Alle Artikel mit dem Schlagwort: Komplexität

Ep. 74 – Fällt unsere Arbeit der Digitalisierung zum Opfer?

Episode 74 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Eeine Sorge wird ja derzeit sehr häufig artikuliert: die Roboter und Computer nehmen den Menschen all ihre Arbeit weg. Aber stimmt das überhaupt? Nun könnte man geschichtlich darauf antworten: immer wenn es große technische Innovationen gab, waren danach mehr Jobs in der Welt als vorher. Natürlich andere – aber mehr. Nun muss die Vergangenheit nichts über die Zukunft aussagen. Aber es spricht dann doch einiges dafür. Man könnte auch anders an die Sache rangehen: Was werden denn eigentlich für Arbeiten ersetzt? Und dabei sollten wir nicht auf Jobs gucken, sondern auf Tätigkeiten. Gucken wir auf Tätigkeiten, die tendenziell algorithmisch sind – wir sagen ›kompliziert‹ dazu – also Tätigkeiten, die sich automatisieren lassen: die gibts in fast jedem Job. Und die werden jetzt schon seit hunderten Jahren automatisiert, das ist nichts neues – auch einen Kontoauszugsdrucker gab es schon, als ich klein war. Und das ist auch gut so. Es gehen damit viele Tätigkeiten aus unserem Repertoire, die gefährlich und stupide sind. Es bleiben die Tätigkeiten oder vermehren sich, die …

Planung ist für Kinder – über die Macht der Flutschbegriffe

Sagen Sie im nächsten Business-Meeting doch einfach mal laut und vernehmlich das Wort »Dachziegel!« – Sie werden schon sehen, was dann passiert. In Kurzfassung: Anstarren. Betretenes Schweigen. Ungläubiges Nachfragen: »Was? Wie bitte?« Tuscheln. Räuspern. Ignorieren. Verlegen mit dem Stift spielen. Auf die Metaebene gehen: »Was reden Sie da für einen Unsinn?« Oder: »Soll das eine Provokation sein?« Oder: »Sehr witzig!« Oder: »Würden Sie bitte präzisieren?« Falls Sie nicht zufällig in der Baustoff-Industrie tätig sind, wir eines jedenfalls NICHT passieren: Flüssige Kommunikation. Nein, der ganze Sprechfluss der Besprechung, die Interaktion, eben die Kommunikation gerät ins Stocken. Warum? Weil das Wort »Dachziegel« ja überhaupt nicht anschlussfähig ist. Man kann beim besten Willen die Kommunikation nicht daran fortsetzen. Das aber stört die Menschen, denn menschliche Kommunikation will vor allem eines: sich fortsetzen. Das merken Sie zum Beispiel, wenn Menschen in der geöffneten Tür stehen, um die Gäste zu verabschieden … und nach einer halben Stunde noch immer in der Tür stehen und mit den sich noch immer verabschiedenden Gästen weiterquasseln. Da flutscht die Kommunikation so dermaßen, dass sie gar nicht mehr aufhören …

Y-vonne - wenn Berufsanfänger auf alte Machtstrukturen treffen

Neulich ging es um die Frauenquote. Ich hielt eine Vorlesung an der Uni. Vor mir eine Horde von der Spezies, die gemeinhin als »Generation Y« bezeichnet wird. Also der jungen Menschen, die in den Neunzigern bis etwa zum Jahr 2000 herum geboren wurden und darum auch »Millennials« genannt werden. Ich denke ja, diese Spezies existiert gar nicht. Dieser ganze Generationen-Schubladen-Gedanke, der bestimmten Alterskohorten bestimmte Eigenschaften zuschreibt, ist verblendender Mist. Weder bin ich samt meinen Altersgenossen der »Generation X« geprägt von VW Golf, IKEA-Möbeln, Versagerkarrieren oder Konsumverweigerung, noch sind die jungen, hippen, coolen Leute von heute alle superflexibel, superselbstbewusst, superausgebeutet oder superunabhängig. Ja, es ist nicht mal wahr, dass sie alle notorisch keinen Bock haben. Das Einzige, das ich wirklich bestätigen kann: Manche Berufsanfänger von heute verhalten sich zu tayloristischen Machtstrukturen in Organisationen wie Wasser zu Öl. Alles eine Frage der Einstellung … Und genau diese Spezies, die es nicht gibt, saß vor mir im Hörsaal und diskutierte mit mir über die Frauenquote. Die Tatsache, dass prinzipiell jede Quote aus rein logischen Gründen immer eine Diskriminierung sowohl für …

Ideen gewünscht, Denker gelyncht

In Stellenbeschreibungen und auf Recruiting-Websites spucken viele Unternehmen große Töne und sehnen sich – so zumindest könnte der Text das suggerieren – Andersdenkende und Quereinsteiger herbei. Mitarbeiter und Führungskräfte, die Ideen und einen frischen Blick mit ins Unternehmen bringen. Klingt vielversprechend. Und zeigt, dass die Unternehmen natürlich schon längst verstanden haben, dass Diversifikation auf über die Geschlechterwahl hinaus für Erfolg förderlich ist. Es vergeht auch kein Interview mit den Personalverantwortlichen, in dem nicht hervorgehoben wird, dass Quereinsteiger (was sind das eigentlich ganz genau, diese komischen Quereinsteiger?) eine Chance auf Einstellung haben und dass kreative Köpfe besonders gesucht werden. Doch korrigieren Sie mich, wenn mich mein Eindruck täuscht: Wer aufmerksam das Kleingedruckte liest, merkt schnell, dass sich der Wunsch nach Diversifikation auf Männer und Frauen und vielleicht noch auf unterschiedliche fachliche Qualifikationen bezieht. Andersartige Gedanken? Nein, die sollen bitte schön zu Hause bleiben! Und wenn sich doch mal ein Andersdenkender ins Unternehmen schleicht, stehen schon jede Menge Instrumentarien bereit, die dessen bedrohlichen exotischen Gedanken Einhalt gebieten. Verständlich: Denn neue Gedanken sind nichts anderes als eine Provokation für das bestehende System. …

Ep. 65 Management hält den Müllmann von der Arbeit ab

Staffelstart 2017 – die Episode 65 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Ich habe da neulich einen Artikel gelesen, im Stern oder war es das Zeit-Magazin? Ja, das Zeit-Magazin. Da wurde ein Müllmann befragt, ob er denn seine Arbeit gerne machen würde? Er würde doch bei Partys eher so ein bisschen drum herum drucksen bei der Frage, was er denn überhaupt beruflich macht. Schon an sich ganz schön arrogant die Frage! Aber er sagte: „Nee, nee meine Arbeit ist super, ich bin viel draußen, ich tue was wirklich Sinnvolles und kann viel selbst einteilen. Das ist eigentlich toll.“ Da war die Interviewerin doch recht verdutzt und hakte noch einmal nach. „Das heißt, sie sind mit ihrem Job wirklich rund um zufrieden?“ „Nö, überhaupt nicht.“ sagte der. „Mit meinem Job bin ich gar nicht zufrieden. Denn wir haben jetzt einen neuen Disponenten, der macht so komische Touren. Da müssen wir jetzt rückwärts in eine Einbahnstraße und den neuen LKW den die gekauft haben… Jetzt müssen wir noch so Berichte schreiben über unsere Touren und dann gibt’s so Meetings. …

Warum wir Konsens meiden sollten

»Dann machen wir das halt so.« (… und ich habe meine Ruhe) »Okay, ich stimme zu.« (… aber dann lasst mich jetzt alle in Frieden) »Na, wenn’s sein muss. Einverstanden!« (… glaubt aber ja nicht, dass ich mich dann noch reinhänge) Einen Entscheidungskonsens zu finden ist ja so erquickend – leider nur für die, deren Meinung am Ende in ausreichendem Maße berücksichtigt ist. Bei allen anderen Teilnehmern der Debatte macht sich eher Frust breit. Adé Motivation. Tschüss Neues. Bye-bye Veränderung. Entscheidung durch Ermattung Wenn Sie besonders überzeugend sind oder auf einer hohen Stufe der Leiter stehen, haben Sie vielleicht öfter das Glück, zu denen zu gehören, die gewinnen. Deren Argumenten, Daten und Fakten überzeugt haben. Herzlichen Glückwunsch! Nur die Annahme, dass Ihre Beweisführung etwas mit der Realität zu tun, zur Einigkeit geführt und alle anderen Teilnehmer überzeugt hat, möchte ich wirklich infrage stellen. Es ist doch meistens so: Einer prescht vor und nach schier endlosen Überzeugungsversuchen gibt ein Kollege nach dem anderen überredet und ermattet auf, auch wenn er nicht ganz mit dem Konsens einverstanden …

Ep. 64 Wissensmanagement – Wenn sie doch nur wüssten, was sie wissen

Die Episode 64 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Was für ein kurioses Telefonat: Da rief mich ein alter Studienfreund vor Kurzem an, der inzwischen im großen Konzernverbund arbeitet und nun in irgendeiner Arbeitsgruppe für das ›Wissensmanagement‹ mitarbeitet – der arme Kerl. Und er klagte mir ein Stück weit sein Leid: ach wenn sie doch nur wüssten, was sie alles wissen. Und sie hätten nun in den letzten Jahren und Jahrzehnten einen 10-stelligen Betrag schon für ihr Wissensmanagement ausgegeben. Aber einen richtigen Nutzen würde das immer noch nicht bringen. Das Telefonat entbehrte nicht einer gewissen Ironie, denn es lag eigentlich schon auf dem Weg zu seiner Lösung. Das lag nicht daran, dass ich es war, den er anrief, sondern viel eher, dass er es war, der den Hörer abgenommen hatte. Denn mittels Wissen kann man ja nur Probleme lösen, die es bereits schon einmal gegeben hat. Und die kann man dann auch sauber verschlagworten – wenn man das intelligent macht und ein paar gute Algorithmen hinzufügt, dann kann das funktionieren, aber sie haben halt bemerkt, dass ihr …

Ep. 62 Assessment-Center – Wie Sie die Richtigen finden (oder eben nicht)

Die Episode 62 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Es gibt so viele schöne ›Wrong Turns‹. Assessment Center ist zum Beispiel so einer. Da gibt es ein komplexes Problem, nämlich Personen zu finden, die eine Passung zu einem Team haben und die ein Talent zur Problemlösung von ganz bestimmten Problemen haben. Das ist verdammt komplex. Jetzt lässt man einen komplizierten Mechanismus darauf los: Man erstellt fremde Kontexte, laborhafte Kontexte, bei denen die Leute natürlich wissen, dass sie beobachtet werden und sich selbstverständlich anders verhalten. Und versucht dieses Verhalten nun mittels Checklisten bewertbar, vergleichbar und das ganze skalierbar zu machen. Das ist dann schon eher ulkig, was dabei rauskommt und so kann man eindeutig festhalten: Mit Assessment Center findet man Talente. Aber eben nur Talente für Assessment Center.       Lesen Sie dazu auch meine Kolumne vom 22. Januar 2011: Konzern-Assessment – die Checkliste zur Erfolgsfreiheit      

Ep. 53 Right Turns – Den Rückstand wieder aufholen

Die Episode 53 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«:     Wrong Turns zu entdecken ist eigentlich gar nicht so schwer. Mit ein bisschen Übung kann man sie, wenn man sie dann vor sich hat, eigentlich relativ schnell entdecken und entlarven. Aber die Frage lautet immer sofort danach: wie handele ich denn jetzt richtig? Naja, das ist gerade das Wesen des Handelns in komplexen Systemen, dass ich die Denkfehler zwar auf der abstrakten Ebene entdecken kann. Das richtige Handeln aber nur ganz konkret im individuellen Fall bestimmen kann. Also Beispielsweise eine Fußballmannschaft, ein Trainer der die Aussage trifft: ›je mehr Stürmer ich auf dem Platz habe, desto mehr Tore werde ich schießen‹, wird natürlich von keinem Ernst genommen. Das ist ein ganz offensichtlicher Wrong Turn. Also die Annahme einer strengen Kausalität in einem komplexen System. Aber die Frage ist: wie holt er denn jetzt trotzdem den, sagen wir mal 3:0 Rückstand aus einem Hinspiel wieder auf? Diese Frage kann er nur ganz konkret beantworten. Er muss sich die Frage stellen, welche Spieler habe ich denn im Kader?Welche haben …

Ep. 48 Aus Prinzip: Regelbücher für Intelligenzallergiker

Episode 48 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«:     Da spricht mich neulich ein Zuschauer während meines Vortrages an und sagt sehr höflich, „Herr Vollmer alles gut und schön, aber bei uns gibt es dafür klare Vorgaben und gute Regeln. Da haben sich kluge Köpfe einfach schon mal Gedanken drum gemacht. Da muss doch jetzt nicht jeder im Unternehmen immer wieder alles selbst denken. Das ist doch total ineffizient.“ Ja klar. Wir brauchen wahrscheinlich einfach nur noch mehr Regeln und schon kommen wir in unserer komplexen Welt zurecht und können auf alle Überraschungen irgendetwas anbieten. Und dann weiß auch der letzte Intelligenzallergiker im Unternehmen, was er wann und wie und wo zu tun hat. Nein, wir brauchen nicht noch mehr Regeln in unseren Unternehmen. Schon heute haben wir Regelhandbücher, Prozesshandbücher, die sind so dick – dagegen sind Moses Steintafeln wie Flugblätter. Nein, wir brauchen Regeln für die komplizierten Teile unserer Organisation, für die Routine, für das Wiederkehrende. Für die komplexen Teile brauchen wir etwas ganz anderes. Ich benutze gern den Begriff Prinzipien dafür. Regeln sind laut, …