Führung
Kommentare 8

Voodoo-Management – Wenn Erfahrung zum Wirksamkeitskiller wird

Ich will Ihnen ja nicht die Illusionen rauben, aber … Äh, Moment … Nein, in Wahrheit will ich Ihnen sehr wohl die Illusionen rauben! Ich will sie Ihnen zertrümmern! Aber hallo!

Sie haben da nämlich eine, jedenfalls bin ich da ziemlich sicher. Genauer und ganz profan: Mit großer Wahrscheinlichkeit begehen Sie gewohnheitsmäßig in Ihrem täglichen Geschäft einen ganz handelsüblichen Denkfehler, der Sie dazu verleitet, sich selbst und anderen Menschen das Leben zum Fegefeuer zu machen. Und ich schlage Ihnen höflich vor, ihn zu bemerken und anschließend sein zu lassen. Zu Ihrem besten Nutzen. Und dem Ihres Umfeldes.

Projektstatus: Denkfehler

Dieses Mistvieh von Denkfehler nenne ich vorschlagsweise »Selbstwirksamkeits-Fata-Morgana« (… wohl wissend, dass irgendwo in der psychologischen Fachliteratur ein besserer Name dafür vergraben ist)

Und der geht so:

Stellen Sie sich vor, da läuft unter Ihrer Ägide ein komplexes Projekt, mit vielen Unsicherheit und Unwägbarkeiten – wie das heute eben so ist: Der Kunde ändert ständig seine Meinung, die Lieferanten liefern an anderen Tagen als vereinbart, der eine oder andere Mitarbeiter wird unpässlich oder zu einem anderen Projekt abgezogen und zu allem Überfluss ist sich die Entwicklung nicht sicher, ob das technische Problem überhaupt lösbar ist. Die Deadline droht. Projektstatus: schwierig.

Doch was wäre die Welt ohne Sie: Weil Sie wissen, wie man’s macht, setzen Sie nun harte Meilensteine für jede Phase. Sie knien sich in die Pläne rein, rechnen, kalkulieren und geben dann dem Team genaue Zielvorgaben für die einzelnen Gewerke vor.

Und siehe da: Am Ende läuft das Team gerade noch rechtzeitig durch’s Ziel. Es hat geklappt! Großer Erfolg. Großer Stolz. Das haben Sie super gemacht.

Wirklich?

Der Meilensteine-Aberglauben funktioniert

Worauf ich hinaus will: Mit größter Wahrscheinlichkeit erreichen Teams das Ziel nicht wegen der Meilensteine und Zielvorgaben, sondern TROTZ der Meilensteine und Zielvorgaben. Wenn sich die Projektmanager damit konsequent zurückhalten würden, wären die Teams vermutlich oft sogar früher fertig. Fragen Sie mal die vielen Experten für agile Entwicklungsmethoden, wie sich nachweislich Projektdurchlaufzeiten verlängern, wenn klassisches Projektmanagement mit harten Meilensteine und Zielvorgaben auf komplexe Probleme (sorry, das ist ja ein Pleonasmus) treffen. Oder erinnern Sie sich an meinen Beitrag über die Kunst später anzufangen, um früher fertigzuwerden »

Die Projektmanagement-Erfahrenen der alten Schule widersprechen vielleicht jetzt und behaupten das Gegenteil. Geschenkt, die Diskussion können wir ein anderes Mal führen. Der Punkt auf den ich hinaus will, ist: Niemand kann wissen, dass die Meilensteine wirksam waren. Die Verantwortlichen können lediglich dem Aberglauben anhängen, dass dem so ist.

Und wer jetzt argumentiert, die Erfahrung gäbe ihm recht, dann argumentiert er wie Menschen, die an Voodoo-Zauber glauben – deren Erfahrung gibt ihnen auch recht, denn es funktioniert ja. Sonst würden sie ja nicht daran glauben … Übrigens: kennen Sie die Adivasi? Nein Dann schauen Sie mal hier »

Wissenstransfer bringt noch kein Gleichgewicht

Ein Beispiel, an dem Sie den Effekt leicht nachvollziehen können: Fahrradfahren lernen. Wie Sie wissen, hat das nur wenig mit Wissen zu tun. Ihr Kind wird es kaum schneller lernen, wenn Sie ihm vorher beibringen, wie die Pedale angeordnet sind, welche Kräfte wie übertragen werden, wie groß die Erdanziehungskraft ist und in welchem Winkel der Lenker eingeschlagen werden muss, sobald sich das Fahrrad um zwei Grad neigt. Ihr Kind muss es lernen, damit es Fahrradfahrer KANN. Können kommt nicht von Wissen. Viele Könner verfügen natürlich auch, also zusätzlich über Wissen, beides ist aber dennoch grundsätzlich verschieden. Können beinhaltet nämlich auch aufgeschürfte Knie.

Ich habe meinen drei Kindern das Fahrradfahren beigebracht. Oder ehrlicher gesagt: Ich war bei allen drei Kindern dabei, als sie sich selbst das Fahrradfahren beigebracht haben. Und ich ich habe mich dabei genauso blöd angestellt wie vermutlich Millionen andere Väter (und Mütter). Ich habe nämlich bei den ersten Versuchen angeschoben, angstvoll losgelassen und dann lauthals gerufen: »Gleichgewicht halten!«

Also alles was Recht ist: Was bitte soll das Kind mit diesem Ruf anfangen? Was bedeutet »Gleichgewicht halten«? Wie geht das? Wie macht man das?  Die Wahrheit ist: Gleichgewicht ist ein Gefühl. Es kann nicht auf Zuruf tradiert werden. Das Kind spürt es mit dem ganzen Körper oder nicht, egal, was der Vater nun dazu ruft.

Beschränkte Selbstwirksamkeit

Es wird noch spannender: Wenn ich das zwanzigmal mache: anschieben, loslassen, »Gleichgewicht halten!« rufen und bangen … dann kann das Kind plötzlich Radfahren. Es hält das Gleichgewicht! Es fährt Fahrrad! Es hat’s gelernt! Freudentränen…

So, und in diesem Augenblick ist es nur ein klitzekleiner Schritt und Sie sehen die Fata Morgana, nämlich dass dies Ihr Verdienst war, dass Ihr Zuruf den Ausschlag für den Erfolg gegeben hat, Ganz klar: sonst hätte Ihr Kind es niemals geschafft.

Natürlich wissen Sie, dass dem so nicht ist. Und ja, überflüssig sind Sie in dem Prozess keineswegs, Ihre Wirksamkeit beschränkt sich jedoch eher darauf, Ihrem Kind beim Aufstehen zu helfen, auf die Abschürfungen zu pusten, zu trösten und ihm Mut zuzusprechen.

Alle Belehrungen und Vorgaben sind wirkungslos. Ja, vermutlich sogar schädlich.

Manches im Leben klappt, obwohl es behindert wird. Und genau diese Verkettung der Umstände macht es denjenigen, die behindern, schwer sich beim nächsten Mal das Behindern zu versagen. Schließlich können sie sich ja auf das positive Ergebnis berufen.

Gesammelte Erfahrungen

»» Manager plant. Ziel wird erreicht. Manager freut sich. Planen hilft!

»» Die Mannschaft liegt zurück. Löw wechselt Götze ein. Götze trifft. Löw hat alles richtig gemacht!

»» Hochspringer nutzt Straddle-Technik. Wird Olympiasieger. Hat die beste Technik gewählt!

»» Kolumbus wählt den Westkurs. Findet Westindische Inseln. Hat kürzesten Seeweg nach Indien entdeckt!

So scheint es. Aber in Wahrheit hilft das Planen beim Zielen nicht, ohne Götzes Einwechslung hätte sicher Podolski getroffen. Zweimal! Der Fosbury-Flop ist tatsächlich die überlegene Hochsprungtechnik und Kolumbus hat Indien nicht gefunden. Und das hätte im Moment des Erfolgs ja keiner ahnen können!

Um der Selbstwirksamkeits-Fata-Morgana zu entgehen, hilft Führungskräften ein Ausbruch aus der Denkspirale, dass eine bestimmte Praxis richtig ist, nur weil sie es in der Vergangenheit immer so gemacht haben und das den Misserfolg nicht verhindert hat. Das, was wir Menschen gemeinhin als Erfahrung bezeichnen, ist oft nur die jahrzehntelange Bestätigung unserer eigenen Vorurteile.

Um aus diesem Muster herauszutreten, können Sie einen von zwei Wegen beschreiten: Sie können das mit einem intellektuellen Prozess tun, indem Sie beispielsweise rational verstehen, warum Meilensteine unmöglich ein Projekt beschleunigen können. Oder Sie geben sich selbst die Gelegenheit, es zu erleben, indem Sie beispielsweise wie in einer Art Praktikum in einem Projekt in einem anderen Unternehmen mitmachen, das ohne Meilensteine und klassisches Projektmanagement-Tetris auskommt und gerade deshalb wunderbar funktioniert.

Aber Vorsicht: Das könnte Ihnen tatsächlich Illusionen rauben …
Ach ja … Wenn Sie einen noch schöneren Begriff für »Selbstwirksamkeits-Fata-Morgana« wissen, freue ich mich über Ihren Kommentar. Danke!

 


Bild: © Depositphotos.com 11324401/fergregory

8 Kommentare

  1. Werter Herr Vollmer,
    wie Sie oder auch Gunter Dueck an anderer Stelle schon angemerkt haben, könnte man auch hier zusammenfassen, dass Korrelation und Kausalität gerne verwechselt oder aus Augenwischer-Absichten gleichgesetzt wird.
    Dies dünkt mir hier im von Ihnen beschriebenen Fall ein ähnliches Prinzip. Die Erkenntnis, dass Kausalität „im nachhinein“ konstruiert wird, würde uns so manche vorausschauend entwickelte Methoden ersparen….
    beste Grüsse

    • Clemens Böge sagt

      Ich denke auch, die Unterscheidung zwischen Kausalität und Korrelation beschreibt die Sache ganz gut.
      Einen anderen, vielleicht passenden Begriff habe ich von Rolf Dobelli („Die Kunst des klaren Denkens“) gelernt: Outcome Bias oder auch Historikerirrtum. Der Begriff beschriebt unsere Tendenz, Entscheidungen anhand des Ergebnisses zu bewerten und nicht aufgrund das damaligen Entscheidungsprozesses.
      Dobellis Tipp: „Statt also mit einer Entscheidung zu hadern, die sich als falsch erwiesen hat, oder sich für eine Entscheidung auf die Schulter zu klopfen, die vielleicht rein zufällig zum Erfolg führte, sollten Sie sich besser noch einmal vor Augen führen, warum Sie so entschieden haben.“

  2. K. Bollhorst sagt

    Guten Tag Herr Vollmer,

    ein bisschen hinkt der Fahrradfahr-lern-Vergleich;-)

    Es gibt durchaus Wege, den Lernprozess zu „beschleunigen“, indem man sich mit den Grundlagen auseinandersetzt. Z.B.: Erst Laufrad lernen lassen, dann gibt es nicht so viele aufgeschürfte Knie….
    Dadurch wird der Gesamt Prozess Fußgänger-zu-Fahrradfahrer vielleicht nicht kürzer, aber das Erfolgserlebnis für das Kind deutlich verbessert. (Lernen durch Erfolg und nicht durch Schmerzen)

    Ich denke, dass man, wenn richtig angewendet, trotzdem mit „Milestones“ arbeiten kann. (Erstmal Laufrad fahren, dann Fahrradfahren)

    Allerdings sollten diese eben nicht zu eine Voodooreligion, als alleinig seelig-machend verklärt werden.
    Ein guter Projektmanager kann aus einem ganzen Werkzeugkasten an Hilfsmitteln wählen und vor allem diese dann auch sinnvoll einsetzen, um zum „Erfolg“ zu kommen.

  3. Leila sagt

    Lieber Lars, das hört sich schlüssig an . Ich teile deine Ansicht in vielen Situationen. Loslassen ist oft alles, auf die gesunde eigene Intelligenz der mich umgebenden Menschen setzen. Mein Team mag es aber sehr gerne, wenn ich ihnen sage was wann gemacht werden muss damit wir zum Schluss punktgenau fertig werden. Will sagen, jemand anders hat den Überblick, ich muss nicht soviel denken , fühle mich sicher damit was ich tue und gemeinsam schaffen wir das dann. Glaubst du an die totale Organisationslosigkeit? Also ein Team hat eine Aufgabe und sie werden das schon irgendwie machen?
    Ich wurde mal eingestellt um das Chaos das genau durch so eine Ausgangssituation entstanden ist zu strukturieren. Seitdem arbeite ich an der Entwicklung der Eigenständigkeit aller Teammitglieder, damit ich irgendwann was andres machen kann. Anscheinend fühlen sich alle aber so wohl in dieser Struktur in der ich die „Denkaufgabe“ übernehme, dass ich bis jetzt immer noch hier bin 😉
    Auf deine Antwort gespannt…Grüsse von leila

  4. Lieber Lars,

    ich finde den Begriff „Illusion“ sehr treffend. Die Frage ist, wann und wozu braucht der Mensch Illusionen? Das ist in der Regel dann der Fall, wenn die Realität zu furchteinflössend ist, dann machen wir uns lieber was vor. Unterbewußt natürlich.
    Und offenbar ist es für Mitarbeitende in Projekten sehr bedrohlich, nicht absehen zu können, ob auch alles gut wird und wie die anderen wohl reagieren, wenn nicht alles gut wird. Die Sicherheit und gute Beziehung zu wichtigen Personen ist gefährdet. Dann greift der Mensch zu allen denkbaren Strategien, so auch der Illusion.
    Deshalb ist es ja auch nicht trivial, einfach mal loszulassen. Denn unser Echsenhirn, dass sich um unsere Sicherheit und unser Überleben kümmert, feuert aus allen Rohren. Loslassen fühlt sich an wie Kamikaze.
    Umso besser finde ich deinen Vorschlag des Praktikums. Mitanzusehen, dass es auch anders geht gibt neue neuronale Verschaltungen, so dass wir wesentlich ruhiger bleiben können, wenn wir das ausprobieren!
    Unsere Bedürfnisse nach Sicherheit und Zugehörigkeit sind enorm stark und wirken hinter jeder Form von „Rationalisierung“ (auch eine Strategie, damit die Realität nicht so Angst macht), was dein Fahrrad-Beispiel ja sehr schön verdeutlicht. Je eher wir uns das selber eingestehen, umso besser klappts auch mit dem loslassen und vertrauen.

  5. Kirsten Roden sagt

    Hallo Herr Vollmer,
    wie wäre es mit ‚Illusion of impact‘ – als Alternative zur Selbstwirksamkeits-Fata-Morgana. Das deutsche Wortspiel finde ich zwar treffender, aber meine indischen Kollegen werden deutlich Probleme mit der Aussprache haben! 🙂
    Ansonsten – für mich der richtige Artikel zur richtigen Zeit, vielen Dank!
    Kirsten Roden

  6. Lieber Lars Vollmer,
    eigentlich kann ich Ihnen voll Freude nur zustimmen, aber leider nur eigentlich. Ob Plazebo oder Voodoo, oder andere Glaubenssätze – vor allem die sich mit Rationalität verkleiden – sind wirksam – eben weil wir / man daran glauben. Also, wenn sich Illusionen aufgelöst haben, was folgt statt dessen? DesignThinking, flache Hierachien, Holocracy,… Wenn man Methoden so völlig entzaubert (ist das vielleicht auch nur Voodoo), dann nimmt man ihnen sicher die Wirksamkeit. Also wie gut balancieren zwischen Selbst-Aufklärung und Überzeugungs-Fixierung (Wahn)?
    Ich fürchte, dass Sie (verzeihen Sie mir dieses persönliche Statement) auch einer Zauberidee folgen: die Wirksamkeit der Provokation. Die – so meine ich – wirkt auch nur bei jenen, die eh schon ähnliche Gedanken, wie Sie hatten. Und die anderen, die schon nach drei Sätzen abspringen?

  7. Pingback: Aberglauben im Projektgeschäft? -- 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.