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Ideen gewünscht, Denker gelyncht

In Stellenbeschreibungen und auf Recruiting-Websites spucken viele Unternehmen große Töne und sehnen sich – so zumindest könnte der Text das suggerieren – Andersdenkende und Quereinsteiger herbei. Mitarbeiter und Führungskräfte, die Ideen und einen frischen Blick mit ins Unternehmen bringen. Klingt vielversprechend. Und zeigt, dass die Unternehmen natürlich schon längst verstanden haben, dass Diversifikation auf über die Geschlechterwahl hinaus für Erfolg förderlich ist.

Es vergeht auch kein Interview mit den Personalverantwortlichen, in dem nicht hervorgehoben wird, dass Quereinsteiger (was sind das eigentlich ganz genau, diese komischen Quereinsteiger?) eine Chance auf Einstellung haben und dass kreative Köpfe besonders gesucht werden.

Doch korrigieren Sie mich, wenn mich mein Eindruck täuscht: Wer aufmerksam das Kleingedruckte liest, merkt schnell, dass sich der Wunsch nach Diversifikation auf Männer und Frauen und vielleicht noch auf unterschiedliche fachliche Qualifikationen bezieht. Andersartige Gedanken? Nein, die sollen bitte schön zu Hause bleiben!

Und wenn sich doch mal ein Andersdenkender ins Unternehmen schleicht, stehen schon jede Menge Instrumentarien bereit, die dessen bedrohlichen exotischen Gedanken Einhalt gebieten. Verständlich: Denn neue Gedanken sind nichts anderes als eine Provokation für das bestehende System.

Aber wie wollen so komplexe Ideen entstehen, um den Fragestellungen im überraschungsreichen 21. Jahrhundert zu begegnen?

Ideen gewünscht, Denker gelyncht

Ganz schön töricht

Um das bestehende System zu schützen und das Schiff auf Kurs zu halten, dürfen daher meist nur Menschen an Bord kommen, die die Segel richtig setzen: fachlich kompetent, begeistert von der Arbeit, Mehrarbeit ist kein Problem, dem Unternehmen gegenüber vollkommen loyal, belastbar, hochmotiviert, verlässlich, in höchstem Maße produktiv, mit Weitblick, behalten in stressigen Situationen einen kühlen Kopf und sind bei den Kollegen äußerst beliebt – traumhaft perfekte Mitarbeiter eben.

Töricht nur, dass sich genau diese idealen Mitarbeiter anmaßen, auch ihre Schauderhaftigkeiten und Unausstehlichkeiten mit ins Unternehmen zu bringen …

Ich möchte zugeben, ich finde Menschen mit Macken brillant und kann Ihnen nur wärmstens empfehlen, sie nicht am Pier stehen zu lassen. Denn unabhängig von der Hierarchiestufe: Mit einer Mannschaft aus glattgebügelten Menschen, die immer schön aufgabenfokussiert, geradlinig und unauffällig mit dem Strom schwimmen, gewinnen Sie keine Regatta. Zumindest nicht, wenn neue Ideen gefragt sind.

Wer Erfolg versprechende Ideen im Unternehmen haben will, braucht »ganze« Menschen – mit Ecken und Kanten, mit Hand und Kopf, Macher und Denker in einem. Wohlwissend, dass sie mit ihren Ideen das bestehende System auch infrage stellen und provozieren.

Mit Hand und Kopf, bitte!

Im Industriezeitalter genügte es vielleicht, zwischen Denkern und Machern zu unterscheiden. Ein Macher wurde nach seinem Handschlag ausgewählt und für ihn war es unredlich, zu denken. Okay. Und damals war es nicht verwerflich, dass sich Henry Ford über einen seiner Mitarbeiter beschwerte, weil dieser seinen Kopf einschaltete, obwohl er nur als Macher engagiert war.

Selbst vor 20 Jahren genügte es wahrscheinlich noch, dass Unternehmen eine Sekretärin ausschließlich für die Korrespondenz und das Wohlbefinden des Chefs einstellten.

Nun muss ich Ihnen nicht sagen, dass das Industriezeitalter Geschichte ist und wir uns ins 21. Jahrhundert vorgepirscht haben. Ein Zeitalter, in dem immer mehr Überraschungen auf Unternehmer, Führungskräfte und Mitarbeiter warten und in dem die Komplexität der Fragestellungen zunimmt. Heute heißt die Sekretärin Assistenz und hat ein deutlich vielschichtigeres Aufgabenfeld, Mitdenken ist erwünscht und im Idealfall weiß sie nicht nur, was dem Chef guttut, sondern kennt auch noch die Bedürfnisse des Unternehmens und des Kunden. Ihre Stelle fordert den Macher und Denker zugleich.

Der Kampf gegen die Ideen

Allerdings verlangt diese neue Form der Zusammenarbeit auch eine ganz neue soziale Fähigkeit: Provokationen auszuhalten. In Form von Ideen versteht sich.

Denn neue Ideen sind nicht nur eine Kampfansage gegen das bestehende System. Es stellt sich auch erst ziemlich spät heraus, ob sie etwas Gutes hervorbringen oder nicht. Gut möglich, dass aus einer Idee völliger Unfug resultiert.

Vielen Unternehmen ist das eindeutig zu gewagt. Sie merken zwar, dass sich immer mehr Provokateure in ihrem Unternehmen breitmachen, aber scheuen den Umgang mit ihnen. Provokateure sind eben in allen Lebenslagen unbeliebt. Klar, ist ja auch im Handling ziemlich schwierig, wenn einzelne Mannschaftsmitglieder aus der Reihe tanzen.

Um auf Nummer sicher zu gehen, dass sich kein Crewmitglied in einem Beiboot zu anderen Ufern aufmacht, greifen Unternehmen deshalb liebend gerne zu diesem 360-Grad-Firlefanz – dieser Feedback-Prozedur, die für Normierung und Abrichtung sorgt. Provokateure und Andersdenkende sind gut beraten, mit ihrem Verhalten nicht aufzufallen und ihr Handeln auf die Gefälligkeit von anderen Personen auszurichten. Ideen bleiben besser unter Deck. Schließlich wollen sie ja eine gute Bewertung von Kollegen, Mitarbeitern und Vorgesetzten. Da wären sie wieder mal – die internen Referenzen.

Und was ist mit Ideen für die Probleme, die durch externen Referenzen entstehen?

Ideen im Feindesland retten

Wenn Sie keine Ideen in Ihrem Unternehmen brauchen und nicht von Problemen gebeutelt werden, für die es kein Wissen gibt, ist so ein Instrumentarium wie das 360-Grad-Feedback möglicherweise genau das Richtige. Sollten Sie hingegen in einem dynamischen Markt agieren, der mit vielen Überraschungen aufwartet, für die Sie Ideen brauchen … Ja, dann kann ich Ihnen nur raten, den Kurs Ihres Schiffes anzupassen, damit Sie nicht geradewegs auf einen Wasserfall zusteuern.

Selbstverständlich weiß ich auch, dass viele Unternehmen nur mit routinierten Prozessen effizient arbeiten können und Veränderungen da schwierig einzuflechten sind. Doch genau das ist die Krux und die Kunst der modernen Unternehmensführung: die Balance zwischen Provokationen und routinierten Prozessen zu schaffen.

Oder warum haben Start-ups denn so viel Raum für Ideen? Weil die deutlich weniger routinierte Prozesse haben. Und genau diesen Raum braucht es auch in großen Unternehmen – Formate, in denen Andersdenkende nicht gelyncht werden, sondern Gelegenheit bekommen, ihre Provokationen laut auszusprechen. Schutzräume, in denen sie nicht als Feind, sondern als Ideengeber willkommen geheißen werden.

Die Freunde der Prozesse werden jetzt vermutlich sagen: »Wenn das so funktioniert, machen wir einen Workflow draus und blocken regelmäßig ein Zeitfenster für die Ideenfindung.«

Stopp: Sie müssen weder Provokateure schaffen, noch die belehren, die der Provokation feindselig gegenüberstehen. Sie können auch die Ideenfindung nicht prozessieren. Ihre einzige Aufgabe: Möglichst viele Provokateure einstellen, ihre Ideen aushalten und ihr Querdenken schützen.

 

PS: Zu detaillierten Dekonstruktion von 360 Grad Feedbacks habe ich vor kurzem mit meinem intrinsify.me-Kompagnon Mark Poppenborg ein Podcast aufgenommen. Wenn Sie mal hören möchten, bitte hier entlang »


Bild: © Depositphotos.com 118990160/ itakdalee

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