Wirtschaft
Kommentare 1

Kikikan: gegen den plötzlichen K.O. im Wettbewerb

Barcelona ist eigentlich eine sehr entspannte Stadt. Aber als ich neulich dorthin zurückkam, war totaler Alarm auf der Straße! Großdemo der Taxifahrer. Streik. Zwölf Stunden lang. Nirgends in der Stadt war ein Taxi zu bekommen. Und trotz modernster Infrastrukturlösungen  sind Taxis in Barcelona ein wichtiges Fortbewegungsmittel.

Taxifahrerstreik in Barcelona, 16. März 2017

Der Grund des Streiks kam für mich überraschend: Die Taxifahrer Barcelonas gingen gegen Uber auf die Straße. Das in der Personenbeförderungsbranche völlig neuartige Dienstleistungsunternehmen aus San Francisco macht auch den spanischen Taxifahrern Konkurrenz. Was ich erlebte, war also eine Solidarisierung gegen den Wettbewerb.

Und ich dachte: Wie albern ist das denn?

Warum es nichts hilft, den Wettbewerb auszuschalten

Selbst wenn die Vorwürfe gegen Uber korrekt wären, dass die Uber-Fahrer nämlich nicht so viele Richtlinien erfüllen müssten wie die »normalen« Taxifahrer – letztere hätten die intellektuelle Kraft und auch das Geld, das sie in diese Demo gesteckt haben, besser in neue Ideen investiert, wie sie ihre Kunden behalten, überzeugen, besser bedienen könnten!

Denn wenn Sie neuen Wettbewerb nur irgendwie »wegmachen« wollen und nach der Politik rufen, um ihn zu verhindern, dann singen Sie damit einen vorzeitigen Abgesang auf sich selbst.

Ja, Sie können vielleicht ein wenig Zeit gewinnen, wenn Sie die neue Konkurrenz verhindern. Aber dann kommt eben der nächste Uber (vielleicht heißt der ja dann »Ünter«) und fegt Sie vom Markt.

Hätten die Taxifahrer mal bloß in den Kikikan-Modus geschaltet!

Im Hybris-Modus auf Wolke 7

Kikikan? Das ist japanisch und lässt sich nicht eins zu eins übersetzen. Das Wort bedeutet so etwas wie »Eigenkrise«. Ich kenne Kikikan von Toyota. Der Nummer-eins-Autobauer aus Japan war in den 1990ern unglaublich erfolgreich. Und wenn alles spitze läuft, na ja, Sie kennen das, dann schleicht sich auf Zehenspitzen so eine gewisse Sebstgefälligkeit ein. So eine übertriebene Selbstsicherheit. So ein arrogantes Gefühl von Unverwundbarkeit, Unersetzlichkeit, Unsterblichkeit: »Es läuft. Egal, was wir tun, wir sind die besten!«

Tja, und dieser Hybris-Modus ist mit der gefährlichste, den es in Märkten gibt, auf denen Wettbewerb herrscht. Denn in so einem Modus wird es extrem schwierig, sich noch weiter zu verbessern und sich organisational und technologisch weiterzuentwickeln. Das Momentum wechselt zum Wettbewerb, meistens zu ganz neuen Playern, Seiteneinsteigern oder Überraschungsgästen in der Branche. Und dann geht’s ruckzuck: heute noch der muskelbepackte Champion, morgen schon das neue AEG-Kodak-Nokia-Braun-Grundig-Schlagmichtot.

Lust oder Angst?

Die Frage ist, was Unternehmen tun können, um einen solchen Absturz aus höchster Flughöhe abzuwenden? Oder anders gefragt: Wie wechselt man von einem Hybris-Modus in einen besseren Modus? In einen, der Innovation und Verbesserung weiterhin ermöglicht?

Toyota fand dafür Kikikan: Wir müssen uns alle daran erinnern, dass es gefährlich ist, wenn wir so bleiben, wie wir sind. Das Unternehmen wechselte sozusagen bewusst in einen »kleinen Krisenmodus«, weil es den braucht, um Veränderungen herbeizuführen.

Natürlich könnten Sie jetzt sagen, dass die Toyota-Bosse die Mitarbeiter einfach nur in Angst versetzt haben. Und Sie könnten diskutieren, ob das ethisch überhaupt okay ist. Aber da rate ich zum argumentativen Abrüsten. Wenn es in Ordnung ist, Menschen mit Freude und Lust von etwas zu überzeugen, jedenfalls wenn diese positiven Emotionen begründet sind, dann muss es meiner Ansicht nach auch in Ordnung sein, Sorgen mit allen zu teilen, jedenfalls wenn sie begründet sind. Bei ersterem positiven Hin-zu-Motiv stimmen immer alle sofort zu, bei zweiterem negativen Von-weg-Motiv tun sich aber viele schwer.

Aber im echten Leben ist es doch auch so: Über das eine freuen Sie sich, das andere fürchten Sie und manchmal beides gleichzeitig. Freude und Furcht bedingen sich zudem einander: wie sollte es das eine ohne das andere geben? Die Furcht ist dabei genauso nützlich wie die Freude, denn sie setzt Sie in Bewegung – von der Gefahr weg. Was daran verwerflich sein soll, müssen Sie mir erstmal beibringen.

»Oh Gott, die Digitalisierung kommt!«

Darum: Wenn es bei Ihnen gut läuft, freuen Sie sich bitte darüber! Aber vergessen Sie auch nicht, ein passendes, angemessenes Kikikan anzurichten. Damit meine ich eben nicht, Ihren Leuten zu drohen oder einen x-beliebigen Teufel an die Wand zu malen – das hielte ich für übertrieben. Niemand muss gezwungen werden!

Und ich finde es auch reichlich paternalistisch und übergriffig, die Leute durch erfundene und künstliche Phänomene in Angst zu versetzen: »Oh Gott! Die teuflische Digitalisierung kommt!«

Nein, ich schlage vielmehr vor, in verschiedenster Form verstärkt den Markt ins Unternehmen zu holen.

In vielen Unternehmen sind beispielsweise die Vertriebler und die Serviceleute die einzigen, die noch echten Kundenkontakt haben. Strukturell ist das in dynamischen Märkten zwar eine riesige Gefahr aber nun gut. Dann könnten Sie zum Beispiel »Lunch&Learn« spielen: Während des Mittagessens werden Vertriebler oder sogar gute Kunden und Lieferanten höchstpersönlich mit kundenfernen Mitarbeitern und Managern aus dem Unternehmen zusammengewürfelt. Es gibt einen kurzen Rede-Impuls aus dem Markt. Und anschließend wird den Pärchen oder Grüppchen ausreichend Zeit zum Diskutieren gegeben. Sie können sicher sein, dass sich die wahren Geschichten, die da entstehen, durch den Flurfunk in den Tagen danach im ganzen Unternehmen verbreiten. Natürlich ist die Teilnahme freiwillig. Die Gespräche führen in jedem Fall dazu, dass mehr Leute mehr Verständnis für die Märkte des Unternehmens entwickeln.

Das sind ja tolle Geschichten!

Oder ganz ähnlich: interne Messen. Ich habe mal eine erlebt, da stellte das Marketing-Team in der Kantine 3 Wochen lang die zehn stärksten Wettbewerber aus. Also wer die überhaupt sind, was die Kunden über die sagen, wie die sich entwickeln und so weiter. Gegner brauchen ein Gesicht.

Dann stellten sie auf der gleichen Messe noch die zehn begehrtesten Wunschkunden des eigenen Unternehmens vor: Welche hätten wir denn gerne? Plötzlich kam heraus, dass die Tochter eines Managers mit einem Einkäufer des Wunschkunden liiert ist. Und schon ist eine Verbindung da … Solche Geschichten schreibt das Leben. Aber nur wenn man ihm Gelegenheit dazu gibt.

Oder Sie machen interne Open-Space-Konferenzen zu Kundenaudits, schicken Delegationen auf Konferenzen und Messen … und im Anschluss können Sie diskutieren, wie Sie mit den Herausforderugenm, die dadurch sichtbar werden, umgehen wollen.

Dann haben Sie Kikikan. Das heißt nichts anderes als: Sie sind wachsam. Sie haben den Wettbewerb im Blick. Bei allem Erfolg.


Bild: © Depositphotos.com 67748989/innovatedcaptures

 

1 Kommentare

  1. Rüdiger Franke sagt

    Dazu zwei Anmerkungen:
    1. Irgendwie scheint Protektionismus wieder „en vogue“ zu sein. Hoffentlich haben wir das bald überwunden.
    2. Wieder einmal erkenne ich die Parallelen zum Kindergroßziehen. Mit relativ kurzen Kikikan-Zyklen. Auf eine Saison mit Einsen und Zweien in der Schule folgt eine mit Dreien und Vieren, usw.. Echt gutes Management Training.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.