Alle Artikel mit dem Schlagwort: Soziales Theater

Management-Diarrhö – Anstiftung zu einer Sprachdiät

»Does anybody even know why we budget anymore?« So beginnt die zutiefst sarkastische, über 3500 Zeichen lange E-Mail, die der Manager eines großen Automobilzulieferers vor Kurzem intern an seine Kollegen geschickt hat. Ein Bekannter hat sie mir zugespielt. Was der sichtlich frustrierte Mann darin beschreibt, ist wahrlich kein Einzelfall. In seinem Haus stand die nächste Budget-Planungsrunde an. Die Zahlungspraktiken, die Budgetierung, das Hin- und Herrechnen – es sei jedes Mal das gleiche (Business-)Theater, wenn das Budget auf den Tisch komme. Jaja, wenn das Budget zum alljährlichen unternehmensinternen Zirkus wird … Auf dem Budget-Basar Dass die regelmäßigen Budget-Rituale im Unternehmen einem Zirkus gleichkommen – nur ohne den Applaus am Ende –, das empfindet sicher nicht nur dieser Manager so. Denn schauen Sie sich doch einmal an, wie das Theater abläuft: Da treffen in einem Unternehmen beispielsweise die Leiter der Regionalstandorte mit dem Deutschlandchef plus andere Länderchefs samt deren Werksleitern mit dem Europachef zusammen – eine riesige Konferenz von Führungskräften aus mindestens drei Hierarchiestufen. Vorausgegangen sind hunderte E-Mails, der Austausch unzähliger Excel-Sheets, Videokonferenzen, versandte PowerPoint-Slides, etliche Budget-Meetings …

Macht Arbeit unglücklich?

Macht Arbeit unglücklich?

Seit der Buchveröffentlichung von »Zurück an die Arbeit« bin ich häufig mit der subtil vorwurfsvollen Frage konfrontiert worden, ob die Menschen wirklich so stark leiden, wie ich behaupte und ob man das Buch auch als Aufruf gegen Arbeit im Allgemeinen verstehen dürfe. Dazu möchte ich hier Stellung nehmen, so wie ich es auch schon im Buch getan habe: Mitarbeiter und ihre Chefs leiden nicht unter der Arbeit selbst. Auch dann nicht, wenn sie über ihren Job schimpfen oder am Feierabend im Familien- und Bekanntenkreis ihr tagtägliches Leid klagen. Nicht die Arbeit macht sie unfroh. Sondern das ganze andere Zeugs! Denn das ganze andere Zeugs, die unproduktiven Beschäftigungen, die lästigen Rituale, die unsinnigen Regeln, das Reporting, die wirkungslosen Programme und so weiter haben nicht nur die Eigenschaft, dass sie allen die Zeit zum Arbeiten stehlen, sie haben außerdem noch die unangenehme Eigenschaft, ständig das implizite Signal auszusenden: Du bist nicht richtig so, wie du bist. Du solltest anders sein. Du solltest besser sein! Jetzt MACH endlich! Die meisten Menschen, die einen Job haben, mögen ihn eigentlich sehr gerne. …

Die vierte Sorte der Verschwendung

Mura, Muri und Muda – bekanntermaßen sind das nicht die Cousinen von Tick, Trick und Track, sondern die drei großen Sorten operativer Verschwendung aus der Lean Management-Lehre. Die drei Ms sind Zeit- und Geldschleudern weil sie das Gegenteil wertschöpfender Aktivitäten repräsentieren und jede Organisation ist gut beraten, diese Verschwendungsquellen zu reduzieren. Spätestens seit den 1980er Jahren ist »Verschwendologie« zur Wissenschaft erhoben worden und wird wirksam verfolgt. Soweit so gut. Managementfolklore im sozialen System Es gibt allerdings noch eine vierte Sorte der Verschwendung, die aus Japan seinerzeit nicht übermittelt wurde. Ich gehe davon aus, dass sie damals irrelevant war und bei den Lean-Pionieren keinerlei Probleme verursacht hat. Mittlerweile ist sie aber zur vielleicht gewichtigsten und verlustreichsten Form der Verschwendung herangewachsen: die Managementfolklore. Darunter verstehe ich nun kein Märchen über die Entstehung von Management, sondern vielmehr alle Tätigkeiten in einem Unternehmen, die lediglich dazu dienen, die formale Struktur einer Organisation aufrechtzuerhalten. Die vierte Art der Verschwendung begehen Menschen, wenn sie nicht arbeiten, sondern Arbeit spielen. Das tun sie in Produktionshallen und gleichermaßen in den Büroetagen der Unternehmen. Und …

Management-Praktiken – braucht’s die oder kann das weg?

»Herr Müller, Sie haben letzte Woche schon wieder nur eine halbe, statt einer Dreiviertelstunde Pause gemacht.« »Ja, ich wollte etwas früher nach Hause und habe deshalb die Mittagspause abgekürzt.« »Aber Sie wissen doch ganz genau, was die Pausenregelung bei acht Stunden Arbeitszeit vorschreibt.« Was für eine unnütze Diskussion. Und überhaupt: Wozu brauchen Unternehmen ausufernde Reisekostenrichtlinien, Arbeitszeiterfassung, Überstundenregelungen, Investitionsanträge und diese ganzen anderen Management-Praktiken? Nun ja, vielleicht weil sonst das Intranet ziemlich leer wäre, der Controller nichts zum Kontrollieren hätte oder die IT-Abteilung keine Formulare mehr programmieren könnte. Nein, mal ehrlich. Nehmen Sie die vielen Stunden, die Ihr Management mit der Jahresplanung verbringt: Sie sammeln Daten über Daten aus der Vergangenheit, lassen Vertreiber in die Glaskugel gucken, befragen große Kunden, was sie in ihrer Glaskugel gesehen haben – alles nur, um daraus eine Prognose für die Zukunft abzuleiten – für die Entwicklung der Personalkapazitäten, Maschinenbeschaffungen, Liquiditätsbedarfe oder einen anstehenden Hallenbau. Und am Ende des Jahres stellen Sie fest: Es ist ja anders gekommen als geplant. Ist ja auch logisch. Wie wollen Sie schließlich im Dezember denn …

Ep. 60 Timeout – Problemlösung ohne Agenda

Die Episode 60 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«: Na ja, über Meetings scheinen sich ja eigentlich alle einig zu sein. Die sind ineffektiv, ineffizient, langweilig, frustrierend, nervtötend und eigentlich auch immer voller Theaterspielerei. Meine Lieblingsalternative sind die sogenannten »Timeouts«, die wir beispielsweise aus dem Basketball gut kennen. Die finden immer nur statt, wenn es die jeweilige Situation erfordert und nicht weil ein Standard-Agenda-Meetingplan so etwas vorsieht. Und eine Agenda gibt es auch nicht. Ein Timeout findet ad hoc statt – in dem Moment – und zwar ausschließlich erzeugt aus dem Problem, was alle gemeinsam lösen wollen. Und so gibt’s kaum Taktik, kaum soziales Theater, sondern alle sind auf die Problemlösung fokussiert. Es wird meistens vom Trainer einberufen, manchmal auch sogar von den Spielern, und sportartbedingt im Stehen – obgleich das auch für manche Companies eine gute Lösung ist. Ich steh total auf Timeouts!       Lesen Sie dazu auch meine Kolumne vom 7. August 2015: Meeting-Massaker: Wozu kein Mensch Sitzungen braucht        

Meeting-Massaker: Wozu kein Mensch Sitzungen braucht

35 Grad im Raum, die Krawatte kneift, Sie schwitzen in Ihrem Anzug und der Kollege hört nicht auf zu quatschen. Der nächste Mitarbeiter fällt ihm ins Wort und widerspricht vehement. Alle versuchen zu einer Entscheidung zu kommen. Und sich dabei gegenseitig zu überzeugen. »Aber Herr Kollege, das Argument sticht doch gar nicht, die Sachlage ist eine ganz andere. Mein Vorschlag zur Lage ist im Grunde genommen alternativlos, sehen Sie das doch bitte endlich ein.« »Ihre Lösung haben wir bereits vor acht Jahren einmal diskutiert, da ist sie völlig zurecht mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Im Sinne des ganzen Unternehmens sehe ich es als meine Pflicht an, uns vor dieser falschen Entscheidung zu schützen« »Aber meine Herren, wir müssen doch hier eine Lösung finden, lassen Sie uns doch die Sache noch einmal ganz nüchtern betrachten…« Sie hatten es befürchtet! Noch immer nicht Schluss! Nach einer weiteren halbstündigen Diskussion nimmt die Chefin das Zepter in die Hand. »Wenn wir zu keinem Konsens kommen, entscheide ich. Variante zwei. Punkt. Meeting beendet. Danke meine Damen und Herren. Zurück an die Arbeit.« …

Warum Sie keine Tickets kaufen müssen, um Theater dargeboten zu bekommen

Ja, Sie haben richtig gelesen, um ein Schauspiel zu beobachten, müssen Sie keine Karten kaufen. In Organisationen wird dies auch kostenlos gespielt. Geschönte Zahlen, geheuchelte Zustimmung, vertuschte Informationen und imposante Statussymbole inklusive. Leider handelt es sich dabei um eine sehr teure Form der Verschwendung, weil immer dann, wenn solch ein Theater gespielt wird, die wertschöpfende Arbeit im Unternehmen Pause hat. Das Verhalten und die Kommunikation gleichen einer Bühnenaufführung, weil ihr hauptsächlicher Zweck nur darin liegt, den formalen Strukturen der Organisation gerecht zu werden. Dafür wird ja gerne machthungrigen Managern die Schuld gegeben. So einfach ist das aber nicht. Denn ein kleiner Ausflug in die Systemtheorie zeigt, dass Organisationen nicht aus Menschen bestehen, sondern aus Kommunikation. Das mag erstmal befremdlich klingen, aber erinnern Sie sich an das legendäre WM-Halbfinalspiel 2014 zwischen Deutschland und Brasilien zurück. In den sieben ähnlichen Situationen, in denen Tore für Deutschland fielen, verhielten sich die deutschen Fans immer gleich – es wurde gejubelt! Und zwar unabhängig davon, welche Person in welcher Stadt auf welchem Stuhl saß. Dafür war keine vorherige Absprache notwendig, …