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Schießt Winterkorn Tore?

Heute war ein besonderer Sonntag: ich saß alleine beim Frühstück in der Sonne und las Zeitung. In der Frankfurter Sonntagszeitung hieß eine Überschrift im Wirtschaftsteil über dem Photo von Lionel Messi: »Dürfen Topmanager ihre Gehälter an Star-Gagen messen?« Na klar, hieß die Pro-Meinung, schließlich bringe der VW-Chef der Menschheit mehr ein als jeder Kicker. Im Contra-Artikel hingegen lautet die Einschätzung. »Martin Winterkorn ist toll. Lionell Messi ist einzigartig.« Man mag sich wundern, aber die Argumente der Befürworter- wie der Gegnerseite haben eine verblüffende Überschneidung: beide sind unsäglicher Quatsch.

Wenn VW-Chef Martin Winterkorn 17 Millionen Euro verdient, regen sich viele auf. Wenn Fußballer Lionel Messi 33 Millionen kassiert, rührt sich niemand. So lautet der Teaser der FAS und zwei Redakteure geben sich reichlich Mühe, eine konträre Meinung zu begründen. Das gelingt Ihnen journalistisch klar und routiniert. Allerdings sind ein paar zentrale Denkfehler bei beiden Herren sichtbar.

Auf der Pro-Seite schreibt Patrick Bernau beispielsweise »Für Martin Winterkorn gibt VW zwar extrem viel Geld aus, aber ein guter Vorstandschef bringt auch dem ganzen Konzern extrem viel ein.« Schon hier steckt der erste Irrglaube drin. Der Redakteur geht wohl davon aus, dass ein teurer Manager zwingend auch ein guter Manager sei. Was teuer ist, muss gut sein – durch diesen Grundsatz begründet sich im Marketing von Produkten oder Dienstleistungen zwar sehr gerne der Griff an die Preisschraube, aber der Nachweis eines gesetzmäßigen kausalen Zusammenhangs dürfte mehr als schwer fallen. Auch und gerade im Fußball. Mein Opa Reiner prägte in diesem Zusammenhang den Spruch: »Schlechtes muss nicht billig sein.« Andersherum wird schon ein eher ein Schuh draus: der Fußballer, der in der aktuellen Vorsaison hochgejubelt wird, kann sicher mit einer formidablen Gehaltserhöhung beim nächsten Vertrag rechnen.

Aber lesen wir bei Hr. Bernau weiter: »Schon der Unterschied zwischen einem guten und einem exzellenten Manager kann Milliarden von Umsatz ausmachen. Der Unterschied zwischen einem guten und einem schlechten Manager ist sogar noch wichtiger – er entscheidet über Überleben oder Pleite der ganzen Firma«. Leider falsch!

Würde dies stimmen, so würde ein als exzellent eingestufter Manager a) jede Firma zu guten Ergebnisse führen und b) sich das von ihm geführte Unternehmen nie unterdurchschnittlich entwickeln. Beides ganz sicher keine Annahmen, die breite Zustimmung finden würden. Und die Frage, was einen exzellenten Manager überhaupt als solchen charakterisiert, füllt kilometerlange Bücherregale voller widersprüchlicher Literatur.

Die Denkfalle, in die der Redakteur getappt ist, ist leicht zu erklären. Sie beruht auf der tayloristischen Vorstellung, dass Organisationen (zentral) steuerbar sind. Nur unter dieser Annahme ließe sich der Erfolg (im Beispiel VW beschränkt auf den wirtschaftlichen Erfolg einer Periode von wenigen Jahren) auf die Wirkungskraft eines Menschen zurückführen. Unternehmen werden in diesem Denkmodell mit Maschinen gleichgesetzt: jede Wirkung hat genau eine Ursache und jeder Fehler kann – mit ausreichendem Wissen – repariert werden. Derartige Systeme werden übrigens von der Wissenschaft als kompliziert bezeichnet.

Dass Unternehmen aber nicht komplizierte, sondern hochkomplexe Gebilde sind, wird niemand mehr ernsthaft bestreiten. Nur die Folgen dieser Systemcharakteristik für die Gestaltung und den Betrieb von Unternehmen macht den meisten Managern und auch Wirtschaftsredakteuren reichlich Probleme. Mit der Diagnose »komplex« geht nämlich einher, dass Steuerung nicht funktioniert (dabei ist es ganz unerheblich, ob es sich um zentrale oder dezentrale Steuerung handelt). Ironischerweise wird das besonders gut am Beispiel einer Fußballmannschaft deutlich.

Stellen Sie sich vor, dass Pep Guardiola (der Trainer von Lionel Messi beim FC Barcelona) alle Bewegungen, Pässe und Torschüsse zentral steuere. Das könnte funktionieren. Aber nur so lange sich die Mannschaft alleine auf dem Spielfeld befindet. Sobald ein Problem aufläuft (in Form einer gegnerischen Mannschaft) ist die Vorstellung völlig absurd. Denn das Problem bewegt sich. Ständig und überraschend. Die Trilliarden von Entscheidungen, die Guardiola sekündlich treffen müsste, würden ihn vollständig überfordern. Auch eine dezentrale Steuerung, also z.B. getrennt nach Abwehr, Mittelfeld und Sturm bringt die Situation nicht ansatzweise in den Bereich des Vorstellbaren. Hier gibt es nur noch eine Organisationform, die das Spiel unter Wettbewerbsbedingungen möglich macht: Selbstorganisation.

Den einzigen Beitrag, den Pep Guardiola überhaupt leisten kann ist die Schaffung von Rahmenbedingungen für die Selbstorganisation. Er kann die richtigen Spieler für die einzelnen Mannschaftsteile auswählen und aufstellen. Er kann die Wahrnehmung der Kicker auf besondere Stärken oder Schwächen des Gegners lenken. Er kann kurzfristig Adrenalin bei den Spielern erzeugen und sicher auch einen Beitrag zur Stärkung des Teamspirits leisten. Also keine Frage: Guardiola ist ein wirklicher Könner, aber er ist nicht in der Lage, seine Mannschaft auf dem Platz zu steuern.

An dieser Stelle kommt in Vorträgen, die ich halte, häufig der Einwand, dass der Trainer– genau wie der Topmanager – die Mannschaft zum Erfolg führe, dass also doch ein einziger Mensch für den Erfolg verantwortlich zu machen sei. Auch diese Annahme ist falsch und widerlegt sich von ganz alleine, wenn man an die vielen Stationen anderer vermeintlicher Erfolgstrainer denkt. Jürgen Klinsmann zum Beispiel war der gefeierte Star der Sommermärchen-Mannschaft bei der Weltmeisterschaft 2006 und der geprügelte Hund beim Abgang nach nur 10 Monaten beim FC Bayern München im Jahr 2009. Und der FC Barcelona soll auch schon mal ohne Lionel Messi Spiele gewonnen haben. Es gilt eben: Leistungsfähigkeit ist bei Mannschaftssportarten wie Fußball oder Autobauen eine System-Eigenschaft und auch nur durch Systemgestaltung zu steigern. Ein einzelner hat hier einen sehr begrenzten Einfluss.

Das gilt auch für Martin Winterkorn.


 

 

4 Kommentare

  1. Dr. Frank Bünting sagt

    Hallo Herr Dr. Vollmer,

    der Einfluss einzelner auf den Erfolg einer Organisation ist aber noch von zwei Faktoren mehr abhängig. Zum einen ist die Möglichkeit zur direkten Einwirkung auf das Ergebnis nicht zu unterschätzen. Von daher hingt der Vergleich von Winterkorn und Messi ein bisschen, denn Messi ist teilweise in der Lage alleine ein Spiel zu gewinnen (siehe das Spiel gegen Leverkusen). Das dürft Herrn Winterkorn deutlich schwer fallen. Zum anderen kommt der Erfolg nicht über Nacht. Die Weichenstellungen für den Erfolg von VW wurden schon viel früher gestellt und den Herr Winterkorn hat es geschafft diesen Weg erfolgreich weiter zu gehen. Ohne diese Vorarbeit wäre er weiterhin ein Top-Manager allerdings nicht mit so beeindruckenden Zahlen. Beschweren über die Höhe des Bonus von Herrn Winterkorn könnten sich damit am ehesten diejenigen, die den Weg vor Jahren bereitet haben.

    Dr. Frank Bünting

    • Lars Vollmer sagt

      Lieber Herr Dr. Bünting,

      beim zweiten Aspekt stimme ich Ihnen zu, beim ersten allerdings will ich Ihnen widersprechen. Genau wie Winterkorn kann auch Messi ein Spiel nicht alleine gewinnen. Das will uns zwar gerne die Presse weismachen, weil sie weiß, dass wir Menschen Helden so gerne vereehren.

      Messi ist Stürmer und als solcher hat er eine ganz dezidierte Rolle im System, die des Goalgetters. Aber auch ein 7:1 gegen Leverkusen ist ein Systemresultat, eine Mannschaftsleistung. Immerhin hat die Abwehr bis zur 90 Minuten keinen gefährlichen Torschuss von Leverkusen zugelassen und die Räume, die Messi so grandios nutzen konnte, wurden von fünf Mittelfeldspielern des FC Barcelona geschaffen.

      Insofern ist die Fußballmannschaft dann doch wieder gut mit einem Unternehmen zu vergleichen. Der Versandmitarbeiter, der am 30. eines Monats 50% mehr Pakete der Spedition übergibt als an üblichen Tagen, hat das Monatsergebnis auch nicht alleine entschieden.

      Was bleibt ist die Feststellung, dass Messi ohne Zweifel ein grandioser Fußballspieler ist, der aber womöglich im aktuellen Spielsystem einer anderen Mannschaft wie z.B. des FC Bayern München etwas an Glanz verlieren könnte.

      Ihr Lars Vollmer

  2. Der Beste sagt

    Interessant ist ev. noch der Kommentar von Martin Winterkorn zu seinem Gehalt:
    Er ist für sein Gehalt nicht verantwortlich. Den Vertrag hat sich der Aufsichtsrat ausgedacht, so Winterkorn.

  3. Pingback: Maschinenbauers Denkfehler der schwierigen Kunden - Dr. Lars Vollmer

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