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Was lese ich eigentlich grad‘ so

Jetzt muss es mal raus: in Sachen Büchern bin ich ziemlich chaotisch. Irgendwie lese ich immer mindestens vier gleichzeitig. Eines habe ich als gebundenes Exemplar meist bei mir, ein anderes liegt in Barcelona auf dem Nachttisch. Im Flugzeug nehme ich mein Kindle zur Hand und bei längeren Auto- oder Zugfahrten lasse ich mir ein Hörbuch vorlesen.

Manchen Büchern widme ich richtig viel Zeit – manchen nur ein bis zwei Stunden. Und es ist längst nicht immer so, dass die letzteren die schlechten sind. Ich lese eher als dass ich wirklich ein Buch durcharbeite. Nur manchmal überkommt es mich und ich klebe so farbige Mini Post-its an die besonders interessanten Stellen oder mache mir ausufernde Notizen. Aber diese Phasen vergehen auch wieder.

Eines tue ich aber immer: bevor ich das Buch weglege frage ich mich, ob ich es hätte wirklich lesen sollen und was ich aus der Lektüre gelernt habe. Irgendwas finde ich eigentlich immer.

Da ich immer mal wieder die Frage höre, was ich eigentlich gerade so lese, habe ich mir nun vorgenommen, Ihnen in loser Reihenfolge eine Liste der Bücher aufzustellen, die mich in irgendeiner Art und Weise beeindruckt haben. In den letzten Wochen waren das die folgenden:

Unkompliziert durchs Jahr

unkompliziert-durchs-jahrDie Bücher meiner Freunde Silke Hermann und Niels Pfläging sind für mich immer Highlights. Sie sind nie weichgespült, anbiedernd, leicht verdaulich oder mainstreamig, statt dessen vielschichtig, herausfordernd und auf eine ganz besonders hervorragend Art bissig und kratzig.

Bei Unkompliziert durchs Jahr handelt es sich nun aber gar nicht um ein Sachbuch im klassischen Sinne, sondern um eine intelligente und wohlscheinende Mischung aus Reflexions-Sachbuch und Organizer. Cool, endlich mal etwas Innovation im sonst so häufig biederen deutschen Büchermarkt.

Mit viel Liebe zum Detail gestaltet, bietet der Organizer für das Jahr 2017 monatlich eine wertvolle Arbeitslektion für den Berufstätigen. Kann man natürlich auch gleich in einem Happen verschlingen…

Der neue Chef

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Luhmann kann man eigentlich gar nicht lesen. Also lesen natürlich schon, aber zum Verstehen brauchen sogar Soziologen eine große Portion Masochismus und das Durchhaltevermögen jeden Absatz drei- oder viermal zu lesen – dann kann es gelingen. Der große »Erfinder« der Neuen Systemtheorie aus dem beschaulichen Bielefeld hat einen Denkrahmen geschaffen, der den Blick auf Gesellschaft wie Organisationen um eine besonders nachhaltige Facette bereichert hat.

Neben seinen zahlreichen Büchern sind von im Jahr 1998 verstorbenen Luhmann auch diverse Aufsätze, Vorlesungen und Vortragstranskribtionen erhalten. So wie diese, von Jürgen Kaube zusammengestellte Sammlung, die den passenden Titel »Der neue Chef« erhalten hat.

Genau darum kreisen sich nämlich alle Aufsätze. Die Perspektive von Luhmann ist die einer typischen deutschen Verwaltung. Ein neuer Chef ist ein drastischer Schnitt für den Chef selber wie auch für das dadurch ordentlich in Unwucht gebrachte soziale System der Behörde. Aber auch Chefs mit Mitarbeiter von Wirtschaftsunternehmen im 21. Jahrhundert werden sich garantiert wiederfinden.

Luhmann seziert typisch klar, systemtheoretisch und mit atemberaubender Nüchternheit die Geschehnisse und gerade diese Trockenheit macht das Büchlein an vielen Stellen regelrecht witzig.

Arbeit – die schönste Nebensache der Welt: Wie New Work unsere Arbeitswelt revolutioniert

vaeth_arbeit_cover-3d_mittelAuch Markus Väth ist ein Weggefährte. Wir sind uns erstmals vor rund 4 Jahren auf einer Vortragsveranstaltung über den Weg gelaufen und seitdem beäugen wir uns aufmerksam. Seit einiger Zeit engagiert sich Markus auch dankenswerterweise sehr aktiv im Netzwerk von intrinsify.me, dass er mit seinem profunden Wissen und sprachlichen Klarheit stark bereichert.

Markus liefert mit dem Buch »Arbeit« aus der Perspektive eine Psychologen und Kenners der Szene nicht weniger als eine fundierte Bestandsaufnahme unserer aktuellen Arbeitswelt. Er filettiert gleichermaßen aus der Zeit gefallene Praktiken des Industriezeitalters wie moderne Mythen von New Work.

Es ist ein Fachbuch im besten Sinne des Wortes, ohne akademisch belehrend oder wissenschaftlich verquast daherzukommen. Im Gegenteil, der flüssige, in Teilen humorvolle Stil macht es zu einem lehrreichen Lesevergnügen.

Wie man mit Fundamentalisten diskutiert, ohne den Verstand zu verlieren: Anleitung zum subversiven Denken

wie-man-mit-fundamentalistenEin Tip meines Freundes und Kollegen Bernhard Krusche (Herausgeber von REVUE – Magazine for the next society) und ein wohltuender Ausflug in eine ganz andere Domäne – der Rhetorik, Dialektik und Subversion.

Der Wiener Philosoph Hubert Schleichert bietet eine amüsant-lehrreiche Rundreise durch verschiedenste Argumentationsmuster und möglichen Entgegnungen, basierend auf vielen Beispielen der abendländisch-christlichen Kultur. Ich hatte dabei so einige Aha-Erlebnisse in Rückschau auf aktuelle politische, religiöse und allgemein gesellschaftliche Debatten. Besonders interessant fand ich die letzten Seiten, in denen er sich mit Strategien im Umgang mit ideologischen Debatten auseinandersetzt.

Ein Taschenbuch, das ich sicherlich immer wieder zur Hand nehmen werde.

Industrie 4.0 – Deutschlands naiver Traum von der smarten Fabrik

Uillusion40nd noch ein guter Bekannter: Andreas Syska ist Professor der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach und ein alter Hase der deutschen Lean-Management-Szene. Ich habe mit ihm zusammen einige Artikel verfasst und bereichernde Diskussionen geführt. Sein pointiert-bissiger Stil, immer mit einem Augenzwinkern versehen, imponiert mir bei nahezu allen Vorträgen und Veröffentlichungen, die man von ihm findet.

Mit dem Buch Industrie 4.0 ist ihm ein kleines Meisterstück gelungen (bis auf die Covergestaltung). Mitten in die riesige, fast schon blasenhaft anmutende I4.0-Euphorie demaskiert er sowohl die Denkweise hinter dem Begriff wie auch die sich entwickelnde Artefakte (Hochschulprogramme, Forschungsförderungen, Arbeitskreise, Kongressthemen, Investitionsfeuerwerke). Erfrischend einseitig, profund recherchiert und mit spitzer Feder formuliert. Daran lässt sich eine echte Debatte entspinnen, die mir dringend nötig erscheint. Danke dafür, Andreas Syska.

Panikherz (Hörbuch)

panikherzBenjamin von Stuckrad Barre nervt wie kein zweiter – immer schon. Und gerade deswegen wollte ich dieses Buch hören, auch weil er es selber eingelesen hat. Bei Büchern dieser Gattung sind Autorenlesungen meines Erachtens Pflicht. Das ist bei Stucki-Man, wie ihn Udo Lindenberg nennt, nicht anders als bei Heinz Strunk (»Der goldene Handschuh«) oder Frank Goosen (»Echtes Leder«).

Panikherz ist eine Mischung aus Autobiographie, Selbsttherapiebuch und Chronologie der deutschen Unterhaltungsszene. Herrlich launig geschrieben und ziemlich authentisch. Mein absolutes Highlight ist seine Beschreibung des Klassentreffens zum 20-jährigen Abijubiläum. Ich musste mich ziemlich beherrschen, um im knallvollen Flugzeug nicht laut los zu prusten.

Vielleicht nicht gerade ein Pulitzerpreis-verdächtiges Buch aber ein tolle und in Zügen sogar tiefsinnige Unterhaltung.

 


 

1 Kommentare

  1. Dagmar Boettger sagt

    Danke für diesen Genuss : hier kommt deutsche Sprache mit „Wumpf!“ Und Klarheit zum Punkt!

    Tolle Inspiration für Geschenke!
    Danke und Grüße
    Dagmar Boettger

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