Führung, Organisation
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Möge die Macht mit Dir sein

Schulen sind ja schon manchmal witzig. Neulich beim Elternabend erzählt die Lehrerin einem Raum voller Erwachsener, dass die Kinder als nächstes die Knochen der Frösche lernen werden.

Soweit, so gut, denke ich mir.

»Und welche Lernmethode soll damit vermittelt werden?«

»Welche Lernmethode? Nee, nee, es geht um die Knochen vom Frosch. Die Kinder sollen wissen, wie das Skelett aussieht.«

Oh, entschuldige, wie naiv von mir! Zu denken, dass da ein tieferer Sinn dahintersteckt, als etwas zu vermitteln, das die Kinder bei Bedarf im Internet nachlesen könnten … Reine Wissensvermittlung, ohne Mehrwert für das Leben. Wie sinnlos! Die Kinder werden es trotzdem lernen.

Aber mit der Debatte über Lehrpläne und das Schulsystem möchte ich Sie verschonen. Es geht mir um etwas ganz anderes. Etwas, das sich auch in jedem Unternehmen wiederfindet: Und zwar Wissen und wie es weitergegeben wird!

Wenn ein Vorarbeiter weiß, wie eine Maschine eingestellt werden muss, dann erklärt er es seinen Kollegen. Wenn die Marketingchefin weiß, in welchem Format der Pressetext an die Redaktion geschickt werden muss, dass sagt sie das ihrem jungen Mitarbeiter. Wenn die Kollegin in der Buchhaltung weiß, wo die Ausgaben für Büromaterial hingebucht werden müssen, dann zeigt sie es dem Auszubildenden. Und wenn die Lehrerin eben weiß, wie ein Froschskelett aussieht, dann bringt sie das den Schülern bei.

Einfach, oder? Naja, ganz so problemlos, wie ich es hier dargestellt habe, ist es nicht. Die Weitergabe von Wissen – sei das nun in der Schule, in Organisationen, Unternehmen, in der Politik, im Privatleben – funktioniert nämlich nur, wenn dem Wissenden auch Glauben geschenkt wird.

Und das ist leider nicht so banal, wie es hier klingt. Warum? Damit Ihnen geglaubt wird, brauchen Sie mehr als präzise Erklärungen. Auch gute Argumente allein reichen nicht. Sie brauchen etwas ganz anderes – und das ist Macht! Macht ist der Beschleuniger für die Wissensvermittlung, ja er ermöglicht wirtschaftliche Wissensvermittlung überhaupt erst.

Wo der Zusammenhang liegt?

Möge die Macht mit Dir sein

Macht: Warum gute Argumente nicht ausreichen, um andere zu überzeugen.

Nehmen Sie ein ganz konkretes Beispiel: Würde der Azubi die Info zur Buchung von einem Praktikanten annehmen, ohne nochmals nachzufragen oder nachzuschlagen? Nein, er würde es vermutlich hinterfragen, weil zwischen den beiden kaum ein Machtgefälle besteht. Es würde sich eine Debatte entbrennen, an dessen Ende keinesfalls zwingend das bessere Argument, geschweige denn das richtige Wissen die Oberhand behält.

Oder als Donald Rumsfeld damals auf der UNO-Sicherheitskonferenz angebliche Beweise für Atomwaffen im Irak lieferte, zeigte er zwar beeindruckende Bilder und argumentierte – zumindest aus seiner Sicht – logisch. Aber letztlich war es doch die Machtposition Amerikas, die dafür sorgte, dass die meisten anderen Nationen das Gesagte als Wissen ansahen und sich der Militäraktion anschlossen. Oder glauben Sie, dass Länder wie Litauen oder Jordanien mit derselben Präsentation die gleiche Wirkung erzielt hätten? Also ich nicht. Sie hätten gar nicht die Macht gehabt.

Ja, nur wer Macht hat, kann sein Wissen ohne ausschweifende Diskussion zuverlässig weitergeben. Nur wer Macht hat, dem wird geglaubt, ohne dass er andere mit ausgeklügelten Argumenten und Beweisen davon überzeugen muss, dass er recht hat. Stellen Sie sich vor, Sie müssten alles, was Sie sagen, erstmal langwierig erklären. Das wäre ja wahnsinnig aufwändig!

Darum ist Macht in Verbindung mit Hierarchie zu einem ausgeprägten Gestaltungsmerkmal von Organisationen geworden. Je stärker das Machtgefälle, desto schneller geht die Wissensübertragung. Und kein Unternehmen kann es sich erlauben, bei Problemlösungen Zeit zu verlieren.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Das ist kein Plädoyer für mehr Hierarchie und ausgeprägtere Machtstrukturen in Unternehmen. Der Vollmer macht keine Rolle rückwärts.

Ich will damit lediglich darlegen, welche beschleunigende Funktion Macht in einem sozialen System, also z.B. in Ihrer Firma hat. Sicherlich verhindert diese Art der Wissensübertragung das eigene Denken und veranlasst lediglich zum Ausführen. Aber für komplizierte Probleme ist das eben die beste Lösung, die optimale Herangehensweise. Fragen nach dem moralischen Aspekt dieser Machtausübung sind da völlig irrelevant.

Also: Wenn tatsächlich Wissen für die Problemlösung verfügbar ist, dann ist dies auch heute noch erfolgsversprechend. So wie in der Buchhaltung eben – Sie werden nicht (legal) erfolgreicher, wenn Sie mit Buchungskonten experimentieren.

Aber für die allermeisten wettbewerbsrelevanten Situationen ist heute eben kein Wissen verfügbar. Erfahrungen von früher schon und viele gut gemeinte Vermutungen, manchmal sogar wissenschaftlich formulierte Hypthesen, aber eben kein gesichertes Wissen.

›Wieviel Stück von dem Produkt werden wir im nächsten Monat verkaufen?‹, ›Mit welcher Logistikstrategie werden wir schneller als unser Wettbewerber liefern können?‹, ›Welches Foto auf der Anzeige wird die Kunden eher zum Kauf verleiten?‹ You name it.

Für alle jene Situationen, es sind komplexe Situationen, ist Macht als Organisationsmerkmal bestenfalls unschädlich.


 

 

5 Kommentare

  1. Ute sagt

    Hallo Lars,

    sehr anregender Artikel. Herzlichen Dank für diesen Impuls. Oftmals nehmen Menschen dieses „Gefälle“ nicht unbedingt als „Macht“ war, sondern AUCH als „Erfahrungsschatz“…Gelingt dem Lehrenden, dies so zu vermitteln und genügend Raum für eigenes Denken und Erforschen zu lassen, dann entsteht eine Lernsymbiose, die die Ideenwelt wirklich auf macht und es entsteht eine echte Wertschöpfung im Sinne des Erfolges.

    Herzliche Grüße und schönes Wochenende, Ute

  2. Lieber Lars,
    interessanter Artikel. Ich finde das Thema „Übertragung von Wissen“ und Lerenen ja ebenfalls sehr wichtig.
    Ich glaube aber, dir entgeht im hinteren Teil des Artikels, dass es nicht nur eine Form von Macht gibt sondern drei. Du weist recht ausführlich auf die Bedeutung hierarchischer, formeller Macht hin. Das ist die Macht von „oben“, von Chefs. So weit so gut. Aber gibt es nicht auch Informellen Einfluss („die Macht der Beliebten“) und so etwas wie Ansehen von Könnern („die Macht der Fähigen“)? Ist das nicht auch Macht?
    Deinen Text finde ich natürlich trotzdem gut, und er soll ja auch nicht die ganze Welt erklären… aber dieser Aspekt fehlt mir oben ein wenig.
    Gruss, Niels

  3. Lieber Lars,

    heute geht die Macht ja schon wieder ziemlich ruppig mit uns um. Wo kämen wir hin, wenn das einfache griechische Volk per Referendum abstimmt, ob man die Vorschläge der Macht annehmen wolle. Schließlich könne dieses einfache Volk so komplexe Zusammenhänge doch gar nicht durchblicken. Dass das gleiche Volk aber alle vier Jahre nach ihrer Einschätzung, welche Partei denn wohl am besten diese Komplexitäten managen können wird, gefragt wird, steht wohl auf einem anderen Blatt. Und sprichwörtlich auf einem noch ganz anderen Blatt steht nachzulesen, dass die angeblichen Experten des IWF, die ja hier federführend sind, nicht einmal in der Lage waren, Lehmann Brothers vorauszusehen … (siehe https://www.freitag.de/autoren/pregetterotmar/skandal-unfaehiger-iwf-verraet-griechenland )

    Das sind jedenfalls wichtige Lehrstücke, die uns verstehen lassen, besser auch die Expertise allzu mächtig erscheinender genauso zu hinterfragen, wie die der ersten Gehversuchenden …

    Viele Grüße
    Martin

  4. Robin Nash sagt

    Lieber Lars,

    ich bin mir nicht so sicher, ob das überhaupt so funktioniert. Sorry. Was Du beschreibst, ist erstmal nur Informationstransfer, und da zieht Dein Vergleich mit der Lehrerin richtig gut. Von oben kommt von der Respektsperson (Chef /Lehrerin) Information, welche auf die Informationsempfänger am unteren Ende der Hierarchie trifft.

    Bei Schülern mag das gut funktionieren, denn die sind in der Regel von der Information insofern abhängig, als dass ihre Noten von der korrekten Wiedergabe der Information abhängt. Die Information wird verinnerlicht und damit zu Wissen. Das kann sich mit der Zeit aber wieder ändern, wenn das erworbene Wissen überholt oder falsch ist.

    Bei Mitarbeitern wird die Information zu Verhalten. Der Vorgesetzte weist an, wie die Buchhaltung die Geschäftsvorfälle buchen soll, und der Mitarbeiter tut es. Es kommt nicht darauf an, ob es richtig oder falsch ist. Es kann sogar sein, dass der Mitarbeiter weiß, dass etwas falsch ist, und macht es trotzdem. Er wird deshalb aber nicht glauben, dass es dadurch plötzlich richtig ist.

    Meine Erfahrung ist gerade, dass in Unternehmen Wissen horizontal weitergegeben wird, und zwar durch Nachfrage der Kollegen untereinander. Im Handwerk mag das anders sein, da hier der Meister noch einen tatsächlichen Wissensvorsprung gegenüber dem Gesellen hat. In Großbetrieben, in denen mehrere Mitarbeiter an der gleichen Problemstellung/Aufgabe arbeiten, tauschen diese sich bevorzugt untereinander aus. (siehe den Beitrag von Niels Pflaeging.) Oft wird hier sogar beklagt, dass den Vorgesetzten die notwendigen Kenntnisse fehlen, um qualifizierte Aussagen zur Tätigkeit treffen zu können. Hier wird dem Chef also die Fähigkeit abgesprochen, Wissen zu transferieren.

    Besonders schlaue Chefs holen sich diese Kompetenz dadurch zurück, dass sie sich selber das notwendige Wissen von den Mitarbeitern holen, die es auch tatsächlich besitzen, und es dann wieder nach unten verteilen, oder gleich die Wissenden ihr Wissen teilen lassen.

    Viele Grüße

    Robin

    • Lieber Robin,

      Du beschreibst nahezu exakt den Mechanismus, auf den ich aufmerksam machen wollte.

      Heute (und das war früher tatsächlich anders), ist das operationelle Wissen von Vorgesetzten Chefs zumeist nicht höher als jenes der Mitarbeiter. Und genau deswegen versagt auch die Steuerung, gerne können wir sie auch »formale Führung« in Unterscheidung zu »sozial legitimierter Führung « nennen.

      Eine weitere Unterscheidung für die ich werben möchte ist die zwischen Wissen und Können. Eine entscheidenden Probleme der heutigen Wirtschaft sind nicht mehr mit Wissen zu lösen. Das problemlösende Wissen steht gar nicht zur Verfügung. Und wenn Du, Robin, eines dieser Probleme lösen willst, dann holst Du Dir auch kein Wissen von Deinen Kollegen, sondern Ideen. Bzw. Du konfrontierst sie mit Deiner Idee und möchtest diese mittels des sozialen Prozesses, gerne auch Kreativität genannt, erproben und weiterentwickeln.
      Hierfür sprichst Du Kollegen an, die von Dir sozial legitimiert sind, die formale Stelle ist dabei völlig irrelevant. Sprich: Du tauschst Dich mit anderen aufgrund ihrer Person, der erhofften Ideen und des konstruktiven Diskurses aus, nicht aufgrund oder entgegen des hierarchischen Ranges.

      Sogar ein Chef kann sozial legitimiert sein 😉

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