Führung, Organisation
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Management-Praktiken – braucht’s die oder kann das weg?

»Herr Müller, Sie haben letzte Woche schon wieder nur eine halbe, statt einer Dreiviertelstunde Pause gemacht.«

»Ja, ich wollte etwas früher nach Hause und habe deshalb die Mittagspause abgekürzt.«

»Aber Sie wissen doch ganz genau, was die Pausenregelung bei acht Stunden Arbeitszeit vorschreibt.«

Was für eine unnütze Diskussion. Und überhaupt: Wozu brauchen Unternehmen ausufernde Reisekostenrichtlinien, Arbeitszeiterfassung, Überstundenregelungen, Investitionsanträge und diese ganzen anderen Management-Praktiken? Nun ja, vielleicht weil sonst das Intranet ziemlich leer wäre, der Controller nichts zum Kontrollieren hätte oder die IT-Abteilung keine Formulare mehr programmieren könnte.

Nein, mal ehrlich. Nehmen Sie die vielen Stunden, die Ihr Management mit der Jahresplanung verbringt: Sie sammeln Daten über Daten aus der Vergangenheit, lassen Vertreiber in die Glaskugel gucken, befragen große Kunden, was sie in ihrer Glaskugel gesehen haben – alles nur, um daraus eine Prognose für die Zukunft abzuleiten – für die Entwicklung der Personalkapazitäten, Maschinenbeschaffungen, Liquiditätsbedarfe oder einen anstehenden Hallenbau. Und am Ende des Jahres stellen Sie fest: Es ist ja anders gekommen als geplant. Ist ja auch logisch. Wie wollen Sie schließlich im Dezember denn schon wissen, was im kommenden August passieren wird?

Hinterfragen statt hinnehmen

Jetzt können Sie sagen, dass Unternehmen budgetieren und Regeln aufstellen müssen – steht ja schließlich in jedem Management-Buch. Und ich will auch nicht für Anarchie plädieren. Als Unternehmer weiß ich selbst, dass es Strukturen braucht, wenn viele Menschen zusammenarbeiten. Und dennoch wundere ich mich über so manch eine Management-Praxis aus der tayloristischen Mottenkiste.

Aber es hält ja kaum ein Unternehmer inne, um sich mal über die eingefahrenen und – nennen wir es – von den Vätersvätern überlieferten Praktiken nachzudenken und zu hinterfragen, ob sie überhaupt (noch) wirkungsvoll sind. Oder inzwischen eher toxisch und brandgefährlich. Ist ja auch viel bequemer, diese Praktiken ungefragt umzusetzen. Dann sind alle Beteiligten zufrieden und jeder weiß, woran er ist.

Falsch! Würden Unternehmer und Führungskräfte einmal genau darüber nachdenken und reflektieren, welche Praktiken in ihren Unternehmen zur Tagesordnung gehören, würden sie feststellen, dass viele dieser Praktiken entweder völlig überflüssig sind oder schlichtweg eine kopierte Lehrbuchmeinung widerspiegeln, die nichts mit ihrem Unternehmen zu tun haben. Management: Copy & Paste.

Management-Praktiken

Vier Fragen, die Sie sich stellen sollten

Schnappen Sie sich also ruhig einmal eine Management-Praxis aus dem Katalog an Praktiken heraus, die es in Ihrem Unternehmen gibt – gerne willkürlich. Und dann beginnen Sie zu reflektieren:

1. Welche Überzeugungen liegen dieser Praktik zugrunde?

Wenn Sie beispielsweise eine Überstundenregelung haben, dürfte als Überzeugung dahinterstehen: Mitarbeiter nutzen ihre Arbeitgeber aus, wenn es keine klaren Vorschriften gibt. Darum ist Misstrauen angebracht. Und: Mitarbeiter sind nicht selbstverantwortlich, deshalb müssen sie an die Hand genommen werden. Und: Arbeitszeit korreliert mit Leistung. Tja, so eine Reflexion darf weh tun.

Ganz gleich, welche Praxis Sie sich herausgreifen und welches Menschenbild Sie darin entdecken – werden Sie sich darüber klar, ob diese Überzeugungen und Praktiken überhaupt (noch) zum Markt, zur Zeit, zum Unternehmen und nicht zuletzt zum Stand anerkannter Wissenschaft passen. Und dann fragen Sie sich:

2. Wie genau findet diese Praxis in Ihrem Unternehmen Anwendung?

Oder anders: Verwenden Sie die Praktik so, dass sie auch Sinn ergibt? Dabei ist egal, was darüber im Lehrbuch steht oder was sie ursprünglich damit vorhatten. Es geht ganz allein darum, was tatsächlich in Ihrem Unternehmen passiert. Ist die Praktik wertschöpfend? Oder erzeugt und fördert sie eher Theater?

Wenn wir einmal beim Beispiel der Überstundenregelung bleiben wollen, könnten Sie beispielsweise feststellen, dass die Praktik ursprünglich dafür gedacht war, Mitarbeiter davon abzuhalten, zu viele Überstunden zu machen. Mittlerweile ist sie aber möglicherweise zu einem Tool verkommen, damit die Personalabteilung genug zu tun und die Abteilungsleiter Grund zu meckern haben. Und vielleicht blockiert sie ja gerade die Verantwortungsübernahme, die Sie sich so sehnlichst von Kollegen und Mitarbeitern wünschen (»musst Du nicht selbst entscheiden, gibt ja eine Regelung dazu«)

Sie wären nicht der erste Unternehmer, der feststellt, dass seine Management-Praktiken nicht mehr passen – weder zu seinen Überzeugungen, noch zum Unternehmen oder zum Markt. Und dass fundamentale Denkfehler dahinter stecken, die es aufzudecken gilt. Wie viele Unternehmen propagieren beispielsweise aus vollster Überzeugung, dass sie eigenverantwortliche Mitarbeiter haben? Ah ja, und wer legt das Gehalt fest? Und wer bewilligt die Urlaubsanträge? Und wer segnet die Investitionsanträge ab?

Da bleibt dann die Frage:

3. Was würde passieren, wenn sie diese Management-Praxis ausradieren?

Eine reine Denksportübung, schon klar. Zunächst mal nur auf dem Papier (exakt, bitte schreiben Sie unbedingt mit, möglichst präzise). Also was würde in Ihrem Unternehmen, mit der Wertschöpfung, mit den Mitarbeitern, mit den Kunden, mit den Kapitalgebern usw. passieren, wenn Sie die Praktik schlicht streichen. Welche Implikationen hätte das?

Bei dieser Frage entwerfen die einen Untergangsfantasien (an die ich nur in den seltensten Fällen glaube) und manch andere werden feststellen, dass der Wegfall oder eine Veränderung der routinierten Vorgehensweise keinen Schaden anrichten würde (daran glaube ich schon eher). Also:

4. Müssen wir die Management-Praktik durch eine neue ersetzen? Wie muss sie aussehen?

Wenn Sie erst einmal überzeugt sind, dass Ihre Praktik überholt, unwirksam, oder gar hinderlich ist, führen Sie einen Diskurs darüber, ob sie tatsächlich einen Ersatz brauchen. Manchmal nicht. Womöglich aber schon. Also, welche Alternativen gibt es für die alte Praktik, die das Problem vielleicht aufwandsärmer, wertschöpfender, moderner, lebendiger, mit mehr Intelligenz oder Eigenverantwortung lösen können.

Glauben Sie mir, dieser Diskurs ist Gold, ähm Geld wert. Es lässt sich viel Zeit und dadurch Geld sparen, wenn die Erkenntnis kommt, dass eine Praktik adaptiert oder ersatzlos gestrichen werden kann. Und in dieser Zeit können dann alle wieder echter Arbeit nachgehen und werden nicht ständig davon abgehalten.

Verschwenderische Praxis

Wenn Sie nun nach Beispielen fragen, werde ich Sie enttäuschen. Ich habe diese Reflexion zwar selbst schon mehrfach gemacht und auch bei Unternehmerkollegen begleitet. Aber Praktiken und Überzeugungen sind für jedes Unternehmen individuell, bzw. hat es für jedes Unternehmen unterschiedliche Auswirkungen, wenn eine Praktik eliminiert oder in der ein oder anderen Weise abgeändert wird. Die Geschichte darüber hätte höchstens anekdotischen Wert. Lernen können Sie hingegen nur, wenn Sie dies mal selber tun. Ausführlich, kritisch, selbstreflektiert.

Eines ist sicher: Viele der gängigen Praktiken verursachen nichts als Unternehmenstheater. Sie tragen nicht zur Wertschöpfung bei, stiften keinen Kundennutzen, provozieren keine Innovation. Da wird dann ein formelles Mitarbeitergespräch geführt, das eher an ein Kammerspiel im lokalen Stadttheater erinnert. Warum statt dessen kein World-Café im Team? Oder der Mitarbeiter füllt einen Controlling-Bogen aus, weil man doch die Auslastung des Hallenkrans über den Jahresverlauf messen »muss«. Muss man nicht! Oder der Kollege bastelt eine Präsentation, um eine geplante Investition vorzustellen, obwohl schon längst allen klar ist, dass die Investition gemacht wird – einfach nur, weil es die Vorgehensweise im Unternehmen so verlangt. Und jetzt kommen Sie mir bitte nicht mit ›gesetzlichen Vorschriften‹.

Darum ist es mein Wunsch, dass sich möglichst viele Unternehmen einmal ihrer Praktiken annehmen – zumindest konkret eine, wenn auch kleine Praktik ausgiebig beleuchten und diese grundlegend revolutionieren. Sie werden sehen, dass Sie einen ganz anderen Blick auf Ihr Unternehmen gewinnen, und feststellen, wie viel Theater Ihre Mitarbeiter spielen, nur weil eine Verhaltensweise eben so vorgeschrieben ist.

Also ran an die Überlegung! Und lassen Sie mich wissen: Wie viele unnütze oder änderungsbedürftige Praktiken konnten Sie in Ihrem Unternehmen ausmachen?


 

 

 

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