Alle Artikel mit dem Schlagwort: Politik

Ein Appell gegen Appelle

Ob in den klassischen Medien, den Social Media oder einfach in jedem zweiten Gespräch – von allen Seiten prasselt sie auf mich ein: die Alternative für Deutschland. Dabei scheint der Grundtonus in der Gesellschaft doch eigentlich schon seit Langem der zu sein, dass die AfD und ihre Aussagen möglichst wenig Aufmerksamkeit erfahren sollten. Was sehe ich stattdessen? Stetige Appelle, lautstarke Empörungen, Bashing, Gegenhass. Jetzt werde ich den Teufel tun, mich an dieser Stelle inhaltlich über die AfD zu äußern oder mich auch noch in diese Diskussion einzuklinken. Das überlasse ich gerne anderen. Was mich vielmehr interessiert, ist das gesellschaftliche Phänomen, das ich dahinter sehe und mich zu der Frage bringt: Wozu führen Appelle in der Kommunikation? Ein phänomenales Kuriositätenkabinett in zwei Akten Sei es der zwanzigste Bericht über Alice Weidels Talkshow-Flucht oder das dreimillionste Trump-Bashing – indem die breite Öffentlichkeit Personen oder Organisationen in Misskredit bringt und GEGEN sie appelliert, stellt sie sie regelmäßig in den Fokus. Von eigener Seite bedarf es so kaum noch weiterer PR-Arbeit. Dadurch arbeiten die Gegner streng genommen noch zu Gunsten …

Geschlossene Gesellschaft

Wissen Sie, was mir so richtig Sorgen macht? Sie werden es vielleicht merkwürdig finden, aber mir bereitet es größtes Unbehagen, dass irgendwie immer alle einer Meinung sein wollen. Und sollen. Geschlossenheit, Einigkeit, Konsens – das gilt als gut. Dissens, Auseinandersetzung, unterschiedliche Meinungen – das gilt als schlecht. So jedenfalls ticken wir im Allgemeinen. Irgendwie haben wir einen ziemlich übertriebenen Faible für die Einigkeit, finde ich. Übertrieben. Und gefährlich. Tun wir besser so, als seien wir uns einig Kaum einer wundert sich darüber, wenn der neue SPD-Parteivorsitzende von der Versammlung der Parteidelegierten mit 100 Prozent der Stimmen gewählt wird. Höchstens ein wenig gewitzelt wird dann über „Kim Jong Schulz“. Aber viele bewunderten dann doch insgeheim, dass zwischen die Partei und ihren Vorsitzenden kein Blatt Papier passte. Und diese Geschlossenheit versetzte die Partei und ihre Anhänger sogleich in eine Art Rauschzustand. Als ob bei der Bundestagswahl über den Grad an Geschlossenheit der Parteien entschieden würde. Naja, indirekt scheint das ja tatsächlich so zu sein: Die deutschen Wähler mögen es nicht, wenn eine Partei in sich unterschiedlicher Meinung ist …

Der intelligente Irrtum

Hohes volkswirtschaftliches Bildungsniveau führt zu prosperierender Wirtschaft! Diese Aussage ist eigentlich kein Zitat. Nein! Das ist eine Glaubensvorstellung, die fest in fast allen Gesellschaften verwurzelt ist. Die gesamte Entwicklungspolitik basiert darauf: Bildungszentren bei SOS-Kinderdörfern in Liberia, Hochschulen für Lebensmitteltechnik im Senegal, Schulprojekte auf Madagaskar, Projektpartnerschaften mit Grundschulen in Afghanistan und und und … Und nicht nur der Blick auf Entwicklungsländer ist von dieser Annahme bestimmt: Tony Blair bestritt auf Basis dieser These seinen gesamten Wahlkampf für den Posten als britischer Premierminister. Auf dem Parteitag 1996 nannte er als Prioritäten nach einer möglichen Regierungsübernahme »Bildung, Bildung, Bildung«. Für sich genommen, klingt die These ja auch logisch. Ich stimme ihr trotzdem nicht zu. Warum nicht? Lassen Sie mich zuerst die Gegenthese aufstellen: »Eine prosperierende Wirtschaft erlaubt es der Gesellschaft, mehr Geld in Bildung zu investieren!« Schauen wir mal, ob sich für jede der beiden Thesen Beispiele finden lassen. Dazu bietet sich die Fragestellung an, was denn zuerst da war – ähnlich wie bei der Henne und dem Ei. Lässt sich als erstes eine blühende Wirtschaft nachweisen, oder herrschte …

Die Sache mit dem Mindestlohn

Jetzt haben Sie ihn, den Mindestlohn. Natürlich auch ich. Beantwortet wird das richtige Problem mit dem falschen Denkansatz. Ob das ein Erfolg werden kann? Selbst der weniger fleißige Nachrichtenleser kam im letzten Jahr nicht an der Debatte um dessen Einführung vorbei. Die einen forderten ihn lauthals, die anderen fanden, er wäre das Schlimmste, was der deutschen Wirtschaft passieren könnte. Verstehen kann ich beide Seiten. Jede hat ihre Motive und gute Argumente. Jetzt ist er da – und trifft nicht nur die Befürworter, nicht nur die Taxifahrer, Haarkünstler und Burgerwender, die sich über mehr Lohn freuen können. Er trifft alle. Sowohl die Hartz-4-Empfänger als auch die Großverdiener, die jetzt mehr für ihr Brot zahlen müssen, weil der Bäcker die gestiegenen Kosten für sein Verkaufspersonal auf seine Produkte abwälzt. Genauso wie die McDonalds-Mitarbeiter, die jetzt sogar weniger Geld verdienen als vorher, weil ihnen der Tarifvertrag gekündigt wurde. Keine Nacht- und Wochenendzuschläge mehr, kein Urlaubsgeld. Da wird jetzt gedreht und gewendet, wo es nur geht, um die Personalkosten auszugleichen. War das das Ziel des Gesetzes? Sicherlich nicht. Aber so …