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Planung ist für Kinder – über die Macht der Flutschbegriffe

Sagen Sie im nächsten Business-Meeting doch einfach mal laut und vernehmlich das Wort »Dachziegel!« – Sie werden schon sehen, was dann passiert. In Kurzfassung: Anstarren. Betretenes Schweigen. Ungläubiges Nachfragen: »Was? Wie bitte?« Tuscheln. Räuspern. Ignorieren. Verlegen mit dem Stift spielen. Auf die Metaebene gehen: »Was reden Sie da für einen Unsinn?« Oder: »Soll das eine Provokation sein?« Oder: »Sehr witzig!« Oder: »Würden Sie bitte präzisieren?«

Falls Sie nicht zufällig in der Baustoff-Industrie tätig sind, wir eines jedenfalls NICHT passieren: Flüssige Kommunikation. Nein, der ganze Sprechfluss der Besprechung, die Interaktion, eben die Kommunikation gerät ins Stocken. Warum? Weil das Wort »Dachziegel« ja überhaupt nicht anschlussfähig ist. Man kann beim besten Willen die Kommunikation nicht daran fortsetzen.

Das aber stört die Menschen, denn menschliche Kommunikation will vor allem eines: sich fortsetzen. Das merken Sie zum Beispiel, wenn Menschen in der geöffneten Tür stehen, um die Gäste zu verabschieden … und nach einer halben Stunde noch immer in der Tür stehen und mit den sich noch immer verabschiedenden Gästen weiterquasseln. Da flutscht die Kommunikation so dermaßen, dass sie gar nicht mehr aufhören will. Und genau das will sie, so geht es der Kommunikation am besten: in der flutschigen Endlosigkeit. 

Wenn die Planung so schön flutscht

Die Kommunikation hasst darum Stockbegriffe, die den Fluss ins Stocken bringen. Und sie liebt Flutschbegriffe. Das sind Wörter, die wie Gleitcreme funktionieren: Sie sind so allgemein und vielsagend, dass sie immer irgendwie passen und jeder sich sofort darauf beziehen kann. In jedem Kontext andockbar: Flutschbegriffe. 

Über die Macht der Flutschbegriffe

Sie kennen diese Sorte Wörter aus Ihrem Business-Alltag – und verwenden sie oft genug, da wette ich! Zum Beispiel »Planung«. Aber auch »Strategie«. »Märkte«. »Ziele«. »Kunden«. »Agilität«. »Digitalisierung«. Am schönsten finde ich aber »Planung«, das wissen Sie schon, falls Sie schon mal Artikel von mir gelesen haben (wie z.B. den Artikel über Management-Diarrhö, oder diesen, oder diesen). Sie können diesen flutschigsten unter den Flutschbegriffen nahezu in jedem Kontext sagen – die Kommunikation beschleunigt danach gleich nochmal. Alle fühlen sich wohl, jedem fällt dazu etwas ein, alle haben das Gefühl, es wird etwas Richtiges und Wichtiges gesagt. Wunderbar!

Das Problem dabei: In Wahrheit haben Sie gar nichts gesagt. Jedenfalls nichts Konkretes. Denn »planen« kann ja tausenderlei Dinge bedeuten: terminieren, prognostizieren, in eine Reihenfolge bringen, investieren, einkaufen, bauen, Befähigung prüfen, Checklisten erstellen, Strategie machen, Taktik finden, Ziel definieren, entscheiden, Idee finden, kalkulieren, Personal einstellen, Personal zuordnen, etwas aufs Lager legen … Ja, noch viel, viel mehr. Je nach dem Gedanken, den Sie gerade im Kopf hatten und dem Kontext, den sie vor Augen haben, bedeutet »Planung« sehr, sehr Verschiedenes. 

Aber da Ihre Gesprächspartner ja nicht wissen, welchen Gedanken Sie dabei hatten, können sie nur ihre eigenen Gedanken auf diesen Flutschbegriff projizieren. Nur dürfte sich in fast allen Fällen zwischen Ihrem Gedanken und dem Ihrer Zuhörer ein Spalt auftun. Mal ein Spalt von der Breite eines Risses im Mauerwerk. Mal ein Spalt von der Tiefe des Marianengrabens. Und keiner merkt es, weil es ja dessen völlig ungeachtet so schön flutscht.

Die Handhabung sprachlicher Seifenstücke

Flutschbegriffe sind wie ein nasses Stück Seife. Sie sagen »Planung«, der andere versteht »Planung«, weiß aber leider überhaupt nicht, wovon Sie reden, und schon ist Ihr Gedanke zwischen den Fingern durchgeflutscht und Sie bekommen ihn in der laufenden Debatte nicht mehr zu fassen. 

Während ich Ihnen raten würde, sich für Partys und Stehempfänge noch eine ganze Liste von weiteren Flutschbegriffen anzueignen, damit der Smalltalk nicht  ins Stocken gerät (Suchgebiete: »Fußball«, »Wetter«, »Essen«, …), würde ich Sie hiermit gerne zur Räson rufen, sobald es ums Geschäft geht.

Ich schlage ernsthaft vor, das Wort »Planung« auf den Index zu setzen! Jedes Mal, wenn einer »Planung« sagt, rufen Sie »Stopp!« und bringen damit die gerade davonflutschende Diskussion absichtlich zum Stocken. Bitten Sie dann den Flutschbegriffbenutzer darum, zu präzisieren, was er genau mit »Planung« meint. Nötigen Sie ihn einfach, das Wort zu verwenden, das er eigentlich meinte, als er mit nassen Händen nach dem sprachlichen Seifenstück griff.

Natürlich sorgen Sie damit für Reibung. Sie stellen sich dem inhärenten Willen der Kommunikation, nämlich zu flutschen, in den Weg und bremsen die Beteiligten aus. Das fühlt sich für alle nicht unbedingt so schön an. Der Vorteil: Sie können anschließend die Probleme besser lösen, weil Sie alle besser verstehen, wovon Sie eigentlich reden.

Von was reden Sie eigentlich?

Damit Sie mich richtig verstehen: Ich plädiere keineswegs ganz prinzipiell und allgemein für präzisere Sprache (flutschiger Trashtalk kann in vielen Situationen nämlich ganz nett sein). Aber schon, wenn ich Probleme lösen will. 

Wenn es zum Beispiel um ein Bauprojekt geht, dann gibt es dabei Dinge, bei denen Präzision guttut. Beispielsweise bei der Reihenfolge: Der Estrich kommt zuerst, die Fliesen danach. In der Natur des Bauens liegen aber auch die vielen terminlichen Schwankungen und das ständige Koordinieren. Die einzelnen Termine sind nicht gut vorhersehbar. Wenn es damit Schwierigkeiten gibt und Sie dann sagen: »Wir müssen den Bau besser planen!« – was meinen Sie dann wirklich? Meinen Sie: Wir müssen Arbeiten parallelisieren? Oder: Wir müssen die Unwägbarkeiten besser prognostizieren? Oder: Wir müssen schneller auf Terminänderungen reagieren? Oder: Wir müssen dennoch die Reihenfolge strikt beachten? Oder: Wir müssen die Kosten im Griff behalten? Oder: Wir müssen mehr Pufferzeiten einrechnen? – Und sobald Sie statt »planen« sagen, was Sie EIGENTLICH meinen, wird die Problembehandlung sofort präziser, besser und ja, auch erwachsener. 

Denn viele typische Managamentverhaltensweisen sind ja doch eher kindisch: »Jetzt machen Sie halt! Mir egal, wie Sie das machen, aber machen Sie jetzt mal!« – Das Bild von dem, was zu tun ist, ist dermaßen infantil, dass es die Komplexität der Realität nicht annähernd berücksichtigt. Der Komplexität gerecht werden, indem die Sprache präzise wird, ist eine Form des Erwachsenseins.


Bild: © Depositphotos.com 46989625/FamVeldman

 

2 Kommentare

  1. michael neef sagt

    Bin wie immer begeistert…und freue mich auf das morgige Planungsgespräch mit dem neuen Partner 🙂

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