Alle Artikel mit dem Schlagwort: Systemveränderung

Warum Unternehmensgröße für Organisationstransformationen irrelevant sind

Es kommt nicht auf die Größe an

»Herr Vollmer, ich verstehe ja Ihre Ideen, aber die Umsetzbarkeit hört bei 2.000 Mitarbeitern eben auf.« Zwei Tage später:  »Herr Vollmer, das ist ja alles gut und recht. Ich kann mir auch vorstellen, dass das in einem Betrieb mit 25 Leuten funktioniert, aber wir sind nur zu viert. Da geht das doch nicht.« Ausreden über Ausreden Wie sagen die Amerikaner so schön: ›If I had a nickel for every time …‹ Ja, wenn ich für jedes Mal einen Euro bekommen hätte, wenn mir jemand erzählt, dass meine Ideen in seiner Firma wegen der Größe des Unternehmens nicht realisierbar wären, könnte ich mich jetzt zur Ruhe setzen. Na gut, nicht ganz, aber die Diskussion um die Größe von Unternehmen entflammt bei meinen Vorträgen quasi immer. Dabei ist es ganz egal, zu welchen organisationsrelevanten Thesen ich etwas sage – sei es die Abschaffung von Unternehmensplanung, überflüssigen Meetings, schädlichen Performance Reviews, Selbstorganisation etc. – ich bekomme den Einwurf zu hören: »Mit unserer Unternehmensgröße geht das nicht.« Auch ein paar andere Kriterien werden ab und an herangezogen, um meine Forderungen zu entkräften: …

Neues Jahr, neues Glück – warum Appelle für die Tonne sind

Der Jahreswechsel ist für uns alle etwas Besonderes. Zwar kann nicht jeder der Silvester-Nacht etwas abgewinnen (so wie ich), aber für fast alle hat der Auftakt zu 12 neuen Monaten etwas Positives. Es scheint, als wenn alle ab dem 11. Januar (manche schon ein paar Tage früher) wieder bei »Los« starten. Die Karten sind neu gemischt und die Hoffnung auf Erfüllung der eigenen guten Vorsätze und fremdgesteckten Vorgaben wieder groß. Neues Jahr, neues Glück. Oder doch nicht? Sie werden sich doch sicher auch etwas vorgenommen haben, oder? Macht doch jeder. Ein liebgewonnenes Ritual. ›Rauchen abgewöhnen, mehr Sport, gesünder essen…‹ Und klappt’s auch? Manchmal schon. Meistens nicht! Und obwohl fast jeder diese Erfahrung aus seinem Privatleben kennt, wird trotzdem auch im beruflichen Umfeld jetzt wieder hemmungslos ›Uns-Vorgenommen‹. Am besten gleich für die ganze Organisation. Das heißt dann natürlich anders: Ziele. Oder Strategien. Manchmal auch Pläne. Konkret dann: ›Unnötige Meetings abschaffen, mehr Innovationen, bessere Kommunikation…‹ oder ähnliches. Und klappt’s auch? Manchmal schon. Meistens nicht! Motivationsgurus und Wirtschaftszeitungen empfehlen sie uns immer wieder: die Mental-Strategien gegen den eigenen inneren …

Das Meer ist blöd - Wenn Moral an der falschen Stelle ansetzt

Das Meer ist blöd – Wenn Moral an der falschen Stelle ansetzt

Das Meer ist blöd! Meine Tochter ist enttäuscht. Sie hatte sich so auf das Meer in Barcelona gefreut. Aber jedes Mal, wenn sie an diesem windigen Tag ins Meer hüpft, schlagen ihr die Wellen entgegen und sie bekommt das salzige Wasser in den Mund. Kein Wunder. Sie reißt ja auch jedes Mal den Mund auf und schreit juchzend »Aaaah«. Und weil das Wasser auch auf mehrmaliges Bitten und Flehen nicht aufhört, Wellen zu schlagen, und das Salz ebenfalls nicht daran denkt, den Rückzug anzutreten, das endgültige Fazit: Meer = doof. Aber sie ist ja noch ein Kind, könnte ich einschränken. Keine Kinder sind es entgegen, die in Gesprächen, auf Podien oder in Postings im Netz Sätze fallen lassen wie: »Was uns fehlt, ist eine Fehlerkultur in unseren Unternehmen.« »Wir müssen den Mut aufbringen, mehr Innovationen zu wagen.« »Wir brauchen mehr Vertrauen im Unternehmen.« Die moralischen Forderungen hören natürlich am Zaun des Unternehmensgeländes nicht auf. Die gehen weiter: in die Politik (»Wir brauchen eine Willkommenskultur in Deutschland.«), in die Familien (»Familien müssen sich wieder stärker an christlichen Werten …

Wenn zwei sich streiten...

Wenn zwei sich streiten…zahlt ein Dritter

Im Moment herrscht Funkstille zwischen der GDL und der Deutschen Bahn. Die beiden Parteien konnten sich im Streit um die geforderten 5% Gehaltserhöhung für Lokführer und Begleitpersonal immer noch nicht einigen. Die GDL will die Entscheidungsvollmacht über Tarifverträge für alle Angestellten, die Deutsche Bahn möchte das Heft nicht aus der Hand geben. Diskutiert wurde viel, getan bisher wenig. Bei dieser Debatte gibt es etwas, was mich wirklich stört. Ein Aspekt, über den keine Zeitung berichtet: Die Tatsache, dass eine kleine Gruppe in ein komplexes System eingreift, um die eigenen Interessen durchzusetzen – ohne sich darum zu scheren, wie sie dem Gesamtsystem damit schadet. Ob die 5% Gehaltserhöhung gerechtfertigt sind oder nicht, mag den einzelnen Lokführer interessieren. Diese Frage ist im größeren Kontext aber ziemlich irrelevant. Viel wichtiger ist der Einfluss des Streiks auf die Wirtschaft. Und der ist gewaltig. Ab einem ununterbrochenen 3-Tage-Streit ist laut Institut der deutschen Wirtschaft mit Produktionsunterbrechungen in der Industrie zu rechnen. So entstehen mehr als 100 Millionen Euro Schaden – PRO TAG!  Das dürfen Sie sich auf der Zunge zergehen …

Das System blockiert sich selbst

Das Sommerwetter ist herrlich. Im Dresdner Norden haben sich tausende junger Menschen unter einer Wolke von Rauch und Grillduft versammelt. Überall entlang der Leipziger Straße brutzeln die Würstchen über Holzkohle. Doch mit dieser scheinbaren großen Party unter freiem Himmel zeigen die Leute den Behörden und offiziellen Stellen vielmehr, wie effektive Führung und Management heute aussehen sollte. Plötzlich kommt Bewegung in die Menge. Ein Lastwagenkonvoi hält an, die Herumstehenden stellen ihre Bierflaschen zur Seite und gehen in Stellung, um die Fracht abzuladen: Unzählige Sandsäcke wandern von einer Hand zur nächsten und werden am Straßenrand gestapelt. Fertig! Die leeren LKW fahren zurück, um neue Sandsäcke zu laden; die Helfer haben sich Stärkung verdient und wenden sich hungrig und durstig wieder den Grills zu. Sie werden nicht viel Zeit haben, sich zu erholen. Bald werden weitere Laster kommen. Hochwasser! Die Elbe steht gute sechs Meter über ihrem durchschnittlichen Wasserstand. Die jungen Leute sind ausgezogen, um ihr Dresden gegen die Fluten zu verteidigen, mit Sandsäcken und – Smartphones. Sekündlich ploppen in Facebook Statusmeldungen auf wie »Dresdner Tor braucht weitere …

Eine kleine Kulturgeschichte – Warum Change-Projekte scheitern müssen

Kultur ist kein Gestaltungsgegenstand wie die Farbe eines neuen Kantinenbodens. Eine Organisation kann nicht rational über ihre Kultur entscheiden. Werte sind nicht disponierbar. Die Absicht, eine Ziel- oder Wunschkultur zu benennen und dann ein Projekt zur Erreichung derselben zu starten, mag beliebt sein und passt in die Denktradition der vorherrschenden Organisationslehre. Aber dieser Gedanke ignoriert die Komplexität von sozialen Systemen auf gefährliche Art und Weise. Gefährlich vor allem für die Kultur des Unternehmens selbst. Denn nicht selten erzeugt ein derartiges Rumfuschen exakt das Gegenteil. Er drehte seinen Stuhl und lehnte sich auf den Schreibtisch. »Herr Schwärzel, Werte im Unternehmen bilden das Fundament für langfristigen Erfolg. Auf Werten wie Vertrauen, Respekt, Leidenschaft, Integrität und unternehmerisches Denken baut unsere ganze Unternehmenskultur auf. Wir müssen den Zusammenhalt stärken und wieder einen ›one spirit‹ aufbauen. Und gerade das Vertrauen hat bei uns in den letzten Jahren doch enorm gelitten. Hier erwarte ich von Ihnen und von der ganzen Abteilung eine Steigerung. Mensch Schwärzel,«, er beugte sich weit nach vorne und guckte ihm tief in die Augen, »das packen wir doch. …

Ein Gedanke über Schmerz, Wirtschaft und Schnipsen

Vor kurzem durfte ich eine Keynote im Rahmen einer internationalen Führungskräfte-Tagung für einen großen deutschen Lebensmittelkonzern halten. Die beiden Tage sollten dazu dienen, die Mannschaft auf ein großes Change-Projekt einzustimmen. Das Projekt hatte natürlich auch einen wohlklingenden Namen, nennen wir es hier mal »TOP« (na ja, Sie wissen selber, wie diese ganzen inspirierenden Veränderungsprogramme so heißen). Um nach dem ausgedehnten Mittagessen etwas Schwung in das Plenum zu bekommen, entschloss ich mich – auf expliziten Wunsch des Auftraggebers und entgegen meiner Gewohnheit – ein kleines Aktiv-Element an den Anfang zu stellen. Die Challenge war einfach, ich hatte sie erst vor kurzem bei einer unserer V&S Wissenskonferenzen kennengelernt: Ein Tischtennisball, der auf einer schweren Glasflasche liegt, muss in einen ca. 3 Meter entfernten Eimer geschnipst werden. Möglichst drei Treffer bei drei Versuchen. Die einzige Voraussetzung: der Arm muss ausgestreckt sein und bleiben und es muss mit Anlauf geschnipst werden. Eine klare Laufbewegung, mindestens 5 Schritte, kein Abstoppen, eine flüssige Bewegung. Um die Sache ein wenig attraktiver zu machen, setzte ich noch eine Belohnung aus. Für den Sohn …

Was mich New York über Selbstorganisation lehrt

Ich bin zurzeit mal wieder für eine Woche in New York City. Zum Denken, Debattieren, Jazzclubs besuchen. Um das Flair dieser unglaublichen Stadt zu genießen. Und zum Schreiben: Schließlich werden in den kommenden 12 Monaten gleich zwei Bücher von mir erscheinen.Während ich diese Kolumne schreibe, sitze ich am Fenster im 48. Stock eines Apartment-Gebäudes mit – bescheiden ausgedrückt – atemberaubendem Blick über die Stadt. Wenn Sie mal schauen möchten… Nach einiger Gewöhnung traue ich mich inzwischen auch, in dieser luftigen Höhe das Fenster zu öffnen. Damit neben Luft der für New York so typische Stadtlärm aus heulenden Polizeisirenen, hupenden Taxis, Presslufthammergedröhne der unzähligen Baustellen und den dumpfen Hörnern der auf dem Hudson-River vorbeifahrenden Schiffe hereindringen kann. Direkt in der Nachbarschaft sehe ich Heerschaaren von Touristen auf den Time Square strömen, unzählige Gewerbetreibende versuchen ihre Speisen, Musicaltickets, Stadtrundfahrten und Gutscheine für Comedy-Veranstaltungen unter die Leute zu bringen. Sicher 50 Leute, in Kostümen von Mickey Mouse, dem Krümelmonster, Bat-, Spider- oder Superman verkleidet, posieren am Times Square mit Kindern und Erwachsenen für Fotos und sammeln dafür Trinkgeld …