Alle Artikel mit dem Schlagwort: Taylorismus

Dienst nach Vorschrift – Drohung in drei Wörtern

Im Projektgeschäft höre ich ihn laufend, diesen Ausruf des Flehens und Hoffens: »Wenn doch nur jeder seinen Job machen würde!« Heißt implizit: Wenn jeder die ihm aufgetragene Arbeit planmäßig und gemäß aller Vorschriften durchführen würde, stünde das Unternehmen prima da. Ich ergänze dann immer: »Nein, dann wären Sie schon pleite.« Weil die Problemlösung im 21. Jahrhundert nicht mehr so funktioniert, dass jeder nach Vorschrift seinen Job erfüllt. Dann mache ich jetzt eben Dienst nach Vorschrift! Das mag im Industriezeitalter oder in durch und durch tayloristisch organisierten Unternehmen noch funktioniert haben, darüber habe ich hier schon desöfterern geschrieben. Dort konnten Sie sehr geradlinig vorschreiben, was ein Job beinhaltet, wie er aussieht, wie er auszuführen ist. In der Folge wurde die Qualität des gefertigten Produkts gut. Wir nennen das auch gerne »Wertschöpfung der Norm«. Auf den Punkt bringen könnte ich diese Herangehensweise mit drei markanten Wörtern: Dienst nach Vorschrift. Denn nichts anderes mussten die Vasallen des Industriezeitalters beherrschen. Dienst nach Vorschrift lieferte gute Ergebnisse, war planbar, fungierte als Qualitätsmerkmal. Sagt Ihnen hingegen heute ein Mitarbeiter: »Na gut, …

Hast Du eine Idee, schreibe keinen Businessplan

Wenn bei der OTTO Group irgendwo eine neue Idee aufkam, hieß es sofort: Mach erstmal einen Businessplan! – Das erzählte mir neulich Hans-Otto Schrader, bis dato Vorstandsvorsitzender der OTTO Group, während eines Vortrags in Hamburg. Schrader fand Businesspläne aber uneffektiv. Ich saß im Publikum und nickte: Denn das finde ich auch. Warum? Nun, vor allem aus zwei Gründen. Den ersten, offensichtlichen, teile ich mit Schrader, den zweiten, tiefer liegenden, finde ich fast noch wichtiger. Als ob die Idee geprüft würde Zum ersten Grund: Eine Idee ist ein frisch geschlüpftes Gedankenküken. Sie muss wachsen und sich bewähren, um groß und stark zu werden. Wachsen kann sie aber nur in einem sozialen Kontext und nur im echten Leben, in der Realität. Ein Businessplan jedoch hat mit der Realität wenig zu tun. Er tut nur so, als exploriere er die Zukunft. Er sieht so schön rational aus. Aber das ist nur eine Scheinrationalität. In Wahrheit ist er nur ein hübsches Gewand. Mit einem ehrbaren Zweck: Er soll dem Geldgeber gefallen und überzeugen. Im Unternehmen ist das meist erstmal …

Y-vonne - wenn Berufsanfänger auf alte Machtstrukturen treffen

Neulich ging es um die Frauenquote. Ich hielt eine Vorlesung an der Uni. Vor mir eine Horde von der Spezies, die gemeinhin als »Generation Y« bezeichnet wird. Also der jungen Menschen, die in den Neunzigern bis etwa zum Jahr 2000 herum geboren wurden und darum auch »Millennials« genannt werden. Ich denke ja, diese Spezies existiert gar nicht. Dieser ganze Generationen-Schubladen-Gedanke, der bestimmten Alterskohorten bestimmte Eigenschaften zuschreibt, ist verblendender Mist. Weder bin ich samt meinen Altersgenossen der »Generation X« geprägt von VW Golf, IKEA-Möbeln, Versagerkarrieren oder Konsumverweigerung, noch sind die jungen, hippen, coolen Leute von heute alle superflexibel, superselbstbewusst, superausgebeutet oder superunabhängig. Ja, es ist nicht mal wahr, dass sie alle notorisch keinen Bock haben. Das Einzige, das ich wirklich bestätigen kann: Manche Berufsanfänger von heute verhalten sich zu tayloristischen Machtstrukturen in Organisationen wie Wasser zu Öl. Alles eine Frage der Einstellung … Und genau diese Spezies, die es nicht gibt, saß vor mir im Hörsaal und diskutierte mit mir über die Frauenquote. Die Tatsache, dass prinzipiell jede Quote aus rein logischen Gründen immer eine Diskriminierung sowohl für …

Die zwei großen Gegner von Verantwortung

Ich habe schon häufiger die Denk-Schlampigkeit gegeißelt, der wir so gerne verfallen, wenn wir Korrelation mit Kausalität verwechseln. Bei Boulevard-Überschriften wie »Verheiratete Männer leben länger« ist das noch lustig-anekdotisch. Bei der Aufforderung, sog. »Level 5-Führungskräfte« (Jim Collins in »From Good to Great«) zu etablieren, um anhaltenden wirtschaftlichen Erfolg zu ernten, wird aus dem humoristischen schnell etwas toxisches. In Wrong Turn habe ich diese Art Denkfehler als Dumme Irrtümer bezeichnet. Und wem diese dummen Irrtümer zu banal sind, für den gibt’s noch ein Upgrade, den professional Level: die Intelligenten Irrtümer. Es lassen sich nämlich durchaus Phänomene beobachten, die kausal etwas miteinander zu tun haben. Das heißt konkret: das eine Phänomen ist die Ursache für das andere. Wir bringen es korrekterweise in eine kausale Verbindung – aber die Richtung ist falsch. Daher der Intelligente Irrtum. Quasi Geisterfahrer mit Abitur. Am Beispiel der Entwicklungspolitik habe ich das vor einiger Zeit schon mal ausdekliniert. All diese Denkfehler – und noch viele mehr – stehen Verantwortung im Wege. Die Über-Vokabel Verantwortung ist in unserer Gesellschaft eine Art Über-Vokabel geworden, insbesondere im wirtschaftlichen …

Die vierte Sorte der Verschwendung

Mura, Muri und Muda – bekanntermaßen sind das nicht die Cousinen von Tick, Trick und Track, sondern die drei großen Sorten operativer Verschwendung aus der Lean Management-Lehre. Die drei Ms sind Zeit- und Geldschleudern weil sie das Gegenteil wertschöpfender Aktivitäten repräsentieren und jede Organisation ist gut beraten, diese Verschwendungsquellen zu reduzieren. Spätestens seit den 1980er Jahren ist »Verschwendologie« zur Wissenschaft erhoben worden und wird wirksam verfolgt. Soweit so gut. Managementfolklore im sozialen System Es gibt allerdings noch eine vierte Sorte der Verschwendung, die aus Japan seinerzeit nicht übermittelt wurde. Ich gehe davon aus, dass sie damals irrelevant war und bei den Lean-Pionieren keinerlei Probleme verursacht hat. Mittlerweile ist sie aber zur vielleicht gewichtigsten und verlustreichsten Form der Verschwendung herangewachsen: die Managementfolklore. Darunter verstehe ich nun kein Märchen über die Entstehung von Management, sondern vielmehr alle Tätigkeiten in einem Unternehmen, die lediglich dazu dienen, die formale Struktur einer Organisation aufrechtzuerhalten. Die vierte Art der Verschwendung begehen Menschen, wenn sie nicht arbeiten, sondern Arbeit spielen. Das tun sie in Produktionshallen und gleichermaßen in den Büroetagen der Unternehmen. Und …

Ep. 52 Industrie 4.0 – Segen oder Gefahr?

Die Episode 52 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«:     Das Megathema Nummer 1 in der Deutschen Industrie. Eindeutig! Industrie 4.0. Spricht jeder drüber. Ich bin da sehr zwiegespalten. Zum einen sehe ich auch das großes Potential. Natürlich vor allem für die Ausrüster. Also die Geschäftsaussichten der Hersteller, hard- und softwareeitig sind sicherlich famos für die Zukunft. Bei den Anwender bin ich sehr skeptisch, denn natürlich können sie durch den Einsatz dessen, was man sich von Industrie 4.0 verspricht, sicherlich einen hohen Produktivitätssprung machen. Vielleicht auch einen Durchlaufzeitsprung, vielleicht auch einen Flexibilitätssprung. Aber gleichzeitig habe ich auch die Sorge, dass die ganze Energie, die Kraft, die Aufmerksamkeit, vor allen Dingen auch die ganzen Budgets in die Einrichtung dieser Technologie aufgewendet werden. Und gleichzeitig keine Energie, keine Kraft und auch kein Geld mehr plötzlich zur Verfügung steht, an der Organisationsform der Zukunft zu denken. An der Abkehr der tayloristischen Idee, um Innovationen erzeugen zu können. Um Menschen in Verantwortung zu kriegen, um auf komplexen Märkten wettbewerbsfähig zu werden. Wenn wir da nicht aufpassen wird Industrie 4.0 zum Boomerang.   …

Effizienz, Ja – Aber …

»Aber das senkt doch die Effizienz!« Genau. So läuft das. Wenn Manager in Meetings zusammen sitzen, fällt früher oder später das E-Wort. Oder auch das P-Wort (Produktivität). Und dann ist Stille. Denn Effizienz, das ist der Grundkonsens der Manager: Mehr Effizienz, das brauchen wir auf jeden Fall! Jetzt will ich gar nicht meckern – Effizienz ist wichtig in jedem Unternehmen. Darauf zu achten, ist natürlich nicht verkehrt. Mehr Leistung bei geringeren Kosten – D’accord! … aber. Sie haben es geahnt: Ich habe ein Aber! Das ständige Fokussieren auf Effizienz, wenn es um Veränderungen geht, wird der heutigen Realität einfach nicht mehr gerecht. Es ist ein Teilaspekt, ja, aber doch längst nicht alles, was ein erfolgreiches Unternehmen ausmacht. Zu den oft zitierten Zeiten Frederick Taylors war das noch so. Seine ganze Grundidee lag ja darin, den optimalen Weg (»one best way«) zu finden, um die Produktivität so hoch wie möglich zu halten. Warum? Andere Faktoren waren für den Markt schlicht nicht ausschlaggebend. Die Hersteller bestimmten den Markt. Es ging ums Massengeschäft. Nehmen Sie zum Beispiel Waschmaschinenhersteller. Als Waschmaschinen sich …

Sprache der Wirtschaft: Fehlen Ihnen die Wörter?

»Lassen Sie uns doch Herrn Graflich ins Boot holen.« »Gute Idee, der hat Erfahrung darin, neue Projekte aufzusetzen.« »Ja, ich denke, er wird schon die richtigen Weichen stellen und alles in geordnete Bahnen lenken.« Ach ja, die Sprache der Wirtschaft. So richtig schön mechanistisch. Und vor 30-40 Jahren war diese Sprache auch noch zeitgemäß. Da konnten man Organisationen noch unbeschadet wie Maschinen denken – aus A folgt B, alles schön linear, Klick-Klack. Nur ist Denkweise heute eben gefährlich geworden. Auch wenn die Phrasen aus einer veralteten Zeit stammen, sind sie doch nur Wörter. Und Wörter sind nichts als Schall und Rauch? Ja, das hat mir damals in der Schule mein Erdkundelehrer erzählt. Heute weiß ich aber: Das ist Blödsinn! Sprechen ist nun mal fest mit dem Denken verkabelt. Das soll bedeuten: Wir denken, wie wir sprechen, und wir sprechen, wie wir denken. Die mechanistische Sprache ist also nicht deshalb ein Problem, weil die Wörter eine falsche Metapher für den Sachverhalt sind, sondern weil hinter diesen Wörtern eine falsche Denkweise steckt – nämlich eine tayloristische. Und wer tayloristisch …

Möge die Macht mit Dir sein

Möge die Macht mit Dir sein

Schulen sind ja schon manchmal witzig. Neulich beim Elternabend erzählt die Lehrerin einem Raum voller Erwachsener, dass die Kinder als nächstes die Knochen der Frösche lernen werden. Soweit, so gut, denke ich mir. »Und welche Lernmethode soll damit vermittelt werden?« »Welche Lernmethode? Nee, nee, es geht um die Knochen vom Frosch. Die Kinder sollen wissen, wie das Skelett aussieht.« Oh, entschuldige, wie naiv von mir! Zu denken, dass da ein tieferer Sinn dahintersteckt, als etwas zu vermitteln, das die Kinder bei Bedarf im Internet nachlesen könnten … Reine Wissensvermittlung, ohne Mehrwert für das Leben. Wie sinnlos! Die Kinder werden es trotzdem lernen. Aber mit der Debatte über Lehrpläne und das Schulsystem möchte ich Sie verschonen. Es geht mir um etwas ganz anderes. Etwas, das sich auch in jedem Unternehmen wiederfindet: Und zwar Wissen und wie es weitergegeben wird! Wenn ein Vorarbeiter weiß, wie eine Maschine eingestellt werden muss, dann erklärt er es seinen Kollegen. Wenn die Marketingchefin weiß, in welchem Format der Pressetext an die Redaktion geschickt werden muss, dass sagt sie das ihrem jungen …

Warum Sie keine Tickets kaufen müssen, um Theater dargeboten zu bekommen

Ja, Sie haben richtig gelesen, um ein Schauspiel zu beobachten, müssen Sie keine Karten kaufen. In Organisationen wird dies auch kostenlos gespielt. Geschönte Zahlen, geheuchelte Zustimmung, vertuschte Informationen und imposante Statussymbole inklusive. Leider handelt es sich dabei um eine sehr teure Form der Verschwendung, weil immer dann, wenn solch ein Theater gespielt wird, die wertschöpfende Arbeit im Unternehmen Pause hat. Das Verhalten und die Kommunikation gleichen einer Bühnenaufführung, weil ihr hauptsächlicher Zweck nur darin liegt, den formalen Strukturen der Organisation gerecht zu werden. Dafür wird ja gerne machthungrigen Managern die Schuld gegeben. So einfach ist das aber nicht. Denn ein kleiner Ausflug in die Systemtheorie zeigt, dass Organisationen nicht aus Menschen bestehen, sondern aus Kommunikation. Das mag erstmal befremdlich klingen, aber erinnern Sie sich an das legendäre WM-Halbfinalspiel 2014 zwischen Deutschland und Brasilien zurück. In den sieben ähnlichen Situationen, in denen Tore für Deutschland fielen, verhielten sich die deutschen Fans immer gleich – es wurde gejubelt! Und zwar unabhängig davon, welche Person in welcher Stadt auf welchem Stuhl saß. Dafür war keine vorherige Absprache notwendig, …