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Sprache der Wirtschaft: Fehlen Ihnen die Wörter?

»Lassen Sie uns doch Herrn Graflich ins Boot holen

»Gute Idee, der hat Erfahrung darin, neue Projekte aufzusetzen

»Ja, ich denke, er wird schon die richtigen Weichen stellen und alles in geordnete Bahnen lenken

Ach ja, die Sprache der Wirtschaft. So richtig schön mechanistisch. Und vor 30-40 Jahren war diese Sprache auch noch zeitgemäß. Da konnten man Organisationen noch unbeschadet wie Maschinen denken – aus A folgt B, alles schön linear, Klick-Klack. Nur ist Denkweise heute eben gefährlich geworden.

Auch wenn die Phrasen aus einer veralteten Zeit stammen, sind sie doch nur Wörter. Und Wörter sind nichts als Schall und Rauch? Ja, das hat mir damals in der Schule mein Erdkundelehrer erzählt.

Heute weiß ich aber: Das ist Blödsinn! Sprechen ist nun mal fest mit dem Denken verkabelt. Das soll bedeuten: Wir denken, wie wir sprechen, und wir sprechen, wie wir denken.

Die mechanistische Sprache ist also nicht deshalb ein Problem, weil die Wörter eine falsche Metapher für den Sachverhalt sind, sondern weil hinter diesen Wörtern eine falsche Denkweise steckt – nämlich eine tayloristische. Und wer tayloristisch denkt, der handelt auch so.

Nur hat diese Vorstellung eben nichts mit den heute relevanten Problemen zu tun. Denn die sind komplex. Mit linearem Denken können Sie sie nicht erfolgreich lösen – und falls doch, nur zufällig.

Was es braucht, ist eine besser in die Zeit passende Sprache. Eine Sprache, die Sie zu neuen Lösungen führt, nicht zu den alten.

Welche neuen Ausdrücke das sein sollen? Nun, auf diese Frage kann ich Ihnen keine abstrakte Antwort geben. Nicht, weil mir keine Alternativen zu mechanistischen Ausdrücken einfallen würden – sondern weil es bei den neuen Wörtern ganz auf den spezifischen Zusammenhang ankommt. Ein Ersatz kann nur gefunden wird, wenn deutlich wird, worum es wirklich geht.

Wer gute Alternativen finden möchte, muss nachdenken. Er muss sich fragen: Wie ist die Situation? Ist sie komplex? Oder nur kompliziert? Wie gestaltet sie sich aus, welche Wechselwirkungen bestehen zu anderen Dingen? Kann ich es steuern oder nur beeinflussen? Was will ich wirklich sagen?

Um genau zu beschreiben, was Sie meinen, müssen Sie präzise sein. Da reicht es nicht, eine Phrase durch eine andere auszutauschen. Es braucht Erklärungen, Erläuterungen, Darstellungen. Und Theorie, auch wenn das häufig – weil angeblich praxisfern – verpönt ist. Nur so wird der Sachverhalt klar.

Fehlen-Ihnen-die-Woerter

Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Team würde sich dazu entschließen, die alte Sprache der Wirtschaft nicht mehr verwenden zu wollen.

Stellen Sie sich einmal vor, Ihr Team würde sich dazu entschließen, auf die Sprache zu achten, die es verwendet und keine »veralteten« Begriffe mehr zu verwenden. Dann wäre bei Meetings jeder einzelne gezwungen, präzise das zu sagen, was er wirklich meint.

Gespräche über Probleme und den Umgang mit ihnen würden zwar anfangs länger dauern und wären eine Zeit lang anstrengender, aber die ausgearbeiteten Lösungen wären viel wirkungsvoller.

Ja, die Gespräche – und damit auch das Denken – würden die lineare Welt verlassen. Jedenfalls würde die Chance darauf bestehen. Und somit könnten sich Unternehmen auch an die komplexen, neuen Zeiten anpassen

Bevor Sie jetzt einwerfen, dass es die mechanistische Sprache sehr wohl braucht: Ja, das tut es. Es gibt immer noch einen großen Teil in Unternehmen, der lediglich kompliziert ist. Da ist mechanistische Sprache ausreichend, oder jedenfalls nicht schädlich. Eine Lokomotive kann man weiterhin ›aufgleisen‹, ein Team aber nicht.

Wo sich Dinge noch mit klaren Prozessen regeln lassen, funktioniert sie. Gerade im Ingenieurbereich, in der Produktion, wenn es tatsächlich um Maschinen geht, da sage ich: Nur zu! In Monopolen, wenn es für den Kunden keine andere Problemlösung als Ihre gibt, können Sie es sich erlauben.

Aber sobald Ihre Umwelt nicht mehr so einfach ist, wie vor 30 Jahren, sobald Sie Neues schaffen, den Wettbewerb gewinnen wollen, da brauchen Sie das Dynamische, das Komplexe, die eigenen Ideen, die den Wettbewerb in Bedrouille bringen – und das bedeutet eben auch: für Komplexität denken.

Welche Beispiele für elegante Sprache, die komplexe Sachverhalte beschreibt, fallen Ihnen ein? Schreiben Sie es mir als Kommentar.

Eine erste Anregung von mir: Ich habe beispielsweise das mechanistische Wort planen aus nahezu allen meinen Lebensbereichen gestrichen. Also nicht nur das Wort, vor allem die Tätigkeit. Es kommt ja eh anders, als geplant. Ich tue etwas anderes: Ich bereite mich auf etwas vor. Und so nenne ich das auch.


 

 

10 Kommentare

  1. Leonardo van Straaten sagt

    Hallo Lars,

    wir alle kennen den Hausmeister, der zum „Facility Manager“ wurde, die Putzfrau, die heute Raumpflegerin heißt, oder das Atommüll-Endlager, das zum „nuklearen Entsorgungspark“ mutierte. Ob sich der gewollte Effekt einstellt, muss die Geschichtsschreibung beantworten. Ich habe jedenfalls gelegentlich meine Zweifel, z. B. wenn ich das Wort „Azubine“ höre.

    Der genannte nukleare Entsorgungspark ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie ein sehr komplexer Sachverhalt vor deutlich über 30 Jahren elegant beschrieben (oder besser: tendenziös umschrieben) wurde. Weil wir auf die Realisierung dieses „Parks“ noch heute ebenso vergebens warten wie die bayerische Staatsregierung auf die göttlichen Eingebungen in der bekannten Satire von Ludwig Thoma, unterstreicht der Begriff eine Deiner Lieblingsthesen („Es kommt ja eh anders, als geplant“). Wie Du weißt, stimme ich Dir in Bezug auf den Planungsbegriff aber nicht uneingeschränkt zu.

    Ja, es kommt immer anders als geplant, und dennoch bewirken u. a. statistische Effekte, dass ein Gesamtergebnis oftmals (aber eben nicht immer) hinkommt. Das ist, neben anderen Faktoren, eine Frage des Maßstabs, man könnte auch sagen: des „Planungsmaßstabs“. Wenn ich Auftragsbestand und Kosten über den Zeitraum von – sagen wir einem Jahr – gut kenne, kann ich Quartalsergebnisse unter Berücksichtigung weiterer bekannter Einflussfaktoren innerhalb eines „statistischen Korridors“ ziemlich genau vorhersagen. Wenn mein Auftragsvorlauf bei knapp 2 Wochen liegt, wird es schon schwieriger, ein Quartalsergebnis vorherzusagen (der „statistische Korridor“ wird breiter). Natürlich kann eine relativ zuverlässige Quartalsprognose auch gründlich daneben gehen, z. B. wenn eine Naturkatastrophe dazwischen kommt. Das ist aber ein Ausnahmefall, auf den ich mich entweder vorbereitet habe oder nicht.

    Unternehmen die ein Controlling betreiben, brauchen in jedem Fall ein gewisses Maß an „Planung“, um für ihr Geschäftsjahr auf das „Soll“ zu kommen, das im Jahresverlauf mehr oder weniger kontinuierlich mit dem „Ist“ abgeglichen wird. Das Maß der Plan(!)abweichung, ob positiv oder negativ, muss regelmäßig interpretiert und bewertet werden um entscheiden zu können, ob Maßnahmen erforderlich sind, um wieder „auf Kurs“ zu kommen oder ob der „Plan“ (genauer: die „Planzahlen“) geändert werden sollen.
    Ich finde es völlig legitim, hier von einem Planungsprozess zu sprechen, weil dabei zahlreiche Informationen aus der Vergangenheit mit den Zielen oder Annahmen für die Zukunft in einem oftmals komplexen Zahlenwerk zusammengeführt werden. Um das Wort „Plan“ zu vermeiden könnte man diesen Prozess natürlich auch „Vorbereitung des Geschäftsjahrs XY“ nennen.

    Ob ich das Ergebnis nun Finanzplan, Wirtschaftsplan, Budgetplan, Geschäftsplan, Wirtschaftlichkeitsbetrachtung (also ohne den Zusatz „plan“) oder noch anders nenne, ist für mich ebenso nachrangig wie die Debatte darum, ob aus Autofahren und Autofahrerinnen „Autofahrende“ werden. Viel wichtiger ist, ob dieser Prozess bzw. die dabei angewandten Methoden und der Aufwand der Realität des jeweiligen Unternehmens gerecht werden (Stichwort „Kontext“) und wie mit den nahezu immer gegebenen Abweichungen umgegangen wird. Damit wären wir wohl eher beim Thema „Unternehmenskultur“. Dazu hast Du, lieber Lars, mit diesem Beitrag eine wertvolle Anregung gegeben. Vielen Dank dafür!

    Viele Grüße

    Leo

    • Danke lieber Leo für Deinen ausführlichen Kommentar,

      wir liegen völlig beinander was die bloße Umetikettierung von Begriffen angeht. Genau darum geht es mir ja: nicht einen vermeintlich schlechten Begriff durch einen vermeintlich besseren oder zeitgemäßeren ersetzen, sondern sich von einer mechanistischen Denkweise zugunsten einer komplexen abwenden.

      Im Detail des Planungsbegriffs und dessen Anwendung bleiben wohl auch nach meinen Post und Deinem Kommentar unsere Unterschiede bestehen 😉
      Beispielsweise leuchtet mir nicht ein, warum ich bei einem fixen Auftragsbestand von einem Jahr (Dein Beispiel) noch planen sollte. Ich muss vielmehr bestellen, einstellen und vereinbaren, und zwar Material, Person und Arbeitzeiten. Aber planen?

      Und Deine recht abenteuerliche Hypothese bzgl. Controlling diskutieren wir dann bei unserem nächsten persönlichen Treffen 😉 Ich freu mich drauf.

      Alles Gute
      Lars

    • Hallo zusammen,

      ja, wenn Sprache das Handeln nur verzerren will, entsteht sogar viel Unmut.
      Entscheidend scheint mir, Achtsamkeit an den Tag zu legen, tatsächlich den Begriff zu benutzen, den man für den vorliegenden Zusammenhang meint.
      Momentan liegt m.E. allerdings noch eine Schwierigkeit darin, die Unterschiede überhaupt klar zu machen und einzuführen.
      Hier ist eine passende Sprache für die Veränderungsfähigkeit der Sprechenden und für neue Impulse im System von so entscheidender Bedeutung, dass ich den Beitrag von Herrn Vollmer äußerst wertvoll finde. Vielen Dank dafür! Ich starte noch heut ein Vokabelheft mit Übersetzungen. 🙂

      Beste Grüße
      Anja Busse-Neumann

    • Hi Leo, um in Lars‘ Worten zu sprechen – Du meintest wohl „kompliziert“, als Du in folgendem Abschnitt von „komplex“ sprachst:

      … weil dabei zahlreiche Informationen aus der Vergangenheit mit den Zielen oder Annahmen für die Zukunft in einem oftmals komplexen Zahlenwerk zusammengeführt werden.

      Denn sonst wäre das Zahlenwerk ja unnütz, weil nicht verlässlich.

      Schöne Grüße,
      Sonja

  2. Moin zusammen,

    beim Lesen musste ich unwillkürlich an meinen Prof. in Change Management denken, der da meinte, Manager würden immer dilletantisch arbeiten, weil sie keine Modelle hätten und vor allem die mit BWL-Hintergrund ständig bestrebt wären, Komplexität derartig zu reduzieren, dass die übrig bleibende Basis für Entscheidungen kaum noch etwas mit dem eigentlichen Problem zu tun hätte.

    Und ja, es braucht heute eine neue Sprache, ein neues Denken und Menschen, die das Bewusstsein dafür schaffen und gelernt haben, Komplexität zu managen. Und dafür ist meiner Ansicht nach nicht jeder Mensch geeignet. Es gibt eben Menschen, die können mit komplizierten Systemen hervorragend umgehen, weil sie sie beherrschen können und genau daraus Sicherheit ziehen. Solche Menschen sind sicher in ihrem Kern keine Führungskraft, die gut mit Menschen umzugehen weiß – sitzen jedoch häufig auf genau jenen Posten. Ihnen ein völlig fremdes Denken anzutragen halte ich für sehr unwahrscheinlich.

    Ansonsten: guter Beitrag, gern gelesen.

    Herzliche Grüße,
    Harriet Lemcke

  3. Christian Elsner sagt

    Hallo Lars,
    mein Beispiel: Ersetze „Umsatzplan“ durch „Umsatzhypothese“!
    Das verändert das Denken tatsächlich, weil „Hypothese“ viel ungewisser klingt als „Plan“ und damit viel besser beschreibt, was es ist.
    Außerdem ist jedem intuitiv klar, dass eine Hypothese laufend auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden muss.

    Viele Grüße
    Christian

  4. Leo sagt

    Anja hat recht: das Zahlenwerk ist „kompliziert“. Hingegen ist die Realität, die es abbilden soll, „komplex“. Wie aber nenne ich dieses komplizierte Zahlenwerk, von dem ich weiß, dass es die komplexe Realität nur unzureichend abbilden kann?

    Ein Teil des Zahlenwerks ist Christians „Umsatzhypothese“ (finde ich auch gut!). Aber ist nicht der Prozess, der zur Entstehung des Zahlenwerks führt, mit anderen Planungsprozessen gut vergleichbar? Nach meinem Verständnis sind alle Planungsprozesse (und im Ergebnis alle Planungen) mit Unsicherheiten behaftet, mal mehr, mal weniger. Das kann man nachlesen und ich empfinde es als trivial. Weshalb also sollte man hier nicht von einem Planungsprozess und von einem Plan sprechen?

    Beides bereitet uns auf das Geschäftsjahr vor, da bin ich ganz bei Lars. In der Abwicklung des Geschäftsjahrs, also zeitlich nach dem Planungsprozess, geht es natürlich um das operative Geschäft (mit Soll-Ist-Vergleichen als Bestandteil des sog. Controlling-Regelkreises). Den Rest dann beim Bier 😉

    Grüße an alle!

    Leo

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