Führung
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Ihr Menschenbild ist Ihre Entscheidung!

»Also ich weiß nicht, wo Sie Ihr Menschenbild herhaben.«

Ha, ich muss grinsen. Die gleiche Frage geht mir nämlich auch durch den Kopf, als bei der Podiumsdiskussion ein Fragesteller aus dem Publikum meint: »Das ist ja nett mit Ihrem offenen Gehaltssystem, aber wir kennen das doch alle schon aus der Schule: es gibt immer ein paar wenige Kluge, die mitziehen; ein paar mehr, die nicht weiter stören und der Rest, das sind alles Nasen. Mit solchen Leuten geht das doch nicht.«

Und dann frage ich mich noch: Wenn seine Leute anscheinend überwiegend nichts taugen, warum hat er sie dann eingestellt? Und warum besucht er eine Podiumsdiskussion zum Thema ›Organisation im Wandel‹, wenn sein Menschenbild doch eh jeglichem Wandel im Weg steht

Der faule Mitarbeiter?

Die Sache ist doch die: Mit einem derartig paternalistischen und – ja man muss es schon so klar aussprechen: dummen Menschenbild kann kein Mensch eine moderne, verantwortungsbewusste und dynamikrobuste Organisation aufbauen. Wer denkt, dass er nur Mitarbeiter im Unternehmen hat, die von extern durch Incentives oder Strafandrohung zur Arbeit motiviert, geführt und gelenkt werden müssen, die keinen Eigenantrieb haben und sowieso nicht arbeiten wollen, der gibt ihnen natürlich nicht mehr Freiheiten und mehr Verantwortung. Weil er ja davon ausgeht, dass seine Leute nicht damit umgehen können und der ganze Laden im Chaos versinken würde.

Ihr Menschenbild ist Ihre Entscheidung

So wie bei einem Bekannten von mir. Als der den Arbeitgeber wechselte, wunderte er sich, warum das Bezahlsystem in der Kantine so zeitaufwändig ist. Eine Kassiererin sitzt an der Kasse und tippt jede Mahlzeit einzeln ein, während die Schlange der Wartenden immer länger wird. Auf seine Frage, warum nicht jeder an einem simplen Checkout-Automaten sein ausgewähltes Essen selbst eintippt und per Mitarbeiterkarte bezahlt – wie es bei seinem alten Arbeitgeber der Fall war –, bekam er die Antwort: »Geht nicht, dann würden ja jeder schummeln.«

Na, wenn das Vertrauen schon beim Kantinenessen fehlt, wie viel Verantwortungsbewusstsein sprechen die Führungskräfte ihren Mitarbeitern dann bei wirklich wichtigen Aktivitäten oder gar Entscheidungen zu? Jedenfalls macht es keinen Sinn, Personen mit einem solchen Menschenbild überhaupt darauf anzusprechen, wie sie Arbeit modern ausgestalten könnten. Das ist vergebene Liebesmühe. Schließlich gehen sie ja davon aus, dass ihre Mitarbeiter nicht verantwortungsbewusst, motiviert und kreativ genug sind, um auch nur irgendeinen Vorschlag davon umzusetzen.

Self-fulfilling Prophecy

Ja, die notwendige Bedingung für Veränderung im Unternehmen ist ein Menschenbild, das davon ausgeht, dass alle Menschen schon gut sind, wie sie sind. Dass Sie mit Menschen zusammenarbeiten, die mündig und erwachsen sind. Dass sie arbeiten wollen, sich selbst organisieren wollen, Verantwortung übernehmen wollen – und beides auch können. Und weil es keine Studie gibt, die das widerlegt – korrigieren Sie mich, falls Ihnen eine bekannt ist –, schlage ich vor, dass Sie einfach mal davon ausgehen.

Wenn Sie trotzdem das Gefühl haben, dass Ihre Leute alle Dumpfbacken sind, dann kann ich Ihnen das nicht nehmen. Einen Appell spare ich mir. Aber im Prinzip ist es auch völlig egal, was Sie dabei fühlen oder ob Sie nun recht haben oder meine Annahme stimmt. Tatsache ist so oder so: Der Kontext, den Sie durch auf Grundlage Ihres Menschenbildes schaffen, erzeugt über kurz oder lang das Verhalten Ihrer Mitarbeiter. Und mit diesem Wissen können Sie eine große Veränderungswelle anstoßen.

Wenn Führungskräfte von faulen und führungsbedürftigen Menschen ausgehen, werden sie ihre Leute auch so behandeln. Dann wird die ganze Litanei der tayloristischen Trennung durchdekliniert und gibt es Vorschriften, Anreizsysteme, Kontrollmechanismen. Und darauf reagiert der Mitarbeiter dann selbstverständlich mit Passivität, resignierter Folgsamkeit und kontextkonformem Verhalten. Logisch, was soll er auch anderes tun?

Wenn Führungskräfte hingegen von motivierten und engagierten Menschen in ihrem Unternehmen ausgehen und sie auch so behandeln – ihnen also Freiheiten und Entscheidungsmacht geben –, dann werden sie sich auch selbstverantwortlich und engagiert verhalten. Das ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Ein reales Phänomen. Schlagen Sie das ruhig nach.

Das Menschenbild ist eine Entscheidung

Und weil das so ist, mache ich Ihnen einen Vorschlag: Wenn Sie – wie der Herr bei der Podiumsdiskussion – das Gefühl haben, dass mit Ihren Leuten keine Veränderung möglich ist, wagen Sie einfach mal ein Experiment entgegen dieses Gefühls. Treffen Sie organisationelle Entscheidungen auf Basis der Annahme, dass Ihre Mitarbeiter selbst voller Tatendrang sind und Verantwortung übernehmen wollen, die mit einer Leistungspartnerschaft auf Augenhöhe umgehen können. Gehen Sie Maßnahmen an, die genau ein solches Verhalten begünstigen, anstatt es schon im Keim zu ersticken. Entscheiden Sie sich für dieses Menschenbild!

Der Kontext schafft das Verhalten. Also gehen Sie davon aus, dass die Veränderung noch vor Ihnen liegt, schaffen Sie einen Kontext, der die Veränderung möglich macht. Sonst geben Sie Ihren Leuten überhaupt gar nicht die Chance, ungewohnt motiviert und ehrgeizig zu sein. Probieren Sie es aus.

Ich lehne mich jetzt einfach ganz weit aus dem Fenster und sage voraus: Ihre Organisation wird Sie überraschen.

 


 

4 Kommentare

  1. Wie heißt der Spruch: „Jeder Chef bekommt die Mitarbeiter die er verdient!“
    Vielleicht heißt es zukünftig so:“ Jeder Chef bekommt die Mitarbeiter, die seiner geistigen Keimzelle entstammen!?“

    Lassen wir einen anderen Philosophen zu Worte kommen:
    Jeder sieht am andern nur soviel, als er selbst auch ist; denn er kann ihn nur nach Maßgabe seiner eigenen Intelligenz fassen und verstehen. Ist nun diese von der niedrigsten Art, so werden alle Geistesgaben, auch die größten, ihre Wirkung auf ihn verfehlen, und er an dem Besitzer derselben nichts wahrnehmen als bloß das Niedrigste in dessen Individualität, also nur dessen sämtliche Schwächen, Temperaments- und Charakterfehler.

    Quelle: Aphorismen zur Lebensweisheit V, 23
    Arthur Schopenhauer / deutscher Philosoph
    * 22.02.1788, † 21.09.1860

  2. Pingback: Von selbsterfüllenden Prophezeiungen … | Initiative Wirtschaftsdemokratie

  3. Jo, und auch der alte Goethe wusste schon davon:

    „Wer die Menschen behandelt wie sie sind, macht sie schlechter. Wer sie aber behandelt wie sie sein könnten, macht sie besser.“

  4. Sehr schöner Beitrag zu diesem Thema.

    Wenn man sich mit dem Thema Menschenbild im Management oder Unternehmen tiefer befasst ist es doch echt erstaunlich, welche Chancen einem da entgehen.

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