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Warum ein halber Bonus besser ist als ein ganzer

Wissen Sie, es gibt da etwas, das mich rasend macht. Was mich wirklich aufregt. Ich habe lange Zeit gebraucht, um einen Weg zu finden, damit umzugehen. Und dann habe ich etwas von einem deutschen Arzt aus dem 18. Jahrhundert gelernt. Seitdem bin ich wesentlich entspannter und kann über das, was mich früher so aufregte, sogar manchmal schmunzeln.

Toxisches Verhalten

Aber der Reihe nach. Was mich so leicht an die Decke bringen konnte? Stellen Sie sich vor, Sie erkennen, dass eine bestimmte Praktik im Leben oder in der Arbeit ganz offensichtlich schädlich ist. Lebensfeindlich. Falsch. Sagen wir: giftig! Nicht bloß für einen selbst, das wär ja kein sonderliches Problem, sondern auch für andere. Für viele. Sowas wie Kettenrauchen im Kinderzimmer oder Atommüll ins Meer verklappen oder Abrichtung von erwachsenen Menschen durch individuelle Boni in einem Unternehmen etwa.

Doch obwohl Sie glasklar erkennen können, dass die Praktik giftig ist, müssen Sie zusehen, wie Menschen sie weiterhin praktizieren, einfach, weil sie den Schaden nicht erkennen, ihn nicht verstehen oder weil der kurzfristige und persönliche Vorteil so groß ist, dass der langfristige Schaden für das große Ganze in Kauf genommen wird – sogar wenn dieser Schaden immens ist.

Und manchmal ist es auch nur die schiere Gewohnheit: Haben wir schon immer so gemacht, auch wenn es strunzdumm ist. Also machen wir es weiter so … Tja, und außerdem haben wir einfach keine Idee, was wir stattdessen tun sollten. Also vergiften wir uns und andere eben weiter …

Grrrrrrrr!

Scharlatane!

Ein solches Verhalten dürfen wir ruhig Scharlatanerie nennen: Eine Praktik funktioniert nicht, aber sie wird von Leuten aus Unwissenheit, weil es sich einfach lohnt oder aus anderen unzureichenden Gründen lautstark befürwortet und angewendet. Mit schlimmen Folgen. Scharlatanerie in der Medizingeschichte war zum Beispiel die zusätzliche Vergiftung von ohnehin schon schwer kranken Patienten mit Blei und Quecksilber oder die Schwächung ohnehin schon schwacher Menschen durch Aderlass.

Und das sarkastische daran: Manchmal überlebte ein Patient, was dann als Beweis für die Wirksamkeit der Praktik herangezogen wurde. Und wenn der Patient starb, konnte man einfach sagen: »Blöd, der war unheilbar krank, da war nichts mehr zu machen, auch nicht mit dem schönen Blei.«

Genauso läuft das mit Performance Management und den individuellen Boni: Sie sind zwar toxisch wie Quecksilber, aber manchmal haben Unternehmen dennoch Markterfolg, obwohl sie die gemeinsame Leistungsfähigkeit der Mitarbeiter mit finanziellen Anreizsystemen systematisch untergraben. Dann tut man so, als ob die Boni hilfreich gewesen wären, dabei hatte das Unternehmen nicht wegen, sondern nur trotz der Boni Erfolg.

Gift bleibt Gift

Gut, und wie habe ich also gelernt, mit dieser Scharlatanerie besser umzugehen? Ich habe etwas Interessantes über Vergiftungen nachgelesen: Ein ruheloser, ständig an sich und seinen Verwandten herumexperimentierender, dabei sehr gewissenhafter und gründlicher Arzt aus Meißen in Sachsen machte Ende des 18. Jahrhunderts eine verblüffende Entdeckung.

Er hatte unter anderem sich selbst verschiedene Giftstoffe verabreicht und die auftretenden Symptome penibel genau beschrieben. Außerdem hatte er kursierende Beschreibungen von Vergiftungen gründlich studiert. Dabei fand er zum Beispiel heraus, dass die Vergiftungserscheinungen der Tollkirsche exakt denen ähneln, die bei manchen Krankheiten mit starken Fieberschüben einhergehen. Zum Beispiel die auffällige Erweiterung der Pupillen, die starke Rötung des Gesichts und eine Überempfindlichkeit aller Sinne. Wenn er nun den Patienten, die genau diese Symptome aufwiesen, einen Extrakt des Gifts der Tollkirsche gab, besserten sich die Symptome plötzlich und der Selbstheilungsprozess setzte ein.

1796 publizierte er dieses neuartige Heilprinzip in der damals angesehensten medizinischen Fachzeitschrift. Er nannte es das Ähnlichkeits-Prinzip: similia similibus curentur – Ähnliches werde mit Ähnlichem geheilt.

Aber eines machte ihm Kopfzerbrechen: Gift bleibt Gift. Und er wollte seine Patienten nicht vergiften, denn er wollte kein Scharlatan sein, wie so viele seiner Kollegen.

Die Macht der Sprache

Der Arzt regte sich nämlich genauso über die weit verbreitete Scharlatanerie in der Medizin auf wie ich mich über die weit verbreitete Scharlatanerie im Management aufrege.

So schrieb er einmal höchst kritisch: »Es scheint das unselige Hauptgeschäft der alten Medicin zu sein, die Mehrzahl der Krankheiten, die langwierigen, durch fortwährendes Schwächen und Quälen des ohnehin schon an seiner Krankheitsplage leidenden, schwachen Kranken und durch Hinzufügung neuer, zerstörender Arzneikrankheiten, wo nicht tödtlich, doch wenigstens unheilbar zu machen, – und, wenn man dies verderbliche Verfahren einmal am Griffe hat, und gegen die Mahnungen des Gewissens gehörig unempfindlich geworden, ist dieß ein sehr leichtes Geschäft!«

Guter Mann! Ich stimme ihm zu. Und dann las ich weiter, was er dagegen unternahm, damit seine Entdeckung nicht genauso viele Opfer forderte wie der Aderlass oder die medizinische Bleivergiftung.

Der schlaue Gedanke des Mediziners, den er experimentell verfeinerte und 1810 in seinem berühmten und bis heute verlegten Standardwerk »Organon der Heilkunst« publizierte: Lasst uns das Gift verdünnen, bis es unschädlich ist! Lasst es uns sehr stark verdünnen, so dass so gut wie gar kein Gift mehr drin ist. Oder überhaupt keines mehr!

Er sah voraus, dass seine Kritiker sagen würden: Hey, aber dann wirkt es doch auch nicht mehr!

Aber seine Experimente bestätigten: Doch, es wirkt genauso wie zuvor, denn offenbar ist es nicht das Gift, das wirkt, sondern das Simile-Prinzip. Nur war ihm völlig klar: Das glaubt mir kein Mensch!

Also versah er seinen Verdünnungsvorschlag mit einem mit einem anderen Wort, ich bilde mir ein, es war vor allem ein grandioser Marketing-Trick! Er sagte: Ja, wir verdünnen das Zeug. Aber wir nennen das dann nicht Abschwächen, sondern Potenzieren! Was so klingt wie Verstärken. Und gleichzeitig schütteln wir es! Er nannte das dynamisieren. Diese Schüttelei sollte sicherstellen, dass die Wirkung in jedem Verdünnungsschritt erhalten blieb.

Wie geil ist das denn!

Völlig unabhängig davon, ob das Simile-Prinzip tatsächlich funktioniert oder nicht: Ich finde diese Marketingstrategie einfach nur grandios. Und sie ist einer der wichtigen Gründe, warum die Heilkunst dieses Arztes so erfolgreich ist und bis heute weltweit praktiziert wird, obwohl keiner weiß, ob sie wirklich wirkt oder nicht, weil das Simile-Prinzip wissenschaftlich bis heute nicht erklärbar ist.

Sie blicken natürlich längst durch: Der Arzt hieß Samuel Hahnemann und seine Heilkunst: Homöopathie.

So. Und was habe ich nun von Hahnemann gelernt?

Halber Schaden ist doppelter Nutzen!

Ganz einfach: Wenn ein Gift nicht vergiften soll, dann verdünne es!

Wenn ein Manager nicht mitgehen, nicht verstehen will, sich nicht durch sehr eindeutige Nachweise und Theorien überzeugen lassen will, dass Performance Management toxisch ist wie Blei – also nicht nur wirkungslos, sondern schädlich –, dann werden Sie und ich ihm das in tausend Nächten nicht ausreden können. Nun, dann kann man die individuellen Zielvereinbarungen und Boni ja trotzdem einsetzen – nur eben potenziert und dynamisierst. Sie verstehen schon…

So kann der Manager feststellen, ob das Prinzip der finanziellen Anreizung schädlich ist, ohne auf sie zu verzichten. Ein sinnvolles Experiment also, um der Wahrheit trotz Scharlatanerie auf die Spur zu kommen.

Wie wäre es zum Beispiel mit einem individuellen Bonus von 0,0005% des Gehalts?

Natürlich will ich die fatale Managementpraktik damit unschädlich machen. Aber bitte, ich nehme sie ja nicht weg!

Meilensteine? Weniger ist mehr! Wir nehmen die Meilensteinplanung in Projekten keinesfalls weg. Im Gegenteil: lasst sie uns dynamisieren und potenzieren!

Mitarbeitergespräche? Nur noch in extrem verdünnter Form!

Und so weiter.

Sie sehen: Im Zusammenhang mit Managementmethoden bin ich ein echter Fan des Prinzips der Homöopathie. Denn heute ist zwar sicher, dass homöopathische Medikamente keine pharmazeutische Wirkung haben können, weil in ihnen durch die extreme Verdünnung kein einziges Molekül des Arzneistoffes mehr enthalten ist. Aber es ist bislang noch nicht gelungen, die Nichtwirksamkeit der Heilmethode Homöopathie zweifelsfrei nachzuweisen. Vielleicht wirkt ja außer dem Placebo-Effekt auch noch alleine die in den Zuckerkügelchen gespeicherte »Information« irgendwie – was immer das ist. Wer weiß!

Wenn Sie also befürchten, dass die Managementpraktiken in Ihrem Unternehmen Scharlatanerie sind, Sie aber keine Chance sehen, sie zu beseitigen: Versuchen Sie’s mit der Homöopathie und potenzieren Sie, was das Zeug hält. Es wird vielleicht nichts nützen. Aber wenigstens schadet’s dann auch nicht mehr so!

Und übersehen Sie dabei nicht mein Augenzwinkern …

 


Bild: © Depositphoto – 6349905/erierika

 

1 Kommentare

  1. Guten Morgen Herr Vollmer,

    ich musste einige Male schmunzeln.
    Das Simile-Prinzip oder Ähnlichkeits-Prinzip auf diverse Management-Praktiken zu übertragen ist ein schönes Bild.
    Ich selbst habe in den vergangenen Jahren die Zahl der Arbeitssitzungen (bin Unternehmensberater) bei Klienten massiv heruntergefahren und den Teilnehmerkreis in einer gesunden Mischung aus Fachleuten und Entscheidern verändert. Dazwischen wird gearbeitet und aufbereitet, vor- und nachbereitet. Das Ergebnis ist wesentlich schneller vorhanden und die Firmen sind entscheidungsfähiger/entscheidungsfreudiger, weil nicht eine zweite Schleife gefahren werden muss von der Fach- zur Managementebene. Voraussetzung hierfür ist die Bereitschaft beim Kunden, komplexe Themen vom Management nicht beliebig „wegdelegieren“ zu wollen. Weniger Business-Theater, weniger sequentiell, schneller in die und in der Umsetzung, aber auch etwas Fehlertoleranz ist nötig.
    Herzliche Grüße
    Josef Wüpping

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