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Was ist eigentlich Lean Management? Von Kate Moss und Michael Phelps.

Eigentlich wollte ich ja nicht mehr so viel über Lean Management reden und schreiben. Aber es muss noch mal sein. Denn mir geht immer wieder die Galle hoch, wenn ein Unternehmer mir erzählt, er wolle nun auch die Lean-Idee nutzen, um die nächste Effizienzwelle in seiner Firma zu starten. Ich wechsele dann zumeist recht schnell das Thema und frage, ob er Kate Moss kenne. Das kurze Lächeln daraufhin weicht nach ein paar weiteren Sätzen schnell einem nachdenklichen Stirnrunzeln…

Kennen Sie Kate Moss? Den hübschen Kleiderständer von der Insel? Ganz sicher, denn das Top-Model war geraume Zeit in den 90er-Jahren fast täglich im Rampenlicht. Von ihren Affären mit reichen und weniger hübschen Oligarchen wurde fast so viel in den Gazetten geschrieben, wie über ihre angeblichen Drogenexzesse. Berühmt wurde sie in Deutschland dann endgültig durch eine Werbespotreihe für das Modelabel Calvin Klein. Dort flüsterte Sie, knapp bekleidet und fast unhörbar: »Obsession, Obsession, Obsession« Genau Dreimal! Gemeint war ein Herrenparfüm.

Kate MossEs dauerte nicht lange, bis sich die Regenbogenpresse und sämtliche Satiriker des Landes auf den Clip stürzten. Der bayrische Comedian Michael Mittermeier brachte es auf den Punkt und textete die gehauchten Wörter um: »Wos z’Essen, Wos z’Essen, Wos z’Essen.«
Kate Moss wog zu der Zeit etwa 45kg(!) bei einer Körpergröße von 1,70m. Sie war der Inbegriff der Gattung ›Magermodells‹ – ein echtes Schönheitslineal.

Ist Kate Moss nun »Lean«? Hier entbrennt sich ein Streit, der womöglich gar keiner ist, denn eigentlich möchte ich ja hier über ein Managementmodell und nicht um ein weibliches Mode-Modell diskutieren. Aber dieser Vergleich spitzt für mich die Frage zu, die sich im deutschsprachigen Raum vom ersten Tag des Bekanntwerdens des Lean-Konzepts an entfacht hat. Wofür steht »Lean« eigentlich konkret? Heißt es schlank? Und wenn ja: schlank an was? Denn Pfunde, wie bei Kate Moss, können es ja nicht sein.

Blicken wir zurück ins Jahr 1984. Damals erschien das legendäre Buch der amerikanischen MIT-Forscher Womack und Jones mit dem Titel »The Maschine that Changed the World«. Der Vergleich amerikanischer, deutscher und japanischer Automobilkonzerne schlug wie eine Bombe in die Vorstandsetagen von Industriekonzernen nahezu aller Branchen ein. Schnell war der Begriff in aller Munde, den die Autoren für das Toyota-Phänomen geprägt hatten: Lean Thinking. Und mit diesem Tag bekam zunächst das Wort und mit der Zeit auch die ganze Idee eine starke Eigendynamik. Kurz danach begann nämlich in der westlichen Wirtschaftswelt der kometenhafte Aufsteig der »Shareholder Value«-Bewegung, in die das Lean-Konzept perfekt zu passen schien. Denn Lean konnte nun – Sie erlauben die kalkulierte Übertreibung – folgendermaßen übersetzt werden: »Kosten runter bis es kracht. Jeder muss gehen, der nicht wertschöpfend ist. Toyota macht es uns doch vor.« Kate Moss war – natürlich im übertragenden Sinne – das Maß der Lean-Dinge.

Über die letzten fast drei Jahrzehnte hat sich die Erkenntnislage ganz beträchtlich verbessert. Der Dank dafür gilt allen Pionieren in der Industrie, die zum Teil unter großen Schmerzen gelernt haben, was Lean in der Praxis bedeuten kann. Auch zum Erkenntnisgewinn beigetragen haben einige Gurus und Vordenker, wie Mike Rother, Jeffrey Liker oder John Seddon (um nur drei von vielen zu nennen), die uns die Toyota-Denkweisen und Praktiken zum Teil als Insider in Büchern und Vorträgen näher bringen. Erkenntnis ist das Eine, die gelebte Realität aber immer noch etwas anders. Denn wie so oft bei Kommunikation: was bei vielen als Botschaftsempfängern anzukommen scheint, ist nicht das, was die Sender beabsichtigt hatten.

Alle Lean-Aktiven beteuern inzwischen eine neue Haltung, nämlich dass Lean nicht ›Schlank an Menschen‹ bedeutet, sondern ›Schlank an Verschwendungen‹ oder auch ›Schlank an Beständen‹. Keineswegs falsch, aber eben auch nicht ganz richtig. Denn der Fokus liegt immer noch auf der Reduktion. Mit Lean wird nach wie vor Abnehmen verbunden oder, um nicht lange um den heißen Brei herumzureden: Kostenreduktion. Also immer noch: Lean = Kate Moss. Und damit sind wir gedanklich eben immer noch im Industriezeitalter.

Nun wird keiner – selbst ich nicht – behaupten wollen, dass der Kabarettist Ottfried Fischer, Comedian Cindy aus Marzahn oder Ex-Fußballmanager Rainer Calmund als Synonym des Lean-Begriffs herhalten sollten. Aber wer dann? Auf der Suche nach einer richtigen Personifizierung hilft es, sich zunächst einen Satz von Fujio Cho, dem früheren CEO von Toyota vor Augen zu führen:

»It is hard for (american) business people to understand the idea that a business organization cannot improve its long term financial results by working to improve its financial results. But the only way to ensure satisfactory and stable long-term financial results is to work on improving the system from which those results emerge.«

Abgesehen von der kleinen verbalen Spitze auf Kosten seiner amerikanischen Konkurrenten, beschreibt er im Kern eine betriebswirtschaftliche Banalität: Ertrag ist nicht managbar, sondern vielmehr eine Folge von Handeln – Kosten im Übrigen auch.

Führt uns dieses Zitat wirklich zu einer Person oder Personengruppe, die als gedanklicher Platzhalter für den Lean-Begriff herhalten kann? Ich glaube ja und lade Sie dazu kurz in die Welt des Sports ein: Bei der Olympiade 2012 in London wurde ein Mann zu Mr. Olympia, zum erfolgreichsten Olympioniken aller Zeiten:  Michael Phelps, US-amerikanischer Schwimmstar. Im Laufe der drei olympischen Spielen in Athen, Peking und London holte er 22 Medaillen, davon sage und schreibe 18 goldene (bei den Spielen in Sydney im Jahr 2000 war Phelps als jüngster US-Schwimmer aller Zeiten zwar auch schon dabei, holte allerdings keine Medaille). In seiner Schwimmkarriere verbesserte er 39 Weltrekorde, 7 davon hielt er noch am Schluss seiner Karriere im Jahr 2012. Gar nicht so übel.

Schauen wir nur auf die Physiognomie von Phelps, so fällt uns auf, dass er mit 193cm Körperhöhe bei 88kg Lebendgewicht zwar nicht als fett bezeichnet werden darf, aber mit einem Bodymaßindex (BMI) von 24 doch am oberen Ende des Normalgewichtslevels liegt (zum Vergleich: Kate Moss’ BMI liegt bei 16, Rainer Calmunds bei 54. Meiner dazwischen.) Zu seinen besonderen körperlichen Eignungen für den Schwimmsport gehören sicher noch seine Armspannweite von 205cm, sein extrem langer Oberkörper mit 112cm bei einer fast schon mickrigen Beinlänge von 81cm (mehr als 11cm weniger als beim relativen Durchschnitt).

Was den Vergleich aber so richtig interessant macht, ist etwas anderes. Wir wissen zwar nicht genau, welchen persönlichen Motiven Phelps folgt bzw. folgte, aber dennoch scheint klar, dass er Erfolg wollte. Und Erfolg im Sport bedeutet neben Weltrekorden auch immer Wettkampferfolge bei Meisterschaften und Olympischen Spielen. Auf den Punkt gebracht: Er wollte Medaillen sammeln. Und was tat er dazu? Er kümmerte sich in seiner täglichen Arbeit nicht um das gewünschte Ergebnis, sondern um das System aus dem der Erfolg resultiert: Kraft, Ausdauer, Technik, Lungenvolumen, Konzentration, Rehabilitation. Wie alle erfolgreichen Sportler versuchte er erst gar nicht, das Ergebnis zu managen. Er konzentrierte sich auf seine Fähigkeit und baute diese ständig, kontinuierlich und systematisch aus.

Und er trainierte nicht mit dem Ziel vor Augen, für die 200m Strecke möglichst wenig Energie aufzuwenden. Vielmehr absolvierte er knapp 80 Schwimmkilometer pro Woche um schneller zu werden. Oder anders ausgedrückt: er wollte nicht sparen, sondern wachsen. Nicht weniger einsetzen, sondern mehr gewinnen. Und genau diese Haltung müssen wir auch mit der Philosophie des Lean Managements verbinden: Wachsen statt einsparen. Schneller werden statt Personal abbauen. Flexibilität statt Auslastung. Ertrag statt bloßer Effizienz. Keine Frage: Michael Phelps weiß das. Michael Phelps ist LEAN.

5 Kommentare

  1. Dr. Martin Bartonitz sagt

    Hallo Lars,
    Danke für den Vergleich mit dem Schwimmer, was die Erkenntnis, worum es beim Lean geht, doch sehr klar macht.
    Noch immer sparen sich viele Firmen an den Kosten inklusive der des Personals krank.
    Kann aber immer auch dann passieren, wenn die Braut zur Heirat hübsch gemacht wird, Hauptsache die Zahlen stimmen 😉
    Herzlich, Martin

  2. Jens Schulz sagt

    Hallo Herr Vollmer,

    zunächst habe ich ihrer Ausführung voll zugestimmt und dann habe ich mit einer Kollegin über das Thema gesprochen und war über ihr verdutztes Gesicht überrascht.
    Denn sie sagte sinngemäß:“Das versteh ich nicht. Macht Kate Moss nicht das gleiche wie Michael Phelps. Sie trainiert ihre Fähigkeiten mit dem Ziel erfolgreich im Modeljob zu sein. Ihr Ziel ist es ja nicht einfach nur schlank zu sein.“
    Die Erklärung mit dem Schwimmer der seine Fähigkeiten trainiert um besser zu werden als die Konkurrenz ist doch also auch auf Kate Moss übertragbar oder?

    • Lars Vollmer sagt

      Hallo Herr Schulz,

      im Wesen einer Analogie liegt es, dass sie reduziert. Diesen Umstand hat Ihre Kollegin aufgedeckt und sie hat natürlich (oder eher: womöglich) recht.

      In der von mir verwendeten Analogie habe ich mit den offensichtlichen Klischees von Kate Moss und Michael Phelps gespielt. Der Sportler ist in der Öffentlichkeit für seinen Tariningseifer berühmt, Kate Moss für ihr Gewicht – aber dies genügt natürlich keinesfalls als Beweis dafür, dass sie nicht ebenfalls – womöglich – hart für ihren Modeljob trainiert (hat).

      Bei LEAN ist es nicht anders. Es wird zumeist mit ›schlank‹ übersetzt und es entsteht in den Köpfen eher das Bild von Kate Moss als das von Michael Phelps. Aber sowohl die Übersetzung als auch als die Imagination sind dumm. Verkürzt und vor allem irreführend. Und so passiert es, dass LEAN in der Praxis nur noch für die nächste Effizienzwelle missbraucht wird.

      Offenbar teilen Ihre Kollegin und ich den Ärger darüber.

      • Dennis Bosse sagt

        Sollte es bei LEAN nicht auch immer um Nachhaltigkeit gehen?
        Denn nur so ist auch langfristiger Erfolg zu erreichen. Als Basis für einen langfristigen Erfolg muss das Gesamtsystem aber dauerhaft gesund sein.

        Es ist sicherlich unbestritten, dass Kate Moss für ihre langfristige Modelkarriere auch sehr stark auf ihr System, also den eigenen Körper, geachtet hat. Ob sie dabei aber alle Randparameter berücksichtigt hat, wage ich zu bezweifeln. Ihr Hauptfokus galt den Körpermaßen, nicht aber notwendigerweise der Gesundheit.

        Oder ist Magersucht das Ideal eines gesunden Körpers?

  3. Regina Jarisch sagt

    Hallo Herr Vollmer,

    Dank für die klugen Anregungen für mich und zum Weitertragen

    Beste Grüße
    Regina Jarisch

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