Führung, Organisation
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Vertrauen wird total überbewertet – Ein Beispiel von BP

»Als wir den Sinn unserer Arbeit nicht mehr sahen, begannen wir über Motivation zu reden.« An diesen alten Satz von Reinhard K. Sprenger musste ich sofort denken, als ich vor einiger Zeit folgende Wirtschaftsmeldung las und meinen Augen nicht zu trauen glaubte:

BP ändert Boni-Struktur
London. BP verändert wegen der Ölpest im Golf von Mexico seine Kriterien für Bonuszahlungen. Maßgeblich für die erfolgsabhängigen Zahlungen im vierten Quartal seien nur die Leistungen im Sicherheitsbereich, teilte der Konzern mit. Einem Unternehmenssprecher zufolge betrifft die Regelung die große Mehrheit der 80.000 Beschäftigten, die direkt mit der Öl- und Gasförderung zu tun haben. Die Betriebszeit einer Produktionsstätte oder das Fördervolumen sollten im vierten Quartal keine Rolle spielen (HAZ, 20.10.2010).

»Meinen die das Ernst?«, war meine erste Reaktion. Ich versuchte mir auszumalen, was jetzt passiert bei BP. So vielleicht:

John Danish, ein altgedienter Arbeiter auf der Ölplattform ‚Gina Lollobrigida‘ im Golf von Mexico beginnt sein Tagewerk. Die See ist mal wieder rau, die Tornadosaison hat begonnen. Wie immer in den letzten Tagen im August. Noch immer versuchen John und seine Kollegen den Bohrkopf immer tiefer in die See zu treiben. Nun schon seit vielen Tagen. Immer wieder dasselbe Spiel: wenn das Ende einer Bohrstange im Bohrloch verschwunden ist, wird mit Hilfe ausgeklügelster Technik deutscher Anlagenbauer die nächste Bohrstange eingebracht. Man könnte es fast eine Routinejob nennen, wenn nicht immer wieder etwas dazwischen käme, was die Männer mit viel Gehirnschmalz und Spucke lösen müssten. »Aber stell Dir vor, John, es wäre jeden Tag dasselbe – dann wäre es ziemlich langweilig hier«, sagt Derrick, der auch schon auf der Plattform ‚Brigit Bardot‘ Johns Kollege war.

Ein harter und auch nicht selten ein gefährlicher Job. Aber seit ein paar Tagen gibt es ja Prämien, wenn nichts passiert. Prima!
Wenn da nicht, ja wenn da nicht der junge Peter wäre, der als Rookie seit gerade mal 3 Monaten mit John und Derrick in der Schicht arbeitet. Peter ist ein harter Malocher und ein vorbildlicher Problemlöser, da kann man ihm nichts vorwerfen. Aber er ist eben ein Rookie, ein Neuling im Geschäft, und daher noch etwas zu draufgängerisch. Damals, als es noch Prämien für Fördermengen gab, konnte das unter Umständen hilfreich sein, aber jetzt? Paff! Da ist es schon passiert.

Bei einem erneuten Bohrstangenwechsel hatten sich zwei Flansche verklemmt. Peter war gleich als erstes losgestürmt, um mit harten Hammerschlägen die Flansche voneinander zu trennen. Gut gemeint – aber leider nicht gut gemacht. Denn durch das Lösen der ineinander verklemmenten Stahlringe, schwang das neue Bohrgestänge fast zweieinhalb Meter vom Bohrmittelpunkt weg und Derrick direkt an den Kopf. Ein kurzer dumpfer Schlag und Derrick krümmte sich vor Schmerz. Klar, wie jeder an Bord hatte auch Derrick einen Helm auf, aber durch die Wucht des Schlages wurde er gegen eine Verstrebung geworfen und die drückte sich tief in seinen Oberkörper ein. Wahrscheinlich eine geprellte Rippe, diagnostizieren die Kollegen schnell. Zusammen mit der erwarteten Gehirnerschütterung ist für Derrick schnell klar: die Schicht ist zu Ende. John begleitet Derrick zum Betriebsarzt. Beide fluchen über Peter, weil der wieder wie zu ungestüm die Sache in die Hand nehmen wollte, ohne auf die Sicherheit zu achten. Großer Mist, denn nächste Woche wollte Derrick mit seinen beiden Söhnen zum Football-Spiel gehen. Aber statt dessen ist zu befürchten, dass der Betriebsarzt ihn zwei Wochen ruhig stellt. Und das alles kurz vor Monatsende.

Aber was noch schlimmer ist: wenn er morgen nicht zur Schicht erscheint, dann ist die Sicherheitsprämie für die ganze Gruppe futsch. Die wird nämlich aufgrund der neuen Sicherheitskennzahl erhoben, die sich ganz sicher so ein Excel-Pupser von der Konzernzentrale einfallen lassen hat: Ausfallstunden pro Tausend Arbeitsstunden. Wenn die Kennzahl über 5 in einem Monat für die 20-köpfige Gruppe steigt, dann gibts nur den Basislohn, und für den will definitiv keiner hier an Bord arbeiten.

Kaum wird Derrick beim Betriebsarzt vorstellig, stehen auch schon Peter, Kevin, Dennis und Pascal von der Gruppe im Wartezimmer. Sie haben sich vorgenommen, den Betriebsarzt davon zu überzeugen, Derrick nicht ab morgen krank zu schreiben, sondern erst ab übermorgen. Den einen Tag würde Derrick — mit der Hilfe aller — schon irgendwie durchstehen. Übermorgen fängt der neue Monat an und Derrick würde sowieso am 2. von der Bohrinsel nach Hause reisen – die Ausfallstunden zählen dann nicht mehr. Der Bonus wäre gerettet.

Fazit: Wenn man Zäune um Menschen baut, bekommt man Schafe.

Was denken Sie, liebe Leser: Wie bezahlt man denn nun Mitarbeiter für richtiges Handeln?

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