Alle Artikel in: Organisation

Hast Du eine Idee, schreibe keinen Businessplan

Wenn bei der OTTO Group irgendwo eine neue Idee aufkam, hieß es sofort: Mach erstmal einen Businessplan! – Das erzählte mir neulich Hans-Otto Schrader, bis dato Vorstandsvorsitzender der OTTO Group, während eines Vortrags in Hamburg. Schrader fand Businesspläne aber uneffektiv. Ich saß im Publikum und nickte: Denn das finde ich auch. Warum? Nun, vor allem aus zwei Gründen. Den ersten, offensichtlichen, teile ich mit Schrader, den zweiten, tiefer liegenden, finde ich fast noch wichtiger. Als ob die Idee geprüft würde Zum ersten Grund: Eine Idee ist ein frisch geschlüpftes Gedankenküken. Sie muss wachsen und sich bewähren, um groß und stark zu werden. Wachsen kann sie aber nur in einem sozialen Kontext und nur im echten Leben, in der Realität. Ein Businessplan jedoch hat mit der Realität wenig zu tun. Er tut nur so, als exploriere er die Zukunft. Er sieht so schön rational aus. Aber das ist nur eine Scheinrationalität. In Wahrheit ist er nur ein hübsches Gewand. Mit einem ehrbaren Zweck: Er soll dem Geldgeber gefallen und überzeugen. Im Unternehmen ist das meist erstmal …

Organisationskultur ist keine Frage der Entscheidungen

Ringe – ja, aber maximal zwei. Ohrringe – na gut, aber nur einen, ganz dezent im Ohrläppchen. Halsketten – jetzt hört’s aber auf. Nein danke! Ja, die deutsche Bundeswehr sorgt sich wirklich im Detail um das Erscheinungsbild ihrer Soldatinnen und Soldaten. In vielen Unternehmen ist mittlerweile der gleiche Wahnsinn eingefallen – weit über Kleiderverordnungen von Berufs wegen hinaus. Es geht um mehr. Es geht um etwas viel Größeres, etwas Wichtigeres. Meine Damen und Herren, es geht in diesem Lande um die Organisationskultur! Kulturlos und unverschämt! Organisationskultur in allen ihren Facetten – Arbeitskultur, Streitkultur, Fehlerkultur … – »Kultur« ist das Wort, das mir in Unternehmen und auf Kongressen immer wieder von allen Seiten um die Ohren fliegt. Es hat der »Komplexität« als Organisationsfetisch inzwischen längst den Rang abgelaufen. Kultur sei von elementarer Bedeutung für ein Unternehmen, seine Kultur zu finden, zu zeigen, zu pflegen, zu bewahren. Und die Führungskräfte haben die Kultur vorzuleben. So der Konsens. Nur dass diese hochgelobte Organisationskultur zu skurrilen Auswüchsen führen kann, lassen die Beteiligten außer Acht. Erst kürzlich wurde ich Zeuge einer …

Komplizenschaften – Problemlösung mit vernünftigen Kriminellen

»Holen Sie mir Griggs, ich muss ihn dringend sprechen!« »Wen?« »Fragen Sie nicht, finden Sie ihn!« Sie kennen Griggs auch nicht? Wirklich nicht? Dabei dürfte er genauso in Ihrem Unternehmen zu finden sein! Die kleine Szene mit Brad Pitt alias Rusty im Film »Ocean’s Eleven« beschreibt treffend, was täglich in Unternehmen passiert: Für einen nicht ganz offiziellen Coup suchen sich einzelne Personen Verbündete – nicht im kriminellen Sinne, sondern für die Lösung von akuten und nicht-ignorierbaren Problemen. Also: Die im Untergrund arbeitenden Teams, die maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens beitragen. Untergrund, Coup, geheime Machenschaften in Ihrem Unternehmen … Nein, ich wandere nicht auf subversiven Abwegen! Ich beschreibe nur die Realität. Der Coup ist das Ziel In den meisten Gesprächen über Organisation ist von Teams die Rede. Solche, die geführt werden und in festen Strukturen an einer ganz bestimmten Stelle verortet sind. Die, die für noch mehr Wirkung zusammenwachsen und einen Teamgeist entwickeln sollen. Jene, die zumeist auf die langfristige Zusammenarbeit angelegt sind. Aber es gibt eben auch unsichtbare Teams. Oder wie es die Hamburger Professorin …

Die vierte Sorte der Verschwendung

Mura, Muri und Muda – bekanntermaßen sind das nicht die Cousinen von Tick, Trick und Track, sondern die drei großen Sorten operativer Verschwendung aus der Lean Management-Lehre. Die drei Ms sind Zeit- und Geldschleudern weil sie das Gegenteil wertschöpfender Aktivitäten repräsentieren und jede Organisation ist gut beraten, diese Verschwendungsquellen zu reduzieren. Spätestens seit den 1980er Jahren ist »Verschwendologie« zur Wissenschaft erhoben worden und wird wirksam verfolgt. Soweit so gut. Managementfolklore im sozialen System Es gibt allerdings noch eine vierte Sorte der Verschwendung, die aus Japan seinerzeit nicht übermittelt wurde. Ich gehe davon aus, dass sie damals irrelevant war und bei den Lean-Pionieren keinerlei Probleme verursacht hat. Mittlerweile ist sie aber zur vielleicht gewichtigsten und verlustreichsten Form der Verschwendung herangewachsen: die Managementfolklore. Darunter verstehe ich nun kein Märchen über die Entstehung von Management, sondern vielmehr alle Tätigkeiten in einem Unternehmen, die lediglich dazu dienen, die formale Struktur einer Organisation aufrechtzuerhalten. Die vierte Art der Verschwendung begehen Menschen, wenn sie nicht arbeiten, sondern Arbeit spielen. Das tun sie in Produktionshallen und gleichermaßen in den Büroetagen der Unternehmen. Und …

Ep. 64 Wissensmanagement – Wenn sie doch nur wüssten, was sie wissen

Die Episode 64 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Was für ein kurioses Telefonat: Da rief mich ein alter Studienfreund vor Kurzem an, der inzwischen im großen Konzernverbund arbeitet und nun in irgendeiner Arbeitsgruppe für das ›Wissensmanagement‹ mitarbeitet – der arme Kerl. Und er klagte mir ein Stück weit sein Leid: ach wenn sie doch nur wüssten, was sie alles wissen. Und sie hätten nun in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen 10-stelligen Betrag schon für ihr Wissensmanagement ausgegeben. Aber einen richtigen Nutzen würde das immer noch nicht bringen. Das Telefonat entbehrte nicht einer gewissen Ironie, denn es lag eigentlich schon auf dem Weg zu seiner Lösung. Das lag nicht daran, dass ich es war, den er anrief, sondern viel eher, dass er es war, der den Hörer abgenommen hatte. Denn mittels Wissen kann man ja nur Probleme lösen, die es bereits schon einmal gegeben hat. Und die kann man dann auch sauber verschlagworten – wenn man das intelligent macht und ein paar gute Algorithmen hinzufügt, dann kann das funktionieren, aber sie haben halt bemerkt, dass ihr …

Ep. 63 Prioritäten – Wenn der Eilt-Stempel eilt

Die Episode 63 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Es wirkt schon manchmal unfreiwillig tragisch und zugleich komisch, wenn ein Unternehmen versucht, ein Problem mit dessen eigentlicher Ursache zu lösen. Schön kann man das zum Beispiel sehen, wenn man anfängt mit Prioritäten zu jonglieren. Da sind Unternehmen extrem einfallsreich. Sie merken, dass Projekte, Aufgaben oder Aufträge immer mal wieder zu spät beim Kunden ankommen. Jetzt glauben sie, dass es an mangelnden Prioritäten läge. So, und jetzt kaufen sie sich beispielsweise eine Stempel. Auf dem steht dann: EILT. Und damit versuchen sie es nun, besser zu machen. Der Stempelverkäufer kann eigentlich seinen Laden jetzt unmittelbar neben der Firma aufmachen, denn es werden nicht viele Tage vergehen und schon braucht das Unternehmen den zweiten Stempel. Unbedingt. Auf dem steht: EILT SEHR. Auch beliebt sind sog. ›Top Ten‹-Aufträge – davon gibt es dann Hunderte im Unternehmen. Das kurioseste Beispiel ist mir untergekommen, als ein Unternehmen vor Jahren begann,  Prioritäten von 1 bis 10 zu vergeben. Wobei ›10‹ am Wichtigsten und ›1‹ am Unwichtigsten bedeutete. Nur drei Jahre später gab es die Prioritäten 1 bis …

Warum Unternehmensgröße für Organisationstransformationen irrelevant sind

Es kommt nicht auf die Größe an

»Herr Vollmer, ich verstehe ja Ihre Ideen, aber die Umsetzbarkeit hört bei 2.000 Mitarbeitern eben auf.« Zwei Tage später:  »Herr Vollmer, das ist ja alles gut und recht. Ich kann mir auch vorstellen, dass das in einem Betrieb mit 25 Leuten funktioniert, aber wir sind nur zu viert. Da geht das doch nicht.« Ausreden über Ausreden Wie sagen die Amerikaner so schön: ›If I had a nickel for every time …‹ Ja, wenn ich für jedes Mal einen Euro bekommen hätte, wenn mir jemand erzählt, dass meine Ideen in seiner Firma wegen der Größe des Unternehmens nicht realisierbar wären, könnte ich mich jetzt zur Ruhe setzen. Na gut, nicht ganz, aber die Diskussion um die Größe von Unternehmen entflammt bei meinen Vorträgen quasi immer. Dabei ist es ganz egal, zu welchen organisationsrelevanten Thesen ich etwas sage – sei es die Abschaffung von Unternehmensplanung, überflüssigen Meetings, schädlichen Performance Reviews, Selbstorganisation etc. – ich bekomme den Einwurf zu hören: »Mit unserer Unternehmensgröße geht das nicht.« Auch ein paar andere Kriterien werden ab und an herangezogen, um meine Forderungen zu entkräften: …

Management-Praktiken – braucht’s die oder kann das weg?

»Herr Müller, Sie haben letzte Woche schon wieder nur eine halbe, statt einer Dreiviertelstunde Pause gemacht.« »Ja, ich wollte etwas früher nach Hause und habe deshalb die Mittagspause abgekürzt.« »Aber Sie wissen doch ganz genau, was die Pausenregelung bei acht Stunden Arbeitszeit vorschreibt.« Was für eine unnütze Diskussion. Und überhaupt: Wozu brauchen Unternehmen ausufernde Reisekostenrichtlinien, Arbeitszeiterfassung, Überstundenregelungen, Investitionsanträge und diese ganzen anderen Management-Praktiken? Nun ja, vielleicht weil sonst das Intranet ziemlich leer wäre, der Controller nichts zum Kontrollieren hätte oder die IT-Abteilung keine Formulare mehr programmieren könnte. Nein, mal ehrlich. Nehmen Sie die vielen Stunden, die Ihr Management mit der Jahresplanung verbringt: Sie sammeln Daten über Daten aus der Vergangenheit, lassen Vertreiber in die Glaskugel gucken, befragen große Kunden, was sie in ihrer Glaskugel gesehen haben – alles nur, um daraus eine Prognose für die Zukunft abzuleiten – für die Entwicklung der Personalkapazitäten, Maschinenbeschaffungen, Liquiditätsbedarfe oder einen anstehenden Hallenbau. Und am Ende des Jahres stellen Sie fest: Es ist ja anders gekommen als geplant. Ist ja auch logisch. Wie wollen Sie schließlich im Dezember denn …

Das wünsch‘ ich Ihnen

Dreißig Prozent mehr Umsatz, den asiatischen Markt erschließen, in neue Maschinen investieren, die einen Wettbewerbsvorteil versprechen, etc. Das neue Jahr ist jung und in Unternehmen ist neue Tatkraft ausgebrochen. Sie packen ihre neuen Strategien an, die sie sich im alten Jahr so schön überlegt haben. Ist auch toll, wenn sich Unternehmen Vorsätze machen und mal überlegen, wo sie eigentlich hinwollen. Allerdings habe ich meine ganz eigene Vorstellung davon, was Unternehmen gut täte und was ich Ihnen wünsche. Soviel sei schon im Voraus gesagt: Pläne und Zahlen kommen darin nicht vor. Ich wünsche Ihnen einen klaren Verstand Industrie 4.0, Big Data … regelmäßig erscheint ein neuer Hype am Wirtschaftshimmel und versetzt alle Unternehmen in einen Rausch. All diese Modebegriffe, die irgendwo einen großen Erfolg zu haben scheinen, werden von den Medien als allgemeingültig erklärt und zu einem neuen Trend aufgebauscht. Als wären es süchtig machende Drogen, lassen sich Firmen von der Popularität eines Themas in die Irre führen und rennen einer vermeintlich heilversprechenden neuen Best Practice hinterher. Es gibt doch dieses schöne Sprichwort: „eine Sau durchs …

Bestätigungsfehler: Von Zombies lernen

Sie brechen ihren Verstorbenen das Genick und drehen ihre Köpfe um 180 Grad. Dann werden sie beerdigt. Klingt wie aus einem makaberen Horrorfilm, ist aber Realität – jedenfalls für eine Gruppe indigener Völker in Indien, den Adivasi. Manche der Adivasi-Dorfgemeinschaften tief im Dschungel werden von einer alles durchdringenden Religion, von traditionellen Festen und Tänzen getragen. Und sie glauben daran, dass Tote aus ihren Gräbern emporsteigen und dann das Dorf heimsuchen, um den Lebenden das Leben zur Hölle zu machen. Der verdrehte Kopf soll dafür sorgen, dass die Untoten zwar das Dorf anvisieren, aber dann in die falsche Richtung laufen, sich also immer weiter vom Dorf entfernen. Und der Erfolg gibt ihnen recht: Noch nie hat ein toter Adivasi den Weg ins Dorf gefunden. Und auch bei uns: ich habe noch nie von einer Zombie-Invasion in Deutschland gehört, obwohl in unseren Breitengraden die Köpfe der Toten an ihrem angestammten Platz bleiben dürfen. Sie etwa? Die Leiter der Schlussfolgerung Interessant ist diese Geschichte aber nicht nur wegen ihrer offensichtlichen Absurdität, sondern gerade weil das gleiche Prinzip auch im westlichen …