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Ep. 42 Demokratie im Unternehmen

Episode 42 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«:

Derzeit wird ja wieder eine neue Organisationsdiskussion voller Inbrunst geführt, nämlich die, dass bzw. ob Unternehmen demokratisiert werden müssen. Nach meinem Dafürhalten vermischt sich da eine sehr moralische und eine zutiefst ideologische Überzeugung. Und die beiden treten dann gegen einander an.

Die Moralisten argumentieren tendenziell so, dass es doch per se richtig sei — moralisch gefestigter und besser — wenn Mitarbeiter im Unternehmen intensiver beteiligt werden. Während die Ideologen meinen, das ginge halt gar nicht, sonst käme es ja nicht zu einer Entscheidung und die müsse nun schon mal von dem Chef getroffen werden. Ich halte beides für Unsinn. Also zum einem ist die Demokratie ja für einen ganz anderen Zweck geschaffen, bzw. hat sich eher für einen ganz anderen Zweck entwickelt. Nämlich für den der Verträglichkeit. Also in einer gesellschaftlichen Gruppe sich nicht die Köpfe einzuschlagen. Das ist letztlich die große Errungenschaft von Demokratie. Scheinbar gibt es derzeit nichts besseres auf der Welt. Aber daraus abzuleiten, dass sich automatisch dadurch auch die besten wirtschaftlichen Entscheidungen treffen ließen hat überhaupt keine Grundlage. Warum sollte genau das so sein?

Denn in einem Unternehmen geht es ja nur in zweiter Linie darum, dass man sich nicht die Köpfe einschlägt — also das erwartet man eh. Sondern darum dass es erfolgreich ist. Wie man das auch immer ganz genau beschreiben möchte und definieren möchte. Andererseits daraus jetzt nun abzuleiten, ja natürlich Demokratie geht nicht, weil es müsse da ein Chef geben: ist genauso Unsinnig.

In beiden Denkmodellen — allein daran erkennt man schon, das beide nicht geeignet sind — fehlt das wesentliche für ein Unternehmen: der Markt. Der taucht in der Debatte ja gar nicht auf. Ist es womöglich der Markt der die besten Entscheidungen trifft für uns als Unternehmen? Natürlich nicht direkt, nicht unmittelbar, aber eben doch mittelbar.

Ich habe den Eindruck, es ist schon bewusst geworden, dass unternehmerischer Erfolg immer aus dem Handeln eines sozialen Systems heraus erwächst. Sonst würde die Debatte über Demokratie oder demokratischen Unternehmen gar nicht geführt werden. Wir müssen uns halt deutlich werden, dass wir Denkmodelle brauchen, in der der Markt eine Rolle spielt. In der klar wird, dass wir marktgerechte Entscheidungen treffen müssen. Und das deswegen auch der Markt viel eher das Argument liefern muss wie und vor allem — das ist in komplexen Systemen ja das wichtigste — wer Entscheidungen trifft. Da ist weder das Kollektiv per se noch der Chef per se der Richtige.


 

4 Kommentare

  1. Robin Nash sagt

    Lieber Lars,

    „Demokratie wird überbewertet.“ Bei uns im Unternehmen ernte ich für diesen Ausspruch als Betriebsrat und Mitarbeiter von meinen Kollegen erstmal wütende Blicke und hochgezogene Augenbrauen. Und dann erkläre ich denen, dass aus meiner Sicht der Begriff falsch gewählt ist.

    Was die Kollegen nämlich als „Demokratie“ ansehen, und sich wünschen, ist eigentlich ein gehört werden wollen. Sie wollen bei grundsätzlichen Unternehmensentscheidungen mitreden. Und das kann nützlich sein, denn die Mitarbeiter kennen zum Beispiel die genauen Abläufe in ihrem Unternehmen viel besser als die Chefs. Es ist also nur schlau, sich dieses Wissen zu Nutze zu machen und den Mitarbeiter zu hören.

    Am Ende des Tagen muss aber der Chef/Manager/Vorstand entscheiden, wie das Unternehmen handelt. Und diese Entscheidung kann nur bei ihm liegen. Natürlich kann es dann sein, dass er eine Entscheidung trifft, die den Mitarbeitern nicht gefällt. Aber dann ist es so. Erwarten würde ich dann, dass er den Mut hat, seinen Mitarbeitern die Entscheidung mitzuteilen und auch zu erklären, warum ihre Ideen gegebenenfalls nicht in die Entscheidung eingeflossen sind. So erkennt der Mitarbeiter dann, dass er sehr wohl gehört wurde, aber zum Beispiel die Anforderungen des Marktes (um den Bezug zu Deinem Artikel zu behalten) andere waren. Gerade dies können viele Chefs nicht.

    Viele Grüße
    Robin

    • Lieber Robin,

      »Am Ende des Tagen muss aber der Chef/Manager/Vorstand entscheiden, wie das Unternehmen handelt.«

      Diese Aussage beschreibt möglicherweise Eure heutige Praxis, sie ist aber als allgemeine Forderung gänzlich ungeeignet, weil falsch. Natürlich »darf« die formale Führung Entscheidungen treffen, aber »müssen«, gemeint als Forderung, um das höchste Maß an wirtschaftlicher Überlebensfähigkeit zu erzielen, entzieht sich jeder wissenschaftlichen und empirischen Grundlage.

      Oder anders ausgedrückt: ich plädiere hier mit nahezu jedem Post und jedem Artikel nicht für Partizipation (geschweige denn für Unternehmens-Demokratie), sondern für Selbstorganisation. Ich weiß, dass dies nicht gängige Praxis ist, und dass an vielen Stellen die Vorstellungskraft dafür fehlt (»Dann macht hier ja jeder was er will…«), aber ich weiß auch, dass dies die derzeit erfolgsversprechenste Organisationsform für dynamische Märkte ist.

      Danke für Deine Auseinandersetzung mit meinem GedankenGang 😉
      Lars

    • Hallo Lars,

      habe gerade Deinen Gedankengang Ep. 42 – Demokratie in Unternehmen – angesehen, bei dem Du auf die Notwendigkeit von Denkmodellen hinweist, in welchen auch der Markt eine Rolle spielt. Du sprichst mir aus dem Herzen!

      Hiermit möchte ich so ein Denkmodell vorstellen, wo die Umwelt bzw. der Markt (Farbe: Grün) die Aufmerksamkeit bekommt, die Du in Deinem Video einforderst. Dieses Denkmodell ist für Führungskräfte gedacht, die ihre Unternehmung unter „Kontrolle“ behalten wollen. Dazu habe ich eine Rede gehalten: https://youtu.be/1-gQODzejl0

      Bei diesem Denkmodell wird zwischen UMFELD und UMWELT folgendermaßen unterschieden:
      Zähle zum UMFELD all die Menschen, mit denen Du auf Augenhöhe Vereinbarungen treffen kannst, was Ihr voneinander erwarten könnt und was nicht.
      => Beispiel: So können die drei Kunden von einem Sondermaschinenbauer zum UMFELD gehören.

      Zähle zur UMWELT all die Menschen, mit denen Du keine Vereinbarungen treffen kannst.
      => Beispiele: Dazu kann die andere Abteilung in der eigenen Firma gehören oder ein Kollege, der nach einem Streit den Kontakt abgebrochen hat und jetzt im Hintergrund gegen einen Stimmung macht. Eine Markt- bzw. Kundenbefragung ändert nichts daran, dass bei einem Automobilhersteller oder Handyhersteller die millionenfache Kundschaft zur UMWELT gehört.

      Mit diesem Verständnis der Unterscheidung UMFELD zu UMWELT öffnet sich ein anderes Bewusstsein, womit sich andere Fragen ergeben. Zum Beispiel:
      a) Mit welchen Techniken und Technologien können Akteure aus der UMWELT zu Mitspielern im UMFELD gemacht werden?
      b) Wann ist es sinnvoll, dass Akteure zum UMFELD bzw. wann zur UMWELT gehören?
      c) Wie können die unendlichen Möglichkeiten des Marktes (UMWELT) kontrolliert genutzt werden?

      Ich hoffe, dass mit diesem Bewusstsein der Fokus von einer moralischen, als auch ideologisch geführten Diskussion, auf ein gemeinsames Brainstorming gerichtet werden kann. Ich freue mich, Dich dieses Wochenende auf dem Wevent in Bonn, endlich persönlich kennenzulernen.

      Saludos,
      Daniel

      • Hallo Daniel,

        besten Dank für Deinen Kommentar. Die Unterscheidung zw. Umfeld und Umwelt klingt interessant – ich muss mal darüber nachdenken, bei welchen Problemen ich sie nutzbar einsetzen könnte.
        Darüber ließe sich aber auch beim intrinsify.me-Wevent in Bonn trefflich diskutieren. Ich freue mich darauf.

        Mit bestem Gruß
        Lars

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