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Ep. 47 Die versaute Sprache der BWL

Episode 47 der Video-Reihe »Vollmers GedankenGänge«:

 

 

Wörter sind wie Schall und Rauch – hat mein Erdkundelehrer immer gesagt. Und jetzt hat es fast tatsächlich 30 Jahre gedauert bis ich endlich weiß, wie unrecht der Mann hatte. Denn Sprache prägt natürlich in erheblichem Maße unser Denken. Gern auch anders rum: Denken prägt unsere Sprache.

Und wenn wir uns unsere Wirtschaftssprache heute anschauen, dann ist es ganz erschreckend, wie durchsetzt sie von mechanistischen Denken ist. Wir hören da Begriffe wie »ins Boot holen« oder »in die richtigen Bahnen lenken« oder »die Weichen stellen«. Als wenn das Unternehmen eine Lokomotive wäre. Oder »to fix a problem« – »ein Problem lösen«, als wenn es ein Schnürsenkel wäre oder ein Knoten.

Die BWL, mit Verlaub, die hat uns da scheinbar schon sehr versaut. Denn sie hat uns irgendwie eingebläut oder einbläuen wollen, dass Unternehmen, Organisationen, ja fast schon die ganze Wirtschaft am Markt wie eine Maschine zu denken wäre. Eben wie eine Lokomotive, wie eine Waschmaschine, wie eine Saftpresse. Aber mit diesem Denken werden wir heute zunehmend immer wieder in Wrong Turns reinrasseln.

Wir brauchen zum neuen Denken eben auch eine neue Sprache. Wir können starten einfach mal mit neuen Begriffen wie »trainieren«, »sich vorbereiten« – die sind gar nicht schwierig die Begriffe. Aber sie drücken einfach ein anderes Denken aus. »Könner suchen«, »Menschen mit Problemen provozieren« oder schlicht und ergreifend: »Lernen«.

 

Fehlen-Ihnen-die-WoerterLesen Sie dazu auch meine Kolumne vom 5. Juli 2015:
Sprache der Wirtschaft – Fehlen Ihnen die Wörter


 

4 Kommentare

  1. Leo sagt

    Wenn ich Dich richtig verstehe, Lars, dann geht es Dir nicht darum, Metaphern zu verdammen sondern darum, uns zu sensibilisieren.

    Die oft benutzte Redewendung »die Weichen stellen« ist eine Metapher. Es kann sinnvoll sein, sie in einem bestimmten betriebswirtschaftlichen Kontext zu benutzen. Man muss deswegen nicht zwangsläufig in einer Vorstellungswelt leben, in der sich Unternehmen auf präzise verlegten Schienennetzen mit zahlreichen Weichen und Signalen bewegen.

    Wenn »Chefs« jammern, wie anstrengend es sei, den »Karren zu ziehen«, während sich »die Belegschaft« darüber beklagt, den »Wasserkopf mit durchfüttern« zu müssen, stören mich nicht die Metaphern sondern die Geisteshaltung, die sich in dadurch offenbart.

    Was aber ist mit Begriffen aus der BWL, die keine Metaphern sind? Beispielsweise sind mit dem Fachbegriff »Materialaufwand« aus der GuV nicht nur Roh-, Hilfs-, und Betriebsstoffe sowie bezogene Waren gemeint sondern auch »Leistungen«. Offenbart sich hier eine (ehemalige?) Geisteshaltung, in der menschliche Arbeit nur »Material« ist?

    Viele Grüße

    Leo

    • Auf den Punkt, lieber Leo. Ich möchte Denkangebote für die neue Wirtschaft geben, die Sprache ist hier das Vehikel.
      Ich strapaziere ja desöfteren den Unterschied zwischen Kompliziertem und Komplexem und für das komplizierte ist die mechanistischen Sprache präzise und zumeist unmissverständlich. Die moralische Bewertung eines Begriffes wie »Materialaufwand« in der GuV spielt dabei für mich keine Rolle.

  2. Moin Lars,
    der Begriff „Lernen“ steht hier (s. Text oben) sozusagen allein, d.h. nicht im Rahmen eines Begriffspaares wie „komplex vs. kompliziert“.
    Wie wäre denn das Begriffspaar zu Unterscheidung „Lernen_1“ (=Wissen erwerben) vs. „Lernen_2“ (=Können [an]trainieren)?

    M.

    • Moin Martin,

      beim ersten Lesen dachte ich bei mir, »auf so eine sprachlich Idee kann auch nur ein Ingenieur wie ich kommen«. Wenn ich sehr sorgfältig bin, verwende ich für Wissen aufbauen (also im komplizierten) den Begriff »Pauken« und nur beim antrainieren den Begriff »Lernen« oder auch Üben.
      Aber beim zweiten und dritten Nachdenken gefällt mir „Lernen 1“ und „Lernen 2“ gar nicht mehr so schlecht. Aufrichtigen Dank für den Impuls!!

      Gruß
      Lars

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