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Warum sollten wir Ihnen eigentlich glauben?

Wem glauben Sie eigentlich? Also im Business, nicht privat. Von wem nehmen Sie Rat an, wer darf Sie inspirieren? Es sollte schon ein Experte seines Fachs sein, nicht wahr? Falls Sie den Grund nicht genau kennen, dann sollten Sie Ihren Gegenüber unbedingt mal fragen, warum Sie ihm glauben sollten. So geschah es mir vor kurzem…

Wie jeder Beruf, der sich in der Öffentlichkeit abspielt, so bringt auch meiner, der des Professional Speakers, einige mitunter grotesk anmutende Anekdoten hervor. Allein die Vielfalt der erlebten Moderatoren und deren Anmoderationen sind ein Thema für einen langen und weinseligen Abend. Für dieses Metier gibt es natürlich absolute Profis. Meinen GSA-Kollegen Christian Galvez beispielsweise oder die wirklich hervorragende Iha Gräfin von der Schulenburg, mit der ich vor kurzem in Düsseldorf bei einem Kongress zusammenarbeiten durfte.

Eine intelligente Variante der Anmoderation selber ist das Einstiegsinterview. Bei diesem wird nach 1-2 biographischen Sätzen der Ankündigung der Redner bereits aufs Podium gebeten und der Moderator stellt einige mehr oder weniger provozierende Fragen, um dem Publikum den Referenten vorab etwas näherzubringen. So geschehen auch neulich bei der sog. Afterwork Leadership Lounge eines mittelständischen Industrieunternehmens in Süddeutschland. Ein tolles Veranstaltungsformat zur intelligenten Vernetzung von über 100 Führungskräften des Unternehmens. Dabei steht jeweils eine provokante These zur Diskussion, die an diesem Donnerstagabend von mir als Keynote eingebracht werden durfte.

Der Moderator, offensichtlich bewandert als Interviewer, stellt vor meinem Beitrag Fragen zur fachlichen Herkunft und meiner Motivation um dann mit etwas Provokantem schließen zu wollen. Seine Frage lautete: »Warum sollen wir Ihnen eigentlich glauben?« Sie interessiert meine Antwort?

Es hilft nichts, wir müssen vorher (mal wieder) über Komplexität sprechen. Ansonsten lassen sich wohl meine Gedanken dazu und die Antwort auf die Frage des Moderators nicht nachvollziehen.

KabelsalatDie Begriffe »kompliziert« und »komplex« haben in der deutschen Medienlandschaft und im allgemeinen Sprachgebrauch ein Eigenleben angenommen. Mal werden beide Wörter synonym verwendet, mal in ihrer Bedeutung sogar genau verdreht. Aber zumeist soll das beliebte Wort »komplex« vor allem bedeuten, dass etwas ziemlich aufwändig ist, schwer nachvollziehbar oder äußerst unübersichtlich. Ist völlig in Ordnung für mich – aber der Sache überhaupt nicht dienlich und es verhindert die wertvolle Auseinandersetzung mit einem wahrlich bedeutsamen Unterschied.

Ich versuche es mal in aller Kürze:

  • Kompliziertes agiert bzw. reagiert vorhersehbar. Es gibt keine Überraschungen, keine Unsicherheit und keine Subjektivität. Kompliziertes kann mithilfe von Ursachen-Wirkungsketten beschrieben werden. Kompliziertes ist beherrschbar, vorausgesetzt man verfügt über ausreichendes Wissen. Jede Maschine beispielsweise ist – für sich genommen – kompliziert, auch wenn sie für einen Laien überhaupt nicht zu durchschauen ist. Aber sie ist eben grundsätzlich durchschaubar und ein Experte kann dies. Ich führte schon mal an anderer Stelle aus, dass auch das Straßennetz von Berlin kompliziert sei. Ich selber verfahre mich zwar ständig, ein geübter und wohlwollender Taxifahrer aber zumeist nicht. Und dank TomTom ist es sogar automatisierbar – dies gilt für alles kompliziertes.
  • Komplexes besteht aus lebenden Organismen. Komplexes verändert sich in jeder Sekunde. Es überrascht ständig – sich und die Umwelt. Es ist von außen beobachtbar aber nie kontrollierbar. Ein komplexes System ist zwar beeinflussbar, sein Verhalten aber nicht vorherzusehen und keinesfalls zu beherrschen. Es existiert keine Objektivität. Mein Lieblingsbeispiel ist das Fußballspiel. Hochkomplex – und Schweden schafft noch den Ausgleich zum 4:4. Jedes Business ist komplex, der Markt ist es, Wettbewerb sowieso. Kontrolle ist hier immer nur eine Illusion. Auch für Experten.

Kompliziert und komplex sind völlig wertfreie Begriffe. Das eine ist nicht besser oder schlechter als das andere. Und wir haben es in der freien Wildbahn immer mit beidem zu tun, mit komplexem und komplizierten gleichzeitig. Mal mehr, mal weniger. Die Buchung von Eingangsrechnungen in der Finanzbuchhaltung eines Unternehmens hat kaum komplexe Anteile, die Markteinführung einer Innovation hingegen kaum kompliziertes. Das Reparieren einer Heizung ist schwierig, keine Frage. Und im Wesentlichen kompliziert. Das Reparieren eines ertragsschwachen Maschinenbauers ist auch nicht einfach. Und vor allem komplex. Ein letztes Beispiel: Das Präparieren und Erhitzen der Zutaten für ein zauberhaftes Lafer-Lichter-Melzer- Weihnachtsmenü ist größtenteils kompliziert. Das Abschmecken und Würzen wieder deutlich komplex.

Jetzt noch der Schwenk. Kompliziertes ist erklärbar, in Rezepte zu fassen, in Regeln einzuordnen. Wer genügend Wissen und Erfahrung hat, kann einen 7-Schritte Plan für einen komplizierten Sachverhalt aufstellen. Er kann es vordenken und sein Zuhörer/Leser kann es ausführen. Wahrscheinlich wird er damit sogar Erfolg haben. Bei Kompliziertem lässt sich Denken und Handeln trennen. Zeitlich und personell.

Jetzt sind wir wieder zurück bei der Afterwork Leadership Lounge in der beschaulichen UNESCO-Weltkulturerbe Stadt. Die Frage, warum man mir eigentlich glauben solle, die ich – in die verschiedensten Kleider gehüllt – schon sehr häufig gestellt bekommen habe, ist meines Erachtens und in einer Großzahl von Fällen mehr als eine Frage, denn sie entspringt einer Geisteshaltung. Der Geisteshaltung der Kontrollierbarkeit. Der Geisteshaltung, dass Wissen Macht sei. Also der Geisteshaltung, die Welt sei durchgehend kompliziert – eine Geisteshaltung im Übrigen, mit der fast alle unserer Kinder schon in Schulen und Ausbildungsstätten verdorben werden. In einer Welt, die vollständig kausal erklärbar, in der alles vorhersehbar, kontrollierbar und normalverteilt ist (Nassim Taleb hat dieser Welt in seinem phantastischen Buch »Der schwarze Schwan« den Namen »Mediokristan« gegeben), braucht man lediglich für jedes Problem einen Wissenden. Hat man den gefunden, kann man ihn vordenken lassen und braucht sein Denken nur noch auszuführen. Aber bevor man das tut, sollte man sich schon genau versichern, ob derjenige auch wirklich ein Experte ist und ob man ihm tatsächlich glauben kann.

Aber unser Leben hat wie schon ausgeführt beides, kompliziertes und komplexes. Und was so hervorragend und hocheffizient bei komplizierten Problemen hilft, das versagt völlig bei komplexen Fragestellungen (in »Extremistan«, wie es Taleb nennt): das Trennen von Denken und Handeln. Hier hilft nur Zusammenführung von Beidem. Ein Fußballspieler muss nun mal auf dem Platz nicht nur physische Kraft gegen einen Lederball ausüben, sondern die Dynamik des Spiels verarbeiten und mit seinen Mitspielern kommunizieren – verbal und non-verbal. Er braucht das, was die Sportkommentatoren »Spielintelligenz« nennen. Etwas, das sogar Lukas Podolski zu haben scheint. Und nicht zu knapp.

Jetzt dürfte es Ihnen, liebe Leser, auch leicht fallen, die Antwort auf die mir gestellte Frage des Moderators zu antizipieren. Sie lautete: »Sie sollten mir nicht glauben, nur zuhören. Und dann denken Sie bitte selber.«

4 Kommentare

  1. Jens Bunte sagt

    Lieber Herr Vollmer, vielen Dank für Ihre Erläuterung. Hat mir wie immer sehr gut gefallen – ich fange an, mich an Ihre Kolumne zu gewöhnen…
    Mit Spannung erwarte ich Ihr Hörbuch!
    Viele Grüße aus Bielefeld
    Ihr Jens Bunte

  2. Lieber Herr Dr. Vollmer,

    Ein schönes Denkhäppchen. Allerdings, wie führen wir die Erkenntnis zur Umsetzung? Wie kommen wir vom Erkennen der Komplexität und der eigenen Denkleistung zur Umsetzung in großen (komplexen?!?) Gruppen? In einer Welt, in der das Glauben der Mächtigen oder schlimmer noch das der Mehrheit die Richtung vorgibt?

    Ich schlage vor, die nächste Kolumne dem Thema „wie der Extremist in Mediokristan glücklich und erfolgreich wird“ zu widmen. 🙂

    Beste Grüße

    Ingo Körner

  3. Arnd D.Kaiser sagt

    Lieber Herr Dr. Vollmer,

    danke für Ihre Worte- Sie wirken auf mich immer sehr positiv und inspirierend.

    Gerne beziehe ich Ihre sehr guten Definitionen auf meinen persönlichen Denksport: ‚Die ersten zwei Jahre nach dem bewussten LEAN-Start.‘ In meinen Augen eine sehr komplizierte und komplexe Angelegenheit mit vielen Fallstricken, vielen Möglichkeiten und Chancen. Mein persönliches Ziel ist es, ein solches komplexes und kompliziertes System so zu gestalten, dass es am Ende ‚dynamisch‘ erfolgreich wird.

    Ich freue mich auf Ihre nächste Kolumne.

    Ihr
    Arnd D.Kaiser/ http://www.LEAN-Online.de

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