Führung, Organisation
Kommentare 3

Volkswagen anno 1628 – Wenn sich Geschichte wiederholt

Mit leichtem Unbehagen betritt Gunnar Detlefsson den Audienzsaal Gustav II. Adolfs von Schweden. Er verneigt sich ehrerbietig und doch voller Ungeduld. Endlich wird ihm erlaubt, sein Anliegen vorzutragen.
»Euer Majestät, die Rechnung für die treffliche Flottille ist heute Morgen eingetroffen. Ich habe mir erlaubt, das Dokument viermal zu prüfen, alldieweil mir gleich mehrere Posten unstimmig erscheinen. Zu meinem Leidwesen muss ich Euch mitteilen, dass ich die Ursache des Fehlers nicht zu finden in der Lage war. Dies zu melden und Euer Majestät mein untertänigstes Bedauern auszudrücken, gepaart mit der Befürchtung, dass man sich zu Ungunsten des Hofes verrechnet hat, waren in Anbetracht der Dringlichkeit der Angelegenheit natürlich eins, nachgerade …«

»Nun mal langsam, Detlefsson.« Der König lächelt jovial. »Wie hoch ist denn nun der Schaden?«
»Verzeiht, Euer Majestät, es handelt sich nicht um einen Schaden, der sich in schwedischen Reichstalern messen lässt. Vielmehr sind es die Verhältnismäßigkeiten der aufgelisteten Posten, die mich stutzig machten. Wenn Euer Majestät erlauben …«
Gunnar Detlefsson zieht eine Schriftrolle hervor. »Die Zahl der Kanonen für die Vasa beläuft sich auf 64, eine beachtliche Zahl. Wie Euer Majestät wissen, wird der Kielraum des Schiffes als Gegengewicht mit Ballaststeinen gefüllt. Normalerweise sind pro installierter Geschützeinheit mindestens …«
»Detlefsson, Ihr langweilt mich«, unterbricht ihn Gustav II. Adolf.
»Bei Gott, Euer Majestät, ich schwöre Euch, das liegt nicht in meiner Absicht. Die Zahl der bestellten Steine reicht niemals aus, um das Gewicht der Kanonen auszugleichen. Das Schiff wird kentern!«
»Behelligt mich nicht länger mit Euren Unkenrufen, Detlefsson. Verzögert sich die Fertigstellung der Vasa, so werdet Ihr’s mir mitsamt den Konstrukteuren am Galgen büßen!«

Betroffen flüchtet der Schatzmeister aus dem königlichen Schloss. In einer Eilkutsche lässt er sich über die Inselbrücken Stockholms zur Werft fahren, wo die Vasa vor Anker liegt. Dort angekommen, zeigt ihm der Hafenmeister den Fortgang der Arbeiten.
An der Mole trifft gerade eine Ladung Steine ein.

»Sind das alle?«, vergewissert sich Gunnar Detlefsson.
»Das war die letzte Fuhre«, nickt der Hafenmeister. »Heute Abend ist der Kielraum voll, ab morgen geht’s an die Bewaffnung.«
Der Fuhrmann, der das Gespräch mitbekommen hat, nimmt seine Mütze ab und wischt sich den Schweiß von der Stirn.
»Seid Ihr da sicher?«, fragt er. »Was wir rangeschafft haben, wär’ für kaum ein halb so großes Schiff genug!«
»Das reicht diesem Trumm von Kahn nie als Gegengewicht!«, pflichtet ihm einer der Tagelöhner bei, die das Schiff beladen. »Glaubt mir, ich hab sowas schon öfter gemacht und …«
»Halt’s Maul, oder heute war’s das letzte Mal!«, weist ihn der Hafenmeister lautstark zurecht. »Weitermachen, los!«
Gunnar Detlefsson runzelt die Stirn und will etwas sagen. Da fallen ihm die Worte des Königs wieder ein. Er schweigt.

Die Jungfernfahrt der Vasa am 10. August 1628 fand noch im Hafen von Stockholm ein jähes Ende. Bei einer starken Windböe kenterte das Schiff und sank. Es hatte noch nicht einmal eine ganze Seemeile zurückgelegt.

Volkswagen anno 1628 - Wenn sich Geschichte wiederholt

Ich mag diese Geschichte aus meinen Buch »Wrong Turn – Warum Führungskräfte in komplexen Situationen versagen« sehr. Und wenn ich es mir recht überlege, ist der Abgasskandal bei VW nichts weiter als eine Wiederholung der Vasa.
Mitarbeiter kommt zu Chef und sagt: »Die Abgaswerte können wir niemals einhalten. Wir müssten noch eine ganze Weile daran entwickeln.«
Meint der Chef: »Behelligen Sie mich nicht mit Ihren Schwarzmalereien. Entweder die Motoren sind rechtzeitig fertig, oder Sie und die restlichen Entwickler können sich einen neuen Job suchen!«

Und schon ist es passiert …

 


 

3 Kommentare

  1. Ivan Rotag sagt

    Herr Dr. Vollmer

    Eine wunderbare Geschichte, die auch für mehr bedauernswerter Weise nicht her halten kann. Leider bin ich diese Beispiele von Ihnen nicht gewohnt. Gern und aufmerksam lese ich schon eine Weil Ihre gesammelten Werke. Doch diese ist in so multipolarer Sicht grob falsch, dass ich diesem Beispiel als Anlehnung nicht im Ansatz folgen kann.

    Es mag durchaus der Fall sein, dass ich als (und das seit mehreren Jahrzehnten) zufriedener Kunde von VW etwas voreingenommen bin, doch kann ich zu diesem Beispiel nicht einmal sagen, dass nicht mal das Gegenteil richtig wäre.

    Despotischer König gegen Gier und Sharholder-Value getriebene Vorstände,
    Schiff als Ganzes gegen Motor als Teil,
    Rechenfehler gegen absichtliches Täuschen
    und was ist das Pendant zum Schiffsuntergang?
    Das was besten Falls und mit viel Fantasie passt sind Zeitdruck und Kosten.

    Und als Essenz dessen sollten die Ingenieure am Galgen hängen, ist das Ihre Botschaft? Oder besser doch die Vorstände? Doch dann passt die Allegorie nicht mehr.

    Gleichwohl konstatiere ich, dass in beiden Fällen Niemand weiß, was wer zu wem gesagt hat und in mindestens einem Fall werden wir es wohl oder übel auch nie erfahren.

    Gruß zum Schluß, da kommt mein Bus

    • Lieber Herr Rotag,

      Ihr engagierter Einsatz für Volkswagen ehrt sie. Nur ist dieser Beitrag und meine Person als Autor sicher der falsche Adressat: ich selber habe keinerlei Kritik an den hervorragenden Produkten noch an den bei und für VW arbeiteten Menschen formuliert. Dazu hätte ich auch keinerlei Anlass.
      Und selbstverständlich nehme ich mir nicht das Recht heraus, ein Urteil zu sprechen oder gar ein Strafmaß vorzuschlagen.

      Es ist gerade das Wesen einer Analogie, dass sie ein Ereignis auf ein völlig anderes projiziert, das sich eben gerade in vielen Details vom ursprünglichen unterscheidet. Meine Analogie hier vollzieht sich ausschließlich und explizit auf der Ebene einer bekannten und allgegenwärtigen Managementtechnik, des ›Performance Managements‹, und deren verheerenden Wirkung. Damals wie heute. Alles andere, also Charakter der Protagonisten, technischer Gegenstand, Folgen usw. sind von der Analogie nicht adressiert.
      Eine ähnliche Analogie auch für die Deutsche Bank, Siemens oder die ERGO-Versicherung zu ziehen, wäre im Übrigen ebenso plausibel, nur nicht so aktuell.

      Mit aufrichtigem Gruß
      Lars Vollmer

  2. Ivan Rotag sagt

    Lieber Herr Dr. Vollmer

    Ihrer Empfehlung bin ich gefolgt und habe neue Adressaten gefunden. Obgleich dies mehr Ihrer Antwort gilt. Lila Tretikov und Wolf-Rüdiger Feldmann.

    Mit aufrichtigsten Grüßen
    Ivan Rotag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.