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Innovation Labs – Der heiße Scheiß aus Berlin

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Neulich saß ich mit 15 Top-Managern eines großen deutschen Konzerns zusammen. Sie hätten sehen sollen, wie die die Augen verdrehten, als das L-Wort fiel: »Lab«. Oder wahlweise das Innovation Lab oder Creative Lab oder Data Lab … Es gibt da ja die wildesten Begriffe.

Eins haben sie allerdings gemein: Diese Labs werden von Unternehmen installiert, die glauben, hochgradig unterinnovativ zu sein. Oder: Wären neue Ideen Pflänzchen, dann müsste man diese Unternehmen als Antarktis bezeichnen.

Innovation aus der Garage

Das ist ein Trend, den ich seit etwa drei Jahren beobachte: Große Eiswüsten von Organisationen gründen kleine, agile, tropische Einheiten, am liebsten in Berlin, Barcelona oder im »Valley«, taufen sie Dingsbums-Lab und hoffen auf reichen Ideensegen und vor allem Befruchtung der großen Eiswüste zu Hause.

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Dahinter steckt die Weisheit, dass Unternehmen wie HP, Google, Apple und Co. ja auch in Garagen gegründet wurden, in klitzekleinen Einheiten, abgeschnitten von der Zivilisation. Genius by minimizing, sozusagen. Schräg, unkonventionell, anders, abgedreht bis zum Wahnsinn und dadurch extrem innovativ. Also: Lasst uns das auch so machen!

 

Die Schwierigkeit dabei: Es funktioniert nicht. Denn was dahinter steckt ist nichts anderes als ein Cargo-Kult.

Cargo-Kult? – In der zweiten Hälfte des zweiten Weltkriegs, nachdem die Amerikaner Pearl Habour aus den Kleidern geschüttelt hatten und mit Wut im Bauch die melanesischen Inseln vor den Toren des grimmigen Japans besetzten und zu Militärbasen ausbauten, beobachteten die Melanesier kritisch, aber staunend, was sich da abspielte: Die Amerikaner bauten zuerst eine Landebahn, dann daneben einen Tower – und schon schickten die Götter per Flugzeug Nahrung, Kleidung und sonstige wertvolle Güter auf die Insel: Cargo!

Das wiederholte sich auf mehreren Inseln und es sprach sich rum unter den Melanesiern: Landebahn und Tower für die Götter, dann Cargo im Gegenzug für die Menschen!

Was machten die innovativen Inselbewohner? Sie übernahmen den Cargo-Kult von den Amerikanern! Also bauten sie nach dem Abzug der siegreichen US-Militärs auf abgelegenen Inseln Landebahnen und Tower. Ja, sie schnitzten sogar Kopfhörer aus Holz und setzten sie sich auf, als wären sie Fluglotsen im Tower. Und dann warteten sie, dass die Götter ihre Kulthandlungen honorierten und Cargo schickten … Der Fachausdruck dazu heißt: Sympathetische Magie.

Ich behaupte nun nicht, dass Manager von sklerotischen Großunternehmen ein paar tätowierte Mitarbeiter in Garagen stecken und dort den ersten Apple-Rechner, den Steve Wozniak zusammenbastelte, aus Holz nachschnitzen lassen.

Aber – so leid es mit tut –, so ähnlich ist es schon.

Wenn’s nichts hilft, schadet’s wenigstens!

Denn zwar haben die Innovation Labs Fenster und sind etwas größer als Garagen und nicht alle Innovation-Lab-Insassen haben Tattoos, aber der Gedanke dahinter – dass nämlich die Innovationskultur aus der kleinen, spinnerten Einheit irgendwie auf das große sklerotische Unternehmen übergehen möge – ist nichts anderes als der Glaube an Sympathetische Magie.

Natürlich kann so eine Lab-Gründung dazu führen, dass dort clevere Produkte und gute Geschäftsideen dabei herauskommen. Das ist möglich – wie bei jeder Gründung. Aber natürlich nicht wegen des Labs, sondern wegen den Menschen, die gute Ideen haben, und weil man sie in der kleinen Einheit ohne prozessuale Vorgaben und reportingübersäuerte Jour-Fixes einfach Ideen haben, weiterentwickeln und am Markt testen lässt. Dass die Innovationskultur aus dem Lab sich nun irgendwie in die große Organisation überführen ließe, ist völlig illusorisch, denn Menschen sind nicht Träger von Kultur – sie bringen die Kultur nicht mit wie eine Kiste Bier, wenn sie wieder an ihren alten Arbeitsplatz zurückkehren! Es nützt also nichts.

Aber dafür schadet es: Denn es ist doch ein Offenbarungseid, ja, ein Armutszeugnis sondergleichen: Mit der Lab-Gründung in Berlin geben die großen Unternehmen implizit zu, dass sie selbst am Heimatstandort innovationsunfähig sind. Und noch schlimmer: Mit der Lab-Gründung werden sie sogar noch innovationsunfähiger! Denn durch die implizite Botschaft an alle Mitarbeiter lernt die Organisation nachhaltig: Wir sind hier nicht innovativ, brauchen und sollen wir auch nicht. Mit Innovationen brauchen wir uns künftig nicht mehr abplagen, dafür ist jetzt das Berliner Lab zuständig.

Klar entsteht Neid und Missgunst auf die Innovativen: Denn die in den Labs können ja machen, auf was sie gerade Bock haben, bei maximaler finanzieller Ausstattung – während die Doofen hier im Werk rund um die Uhr nach Vorgaben schuften, um die Planzahlen zu erreichen und es plötzlich keine Budgets mehr für interessante Projekte zur Verfügung stehen.

Anders gesagt: Wenn Sie die Innovationskultur in Ihrer Organisation maximal untergraben wollen: Gründen Sie ein Innovation Lab.

Um den Umbau kommen Sie nicht herum!

Was könnte die Lösung sein? Nun ja, Sie als Führungskraft kommen nicht drumherum: Sie müssen schlicht an die Organisation ran. Wenn aus Ihrem Unternehmen keine Innovationen rauskommen, hilft alles nichts: Dann müssen Sie das System, in dem Ihr Unternehmen Wertschöpfung erbringt, so umbauen, dass es innovativ sein kann. Sie machen aus einem Traktor eben keinen Rennwagen, indem Sie einen Spoiler dranschrauben.

Nein, Sie müssen die Organisation selbst umbauen. Was ausgerechnet bei Ihnen genau verändert werden müsste, das kann ich aus der Ferne nicht beurteilen, weil ich nicht weiß, wie Sie bislang Innovationen verhindern. Das können also nur Sie selbst herausfinden. Aber gehen Sie davon aus: Sie haben in Ihrem Unternehmen bereits die richtigen Mitarbeiter, Sie brauchen dafür keine anderen. Und den Mitarbeitern fehlt keine Kreativität, sondern nur der Schutzraum, Ideen äußern zu können und die Freiheit, Ideen in sozialen Prozessen ergebnisoffen weiterzuentwickeln. Sie müssen also nichts hinzufügen zu Ihrer Organisation, sondern eher weglassen.

Mein Punkt ist: Es geht! Man kann auch ein mehrere tausend Mitarbeiter großes Unternehmen dazu bringen damit aufzuhören, Innovationen zu unterdrücken. Dazu müssen Sie keine Kopfhörer aus Holz schnitzen!

 


Bild: © Depositphotos.com 122834800/mastersky

12 Kommentare

  1. Sibylle Virbom sagt

    Während der Lektüre ihres Beitrages habe ich fast jeden Abschnitt laut mit „Yesss“ kommentiert! „Lab“ scheint wirklich den Stellenwert von „Abrakadabra“ erreicht zu haben und die Lösung für alle Probleme der „digitalen Transmission“ zu sein! Und der Gipfel ist erreicht, wenn aus dem „Lab“ ein „Plateau“ wird – ein Großraumbüro in dem alle, die nur halbwegs mit dem Job zu tun haben, zusammengepfercht werden, um eine Produktion nach festenVorschriften – die auf gesetzliche Anforderungen beruhen – effektiver zu machen! Dass die einen zur Lösung der Aufgaben eher kognitiv unterwegs sind, die anderen dagegen kommunikativ beansprucht werden und die dritten mit Werkzeugkisten klappern – it doesn’t matter!

  2. Dagmar Boettger sagt

    Saubere Metapher-reiche Sprache humoristisch pointiert auf den Punkt gebracht: Change bringt nur dann was, wenn alle mitmachen (dürfen)! Innovation im Versuchsgehege gehört da eben so dazu wie all die anderen Change Themen.

    Ich frage mich, was Führungskräfte abhält, ihre Mannschaften um Rat zu fragen und so das ganze „System“ miteinzubeziehen? Ist es Hochmut auf den „C-leveln“ (CFO, CEO..) zu glauben, alles wissen und regeln zu müssen? Ist es Misstrauen – die unter mir sind eh zu doof!? Oder könnte es sein, dass Organisationen noch nicht gelernt haben, neue Führung in die C Level zu bestellen? Und dort oben die Mischung (noch) nicht stimmt: neben Denkern mit „Kontroll-Mechanismen“ und Taylor-Erfolgsrezepten auch solche, die Neues schaffen helfen (Schutzräume schaffend) und Bewegung im Erwirtschaften von Marktlösungen zulassen?

    Grüße aus HK

  3. Lieber Lars,

    Ich muss Dir an einem Punkt widersprechen:

    Innovationsfeindliche Unternehmen haben die dazu passenden Mitarbeiter. Das System und die Mitarbeiter bilden eine Einheit, verbunden durch den Kit den man *Kultur* nennt.
    Es gibt unterschiedliche Arbeitspräferenzen und Bedürfnisse. Daran ändert auch *New Work* nichts. Jemand für den Beständigkeit und Sicherheit wichtig ist, sucht sich die dazu passende Organisation und vice-versa.
    Deshalb wird eine bisher innovationsfeindliche Organisation nicht lediglich durch die Veränderung des Systems innovativ werden. Wer Sachbearbeitung liebt, wird nicht plötzlich zum Start-Up Kreativling.

    Vg.,

    Sylvius

      • Hi Lars,

        *Menschenbild“* triggert mich. Das ist für mich persönlich ein Unwort und Totschlagargument, weil ich es zu oft von „Coaches“ gehört habe. Eigentlich sagt es dann oft nur aus: „Du Nazi, ich Gutmensch“.
        D.h. natürlich nicht, dass Du das jetzt so gemeint hast 😉

        Mein Kommentar ist erfahrungsbasiert. Ich arbeite seit vielen, vielen Jahren mit großen Organisationen zusammen und habe dort die verschiedenen Menschentypen mit unterschiedlichen Arbeitspräferenzen kennen gelernt. Eine Tatsache, die von „Coaches“ gerne ignoriert wird. Es ist eben nicht jeder von Geburt an gleich begabt, interessiert o.ä. und wird nur „durch das böse System“ zu einem Grantler der keine Veränderungen mag.
        Ich z.B. mag keine Sachbearbeitung. Ich würde in so einem Umfeld nicht arbeiten wollen. Ich schätze Abwechslung. Warum sollte es dann nicht auch so sein, dass es Menschen gibt, die es genau zu schätzen wissen, was sie an der Arbeit in einem innovationsfeindlichen Konzern haben? Sonst würde es dort doch nicht so viele Mitarbeiter geben. Die Kreativen bewerben sich erst gar nicht dort oder verlassen irgendwann das Unternehmen, weil sie dort auf Dauer nicht das finden, was sie glücklich macht.
        So etwas ist schlicht und ergreifend eine „Arbeitspräferenz“. Und das ist ok so!
        So wie eine „Essenpräferenz“. Der eine mag Pizza, der andere nicht. Werden wir alle als „Pizza-Liebhaber“ geboren und nur durch das Überangebot an deutscher Küche in unserem Ort zum „Pizza-Ablehner“, der nur einmal nach Italien fahren muss um seine Liebe zur Pizza wieder zu entdecken?

        Vg.,

        Sylvius

  4. Hi Lars,
    dieser Beitrag ist Dir besonders gut gelungen. Ich will den Link mal dort vorsichtig verteilen, wo Lab-Ideen sich konkretisieren, während wir im gleichen Hause den Umbau an der Homebase anregen.
    Danke Dir,
    Frank

    • Martin sagt

      Lieber Lars, lieber Frank,
      leider wusste ich aus dem eigenen Erfahrungshorizont sofort wovon die Rede ist. Wer schon mal live miterlebt hat, wie sich das Selbstverständnis von Mitarbeitern verändert, je nach dem zu welchem „Lager“ sie sich gerade zugehörig fühlen, der versteht sofort, dass das Innovative Lab im Keim einen Sprengsatz für die Unternehmensidentität enthält. Die Erfahrungen aus den Endneunzigern, als es für Großunternehmen schon mal schick war, sich mit kreativen Start Ups zu schmücken, lassen mich jedoch gelassen auf die aktuellen Entwicklungen schauen: Auch die kreativen Exklaven werden letzlich dem ökonomischen Postulat standhalten müssen, d.h. leisten und liefern im Wettbewerb (und sei es um die knappen Ressourcen des Unternehmens). Meine Hoffnung ist, dass durch Menschen wie du Frank, in der Zeit der Auslese der große Rest der Organisation gelernt hat, sich flexibel auf die Kundenbedürfnisse einzustellen.

      Danke für das tolle Thema,
      Martin

  5. Im Umfeld von Vorstandsetagen sitzen viele Abwimmler.
    Wohl aus der Angst heraus, nicht selbst auf diese „einfache“ Idee gekommen zu sein.
    Gelebte Arroganz zum Schaden des eigenen Unternehmens.
    Da braucht es keine Garagen, nur ein bisschen Offenheit und manchmal auch ein bisschen Mut. Wenn der allerdings verkümmert ist dann hilft nur mehr der Kommisar Zufall, oder ich kopiere, mit erheblich geringeren Chancen bestehendes.
    Wer zu spät kommt………..

  6. Interessanter Artikel. Hat mir gefallen. Ich bin ergänzend wie folgt unterwegs: An der Hombase arbeiten und inspirieren, Vernetzung zwischen Inno-Schmieden/Menschen anregen und ggf. „Labs“ gestalten/ausbauen, die freier arbeiten können. Warum warten, wenn die Chance besteht? Warum Strukturen nicht aufbrechen/hinterfragen/vorleben/partizipieren lassen? Gerade in den großen Schiffen geht das vielleicht, weil AUCH Stabilität da ist, die Ängste nehmen kann. Ich glaube an eine gute Kombi aus allem 😉

  7. Silvius – ja und nein. Ja es gibt unterschiedliche Präferenzen und das ist natürlich ok. Aber es gilt herauszufinden, wo es sich um solche Präferenzen handelt und wo es nur ein schräger Adaptionsprozess an den Arbeitgeber war.

    Herzliche Grüße
    Andreas

    • Hi Andreas,

      Kein Widerspruch – dein Hinweis beleuchtet eine Facette meiner Überlegung. Auf Dauer wird aus meiner Sicht die „Kultur“ durch die Mehrheit im Unternehmen geprägt. Wenn also die Mehrheit Bock auf Innovation hat, werden sie sich auf Dauer nicht durch ein System, Vorschriften oder Manager davon abhalten lassen.
      Ist das bisher unterblieben ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Wunsch nach Innovation nicht so stark ausgeprägt ist wie der Wunsch nach Sicherheit, Beständigkeit oder die Angst um Arbeitsplatzverlust.

      Vg.,

      Sylvius

  8. Danke. Ich finde den Artikel den Artikel wirklich gut und humorvoll geschrieben und sehe einige Aspekte aus Erfahrung genauso.

    Ich denke aber nicht, dass ein i***Lab immer negative Auswirkungen auf den Rest der Organisation haben muss. Es kommt sehr stark darauf an, wie man es mit anderen Change & Innovation Massnahmen begleitet. Kommunikativ richtig positioniert, kann es in Kombination mit einem (Innovations-)Kultur-Assessment sowie anderen Leuchtturmprojekten schon Sinn machen. Aber ich stimme 100%ig zu, dass Labs alleine definitiv nicht helfen, um eine Organisation fit für (digitale) Innovation zu machen.

    Leider doktern viele Unternehmen aber lieber an Symptomen, statt an die Ursachen ranzugehen, weshalb Themen wie Innovationskultur einfach gar nicht erst angegangen werden. Und da spreche ich aus der Erfahrung des Innovation Culture Assessments, welches ich unseren Kunden anbiete. Es macht wahnsinnig viel Sinn und hat grossen Impact, aber die Entscheider, die eine Offenheit (und Budget) für das Thema haben, muss man erstmal finden. Die Politik der ,kleinen Häppchen‘ ist da leider vorherrschend, statt konzertierte Aktionen voran zu treiben.

    Den Satz ,Culture eats strategy for breakfast‘ kennt und zitiert fast jeder, leben tun ihn leider die Wenigsten.

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