Alle Artikel in: Organisation

Weil Leistung eben nicht gleich Leistung ist

Wie fatal ist das denn? Offensichtlich sind nicht einmal Weltkonzerne wie Microsoft davor gefeit, sich unzeitgemäßen Überlegungen zu unterwerfen. Da hat der Software-Gigant doch tatsächlich ein Add-on für Microsoft Office auf den Markt gebracht, das sich »Workplace Analytics« schimpft. Besagtes Produkt analysiert, wie viel Zeit ein Mitarbeiter auf das Schreiben von E-Mails oder in Besprechungen verwendet. Erträumtes Ende vom Lied: Die Führungskräfte sollen so ihre Prozesse optimieren und die Produktivität und Motivation ihrer Teams erhöhen können. Nettes Spielzeug. Allerdings herzlich unbrauchbar und toxisch. Dass ein Vorgesetzter durch diese Datenauswertung nur der Illusion verfällt, die totale Überwachung und Kontrolle über sein Team zu haben, davon möchte ich hier gar nicht erst anfangen. Dass dem Ganzen vor allem aber auch ein ganz zentraler, noch aus dem Fabrik- und Industriezeitalter stammender Denkfehler zugrunde liegt, scheint beim IT-Riesen bisher nicht angekommen zu sein. Dabei sollte längt klar sein: »Leistung = Zeit« war vorgestern. Der gute, alte Henry Natürlich gibt es noch Jobs, auf die diese einfache Gleichung anwendbar ist – vorne schnell Teile rein, damit hinten schnell viele fertige …

Der Geist am Konferenztisch

Wenn Sie den Ursprung und die Ahnen des allgemeinen und vergleichsweise hohen Wohlstands in Deutschland kennen wollen, dann fahren Sie mal durch ein beliebiges Industriegebiet und lesen Sie, wer die Namensgeber der Straßen sind. Ich lese dort immer mit großem Respekt Namen wie Werner von Siemens, Robert Bosch, Ferdinand Porsche, Adam Opel, August Borsig, Alfred Krupp, Gottlieb Daimler, Fritz Henkel, Hugo Stinnes, August Thyssen, Franz Haniel, Carl Miele, Carl Benz, Rudolf Diesel, Ferdinand Graf von Zeppelin … Ich finde es nicht nur erforderlich, dass wir in Deutschland vor diesen unseren „Gründervätern“ Respekt und Andenken bewahren, sondern auch, dass wir versuchen, uns ein Stück weit in die Problematik des Systems „Familienunternehmen“ hineinzuversetzen und es zu verstehen. Ohne Familienunternehmen wäre Deutschland heute nämlich nur ein ziemlich unbedeutender Fleck auf der Landkarte. Verstehen? Ja, zum Beispiel die Sache mit der Verantwortung. Von wegen ›privilegiert‹! Viele der großen Erfinder und Industriellen der deutschen Industriegeschichte hinterließen ihren Nachkommen nicht nur große Vermögen, sondern zusammen mit den Fabriken, dem Privateigentum und den vielen Mitarbeitern auch große Verpflichtungen. Kapital und Verantwortung – …

Schwimmflügel für die Digitale Transformation

Die Digitale Transformation? Au weia! Sie wissen ja: Sobald im Unternehmen so was ganz Neues kommt, sobald etwas dramatisch verändert wird, müssen die Mitarbeiter ängstlich sein! Ist ja nicht eine Kleinigkeit, so eine Transformation. Und dann leisten die Mitarbeiter verständlicherweise Widerstand. Müssen sie ja! Denn das steht so in jedem Buch über »Change«, es wird in jedem einschlägigen Vortrag erzählt und jede Führungskraft glaubt, das sei so. Darum sei es dann ja auch so wichtig, dass die Führungskräfte die Mitarbeiter »abholen« und sie »mit ins Boot holen«, damit sie keine Angst mehr haben und »mitziehen«! Ihnen werden zig Beispiele dafür einfallen, dass diese Beschreibung der Wirklichkeit eine wahre ist. Das Narrativ klingt ja auch irgendwie schmeichelhaft für den Berufsstand der Führungskräfte. Schauen Sie mal: Eine Transformation droht – Mitarbeiter verfallen zwangsläufig in Schockstarre – die rettende Führungskraft rauscht hernieder – die Mitarbeiter werden getröstet und fassen Vertrauen – die Führungskraft teilt die Fluten mit ihrem Stab und führt alle händchenhaltend ins gelobte, also transformierte Land. Wie schön! Der Prime-Schlauch Aber wissen Sie was? Es gibt …

Ep. 71 – Meetings sind keine Arbeit

Episode 71 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Meetings sind zum Teil absurdes choreographiertes Business-Theater. Da wird am Vorabend des Meetings an einen völlig überdimensionierten Verteiler die Einladung geschickt. Der Chef sagt: »Ich komm fünf Minuten später, bitte fangen sie doch schon mal ohne mich an.« Er kommt dann 20 Minuten später und lässt sich alles noch mal aufrollen. Dann wird eine PowerPoint-Präsentation gehalten, an der – gefühlt – zehn Personen zwei bis drei Tage lang intensiv und penibelst an Inhalten, aber auch an Zeilenabständen und Strichstärken gearbeitet haben. Am Schluss wird dann immer auf den Tisch geklopft. Das ist wie bei Oma auf dem Geburtstag – alles so ritualisiert. Nichts gegen Höflichkeit, aber dieses Ritualisierte ist schon fast zum Fremdschämen. Und dann warten alle nach der Präsentation auf die HIPPO, also auf die Highest-Paid-Persons-Opinion, auf die Meinung des Höchstbezahlten im Raum. Gehälter sind zwar nicht transparent, aber trotzdem weiß jeder, wer diese Person ist. Entfleucht ein Lächeln über sein oder ihr Gesicht, so blasen alle in dasselbe Horn und heben das Positive des gezeigten Ansatzes hervor. Sind hingegen …

Ep. 70 – Audits: Business-Theater in zwei Akten

Episode 70 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Business-Theater begegnet man ja letztlich fast jeden Tag. Zum Beispiel – und in besonders schöner Form – bei Audits. Wenn also im Rahmen einer Zertifizierung Prozesse auditiert werden, damit sie z.B. gute Qualität hervorbringen sollen. Gerne werden dazu – ich überspitze jetzt – sechs Personen auserkoren. Diese sollen 2-3 Wochen vorher anfangen, die Prozesse »glatt zu ziehen«. Ein tolles Wort übrigens, dass es auch nur in der Managementsprache und in der Heißmangelindustrie existiert. Im übrigen: eigentlich ziehen die Auserwählten ja keine Prozesse glatt, sondern nur die Dokumentation der Prozesse, mit Prozessen selber beschäftigen sich meist gar nicht. Und dann gehen sie die Prozesse durch und dann gibt es immer mal die eine oder andere Stelle, an der sich die Gruppe fragt: »wie machen wir das hier eigentlich ganz genau, es gibt doch die eine und die andere Variante«. »Ja«, sagt einer, »und es gibt ja auch noch eine dritte Variante.« Und dann sagt noch einer: »ja, eigentlich gibt es ja noch eine vierte«. Und das Wort ›eigentlich‹ deutet schon darauf hin, dass es noch fünf Prozessvarianten …

Hast Du eine Idee, schreibe keinen Businessplan

Wenn bei der OTTO Group irgendwo eine neue Idee aufkam, hieß es sofort: Mach erstmal einen Businessplan! – Das erzählte mir neulich Hans-Otto Schrader, bis dato Vorstandsvorsitzender der OTTO Group, während eines Vortrags in Hamburg. Schrader fand Businesspläne aber uneffektiv. Ich saß im Publikum und nickte: Denn das finde ich auch. Warum? Nun, vor allem aus zwei Gründen. Den ersten, offensichtlichen, teile ich mit Schrader, den zweiten, tiefer liegenden, finde ich fast noch wichtiger. Als ob die Idee geprüft würde Zum ersten Grund: Eine Idee ist ein frisch geschlüpftes Gedankenküken. Sie muss wachsen und sich bewähren, um groß und stark zu werden. Wachsen kann sie aber nur in einem sozialen Kontext und nur im echten Leben, in der Realität. Ein Businessplan jedoch hat mit der Realität wenig zu tun. Er tut nur so, als exploriere er die Zukunft. Er sieht so schön rational aus. Aber das ist nur eine Scheinrationalität. In Wahrheit ist er nur ein hübsches Gewand. Mit einem ehrbaren Zweck: Er soll dem Geldgeber gefallen und überzeugen. Im Unternehmen ist das meist erstmal …

Organisationskultur ist keine Frage der Entscheidungen

Ringe – ja, aber maximal zwei. Ohrringe – na gut, aber nur einen, ganz dezent im Ohrläppchen. Halsketten – jetzt hört’s aber auf. Nein danke! Ja, die deutsche Bundeswehr sorgt sich wirklich im Detail um das Erscheinungsbild ihrer Soldatinnen und Soldaten. In vielen Unternehmen ist mittlerweile der gleiche Wahnsinn eingefallen – weit über Kleiderverordnungen von Berufs wegen hinaus. Es geht um mehr. Es geht um etwas viel Größeres, etwas Wichtigeres. Meine Damen und Herren, es geht in diesem Lande um die Organisationskultur! Kulturlos und unverschämt! Organisationskultur in allen ihren Facetten – Arbeitskultur, Streitkultur, Fehlerkultur … – »Kultur« ist das Wort, das mir in Unternehmen und auf Kongressen immer wieder von allen Seiten um die Ohren fliegt. Es hat der »Komplexität« als Organisationsfetisch inzwischen längst den Rang abgelaufen. Kultur sei von elementarer Bedeutung für ein Unternehmen, seine Kultur zu finden, zu zeigen, zu pflegen, zu bewahren. Und die Führungskräfte haben die Kultur vorzuleben. So der Konsens. Nur dass diese hochgelobte Organisationskultur zu skurrilen Auswüchsen führen kann, lassen die Beteiligten außer Acht. Erst kürzlich wurde ich Zeuge einer …

Komplizenschaften – Problemlösung mit vernünftigen Kriminellen

»Holen Sie mir Griggs, ich muss ihn dringend sprechen!« »Wen?« »Fragen Sie nicht, finden Sie ihn!« Sie kennen Griggs auch nicht? Wirklich nicht? Dabei dürfte er genauso in Ihrem Unternehmen zu finden sein! Die kleine Szene mit Brad Pitt alias Rusty im Film »Ocean’s Eleven« beschreibt treffend, was täglich in Unternehmen passiert: Für einen nicht ganz offiziellen Coup suchen sich einzelne Personen Verbündete – nicht im kriminellen Sinne, sondern für die Lösung von akuten und nicht-ignorierbaren Problemen. Also: Die im Untergrund arbeitenden Teams, die maßgeblich zum Erfolg des Unternehmens beitragen. Untergrund, Coup, geheime Machenschaften in Ihrem Unternehmen … Nein, ich wandere nicht auf subversiven Abwegen! Ich beschreibe nur die Realität. Der Coup ist das Ziel In den meisten Gesprächen über Organisation ist von Teams die Rede. Solche, die geführt werden und in festen Strukturen an einer ganz bestimmten Stelle verortet sind. Die, die für noch mehr Wirkung zusammenwachsen und einen Teamgeist entwickeln sollen. Jene, die zumeist auf die langfristige Zusammenarbeit angelegt sind. Aber es gibt eben auch unsichtbare Teams. Oder wie es die Hamburger Professorin …

Die vierte Sorte der Verschwendung

Mura, Muri und Muda – bekanntermaßen sind das nicht die Cousinen von Tick, Trick und Track, sondern die drei großen Sorten operativer Verschwendung aus der Lean Management-Lehre. Die drei Ms sind Zeit- und Geldschleudern weil sie das Gegenteil wertschöpfender Aktivitäten repräsentieren und jede Organisation ist gut beraten, diese Verschwendungsquellen zu reduzieren. Spätestens seit den 1980er Jahren ist »Verschwendologie« zur Wissenschaft erhoben worden und wird wirksam verfolgt. Soweit so gut. Managementfolklore im sozialen System Es gibt allerdings noch eine vierte Sorte der Verschwendung, die aus Japan seinerzeit nicht übermittelt wurde. Ich gehe davon aus, dass sie damals irrelevant war und bei den Lean-Pionieren keinerlei Probleme verursacht hat. Mittlerweile ist sie aber zur vielleicht gewichtigsten und verlustreichsten Form der Verschwendung herangewachsen: die Managementfolklore. Darunter verstehe ich nun kein Märchen über die Entstehung von Management, sondern vielmehr alle Tätigkeiten in einem Unternehmen, die lediglich dazu dienen, die formale Struktur einer Organisation aufrechtzuerhalten. Die vierte Art der Verschwendung begehen Menschen, wenn sie nicht arbeiten, sondern Arbeit spielen. Das tun sie in Produktionshallen und gleichermaßen in den Büroetagen der Unternehmen. Und …