausmaß einer Dissertation ist allerdings (Zeit-) Verschwendung. Keep it lean and simple!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.