Alle Artikel mit dem Schlagwort: Selbstorganisation

Warum Unternehmensgröße für Organisationstransformationen irrelevant sind

Es kommt nicht auf die Größe an

»Herr Vollmer, ich verstehe ja Ihre Ideen, aber die Umsetzbarkeit hört bei 2.000 Mitarbeitern eben auf.« Zwei Tage später:  »Herr Vollmer, das ist ja alles gut und recht. Ich kann mir auch vorstellen, dass das in einem Betrieb mit 25 Leuten funktioniert, aber wir sind nur zu viert. Da geht das doch nicht.« Ausreden über Ausreden Wie sagen die Amerikaner so schön: ›If I had a nickel for every time …‹ Ja, wenn ich für jedes Mal einen Euro bekommen hätte, wenn mir jemand erzählt, dass meine Ideen in seiner Firma wegen der Größe des Unternehmens nicht realisierbar wären, könnte ich mich jetzt zur Ruhe setzen. Na gut, nicht ganz, aber die Diskussion um die Größe von Unternehmen entflammt bei meinen Vorträgen quasi immer. Dabei ist es ganz egal, zu welchen organisationsrelevanten Thesen ich etwas sage – sei es die Abschaffung von Unternehmensplanung, überflüssigen Meetings, schädlichen Performance Reviews, Selbstorganisation etc. – ich bekomme den Einwurf zu hören: »Mit unserer Unternehmensgröße geht das nicht.« Auch ein paar andere Kriterien werden ab und an herangezogen, um meine Forderungen zu entkräften: …

Das Meer ist blöd - Wenn Moral an der falschen Stelle ansetzt

Das Meer ist blöd – Wenn Moral an der falschen Stelle ansetzt

Das Meer ist blöd! Meine Tochter ist enttäuscht. Sie hatte sich so auf das Meer in Barcelona gefreut. Aber jedes Mal, wenn sie an diesem windigen Tag ins Meer hüpft, schlagen ihr die Wellen entgegen und sie bekommt das salzige Wasser in den Mund. Kein Wunder. Sie reißt ja auch jedes Mal den Mund auf und schreit juchzend »Aaaah«. Und weil das Wasser auch auf mehrmaliges Bitten und Flehen nicht aufhört, Wellen zu schlagen, und das Salz ebenfalls nicht daran denkt, den Rückzug anzutreten, das endgültige Fazit: Meer = doof. Aber sie ist ja noch ein Kind, könnte ich einschränken. Keine Kinder sind es entgegen, die in Gesprächen, auf Podien oder in Postings im Netz Sätze fallen lassen wie: »Was uns fehlt, ist eine Fehlerkultur in unseren Unternehmen.« »Wir müssen den Mut aufbringen, mehr Innovationen zu wagen.« »Wir brauchen mehr Vertrauen im Unternehmen.« Die moralischen Forderungen hören natürlich am Zaun des Unternehmensgeländes nicht auf. Die gehen weiter: in die Politik (»Wir brauchen eine Willkommenskultur in Deutschland.«), in die Familien (»Familien müssen sich wieder stärker an christlichen Werten …

Warum Sie keine Tickets kaufen müssen, um Theater dargeboten zu bekommen

Ja, Sie haben richtig gelesen, um ein Schauspiel zu beobachten, müssen Sie keine Karten kaufen. In Organisationen wird dies auch kostenlos gespielt. Geschönte Zahlen, geheuchelte Zustimmung, vertuschte Informationen und imposante Statussymbole inklusive. Leider handelt es sich dabei um eine sehr teure Form der Verschwendung, weil immer dann, wenn solch ein Theater gespielt wird, die wertschöpfende Arbeit im Unternehmen Pause hat. Das Verhalten und die Kommunikation gleichen einer Bühnenaufführung, weil ihr hauptsächlicher Zweck nur darin liegt, den formalen Strukturen der Organisation gerecht zu werden. Dafür wird ja gerne machthungrigen Managern die Schuld gegeben. So einfach ist das aber nicht. Denn ein kleiner Ausflug in die Systemtheorie zeigt, dass Organisationen nicht aus Menschen bestehen, sondern aus Kommunikation. Das mag erstmal befremdlich klingen, aber erinnern Sie sich an das legendäre WM-Halbfinalspiel 2014 zwischen Deutschland und Brasilien zurück. In den sieben ähnlichen Situationen, in denen Tore für Deutschland fielen, verhielten sich die deutschen Fans immer gleich – es wurde gejubelt! Und zwar unabhängig davon, welche Person in welcher Stadt auf welchem Stuhl saß. Dafür war keine vorherige Absprache notwendig, …

Kontrolle ist gut … und was ist besser?

Klingt nach asiatischer Bewegungslehre, ist es aber nicht: Wer die Nachrichten verfolgt, weiß, dass »Yi-Ko« nicht mit Tai Chi verwandt ist, sondern der ‪Burger‬-King-Betreiber ist, der jüngst in die Schlagzeilen geraten ist. Aufgrund von Hygienemängeln und schlechten Arbeitsbedingungen darf der Franchise-Nehmer zukünftig weder mit dem Firmenlogo werben noch die Produktnamen weiter verwenden. 89 Filialen musste er bereits schließen. Weshalb? In der ›Wirtschaftswoche‬‹ kommentiert Martin Ahlert, Geschäftsführer des Internationalen Centrums für Franchising und Cooperation: »In jedem System gibt es Menschen, die aus der Reihe tanzen.« Bei einer Masse an Filialen sei es für den Franchise-Partner äußerst schwer, die lokalen Gegebenheiten im Blick zu behalten. Bei aller Ernsthaftigkeit der Lage kann ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen. Die Denkweise hinter die Aussage ist nämlich diese: Der Mensch ist ein unendlicher Fehlerquell. Um die Fehler im System auf ein Minimum zu reduzieren, muss also ein Unternehmen Abläufe durchstrukturieren, Richtlinien vorgeben, Zuständigkeiten klarstellen – und das so gut es geht. Denn das ist die einzige Möglichkeit, das System idiotensicher zu machen. Das einzige Problem dabei: Ein System, das auf Idioten angelegt …

Selbstorganisation statt Management

Die meisten Unternehmen halten immer noch an einem Führungs- und Organisationsmodell fest, das tief im Taylorismus verwurzelt ist. Den Mitarbeitern wird zu wenig zugetraut, die Zukunft verspielt. Unterschiedliche Studien belegen es immer wieder. In großen Teilen der Wirtschaft sind beide Seiten unzufrieden und voneinander enttäuscht: sowohl Arbeitgeber als auch Arbeitnehmer, sowohl Chefs als auch Mitarbeiter. Über die Symptome sprechen wir jeden Tag mit viel Verve, aber was genau ist der Grund der Unzufriedenheit? Als Unternehmer und Berater beobachte ich täglich, wie aus Arbeit Leistung entsteht und wie daraus echtes Engagement erwachsen kann. Ich stelle fest: Die Bereitschaft zu echtem Engagement ist grundsätzlich und ursprünglich bei fast allen Akteuren da. Nur sind die alten, gewohnten Strukturen für echtes Engagement gar nicht geeignet. Wir denken Arbeit, Führung und Organisation immer noch tayloristisch. Die große Idee von Frederick W. Taylor vor rund hundert Jahren war, Organisationen zu unterteilen: in denkendes Management und handelnde Arbeiter. Und es hat damals hervorragend funktioniert, Organisationen als ein Räderwerk mit Steuereinheit zu verstehen. Doch hat die Sache einen Haken: Tayloristische Unternehmen sind strukturell …

Was mich New York über Selbstorganisation lehrt

Ich bin zurzeit mal wieder für eine Woche in New York City. Zum Denken, Debattieren, Jazzclubs besuchen. Um das Flair dieser unglaublichen Stadt zu genießen. Und zum Schreiben: Schließlich werden in den kommenden 12 Monaten gleich zwei Bücher von mir erscheinen.Während ich diese Kolumne schreibe, sitze ich am Fenster im 48. Stock eines Apartment-Gebäudes mit – bescheiden ausgedrückt – atemberaubendem Blick über die Stadt. Wenn Sie mal schauen möchten… Nach einiger Gewöhnung traue ich mich inzwischen auch, in dieser luftigen Höhe das Fenster zu öffnen. Damit neben Luft der für New York so typische Stadtlärm aus heulenden Polizeisirenen, hupenden Taxis, Presslufthammergedröhne der unzähligen Baustellen und den dumpfen Hörnern der auf dem Hudson-River vorbeifahrenden Schiffe hereindringen kann. Direkt in der Nachbarschaft sehe ich Heerschaaren von Touristen auf den Time Square strömen, unzählige Gewerbetreibende versuchen ihre Speisen, Musicaltickets, Stadtrundfahrten und Gutscheine für Comedy-Veranstaltungen unter die Leute zu bringen. Sicher 50 Leute, in Kostümen von Mickey Mouse, dem Krümelmonster, Bat-, Spider- oder Superman verkleidet, posieren am Times Square mit Kindern und Erwachsenen für Fotos und sammeln dafür Trinkgeld …

Schießt Winterkorn Tore?

Heute war ein besonderer Sonntag: ich saß alleine beim Frühstück in der Sonne und las Zeitung. In der Frankfurter Sonntagszeitung hieß eine Überschrift im Wirtschaftsteil über dem Photo von Lionel Messi: »Dürfen Topmanager ihre Gehälter an Star-Gagen messen?« Na klar, hieß die Pro-Meinung, schließlich bringe der VW-Chef der Menschheit mehr ein als jeder Kicker. Im Contra-Artikel hingegen lautet die Einschätzung. »Martin Winterkorn ist toll. Lionell Messi ist einzigartig.« Man mag sich wundern, aber die Argumente der Befürworter- wie der Gegnerseite haben eine verblüffende Überschneidung: beide sind unsäglicher Quatsch. Wenn VW-Chef Martin Winterkorn 17 Millionen Euro verdient, regen sich viele auf. Wenn Fußballer Lionel Messi 33 Millionen kassiert, rührt sich niemand. So lautet der Teaser der FAS und zwei Redakteure geben sich reichlich Mühe, eine konträre Meinung zu begründen. Das gelingt Ihnen journalistisch klar und routiniert. Allerdings sind ein paar zentrale Denkfehler bei beiden Herren sichtbar. Auf der Pro-Seite schreibt Patrick Bernau beispielsweise »Für Martin Winterkorn gibt VW zwar extrem viel Geld aus, aber ein guter Vorstandschef bringt auch dem ganzen Konzern extrem viel ein.« Schon …