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Warum Roboter uns keine Entscheidungen abnehmen werden

Nein, ich plädiere nicht dafür, dass sich jedes Unternehmen einen Computer als Vorstandsmitglied in die Chefetage holen sollte, um Entscheidungen besser zu treffen. Aber es gibt ein Unternehmen, das hat genau das getan, und das finde ich bei näherem Hinsehen sehr interessant. Vermutlich ist da auch eine Menge PR im Spiel, aber lächerlich oder fahrlässig unvernünftig ist die ganze Geschichte keineswegs.

Ein kühler Kopf

Es handelt sich um die Firma Deep Knowledge Ventures aus Hongkong. Das ist eine Investmentfirma, die darauf spezialisiert ist, in forschungsintensive Technologieunternehmen im Medizin- und Gesundheitssektor zu investieren, insbesondere in lebensverlängernde Medikamente und Technologien.

Das Unternehmen hat ein sechsköpfiges Board. Einer der Vorstände heißt VITAL und ist ein Computer. Sein Name steht für »Validating Investment Tool for Advancing Life Sciences«. Und der Name ist Programm, im wahrsten Sinne des Wortes: Dieser Vorstand kann schnell und ohne jede emotionale Fehlsteuerung ein Unternehmen mit Finanzierungsbedarf durchleuchten und alle Fakten prüfen. Jedenfalls genauer, unbeeinflusster und schneller als es seine menschlichen Kollegen können.

Was Entscheidungen unterscheidet

Gut, und jetzt könnten Sie fragen, was dann die anderen fünf noch tun – außer herumsitzen, Kaffee trinken und die Entscheidungen, die VITAL bereits getroffen hat, zu exekutieren? Und heißt das etwa, dass irgendwann nur noch Computer die Unternehmen steuern, die ansonsten aus Robotern bestehen?

Hm, ganz so einfach ist das mit Entscheidungen leider – oder Gott sei Dank – nicht!

So ein Computeralgorithmus kann tatsächlich nur den kausalen Teil einer Entscheidung abwickeln. Er kann somit nur eine Entscheidungshilfe oder Entscheidungsvorbereitung sein, echte Entscheidungen treffen kann er nämlich nicht. Denn zu Entscheidungen gehört immer auch das, was wir »Bauchgefühl« nennen: eine Mischung aus Intuition, Erfahrung, Kreativität. Ich sage dazu Könnerschaft.

Gut sortiert

Entscheidungen sind nur dann wirklich Entscheidungen, wenn die Alternativen mehr oder weniger gleichwertig sind (siehe auch meinen GedankenGang Ep.9) . Wenn es also keinen guten Grund gibt, eine der Alternativen abzulehnen. Dann erst schlägt die Stunde des Entscheiders. Denn dann kommt es nur noch aufs Bauchgefühl an. Und gleichzeitig ist dann die Arbeit für VITAL & Co. bereits erledigt und vorbei.

Ich stelle mir das konkret etwa so vor: Es gibt 100 mögliche Unternehmen, in die Deep Knowledge Ventures investieren könnte. VITAL checkt sie in Windeseile alle und findet bei 97 Unternehmen gute Gründe, die gegen ein Investment sprechen. Es bleiben 3 Kandidaten übrig, gegen die VITAL keine Einwände hat. Sie sind, gemessen an allen harten Fakten, gleichwertig oder auch unvergleichbar.

Körper schlägt Kopf

Aber welches der Unternehmen soll jetzt die Millionen bekommen? Die fünf anderen Vorstände befragen ihre Bäuche und entscheiden (über das genaue Entscheidungsverfahren der übrigen fünf Vorstände ist leider nichts bekannt). Und diese rein menschliche Einschätzung macht am Ende den Unterschied zwischen großem Erfolg und Totalverlust aus. Wenn Sie etwas über die Plausibilität von Bauchentscheidungen wissen möchten, dann lesen Sie mal die Ausführungen des deutschen Psychologen Gerd Gigerenzer. Er zeigt sehr anschaulich, wie erfolgreich und überlegen solche Bauchentscheidungen gegenüber rein logisch-rationalen Entscheidungsstrategien sind, jedenfalls wenn die Entscheider gut informiert und erfahren sind. Kombiniert mit dem computergestützten Vorsortieren ist der bewusste Einsatz des unbewussten Bauchgefühls eine sehr intelligente Strategie.

Na gut, wer jetzt allerdings glaubt, es genüge, einen Computer im Vorstand zu haben, der spinnt. So ein Kollege wie VITAL lohnt sich nur bei großen Datenmengen und hochqualitativen Daten – und nur als clevere Ergänzung. Dazu muss man den Computer übrigens auch nicht gleich zum Vorstand machen. Aber dennoch: Ich fand die Geschichte dufte.

Warum Roboter uns keine Entscheidungen abnehmen werden

Entscheidend sind die Entscheidungen

Trotzdem darf ich auch weiterhin eine differenzierte Haltung zur Digitalisierung haben. Wir dürfen meines Erachtens Big Data und andere Technologien getrost in Gebrauch nehmen – ganz ohne Hysterie, ganz ohne Euphorie, ganz ohne sie zu verdammen, ganz ohne zu befürchten, dass der Niedergang der Menschheit bevorstünde.

Ein interessanter Aspekt in der Debatte ist jedenfalls, dass alle Welt glaubt, in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten würde ein großer Teil der »einfachen«, also niedrig qualifizierten und niedrig bezahlten Berufe, durch Computer und Roboter ersetzt werden, während in den oberen Etagen alles beim Alten bliebe. Das aber ist ein Trugschluss!

Automatisiert werden können auch sehr hochbezahlte Top-Jobs. Gerade bei denen lohnt es sich übrigens besonders. Das Kriterium, ob ein Job digitalisiert wird oder nicht, ist nicht, auf welcher Ebene in der Hierarchie er angesiedelt ist, sondern ob er echte Entscheidungen enthält oder nicht.

Wenn es bei einer Arbeit nur um Wissen und Handbewegungen geht und keinerlei Können oder Kreativität gefragt ist, können Sie davon ausgehen, dass der Job vermutlich ersetzt wird. Andernfalls fast sicher nicht.

Könner können nicht alles

Bei der Digitalisierung geht es außerdem nicht nur um das Ersetzen von Menschen, sondern vor allem darum, echtem Können zum Durchbruch zu verhelfen. Nehmen Sie zum Beispiel Forschung und Lehre. Da gibt es Hochschulprofessoren, die sind in ihrem Fach brillant, sie sind fantastische Forscher, echte Koryphäen. Aber das heißt eben noch lange nicht, dass sie auch Könner im Vermitteln ihres Wissens an Studierende sind. Denn dazu gehören ja noch ganz andere Fähigkeiten wie zum Beispiel Aufmerksamkeit fesseln oder Erklären oder Begeistern oder Analogien finden.

Die Digitalisierung macht es schon heute möglich, die besten Vorlesungen zu einem Thema zu identifizieren und über das Internet abzurufen. Es würde mich nicht wundern, wenn es zu jedem und wirklich zu jedem Thema in ein paar Jahren je ein oder zwei gute Professoren gäbe, deren Videos oder Holos sich die Studierenden dann zum Lernen anschauen – anstatt an ihrem staubtrockenen Professor zu leiden, der mit leiser Stimme dozierend, mit dem Rücken zum Auditorium stehend an einem Whiteboard herumkritzelt.

Technologien können Berufe verändern, neue Berufe schaffen und ja, auch manche Berufe obsolet machen. Vor allem die langweiligen. Aber sie können Menschen und deren Entscheidungen letztlich nicht ersetzen. Und die Arbeit, die wird sich verändern, da können Sie Gift drauf nehmen – aber sie wird uns nicht ausgehen.


Bild: © Depositphotos.com 152443758/mast3r

 

1 Kommentare

  1. Hallo Lars, ich finde es immer wieder inspirierend Deine Texte zu lesen.

    Menschen können großartiges leisten, wenn jeder sein Potential entfaltet.

    „Bei der Digitalisierung geht es außerdem nicht nur um das Ersetzen von Menschen, sondern vor allem darum, echtem Können zum Durchbruch zu verhelfen.“

    Genau darum geht es!

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